Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 12 (18.3.1920)
- Date
- 1920-03-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JODISCHE VOLKSST MME Bezugsprelse: Redaktion u. Administration: Briinn, Krapfeng. 19. halbjåhrig. Buchhfindlerische Vertretung: Otto Klemm, Lelpzlg. ganzjShrig. Inserater der 6-spaltige Milimeterraum & K —*30. Deutschøsferreich. Kronen 50.— Unverlangte redaktionelle Beitrfige werden nicht Deutschland, ganzjåh rig .... . Mark 25.— honoriert. Manuskripten .ist Riickporto beizufflgen. Jahrgang XXI Brilnn, 18. Mlrz 1930. 28. Adar 5880 Nummer 12. An die jildischen WShler und WShlerinnen. Die Wahlen in die Nationalversammlung finden unter vollig andern Verhåltnissen statt als die Parlamentswahlen unter dem friiheren Regime. Dies /.eigt sich besonders in zwei Punkten: Infolge des neuen Proportionalwahl-Systems ist auch kleinen versprengten Minoriteten / (also auch den Juden) die Moglichkeit gegeben, eigene Delegierte zu entsenden. Gleichzeitig aber verhindert das System der Listenwahl, daB die jiidischen Interessen durch Verhandlungen vor den Wahlen und durch Abmachungen mit einzelnen Kandidaten nichtjiidischer Parteien geschiitzt werden konnten, wie es fruher zuweilen geSchah. Denn nicht Einzelne werden in jedem Wahlkreise gewahlt, sondern der Wåhler muB sich fur eine ganze Liste, eine Partei entscheiden. Eine nichtjiidische Partei wird sich aber niemals fiir spezifisch jiidische Interessen einsetzen konnen, sie wird im allerbesten Falle fiir „Gleichberechtiguttg“ eintreten, d. h. fiir „Gleichberechtigung auf dem Papier“, die uns ja formell schon långst zugesichert ist. Wir wissen aber leider, wie weit entfernt diese formelle Gleichberechtigung von der fiir uns allein wichtigen praktischen und realen Gleichberechtigung, die in allen Einzelfållen des Lebens verwirklicht werden miiBte, entfernt ist. Einen wirksamen Schutz jiidischer Interessen und dariiber hinaus positive Arbeit fiir die Judenschaft des ganzen Staates verbiirgen nur solche Abgeordnete, die auf ein jiidisches Programm gewahlt worden sind. Wir sprechen nicht theoretisch, sondern aus Er- FEUiLLETON. Zum und am NationalkongreB der slovakischen Judenschaft. Reiseeindriicke von Dr. Theodor Haas (Brilnn). (SchluB.) III. Der groBe Saal eines Piestaner Hotels. Ungefåhr 120 Personen, Delegierte aus 55 Gemeinden, sind hier zusammengekommen, um an den die gesamte slovakische Judenschaft betreff enden Ber atungen teilzunehmen. 55 Gemeindeu sind freilich ziffermåBig nicht viel bei der groBen Anzahl der slovakischen Judengemeinden, aber sie bedeuten immerhin einen gewaltigen Fortschritt des jiidischen Volksgedankens, insbesondere wenn beriicksichtigt wird, daB bei den schlechten Bahnverbindungen viele Gemeinden, besonders aus den entlegeneren, ostlichen Teilen der Slovakei, um Kaschau herum, nur *pårlich Delegierte entsenden konnten. Nach Absolvierung der iiblichen Formalitåten, BegriiBungen, Wahl des Pråsidiums und der' Ausschiisse etc. wird zur Erledigung der Tagesordnung geschritten. Der erste Tag der Beratungen ist hauptsachlich wirtschaftlichen Frageu gewidmet. Und diese sind sehr brennend, denn schwere Zeiten haben die slovakischen Juden hinter sich. Der Umsturz, die „sloboda“ begann bekannter Mafien