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Jüdische Volksstimme · 1920-03-25 · Heft 13 (25.3.1920) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXI (1920)
Issue
Heft 13 (25.3.1920)
Date
1920-03-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
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jvmcm volksshamiii' Nr. 13. Stut i. Voraussetzungen far die Mflgiichkeif der Zusaramen-J Stimmen als wahrscheinlich anzunehmen ist. Wlrdj zthlung aller tø der Republik erzielten Stimmen J tø einem solehen Wahlbezirke die Wahlzahl, ho/w. schaffenden und sichernden Zu sammen schlusse! | die Mindestzahl von 20.000 errelcht, dann werden die Auf dieser Plattform hat sich auch der groBere ] Bberzåhftgen Stimmen, welche zu Gunsten der „ver- Teil der Jude« in der Republik gelanden utid diese einigten jUdischen Parteien" abgegeben wurden. in ziehen als einfttitliche Partti unter dem elnheitllchen1 dem zxveiten Skrutinium zusammengezåhlt und auf Namen „Vereinigte jUdtøcftt Parteien“ in den Wahl* Grund der neuermittelten Wahlzahl die Mandate den kampf. Es hångt von der Art des Zusammenschlusses „vereinigten jUdischen Parteien" zugewiesen werden. einzelner Parteien ab, ob sich die Reihen der „Vereinigten jfldischen Parteien" weiter verstarken nnd zu einer geschlossenen Phalanx ausgestalten werden. Wenn beispielshatber die deutschdemokratische Freiheitspartei, far wefche die Aussichten im Falle eines selbståndigen Auftretens nicht die glånzendsten sind, den AnschluB an die deutsche Nationalpartei vollziehen wird, dann glauben wir denn doch annehmen zu konnen, dafi die assimilationsstichtigen Juden nicht so tief gesunken sein werden, um far die antisemitischcn Kandidatenlisten ihre Stimmen abzugeben. In diesem Falle wåre mit einem bedeutenden Stimmenzuwachse fiir die „Vereinigten jiidischen Parteien" zu rechnen. Aber selbst in dem Falle, als sich dieser AnschluB nicht vollziehen sollte, mtifiten sich die derzeit noch im fremdnationalen Lager stehenden Juden vor Augen halten, daB abgesehen von allen nicht gering zu wertenden idealen Motiven die praktische Erwågung in Betracht kommt, daB die Vertretung ihrer Interessen durch eigene unabhfingige, die WUnsche der Wåhlerschaft respektierende Volksgenossen jedenfalls wertvoller und erstrebenswerter ist, als die Vertretung durch solche Abgeordnete, die sich zur Zeit der Wahl aber den Judenpunkt erheben, die aber nach den Wahlen gezwungen sein werden, mit dem sogenannten arischen Blocke Hånd in Hånd zu gehen, beziehungsweise mit Ihm sich ganz zu verschmelzen und so nicht die Moglichkeit haben werden, iUdische Interessen zu vertreten. Von desem Gesichtspunkte aus betrachtet sind die Wahlaussichten fiir die „Vereinigten jiidischen Parteien" nicht ungtinstig zu beurteifen. Diese Eventualitet wird aber nicht fUr die Frage der Wahl jUdischer Abgeordneter in die Nationalversammlung Uberhaupt ausschlaggebend sein, sondern nur flir die Zahl der zu entsendenden jUdischen Vertreter. FUr die Frage, ob wir Uberhaupt jUdische Abgeordnete in die Nationalversammlung entsenden werden, werden. bios die Wahlen in der Slovakei und vielleicht noch in Prag ausschlaggebend sein. Die Wahlen in der Slovakei werden sich unter gunstigen Auspizien fiir die „vereinigten jUdischen Parteien" vollziehen. Der rUhrigen Arbeit des vom Prager JUdischen Nationalrate