Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 12 (18.3.1920)
- Date
- 1920-03-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Safte i. jmmm vourømMMt.« Nr. 12. gfen wosa uir 2iQoi5tÉH ol&t das ftdtøtr ludets# tum aufgerfi ttelt hitten. Uns aiemt es nicht zu klagen oder irgendetwas zi beschSnigen. Die Zahlen und fatsachen sprechen fQr sich. In einer Stadt mit nabe2u 7000 ittdischen Gemeindewfihlem — wobei den Auslfindern das Wahlrecbt nicht gebfihrt — gibt es nur 1475 wtfolberechtigte Månner fttr die Kultusstube. Die Wahlen, die noch im Dezetnber hitten stattflnden sollen, wurden nach der Steuerliste Vom Jahre 1919 vorgenommen. Da sich aber die Vorbereitungen hingezogen haben, hitte unbedingt schon nach der Steuerliste 1920 gew&hlt werden mUssen, so daB uns effektiv 350 Stimmen geraubt wurden. Von den 1475 Wåhlern gehort die erdrfickende Majoritfit zu den Tuchfabrikanten, ihren Direktoren und Anhang. Das Branner jadische GroBkapital, das politisch im deutschen Lager steht, hat bei der Sonntagswahl mobilisiert und den Sieg davon getragen. Es war das letztemal. Wir haben unsere Kråfte gemessen. Wir wissen nun, fiber wen und fiber wie viel die Brfinner Assimilanten zu verftigen haben. Und da haben sie die Niederlage erlitten. Wir habeu ihnen doch im hatten Kampfe 453 Wåhler abgerungen. Eine ganz stattliche Anzahl. Wenn man bedenkt, daB die heutige Repråsentanz der Brfinner Kultusgemeinde mit zirka 300 Stimmen gewfihlt wurde. DaB die Assimilanten Polizei und Detektive aufgeboten haben, zu ihrem Schutze und gegen uns, zeugt nur von dem Geiste, der diese Herren beherrscht. Dafl sich auch Leute in ihren Dienst gestellt haben, die den Ehrennamen Zionisten seit Jahren sehånden, und sich gleich gestellt haben in die lange Reihe von Kreaturen und Domestiken, die da zum Siege verholfen haben, spricht* nur gegen diese Manner und fflr uns, die wir seit ieher ffir die Reinheit unserer Bewegung eingetreten sind. Was da zur Wahl geschleppt wurde, spottet jeder Beschreibung. Unter dem Titel „die Zionisten wollen einen Cheder errichten", „die Zionisten wollen hebrfiische Schulen einfilhren“ und wie dergleichen Schlagworte mehr sind, wurde gegen uns gearbeitet. Die Wahl in die Kultusgemeinde wurde geleitet von der Losung: deutsche Treue, deutsche Einheit. Die bei den Gemeinderatswahlen durchgefallenen deutschdemokratischen Kandidaten halten nun ihren Einzug in die Kultusstube und werden dort das deutsche Kasino errichten. Ob denn nur einem dieser Herren die Gefahr Vor Augen schwebte, die sie aiif das gesamte Judentum der Cechoslovajtei laden. Aber die Herren scheren sich ]a um das Judentum gar nicht. Es ist ihnen gar nichts daran gelegen. Der erweiterte Vorstand hat seinen Zweck erfullt, wenn er die Statuten åndert und ein neues Wahlrecht einffihrt. Die deutschdemokratischen Juden hiben versproehttk das ailgemeine gleicfcc geheime Wahlrecht mit ProporZsystem einzuffihren. Wohlan! Wir lassen es gelten. Aber wir rufen diesen deutschdemokratischen Juden, die sich im Sommer zu den Gemeindewahlen eine Frau zur Listenfiihrerin arkoren haben: Das Wahlrecht auch ffir die Prauen! Soferne Ihr Euch Demokraten nennt, gebfihrt auch den Frauen das Wahlrecht. Und wehe Euch, Ihr alle, die Ihr nun gewfihlt seid, wenn Ihr dieses* Wahlrecht an