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Jüdische Volksstimme · 1920-03-18 · Heft 12 (18.3.1920) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXI (1920)
Issue
Heft 12 (18.3.1920)
Date
1920-03-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
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f" * <■ ‘ * Nf. 12. •fmseat inimn* Sdh 3. alt man im Gymnasium den „Kaufmann von Venedig" las, wie In anfrichtiger Schadenfreude die Biicke der arischen Schiller teuchteten und wie im Kreuzfeuer ail der gehåssigen Åugenpfeiie da saBen, wåhrend unsere Lehrer mit scheinbarer Objektivitåt kiihl sachliche Erklårungen dazugaben. Alie sicherlich haben noch diese schone Stunden in Erinnerung. Wie sich langsam aus den Antisemiten der ersten und zweiten Klasse „iiberzeugte" Waidhofner im Obergymnasium entpuppten. Schon wenn alles dieses Hemmende wegfiele, wåre vieles fttr die Seelenruhe der Jiidischen. Schiiler getan. Aber der iildische Geist ist positiv. Er darf nicht als bloBe Abwehrbewegung gegen MiBstånde in andersnationalen Sch.u len aufgefaBt werden, er mufl schopferisch und au? bauend sein. Schon åuflerlich, wiirde das jiklischc Kind durch Bilder aus jiidischer Geschichte, aus Palæstina, Bilder beriihmter jiidischer Månner, Werke jiidischer Kiinstler, durch Verse aus hebraischer Philosophen und Weisen in die reiche Welt deS Judentums eingefiihrt. Der jiidische Geist milBte alle Gegenstiinde gleichsam durchdringen. Das Lesebuch miiBte neben Stllcken allgemeinmenschlichen Inhalts auch formvollendete Stiicke aus dem jiidischen Schrifttum bringen-. Unsere jUdischen Schriftsteller wiirden da sicher ihr Talent in den Dienst der guten Sache stellen, jiidische Maler und Zeichner die Blicher der jiidischen Kinder schmilcken. Der Lehrer der Geschichte hatie eine doppelte Aufgabe: die Geschehnisse der alten Zeiten mit der Geschichte des jiidischen Volkes in geistvollen Zusammenhang zu bringen. Der Zeichenpnterricht miiBte auch altjudische und orientalische Sujets beriicksichtigen, der Gesangsunterricht miiBte auch das hebråische Lied in sein Bereich aufnehmen. Beziehungen fanden sich iiberall. Der moderne Sprachunterricht iande in der Lektiire fratizfisischer oder englischer jiidischer Blåtter sicherlich anregenden Stoff, ein planvolles Studium des Hebraischen, eine gute jiidische Bibliothek, die Lektiire der ergreifendmachtigen Klagelieder Jeremias oder des Moses Maimonides einen ebensolchen Wiederhall finden wie die Lektiire Homers oder Tacitus’. Der staatsbiirgeriichen Erziehung muB besondere Sorgf alt zugewendet werden. Frei'von jedem Byzantinismus muB der Schiller seine Stellung zum deutschen und Cechischen Volke erfassen. Erel von nationalen Aspirationen muB der jiidische Schiiler alles Beste der deutschen, Sechischen und jiidischen Kultur in sieh aufnehmen, der Geist der inneren Ablehnung, wie er die Schiiler der deutschen Anstalt beherrscht, mufl unseren Schulen fremd sein. Gibt uns der Staat, was uns gebiihrt, so werden auch unsere Schulen freudig alle Bestrebungen unterstiitzen, welche die Entfaltung und Hebung seines Wohlstandes zum Ziele haben. Kultureller Boykott ist uns fremd. Dankbar wollen wir das Schone empfangen, von welcher Seite auch immer es kommt, ohne dabei die eigenen Kulturschatze aus dem Auge zu lassen. Dem Studium des Bohmischen werden wir liebevolle Pflege zuwenden: das bohmische Lied, wollen wir neben dem deutschen und hebraischen nicht vernachlassigen.. Die jiidische Schule muB