Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 13 (25.3.1920)
- Date
- 1920-03-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 13. iJMciie føLKSsrnun.” M»a 18. Lébensjahre flberlassen, ob sie den Unterricht besuchen wollen oder nicht. Und nun soli es dem „wahlfreien" Willen, der Kinder im Unter-Gymnasium iiberlasen werden, ob sie der Rcligionsstunde bciwohnen oder nicht. So ist es, und, soviel wir nach unserer Erfahrung urteilen konnen, wir werden es kaum anders machen. Stehen wir Juden wirklich diesen Verhåltnissen machtlos gegentiber? Wollen wir wirklich, daB es geschehe, wie dies Heinrich Heine unvcrgleichlich schildert: „Fragt man sie nach groBen Nanien Aus dem groBen Qoldzeitalter Der arabisch-althispanisch Jiidischen Poetenschule, Fragt man nach dem Dreigestirn, Nach Jehuda ben Halevy, Nach dem Salomon Qobirol Und dem Moses Iben Esra - Fragt man nach dergleichen Namen Dann mit groBen Augen schauen Uns die Kleinen an — als dann Stehen am Berge die- Den Gedankenstrich ersetzt man sich, indem man gefålligst naehliest im IV. Teiie des „Fragmentes“ Jehuda ben Halevy, in den Werken Heinrich Heines, die sich wohl in jedem „besseren" jiidischen Hause linden. Und dann lese man weiter: „Raten mochte ich dir, Geliebte, Nachzuholen das Versåumte, Und Hebråisch zu erlernen — LaB Theater und Konzerte, Widme ein’ge Jahre solchem Studium.... Doch genug der Zitate. Aber auf die Worte Heines wollen wir zuriickgreifen. Man verbannt den Religionsunterricht aus der Schule, deren Zukunftsmusik wir noch nicht kennen, vielleicht auch die nicht kennen, die sie aus der nebulosen Ferne schon zu horen glauben; auch gut. — Das aber soli uns ein Mahnruf sein, uns selbst Schulen zu e rrichten, jtidische Schulen, denn wir wollen nicht, daB unsere Kinder zwar mit den „alten Mumien, ausgestopften Phrasen von Aegypten, Merovinger Schattenkonigen, ungepuderten Periicken oder den Zopfmonarchen Chinas“ sich die Kopfe anfiillen, von unseren Helden und Heldinnen, von unserern Lehrern und Leitern, Propheten und Priestern, Dichtern und Denkern, nichts, aber auch gar nichts erfahren. Ein groBer Lehrer des Judentums, Rab, sagte bereits im 3. Jahrhundert unserer Zeitrechnung: —Beruhret nicht meine Gesalbten", das sind die Kinder in der Schule.“ Miissen wir so weit zuriickgreifen, um auf die heilige Pflicht hinzuweiseu, dip wir gegen unsere Jugend. zu eri'iillen haben? Es ist die erste und wichtigste Aufgabe des neu zu wåhfenden Vorstandes in unserer Gemeinde dafur zu sorgen, daB unsere Jugend Unterricht zuteil werde in unseren Religionslehren, unserer Wissenschaft und unserer Sprache, daB sie Hebråisch erlernen. Und es ist Pflicht der Eltern ihre Kinder in diesen Gegenstånden unterrichten zu lassen. Einige mutige und tatkråftige Månner unternahmen es, in unserer Gemeinde eine Schule fiir unsere Wissenschaft und Sprache zu errichten. Wir mussen leider bemerken, daB diese Schule von Brunner Kindern und jungen Leuten nicht allzu reichlich besucht wird. Solite es wirklich sich so verhalten', wie mir ein Jiingling zu bemerken wagte: die jtidische Geschichte sei etwas vermodertes? Stellen sich auch die Einsichtigen auf die Seite dieses vorwitzigen Jiinglings, der meinte mit seinen Worten etwas sehr „modernes" gesagt zu haben? Da stelle ich mich