einen Zensus binden wollet. Wir sind davon fiberzeugt, daB in den Reihen der neugewåhlten Mandatare rechtlich denkende Månner vorhanden sind, die auch das erffillen wollen, was sie uns versprachen. Wir wissen auch, wer der eigentliche spiritus rector der ganzen Wahl war. Wir kennen unsere Herren, mågen sie nun schwarze oder weiBe Haare haben. Wir ffirchten sie nicht. Aber wir warnen sie. Wir warnen auch unsere neuen Kultusvorstånde, sie mågen sich nicht von den Reizen dieser månniichen Circe bestricken, betoren und verblenden lassen. Sollten diese Herren in die Kultusstube einziehen — ein Mandatar wurde noch voa der Wahlkommission ^fallen gelassen, weil nicht eruierbar war, wer es ist, es sind nåmlich 3 Månner gleichen Namens in der Wåhlerliste eingetragen, und man hat vergessen, Beruf und Adressen auf die Stimmzettel zu drucken, — dann erwarten wir von ihnen die EinfUhrung des demokratischen Wahlsystems, das unserer Zeit entspricht. Wir erwarten es und wollen nicht hoffen, daB man uns zu anderen Mitteln zwingt, mit denen wir das Wahlrecht erreichen, das w i r wfinschen. Vom Geiste der JUd. Schulen. Die letzten Ereignisse, die allenthalben uns Juden aufhorchen lassen, der Mittelschfilermeeting *in Wien, auf dem die deutscharischen Jfinglinge ihr Bekenntnis zum Antisemitismus so forsch abgelegt haben, all’ die geheimåffentlichen Konventikel anderer Mittelschfiler mit ihrem „Judenpunkt", die antisemitischen Auslassungen vieler Schulgemeinden haben uns wieder gelehrt, was wir in unserer Verblendung noch immer nicht merléen wollen, daB unsere Kinder in den.interkonfesiouélién Schulen nur ein geduldetes Dasein fristen. Wåhrend politische Streitkåmpfe die Kåpfe unserer Besten befangen halten, verkommt unser Nachwuchs an Geist und Seele, verdorren die zarten Pflanzenseelen im unfruchtbaren Sande der fremdvålkischen. Erziehung, den gehåssigen Blicken ihrer Mitschiiler und nicht selten auch den ihrer Lehrer ausgesetzt. Nur durch die Parole „das åechische Kind in die åechische Schule" ist das åechische Vo& getøtctøa& tu der emsig .richtigen Aosehanuag, dafl die Jugendergiehung, die Jugendeindrflcke fur dlé fernere Entwicklung des Menschen bestimmend sind und das Renegatentum vieler ist nur durch die volksfremde Schule zu erklåren, in der das Kind mit der fremden Sprache zugleich deren Geist und deren Gesittung angenommen hat. Und nur wie viel mehr erst das jtid. Kind, das mit der unjfidischen Sprache auch die unjfidischen Anschauungen und Oebråuchs einer fremden Religion durch Lesebficher und verschiedene im chrtstlichen Geiste gehaltenen Schulaufsåtze eingesogen hat. Man mufl es der Zåhigkeit der Rasse und dem gesunden atavistischen Instinkt der jiid. Jugend zuschreiben, daB im Laufe der Jahre sich nicht noch schlimmere Folgen eingestellt haben. Denn schlimm génug sind sie schon; die fremdnationalen Schulen liefern uns die Menge von Tåuflingen, die aus låcherlichem Ehrgeiz, oder aufgeblasener „Uberwundener“ Blasiertheit ihr Judentum wie ein abgetragenes Gewand von sich werfen. Wa$ kettet das deutsche Kind an sein Voik? Seine Sprache, seine Geschichte, seine Gebråuche, seine Feste. Oberall steht das jiid. Kind mit leeren Hånden und leerem Herzen daneben, wåhrend es aus eigenem Volkstum viele Schåtze ffir Seele und Geist schåpfen