dem jiidischen Kinde die zweite Heimat sein, aber auch dem andersnationalen Kinde werden wir volles Gastrecht gewåhren und darauf achten, daB es von jiidischen Kindern als heilig empfunden werde. Beschipipfungen, wie sie an andersnationalen Schulen noch Qblich sind, werden an unseren Schulen streng geahndet werden. Den Kindern wollen wir die Freude am Judentum einpflanzen, den jiidischen Lehrern, die sich aus den fremden Weinbergen hinaussehnen', wollen wir ein Neuland fUr ihre ausreifenden Plåne schaffen, eine Statte, wo ihre jiidische Liebe tausendfache Friichte tragen wird. Und noch eins sei in unseren Schulen nicht vergessen. Der Blick nach Palæstina. Die-Liebe zu Zion muB gleichsam im Brennpunkte des ganzen jiidischen Schuhvesens stehen, von dort muB der erwarmende Strahl in cfie Seele der Jugend fallen. Wenngleich wir nicht leugnen, daB die Galuth auch einen Teil unserer Wiinsche erfullen kann, die restlose Heilung unseres kranken Volkskorpers kann nur in Palæstina vor sich gehen. Frei von sentimentaler Romantik muB dem reifen jiidischen Schiller in sachlicher Weise das Paiæstinaproblem nahegebrachi werden, ohne irgend dogmatisch auf ihn einzuwirken. Von selbst wird er dann den Fragen der jUdischen Zukunft naber treten und sein Leben danach-einrichten, entweder fur Palæstina oder in Palæstina zu wirken. Sowie dem Cechischen Kinde in Amerika Prag und seine ferne slawische Heimat als ein von fern winkendes Ideal hingestellt werden wird, so soli die eigenartige Schdnheit unseres Zukunft'slandes dem JUdischen Kinde die Nahrong fflr seine Kinder« tråume geben, ohne daB es den realen Boden seines engeren Vaterlandes und seiner Pflichten fflr dasseibe hier vergiBt. Wie das ntågiich ist? Auf die einfachste Weise. Jeder Jude und Judin, denen an der Erziehung der jUdischen Jugend gelegen ist, trete dem soeben ins Lebengetretenen Verein „Jiidische Schuie" bei und wirke durch Wort und Tat in allen jUdischen Kreisen frti die Propagierung dieser Plåne. Die Prager Nationalversammlung hat die Petition des Kulturausschusses auf Errichtung von jUdischen Volks- und Mittelschulen einstimmig genehmigt und es ist zu erwarten, daB der Staat entweder selbst uns Schulen stellen wird oder zumindest eine groBe Fdrderung uns wird zuteihverden lassen. Vor allem muB aber hinter diesem Willen die jUdische Elternschaft stehen: diese allein wird imstanda sein den Forderungen tatkråftig Nachdruck zu verleihen. Ein jiidischer El- (eritrat aus allen Schichten der jUdischen Bevolkerung wåre zu wåhlen, der den Willen der Elternschaft an maBgebenden Stellen wirkungsvoll vertritt. Die Zeit drångt, in dem jetzigen Schulkampfe kommt das jUdische Kind wie gewohnlich zwischen die national-politischen MUhlråder. Wir wollen nicht wieder als statistisches Material miBbraucht werde«. Wo Not ist, da ist Wille und wo ernster Wille ist, muB sich ein Weg finden. Wir wollen unsere eigene jiidische Schule! J. L. V Die feierliche Schlufisitzung des GroBen A. C. Herr S o k o 1 w berichtet zunåchst Uber die Begegnung, die "er und Dr. Weizmann vor dér Sitzung mit dem franzosischen Ministerpræsidenten Millerand gehabt haben, Nordaus Rede. Herr Dr. N o r d a u (mit stiirmischem Beifall begrUBt) hielt folgende Rede: ich bin nicht eitel genus, anzunehmen, daB Sie bemerkt haben, daB ich ir,ir wåhrend der Sitzung strenge Selbstbeschrånkung auferlegte, da ich ja kein Stimmrecht hatte. Jetzt ist die Phase der Abstimmung vorUber, und es ist moglich, EindrUcke