unterstUtzten jiidischen Volksverbandes ist es gelungen, in der Slovakei Organisationen zu schaffen, welche vom jUdischen Geiste erfUUt sind und den jUdischen Gedanken in die weitesten Volksmassen getragen haben. Es gibt in der Slovakei Wahlbezirke, welche elne iUdische Bevolkerung von 50—60.000 Seelen umfassen, sodaB in diesen Wahlbezirken die Erreichung der Wahlzahl, bezw. der Mindestzahl von 20.000 Unter der Voraussetzung, daB in einem dieser Wahlbe2irke die Wahlzahl, bezw. die Mindstezahl von 30.000 erreicht wird, besteht die Moglichkeit 4 bis 5 iUdische Abgeordnete in die Nationalversammlung zu entsenden. Ungleich gtinstiger sind die Wahlchaflcen bei den Wahlen in den Senat. RegelmåBig werden bei den Senatswahlen 2 Wahlbezirke zusammengezogen, ohne daB die Mindestzahl von 20.000 Stimmen, welche notwendig sind, um ins zweite Skrutinium zu kommen, irgend eine Ab&nderung erfåhrt. Auf diese Weise wird es einen so zusammengezogenen Wahlbezirk geben, der ungefåhr 80.000 judische Seelen umfassen wird, sodaB die Mindestzahl von 20.000 Stimmen schon im ersten Skrutinium ganz sicherlich erreicht werden wird. Es liegt daher im ureigenstén Interesse der jiidischen Bevolkerung, keine judische Stimme in Verlust geraten zu lassen, weil jede judische in der gesamten Republik unter den behandelten Voraussetzungen im zweiten Skrutinium BerUcksichtigung finden muB und deshalb ergeht an alle Juden ohne RUcksicht auf deren Parteistellung die Aufforderung, alle Gegensåtze zu UberbrUcken, sich auf einer gemeinschaftlichen Plattform zu finden und zur Vertretung ihrer Interessen nur judische Abgeordnete in die Nationalversammlung zu entsenden. Die jiidische Schule. Ein Mahnwort. „In einer Stadt, die keine Schule hat, soli man nicht wohnen." Sanhedrin 17. Auch auf dem Gebiete des Unterrichtes stiir.it das Alte, und wir wissen vorlåufig nicht, wie das neue Leben aussehen wird, das auf den Triimmern erblUhen soli. Die ,Rjpgierung hat von den Lehrern unserer Mittelschulen gefordert, sie mogen ihre Anschauungen fUr den Aufbau der neuen Schule kundgeben. Konferenzen werden abgehalten, Meinungen entgegengesétzter Art werden laut, Einheitsschule oder nicht, humanistischer Unterricht oder realistischer, das ist die Frage, heiliger Plato oder nicht minder heiliger Hackel. — Aufrichtig gesagt, uns interessiert der ganze Streit wenig, schlieBlich wird man wahrscheinlich ttber die Meinungen der verschiedenen Kopfe hinweggehen und ' ein Gebilde schaffen, an das man an den grunen Tischen nicht dachte. Aber an einem BeschluB wollen wir nicht schweigend voriibergehen, es ist der, welcher „auf vermeinte, nur allzubegreiflich. Das Str&uben eines Samuel, diesem Begehren Folge zu geben, beruhte nur in dem GefUhle, daB die zum Konig ausersehene PersOnlichkeit weitab von jenem Ideal stehen werde, das die heilige Schrift mit ihm verbindet. Nach ihr waren es nåmlich vor allem d r e i Momente, die die Macht des Kdnigs einschrånken soilten, die, nach der Erfahrung aller Zeiten es verursacht, daB er seiner hoheren Bestimmung untreu geworden: der Kriegsruhm, die sinnliche Leidenschaft und das Geld. Nicht mit dem Lorbeerkranz des Siegers sollte die Stime des Kdnigs geschmtickt sein, keinerlei Ruhmestitel nach dieser Seite hin sollte ihn auszeichnen. Das Schwert des jUdischen Kdnigs sollte immer in der Scheide bleiben. Das Ideal