konnte. Der poetische Reiz der jfidischen Feste geht fiir die jiid. Kinder vollends verloren, das jiid. Schrifttum, das ihnen die Religionsstunde, wenn auch spårlich vermittelte, ist durch die Aufhebung des obiigaten Religionsunterrichtes ein verschlossenes Buch und so muB sich in ihnen unbewuBt die Meinung festigen, daB alles Jiidische minderwertig sei, daB alles GroBe und Scftone nur von anderen Vålkern komme. Wie wåre all dem zu begegnen? Worin bestiinde also der jiidische Geist, da wir noch immer nicht der Sprache der anderen Kulturvålker entbehren kånnen? Nicht auf die Sprache kommt es allein an. Das Milieu, die Umgebung, der Geist der Schliler und Lehrer ist ffir die Stimmung in der Schule entscheidend. Von jfidisch empfindenden Lehrern geleitet mfiBte sich dem jfidischen Knaben, dem ‘ jiid. Mådehen' die aus dem Hause mitgebrachte Welt in schonerem und tieferem Sinne offenbaren. So aber macht die fremde Schule alles zunichte. Das Kind betritt das mit einem Kruzifixe geschmiickte Schulzimmer, an dessen Wånden verschiedene Efmahnungen an das „deutsche Kind" prangen. Ein christliches Gebet leitet den Unterricht ein. Das Wort „Uidisch, Jude“ ist verpont. Nur als Schimpfwort wurde es da empfunden. Wer erinnert sich nicht des beschåmendpeinigenden Geffihls, als in der Schule das Gedicht Riickerts „Vom Båumchen, das andere Blåtter gewollt" gelesen wurde und man zur Stelle „Da ging der Jude durch den Wald, mit groBem Sack und iaugem Bart" kam und die håhnischen Blicke der Mitschtiler sich magnetisch uns zuwandten, wåhrend wir glutrot ubergossen kaum aufzuschauen wagten. Oder che zufållig zum jfidischen Friedhofe kamen, dortselbst den ihnen unbekannten Ortsrabbi, den als Gelehrten weithin bertihmten R. Juda Assod, erblickten, welcher einem alten Brauche gemåfi sich auf den Friedhof begeben hatte, mit Kittel u. Tallis angetan, um bei den Gråbern ^seiner Vorgånger Gebete fiir die Erhaltung seiner Gemeinde anlåBlich der ihr drohenden Gefahr zum Himmel zu senden. Eine todtliche Angst iiberfiel die Spåher Hurbans ob der noch nie gesehenen Erscheinung, sie glaubten, eine alttestamentarische Personlichkeit oder etwa der verstorbene alte Ortsrabbiner sei auferstanden, um den Juden zu helfen. Schreckensbleich eilten sie zu ihren Kampfgenossen zurtick, welche sich zufolge des Berichtes der Spåher nunmehr weigerten, die Stadt Senic anzugreifen. Denn aus der fiber ir dischen Hilfe, welche den Juden augenscheinlich zu Teil wurde, beffirchteten sie eine eigene schwere Niederlage. Ihre Ffihrer, welche zugleich einsahen, daB sie mit ihrer nur åuBerst primitiv ausgerfisteten Mannschaft im offenen Terrain von Senic keinen Kampf aufnehmen kånnen, fiigten sich der allgemeinen Stimmung, es wurde der Riickzug angetreten, die Juden von Senic* waren gerettet. Die letzte gråBere Station auf slovakischem Gebieteist Sassin mit seiner beruhmten, alljåhrlich von vielen tausenden Wallfahrern besuchten Marienkirche, zugleich auch eine groBe Judengemeinde. In Kutti Ubersteigen wir in den von Bratislava kommenden Zug, welcher uns nach kurzer Fahrt fiber die March setzt. In Lundenburg betreten wir wieder måhrischen Boden, und nach wenigen Stunden haben wir die an Eindrticken reiche Reise glficiflich fiberstanden und sind wieder in Brfinn rfickgelaugt. kischen