auszusprechen. Nun darf ich zu meiner tiefen Befriedigung und mit Bewegtheit sagen, daB meine EindrUcke die denkbar gunstigsten sind. Sin sinii zum erstenmale seit vielen Jahren wieder zusammengekommen, haben Ftihlung miteinander gewonnen und das hat groBe Bedeutung; denn Sie sind die Vertreter der jUdischen Massen, hauptsåchlich der ostjUdischen Massen, die in erster Reihe berufen sind, unmittelbar die Wohltaten des verwirklichten Zionismus zu erfahren. Sie werden zu unseren Briidern mit der frohen Botschaft zuriickkommen, daB unsere Angelegenheiten auf gutem Wége sind. Was ich an anderer Stelle gesagt håbe, kann ich hier wiederholen. Es war eine Waltung der Vorsehung, daB im kritischsten Augenblick der iUdischen Geschichte zwei Manner an der Stelle gewesen sind, an der sie dem jUdischen Volke die groBten Dienste* erweisen konnten. Es ist nicht meine Art zu flbertreiben oder Liebedienerei zu Uben, das aber wåre nicht gerecht, wenn ich verschweigen wiirde, daB sowohl Dr. Weizmann wie Herr Sokolow Grofles bewirkt haben. Das Mandat ist noch nicht erteilt, wir sind am Vorabende seiner Erteilung, Wenn es diplomatische und volkerrechtlich anerkannte Tatsache sein wird, dann werden wir das Instrument haben, dessen Wirkung uns zeigen wird, welche Bedeutung das Werk dieser beiden Manner hatte. Sie haben vielleicht nicht alles verlangt, was ich gern gewiinscht håtte, daB sie verlangen. Aber was sie erlangt haben, ist vollkommen genUgend, um uns zu gestatten, den stolzen Bau aufzufiihren, der das sichere Obdach des alt neuverittngten jUdischen Volkes werden wird. Auch von der diplomatischen Seite ihrer TUtigkeit ajjgesehen, håbe ich mit tiefer Freude andere Fortschritte in der Ehtwicklung ihrer Ansichten gesehen. Noch vor einem Jahre war ich so schmerzlich Uberrascht, aus sachverståndigem Munde mit einer dogmatlschen Bestimmtheit zu horen, Palæstina gestatte nicht mehr als die Einwanderung von 2000 Menschen jåhrlich. Das war niederschlagend. Ich håbe deswegen mit groBer Freude gehbrt, daB Dr. Weizmann erst von 20.000, dann von 30.000 und zum SchluB von 60.000 Einwanderern gespro« chen hat, die jåhrlich Aufnahme finden kdnnen. Das ist ein wesgntlicher Fortschritt, und ich zweifle nicht daran, ,daB Dr. Weizmann vielleicht nach genauerer UeberprUfung zu 200.000 Menschen gelangen wird. Das allerwichtigte, was wir nach Erlangung des Maudatw zu tun haben, ist die Ansfedtmtff von mindestens 800.000 Jadeo in Palæstina; denn alle di- Flomatischen Schwierigkelten und alle Vervgaltungsschwierigkeiteo rflhren einzig davon her, caB man uns vorhalten kann, wir seien in Palæstina nur eins tu zehn. Dieser Standpunkt wird in dem Augenblick aufgegeben werden, wenn wir keine Minderheit mehr im Lande sind. Ich glaube nicht, daB es eine unidsbare Aufgabe ist. Ich fasse zusammen: Dr- Weizmann und Sokolow haben ausgezeichnete Arbeit getan, eS wird die iUdischen Massen freuen, dies aus Ihrem Munde zu hdren, daB Sie die Ueberzeugung gewonnen haben, daB die Ansprttche und die Sehnsucht der jUdischen Massen die denkbar vortrefflichsten Vertreter gefunden haben. Es sind hier auBerdem praktische BeschlUsse gefaflt worden, die in der Wirklichkeit wahrscheinlich allerlei Umformung erfahren werden. Ich glaube, dem Augenblick nicht besser Rechnung tragen zu kdnnen, als indem ich unsere OefUhle in die Worte zusammenfasse: Je jascher Koach Chasak Chasak wejitchasak. Weizmanns SchluBrede. Dr. Weizmann: Herr Præsident, Dr. Nordau, meine Damen u. Herren! Wir erleben