eines jUdischen Kdnigs war derjenige, der dem Rechte und der Treue, der Gerechtigkeit und Wahrheit in seinem Reiche zur Herrschaft verhalf. Und zu diesem Behufe sollte er sich eine Abschrift der Thora machen, die ihn ståndig begleiten, aus der er lernen sollte, den Ewigen zu furchten und alle Worte der Lehre gewissenhaft zu erfUUen. Er hat als erster das Gesetz zu erfUUen, er soli der erste Diener des Gesetz e s sein. Die BefUrchtung eines Samuel, wie wenig solchem Ideal die Wirklichkeit entsprechen werde, traf nur allzurasch ein. „Das eben ist der Fluch, der auf dem Konigtum lastet, daB er auch die wurdigsten Trager der Krone behufs Behauptung ihrer WUrde zu Schritten veranlaBt, welche ihr Gewissen bei ruhiger Priifungverdammen wtirde. So kam es, daB selbst der Regierung einer Davids und Salomo ge* wisse Makel anhafteten, die eben aus einer Ueberschåtzung der Konigswurde entsprangen oder aus der Verkennung des eigentlichen Zankes der Konigsinstitution, daB zu ihm die Entfaltung einer nach au Øen gefurchteten Kriegsmacht gehore. Die jiid. Konige soilten sich nicht nach dem Muster der Nachbarkftnige Syriens oder Aegyptens richten, die sich den Hochmut anmaBten, daB der Konig Inbegriff und Seele des Staates sei, und daB das Volk gar nichts bedeute, nur des Kdnigs Wille allein oberstes Gesetz sei. Freilicb muB andererseits zugegeben werden, daB die Macht und der EinfluB namentlich der vorexilischen Konige durch die dem Hofe nahestehenden Fursten und sonstige Hofbeamte oft eine nicht geringe Einschrånkung erfuhr. Diese letzteren gaben håufig den Ausschlag in politischen Fragen, in Fragen der Bundnisse, und waren so mit auch der Grund zum Niedergang und schlieBlich Verfall des Staatswesens. Auch die Konige der nachexilischen Zeit waren bis auf verschwindende Ausnahmen nicht gerede geeignet, sonderlich zur Erhohung des Glanzes der Institution des Konigstums beizutragen. Man betrachtete damals dasselbe mehr oder weniger als ein notwendiges Uebel und mit einer gewissen Scheu, und gab seinem UnwiUen auch wohl hin und wieder Ausdruck, wenn der Tråger der obersten Macht sich in einer Art GroBenwahn verloren. Zusehends erweiterte sich der RiB zwischen Ftirst und Volk zur Zeit des Bruderzwistes zwischen Hyrkan und Aristobul, die bekanntlich in ihrer Verblendung soweit gingen, die Romer als Schiedsrichter anzuruden wihlfreien Unterricht in der Religion" rør, man hore, Kinder vom 11.-14. Lebensjahre „bedacht ist". — Wir Juden, und nur von diesen spreehe ich, danken fiir dieses „Wohlwollen". Der Herr behttte uns weiter vor unseren Freunden, mit unseren Feinden, heiBen sie nun, wie sie wollen, gedenken wir selbst fertie zu werden. Vor allem zu der Frage: Was ist und was bedeutet fiir unsere Jugend unser Religionsunterricht?. Er ist, ich will die Frage zunåchst negativ beantworten, kein dogmatischer, bewegt sich nicht im Rahmen des Katechismus, sondern will unsere Jugend mit unserer Geschichte, nicht mit starren Glaubenslehren, sondern mit den aus Thorah und Ueberlieferung geschopften Lehren der erhabensten Sittlichkeit bekannt machen, mit dem Ethos des Judentums, der Grundlage, wie, wir sagen konnen, aller menschlichen Ethik. Judentum verlangt vor allem Wissen, und es wiirde den Rahmen dieses Artikels weit uberschreiten, wollte ich das Gesagte durch Anftihrung von Worten aus unserer Lehre