lieber auf die Seite Heines, der uns mahnte „Hebråisch zu erlernen", aber auch an unsere GroBen zu denken, an Jehuda ben Halevy, Gabirol, und, wie wir hinzuftigen, an Maimonides. Ich kann es nicht unterlassen, hier zu bemerken, daB das Bediirfnis, unsere Geschichte und Literatur kennen zu lernen, bei unseren Hochs c h ii 1 e r n ein sehr groBes ist. Es sind nahezu 200, vor denen ich iiber diese Gegenstånde allwochentlich einen Vortrag halte, auch Zuhorerinnen finden sich zu diesem ein. Die Aufmerksamkeit der Jugend, unter der ich mich sehr wohl ftihle, ist eine iiber jedes Lob erhabene. Die neu zu grundende Schule aber, wie ich sie mir vorstelle, soli namentlich fur. die Mitte 1s c h ti 1 e r bestimmt sein. Man soli uns nicht den Vorwurf machen konnen, daB wir unsere Mittelschuljugend ohne jeden Unterricht in unserer Sprache und Wissenschaft lassen. Wohlgemerkt, der Unterricht sei nicht allein ein konfessionelles sondern ein auf der modemen Wissenschaft aufgebauter, die: wir nicht zu scheuen haben. Er beginne auf der Vorj stufe mit dem Unterrichte im Lesen des Hebråischen, der einfachsten Sprachgesetze, der biblischen Geschichte und steige empor zum Lesen und Erklåren der wichtigsten biblischen Schriften, zur Religionsgeschichte, zur Ethik, Philosophle des Judentums und der nachbiblischen Literatur. Nattirlich soli hier kein Lehrplan der Schule ftir hebråisches Wissen flir unsere Mittelschtiler festgesetzt werden. Nur die Rich tlinien wollen wir zeichnen, in denen die neu zu grundende Schule sidh bewegen moge. An die Eltern ergeht mein Ruf, denen es darum zu tun ist, daB ihre Kinder nicht dem Judentum entfremdet werden, wie dies vielfach, unter den ietzigen Verhåltnissen, geschieht. Nicht mit Klassenkatalogen wollen wir diese Schule fiihren und aufrechterhalten. Die Liebe zur Sprache beseele Eltern, Lehrer, Schtiler. Keine Konferenz-Tadelbriefe sollen diese erschrecken. Der Wetteifer allein befeuere sie im Lernen und Fortschritte. Den „Berufenen der Oemeinde" aber legen wir ans Herz diese wichtigste Angelegenheit unseres Judentums nicht aus dem Auge zu lassen. Schon im nåchsten Schuljahre mochten wir die Errichtung unserer jiidischen Schule begrtiBen. Die notigen Geldmittel werden sich wohl auch mit Leichtigkeit aufbringen lassen. Dies wird uns am wenigsten abschrecken. Auch die Lehrer werden sich finden. Das ist der Weg, den ich vorzeichne, der Wille zum Wege ist nur notig. Es wåre ein schones Denkmal, das sich unsere Gemeinde errichten konnte, zugleich auch ein Verbessern von Unterlassungsfehlern einer friiheren, ålteren, aber nicht besseren Zeit. Unsere Republik, die in ihrer neuen, demokratischen Veffassung es anerkannte, daB wir Juden uns als Nation bekennen und die nun daran geht, das Schulwesen auf neuen Grundlagen aufzubauen, wird sicherlich auch der jiidischen Schule ihre måchtige Forderung nicht versagen. So wollen wir denn darauf bedacht sein, den Willen unserer Jugend beiderlei Gesclilechts darauf zu lenken, daB sie lerne, als jtidische Jugend sich zu ftihlen, daB sie erftillt werde von dem Idealismus des Judentums, der zum Menschentum fiihrt. Unsere Geschichte sei ihr nichts „vermodertes", sondern lehre sie erkennen, wie und wer unsere GroBen waren, und wie wir ihnen nachzueifern haben. Das Wort des Romers Cicero schwebe ihr immer vor: „Es ist der Mensch nicht allein nach dem zu beurteilen, daB er ntitzt, sondern auch nach dem, was er ist.