jetzt eine doppelt feierliche Stunde. Erstens weil uns noch vielleicht nur wenige Tage von der Entscheidung trennen, zweitens weil wir jetzt am Schlusse einer Versammlung angelangt sind, welche in unserer Bewegung epochemachend sein wird. Es ist schwer, jetzt schon die Tragweite dieser Versammlung abzuschåtzen. Es herrschte in manchen Fragen, um vielleicht mit dem Negativen zu beginnen, eine gewisse Unbestimmtheit, so in der Frage der Emigration, der Finanzen und vielleicht der Organisation. Die BeschlUsse, die gefaBt wurden; waren vielleicht empirisch tastend. Ich glaube es, es war nicht anders moglich. So vie! ist geschehen im Laufe der sechs Jahre, so rasch ist die Bewegung angewachsen und so schnell wurden wir vor neue Aufgaben gestellt, daB es in dieser Versammlung unmoglich ist, in allen Punkten festgestellte BeschlUsse-zu fassen. Und ich glaube, es war weise, daB die BeschlUsse eine gewisse Biegsamkeit erhalten haben. Wer weiB, wie das russische Judentum gestaltet sein wird. W;r réchnen mit neuen Faktoren, die wir noch nicht organisatorisch diskontieren konnen. Herr Dr. Nordau hat eine ziemlich gleichgehende Elastizitæt auch bei mir gefunden. Ich wiirde gem noch weiter gehen. Es hængt nicht von irgendeiner einzelnen Person ab, sondern von der Stærke, welche das jUdische Volk haben wird, um die Hindernisse auf unserem Wege zu durchbrechen. Die Fråge des Judenstaates, nicht nur von Konzessionen seitens der englischen Regierung, sondern direkt die Frage des Judenstaates ist fUr mich eine Frage der nåchsten 400.000 Juden in Palæstina. Was wir jetzt erzielen wollen, læBt sich vergleichen mit dem, was Kitchener erzielen wollte, als er die englische Armee aufbaute, „die ersten Hunderttausend". Aus ihnen baute sich die Millionen- Armee Englands auf. Diesen ersten Kern mUssen wir jetzt schaffen. Es ist nicht meine Saclie, abzuschætzen, was bis ietzt geschehen ist. Ich kann nur im Namen meines engsten Freundes Sokolow und in meinam Namen erklæren: Wenn es schwere Stunden gab, so gab uns vielleicht diese Versammlung die groBte Befriedigung. Ioh halte es fUr meine Pflicht, hier zu erwæhnen, daB die Arbeit bisher unmoglich gewesen wære, wenn nicht eine volle Harmonie zwischen Sokolow und mir gehérrscht håtte. Wenn es Unterschiede gab, so waren es Unterschiede des Temperaments. Diese wollen wir gar nicht verwischen. Wir ergånzen uns gegenseitig. Die zweite notwendige Bedingung fUr den Erfolg war die treue Mitarbeiterschaft einer ganzen Schar von Menschen, die mit dem ganzen Einsatz ihrer Kraft mitgearbeitet haben. Ich håbe bereits im Eingang unserer Versammlung die aufierordentliche Bedeutung der von den amerikanischen Zionisten geleisteten Arbeit gewiirdigt, so daB ich ietzt nicht weiter darauf zurUckkommen muB. Es wåren hier noch viele andere zu nennen; aber vielleicht ist noch nicht die Zeit gekommen, alle diese Namen aufzuzåhlen. Es sind iUdische und nichtitidische, aber einige mochte ich doch erwåhnen. Vor allem zwei, die nicht mehr unter uns sind (die Versammlung erhebt sich), Sir Mark Sykes und Herr Aronsohn. Dann die Iebenden, Junge wie Alte, in Palæstina und hier. An ihrer Spitze stehen die Herren von der English Zionist Federation, die in der schwersten Stunde mit Einsatz aller Kraft uns unterstUtzt haben. Dann die Gruppe der Jungen, Sacher, Sief und die underen, die mit aller Hingebung gearbeitet haben: ihre Verdienste sind noch nicht regi8triert.

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