und unserer Lehrer bekråftigen. Wir wollen in unserem Religionsunterrichte, soweit es die Zeit erlaubt, unsere Jugend mit unserer hebråischen Sprache bekannt machen. Dieser Unterricht soli nicht in einem trockenen Sprachunterricht ausarten, wie dies zum Leidwesen aller, so håufig im philologischen Unterrichte geschieht. Unsere Jugend soli aus den Otiellen selbst erfahren, wie tief und bedeutsam die Lehren unserer Bibel sind, welche das sittliche und gesellschaftliche Leben betreffen, sie soli vertraut werden mit unseren wichtigsten Gebeten, unserer Liturgie und unserem Ritus. In knappen ZUgen versuchte ich es, ein Bild unseres Religionsunterrichtes zu entwerfen, wie er an unseren Mittelschulen sich gestalten soli. Er stellt sich keinem Gegenstande feindlich entgegen, er polemisiert nicht gegen die Errungenschaften der Wissenschaft, sondern wiirdigt sie als Hervorbringung der nie rastenden menschlichen Erkenntnis, als Offenbarung des unsterblichen Geistes. Plato und Aristoteles, Tomas von Aquino und Albertus Magnus, Spinoza und Kant, auch Darwin und selbst in gewissem Sinne Nietzsche und Hackel werden in unserem Religionsunterrichte als die Gewaltigen genannt und geschåtzt, die zur Erleuchtung der Menschheit in gleicher Weise beigetragen, wie unsere geoffenbarte Lehre. Unser jfldischer Geschichtsunterricht soli zeigen und erweisen, wie die politischen Gestaltungen aller Zeiten und aller Vblker ihr einfaches Vorbild finden schon in jenen Tagen, die der grauen Vergangenheit angehoren, er soli aber auch zugleich eine sehr notwendige Ergånzung bilden fiir den Unterricht in der Welt- und allgemeinen Literatur- und Geistesgeschichte. Dies alles hat man der jiidischen Jugend teilweise dupeh den „wahlfreien", will sagen, nicht obligaten Religionsunterricht, bereits genommen. Man hat es dem „Willen" der jungen Leute vom 14. bis zum fen. Damals bildete sich wieder eine sog. republika* nische Partei, die der Zånkereien der Hasmonåer iiberdrussig, das jiidische Gemeinwesen ohne erbliches Oberhaupt nur nach den Vorschriften des Gesetzes regiert wissen wollten. Sie beklagten sich vor Pompeius, daB die Hasmonåer willkiirlich die Staatsverfassung abgeåndert, und das Hohepriestertum in eine Monarchie umgewandelt hatten, um das Volk zu knechten. Abgeschreckt durch die Art und Weise, wie die Hasmonåer ihr Konigtum ausiibten, wurde es auch spåter als ein Prinzip der chamaitischen Schule aufgestellt, daB der judische Staat republikanisch regiert werden miisse, dessen Oberherr nur Gott und dessen Verfassung sein Gesetz sein sollte. Aber, wenn auch der vorschauende Blick eines Samuel, der das Konigtum als ein Ungliick fiir das iUdische Volk betrachtet hatte und als eine seiner ganzen Veranlagung widersprechende Institution, Recht behalten hatte, — bei den spåteren Propheten und Grotten galt der Kampf dennoch mehr den einzelnen Trågern der Kbnigskrone als dem Konigstum als solchem, in dem man immerhin die Verkorperung der nationalen Einheit erblickt, die beste Gewåhr gegen die stets drohende Gefahr der Entfremdung von der einen, sittlich nationalen Gesamtaufgabe. Nach einem bekannten Ausspruch liette sich also auch hier sagen, daB als Idealzustand innerhalb des damaligen Judentums eine Art Republik mit einem Kfinig an der Spitze angesehen wurde.

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