Judenschaft bisher von dieser im Interesse des Judentums notwendigen und nUtzlichen Arbeit fern gehalten, und zwar unbegreiflicher Weise gerade jener Teil, welcher den streng religiosen Standpunkt einnimmt, die Orthodoxen, von denen man in erster Linie annehmen zu kånnen hoffte, daB sie zu leder Stårkung des jfidischen Qedanken^ und der jiidischen Position mit Eifer beitragen werden. Hoffentlich gelingt es noch in letzter Stunde, diese Spaltung zu fiberwinden, und an Stelle der bisherigen passiven, um nicht zu sagen, vielfach sogar feindseligen Haltung der orthodoxen Partei eine gemeinsame Arbeit herbei zu ftihren, damit das ohnehin schwache Judentum nicht noch durch innere Kåmpfe zermfirbt werde, und sich nicht der lateinisebe Spruch bewahrheitet: „Roma deliberaute Saguntum periit." IV. Die Rfickreise treten wir in stidlicher Richtung an, durch das sich immer mehr erweiternde Tal der Wag, bis wir in den fruchtbaren Gefilden der Tyrnauer Ebene angelangt sind, und daselbst in den Lokalzug umsteigen. Tyrnau, die vieltfignige Stadt, welche wåhrend der Tfirkenkriege die Residenz des Graner Erzbischofs und der Sitz der von Pest her verlegten Universitåt war, hat ffir uns Juden zugleich eine traurige Berfihmtheit. Um die Wende des Mittelalters und der Neuzeit (1494) fand hier wegen einer Blutbeschuldigung eine heftige Juden verf olgung statt, welche 15 Jahre spåter (1509) im benachbarten Bosing Nachahmung fand. Tyrnau war daraulbin durch Jahrhunderte den Juden verschlossen, und sie durf ten hier nicht ein« mal nftchtlgen. Der dort herrsebentø antisetnitische Geist fand insbesondere. auch anlåBlich des Umsturzes seinen AuSdruck, indem in-Tyrnau eine der ersten JudenpUinderungen stattfand, welche sich dann auf die ganze Slovakei fortpflanzten. Von Tyrnau aus ffihrt uns der Zug fiber den „grfinen" Boleråz zum FuBe der kleinen Karpathen. Von NådaS-Smolenice mit einem pråchtigen Schlosse des Grafen Pålffy fahren wir 16 km lang durch die herrliche Bergwelt der Karpathen, wobei wir an der Grenze des Braitislavaer und NeutraerTComitates, zugleich der Wasserscheide zwischen Wag und March, ein langes Tunnel durchqueren, um endlich in der Station Jablonic zu halte«, anschlieflend an den gro- Ben Fåhrenwald Bdr, welcher sich beiiiahe bis an die March erstreckt Die nåchste Station ist Hluboka, bekannt als Sitz des evangelischen Pfarrers Josef M. Hurban, welcher dortselbst beinahe ein halbes Jahrhundert wirkte, und im Jahre 1848 den slovakischen Freiheitskampf leitete. Dieser Mann von unansehniicher Gestalt, aber von feuriger, hinreiBender Beredsamk^it hat es vermocht, die urwiichsige Bevolkerung des oberen Neutraer Komitates aus ihrer uationalen Lethargie aufzurlitteln und zum Kample lur die Erlangung der Freiheit und Selbståndigkeit zu gewinnen. Leider begannen seine Scharen ihr Befreiungswerk zugleich auch damit, daB sie — analog wie ihre Nachkommen 70 Jahre spåter — die einhelmische jiidische Bevolkerung plfindernd iiberfielen. Die jUdischén Tempel in Miava, Brezovå und Starå Turå wurden zerstårt, und von der Plfinderung von Senic, der nåchsten Station, die wir jetzt passieren, lieBen sie sich einer mfindlich Uberlieferten Tradition gemåfi ttur aus dem Grunde abhaltea,.weU die von ihnen in die Stadt entsendeten Spåher, wel- V