mit einer planmSBigetf PIQnderung der jiidischea Bevdlkerung. Aber selbst wenn die angeblichen Grunde dieses Vorgebens wahr se in sollten, daB dis Juden die fahrung. Unsere Erfahrung beruht auf dem Ergebnis der Gemeindéwahlen im Juni 1919, die gleichfalls nach Proporz-System stattgefunden und uns mehr als 120 jiidische Gemeindevertreter (u. a. in den Zentren Prag, Briinn, Pilsen) gébracht haben. Wir haben gesehen, daB diese auf ein jiidischse Programm und nur auf dieses gewåhlten Vertreter mit ganz anderer Energie und feinerem Taktgefiihl fiir unser Wohl eingetreten sind als wir dies von Gemeindevertretern alten Stils (auch von solehen jiidischer Abstammung, aber ohne jiidisches Programm) gewohnt waren. Die Aufstellung eigener Kandidatenlisten zu den Gemeindewåhlen hat den weitesten Vorteil gehabt, daB Uberall dort, wo dies geschehen ist, die Juden aus dem Kampfe der Nationen und sozialen Parteien ausgeschieden, neutralisiert. worden sind. Der Wahlkampf in die Nationalversammlung wird der groBeren Wichtigkeit entsprephend mit noch groBerer Erbitterung gefiihrt werden. Ist es also nicht umsa notiger, daB die Juden durch Abgabe ihrer Stimmen fiir ihre eigene Partei den auf allen Seiten gegen sie aufgespeL&trten HaB abbauen,, die von allen Parteien gegen sie geschleuderten Vorwiirfe entkråften? Unsere Wahlaussichten sind gunstige. Das Wahlgesetz sieht namlich eirie Zusammenzåhlung såmtlicher im ganzen Reiche fiir dieselbe Partei abgegebener Stimmen vor (2. Skrutinium), falis diese Partei im 1. Wahlgang mindestens ein Mandat oder 20.000 Stimmen in einem Wahlkreis erringt. Nach der Anzahl der jiidischen Wåhler und Wåhlerinnen sind die Vorbedingungen hiefiir in einigen Wahlkreisen gégeben, fails alle Juden oder doch eine iiberwiegende Mehrheit fiir die jiidischen Listen stimmen. Das Judentum der Cechoslovakei steht also vor einer Schicksalsfrage. Wird es jetzt die Kraft finden, alles Trennende beiseite zu stellen und Uberall fUr die Listen, der Ver* einigten judischen. Parteien zu stimmen? Oder wird es zulassen, daB die erste gewåhlte Nationalversammlung der Cechoslovakischen Republik die grundlegenden Entscheidungen iiber Wohl und Wehe der Juden in diesem Staate ohne Mitwirkung jiidischer Abgeordneter trifft? Jiidische Wåhler und Wåhlerinnen! Das Programm der „Vereinigten judischen Parteien" ist auf breitester Grundlage aufgebaut, um alle. Juden zusammenzufassen, die die Erhaltung des Judnetums wollen und an seine Zukunft Iguaben. Keine jiidische Stimrne dari verloren gehea. Denn jede einzelne zfihlt im 2. Skrutinium mit. Walilet einmiitig die Listen der „Vereinigten Judischen Parteien**. Zu den BrUnner Kultusgemelndewahlen. Am Sonntag, den 14. d., fanden die Wahlen in den verstårkten Vorstand der BrUnner Kultusgemeinde statt, und wir sind unterlegen. Unterlegen in soweit, als wir auf nnsere Liste nur 453 Stimmen vereinigten, wåhrend 535 notig waren. Die deutschdemokratische Freiheitspartei hat den Sieg davon getragen und wir konnen zu unserem Lobe sagen, und es uns als Sieg anrechnen, dafl die Wahlbeteiligung niemals diese Ziffern erreicht hfitte — von 1475 Walhlern sind 1069 zur Wahlume gegan- Tråger der Magyarisierung waren, und in wirtschaftlicher Beziehung das Volk ausgebeutet hatten, — trotzdem