“ Wie wir horen, wurde, mit Mehrheit der Stimmen, auf dem Mittelschullehrertage, der am 8. und 9. d. M. hier tagte, beschlossen, in dem Untergymnasium den obligaten, also nicht „wahlfreien" Religionsunterricht zu belassen, nattirlich gegen die Stimmen der deutschen Sozialdemokraten, was wir hiemit ergånzend bemerken, da unser Artikel vor jenem Mittelschullehrertage geschrieben wurde. Dr. M. Gr ti n f e I d. Die erste JOdische Frauentagung in Prag. Spezialbericht der „Jtidische Volksstimme". Am 13. und 14. Mårz d. J. fand im jiidischen Rathause in Prag die erste jtidische Frauentagung statt. Diese Tagung ftihrte nicht zu dem gewtinschten Erfolge. Schuldtragend waren die mangelhaften Vorbereitungen. Es liegt die Vermutung nahe, daB eine Fiihlungnahme zwischen dem Verbande Jiidischer Frauen im éechoslovakischen Staate in Prag und der jiidischen Frauenorganisation ftir Måhren in Briinn als den beiden Veranstalterinnen dieser Tagung nicht vorangegangen ist. Denn sonst wåre es unmoglich gewesen, daB den Frauen aus Måhren Fråulein Bertha Pappenheim aus Frankfurt a. M. als die Hauptreferentin vorgesetzt worden wåre, welche es fiir gut und geschmackvoll fand, ohne daB ihr vorher hiezu ein AnlaB geboten worden wåre, sich in eine Polemik mit der jtidischnationalen Richtung in der Frauenbewegung in einer wenig iiberzeugenden Art auseinanderzusetzen. Das, was Fråulein Pappenheim ansonsten vorbrachte, war nicht geeignet, sie zur Hauptreferentin zu erheben. Es fehlte in ihrem Referate an Anregungen, welche die Grundlage fiir eine Debatte hatten abgeben kdnnen; sie war mithin „kein Ersatz fiir Frau Anitta Mil Iler", wie die Pragerinnen stolz ankiindigten und noch jetzt daran zu glauben scheinen. Auch in anderer Hinsicht lieB die Frauentagung keine gunstigen Eindriicke zuriick. Die Måhrerinnen glaubten eine jtidische Frauentagung zu beschicken und sahen sich unvermittelt in das Milieu einer israelitischen gestellt. Schon vor der Tågang, anmittelbår ntch Anknnft der Delegferten, kntipfte Prag mit Briinn Verhandlungen wegen Ausschaltung alles dessen an, was bei den israelitischen oder nur jttdisch haibbewuBten Frauen AnstoO erregen konnte. Und als die Måhrerinnen sich zu dem Bekenntnisse der Halbheit und Aufrichtigkeit nicht bewegen lieBen, da marschierte Fråulein Geliner — nebenbei bemerkt, Mitglied des jiidischen Nationalrates — auf und lieB sich in offener Sitzung sogar zur Drohung hinreiBen, daB der Verband jiidischer Frauen im é.-sl. §taate in Trtimmer gehen werde, wenn er sich auf nationale Basis stellen solite. Und als auch diese Drohung ihre Wirkung verfehlte, muBte das jugendliche Fråulein Mirjam S c h e u e r herhalten, um mit der Kraft ihrer Stimme die Kraft ihrer Argumente zu untresttttzen, Sie tat es mit wenig Geschick tmd Eleganz und sie darf sich daher in der „Selbstwehr" iiber den Mangel an Ritterlichkeit nicht beklagen, wenn sich in der Arbeit erprobte Frauen ihrer kråftigen Stimme gegentiber ablehnend verhielten. Die Måhrerinnen blicken auf eine ersprieBliche einjåhrige Tåtigkeit auf dem Gebiete sozialer Ftirsorge zuriick. Prag steht vorlåufig auf einem noch unbebauten Boden, wie die „Selbstwehr" treffend hervorhebt; und deshalb muB es jeden Unbefangenen sonderbar anmuten, wenn Fråulein Trude Newek 1 u f in der „Selbstwehr" ihrer Meinung dahin Ausdruck gibt, daB der Prager Frauenverband den Inhalt vor die Formel stellen muBte. Dies konnte nur dann zutreffen, wenn die Abhaltung englischer und franzosischer Sprachkurse und die Veranstaltung von Kindertanzstunden die Tåtigkeit einer jiidischen Frauenorganisation zu erschftpfen håtte. Der groBe Unterschied zwischen der måhrischen und der bohmischen jiidischen Frauenorganisation liegt nicht im Klima, wie die beiden Damen iibereinstimmend vermuten, sondern in anderen Ursachen. Bei uns in Måhren ist die Anbetung des goldenen Kalbes ausgeschaltet, unsere Bewegung ist auf den breiten Volksmassen aufgebaut, welche die ethischen Werte des Judentums in sich aufgenommen und voll verwertet haben und einer Strdraung niemals Verståndnis entgegenbringen werden, die; statt die Volksmassen zu erfassen und zu umfassen, den Blick sehnsiichtig nach den Prunkgetnåchern der Reichen erhebt, denen unser nationales Empfinden stets fremd bleiben muB und wird. Den Prager Zionisten kann aber der .Vorwurf nicht erspart bleiben, daB sie es zulieBen, daB der aus 400 Mitgliedern bestehende, auf zionistischer Grundlage aufgebaute jtidische Frauenverein, der sich aus den breiten Volksmassen rekrutiert, bisher durch die zionistischen Organisationen nicht die verdiente Forderung erfuhr und infolgedessen ein Scheinleben fiihren muBte. Wir wtinschen, daB dieser Frauenverein wiederum durch die ihm seitens der Prager Zionisten zuteilwerdende Forderung zu neuem Leben erwachen und die uns vor Augen schwebenden Aufgaben in demselben Geiste erfiille, wie sie von der jiidischen Frauenorganisation ftir Måhren erfiillt werden. In dem jiidischen Frauen. vereine dtirfen selbstverståndlich nicht jene ruhrigen Mitglieder des Verbandes jiidischer Frauen fehlen, welche sich innerhalb dieses Verbandes bisher vergeblich um die Verwirklichung ihrer Ideen bemiiht haben. Erst in diesem Zeitpunkte konnten wir uns mit der Mission des Verbandes jiidischer Frauen im C.-sI. Staate abfinden. Es ist aber zu hoffen, daB die uns gleichgesinnten Mitglieder des derzeitigen Verbandes ihre Bemiihungen ftir eine radikale Umgestaltung ihres Verbandes fortsetzen und diese bis zur nåchsten Tagung erfolgreich durchftihren werden. Dem EinfluB der Måhrerinnen und des zionistischen Fliigels der Verbandes jiidischer Frauen des S.-sl. Staates in Prag ist es zuzuschreiben, daB „die Tagung als solche schlieBlich nicht unterging" und eine Resolution angenommen wurde, die bedauerlicherweise aus Grilnden, die uns unbekannt sind, in den Prager jtidischnationalen Blåttern nicht veroffentlicht wurde und deren Verflffentlichung wir hiemit vornehmen: 1. Die erste jtidische Frauentagung im C.-sl. Staate begrtitit die in der Verfassung der Republik gewåhrleistete Freiheit des Bekenntnisses zur jiidischen Nation und indem sie von dieser Freiheit Gebrauch macht, stellt sie sich auf den Boden der Hidi. schen Nation. 2. Die Frauentagung spricht den Wunsch aus, daB sich alle bei dieser Tagung vertretenen Vereine und Verbånde auf den Boden der jiidischen Nationalitåt bei der nåchsten Generalversatmnlung stellen mdgen. _ ... 'i