allen diesen AnwUrfen die Tatsache entgegen steht, daB die meisten judischen Familien durch Jahrzehnte, sogar durch Jalirhunderte in friedlichster Eintracht mit der autochtoijen Bevolkerung in demselben Orte zusammen lebten, und selbst wenir hieraus die, brutale Handlungsweise der zum Teile auf tiefer' Kulturstufe stehenden Bevolkerung zu erklåren versucht wird, so erscheint es anderseits fUr einen Rechtsstaat unerklårlich, wenn den PlUnderern, ja selbst den Mordern (denn es gab bekanntlich selbst Menschenopfer anlåBlich der PlUnderungen) nicht nur die strafrechtliche Ajnnestie gewåhrt wird, sondern auch durch Erlassung eines Moratoriums fUr die PlUnderungsschåden den Juden nicht einmal v.ivilrechtlich die Moglichkeit geboten wird, ihre geraubte Håbe zuruckzufordern. Der Jude muB ruhig zusehen, wie der eine oder andere Nachbar sein Pferd oder sein $ind, seine Mobelstticke, seine Kleidung oder Wåsche frei benUtzt, ohne daB er dieses sein unstreitiges Eigentum geltend machen konote. Mit Recht betonte der Referent, daB ein soleher Zustand selbst zur Zeit des reaktionårsten Zarismus unmoglich gewesen wåre. Eine weitere brennende Frage, welche die Anwesenden beschåftigte, war die der Licenzen. Jeder Licenzinhaber mufi von røuem ein mit såmtlichen Belegen versehenes Gesuch einbringen. Selbst wenn aber auch alle Dokumente ordnungsgemåø beigebracht werden, wo deren Beschaflung bei der heuti* gen Strbmung sicherlich nicht leicht ist, hat er trotz vorjiergegangener jahrzehntelanger Ausiibung des Gewerbes absolut keine Gewftbr fiir eine gflnstige Erledigung seines Ansuchene, obglelcb unter der christlichen Bevdlkerung trotz amtlicher Aufforderung sich nicht hinreichend Bewerber meldeten. Ja es kam so weit, daB in einem Erlasse des Bratislaver Ministeriums betreffend die Verleiliung von Kinolicenzen Juden in einem Atem mit „Personen von schlechter Vergangenheit" von der Erlangung derselben ausgeschlossen wurden. Am zweiten Verhandlungstage traten die Beratungen mehr in das Zeichen der bevorstehenden Wahlen in die Nationalversammlung. .Einmiitig wu:de nach Anhorung der Referenten und nach einer sachlich und wiirdig verlaufenen Bebatte der BeschluB gefaBt, einerseits um die Juden in den bevorstehenden Wahlkåmpfen aus dem Streite der politischen Parteien herauszuziehen und zu neutralisie:en, anderseits um durch Entsendung von auf rein jiidischem Programme gewåhlten Vertretern die Wahrung der jiidischen Interessen zu sichern, sich ohne Unterschied der Parteischattierungen als „Vereinigte jiidische Parteien" zusammenzuschlieBen und bei den Wahlen geschlossen und einheitlich, im engen Einvernehmen mit den Juden Bøhmens, M&hrens und Schlesiens vorzugehen. Der unermiidliche Kampf um die volle Emancipation und Gleichberechtigung des Judentums in politischer, wirtschaftlicher, kultureller und religidser Hinsicht soli die Grundlage des jiidischen Wahlprogrammes bilden; in allgemein-politischer Hinsicht die Vdlkerversohnung durch Abbau des leider nicht schwåcher gewordenen Hasses und Herbeifiihrung einer Verståndigung zwischen den Nationen« gegenseitige. Toleranz und gemeinsame Afbeit an der demokratischen Ausgestaltuug voa Oefletzg^Nia^ and Verwaltung. Leider hat sicb tin betrflcbtUeber TeH der alevt-.