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Jüdische Volksstimme · 1920-03-11 · Heft 11 (11.3.1920) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXI (1920)
Issue
Heft 11 (11.3.1920)
Date
1920-03-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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/ Nr. 11. JtnSCffl TOUSSTOMK.* gen, wie sehr sich Masa ryk der Sache Hilsners an-, , nahm.8 > Welchen Ångriffen er wegen dieser Schriften, ausgesetzt war, ersehen wir daraus, daB er seine Vorlesungen einstellen muBte, da ihn die verhetzten Studenten am Vortrage hinderten. Masaryk hatte das ganze dechische Volk gegen sich. Wie muB man ihm damals in Prag zugesetzt haben, wenn er, wie er selbst zugibt, die Koffer bereits gepackt hatte, um seine undankbare Heimat zu veriassen. Antisemitische Kreise in- und auBerhalb Bobinens haben Masaryk vorgeworfen, er sei nur deshalb flir Hilsner eingetreten, weil er „von Juden gekauft wurde“. Jeder, der seine Vergangenheit kannte, wuBte aber, daB ganz andere, und zwar e d 1 e M otive ihn bewogen, seine Stimme gegen den Ritualmord im allgemeinen Und ftir Hilsners im besonderen zu erheben, nåmlich sein Streben nach Wahrh e i t und sein Gerechtigkeitssinn. Masaryk selbst sagte in einem Oespråche mit Dr. E. Le de rer darttber følgendes: „Ich håbe Hilsners Verteidigung unternommen, weil es sich um einen unschuldigen Menschen handelte, auBerdem weil es um die Ehre des Cechischen Volkes ging. Ich werde Volksverråter genannt, weil ich die Schande meines Volkes nicht ertrug. Was miiBte die Welt von der Kultur eines Volkes halten, mit dem die Juden seit Jahrhunderten als Menschenfresser, als die sie von den Anhångern des Ritualmordglaubens hingestellt werden, gemeinsam wohnen. Die Juden Bohmens bilden aber eine Elite der Juden im Reiche. Ich hatte allerdings friiher eine bessere Meinung tiber sie. Es schadet ihnen in meinen Augen, daB so viele unter ihnen nach Beseitigung der Affare verlangen, um nur Ruhe zu hgben. Es handelt sich aber in dieser Frage nicht nur um ihr Ansehen und um ihre Ruhe, sondern um einen unschuldigen Menschen. Wenn Hilsner auch ein Taugenichts ist, so ist er doch ein M e n s c h." Masaryk empfing als Pråsident wiederholt Deputationen aus dem zionistischen Lager, von denen er die Wiinsche des jiidischen Volkes im Jechoslovakischen Staate entgegennahm. Seine dabej bewiescne Vertrautheit mit den kompliziertesten Problemen des ZionismuS erftiltte die Deputationsmitglieder mit Bewiinderung.9 Diese Vertrautheit diirfte Masaryk der aus Amerika herriihrenden Bekanntschaft mit dem Pråsidenten des American Jewish Committee. Louis M a r s h a 11,10 und mit dem Oberrichter Louis D. Brandeis verdanken.11 Klar und offen, wie es seinem Wesen entspricht, åuBerte sich Masaryk tiber die Judenfrage in dem von ihm regierten Staate in einem Interview dem Korrespondenten des Amsterdamer ,,Telegraaf“ gegentiber: „Mir ist Zionismus und nationales Judentum durchjaus sympathisch. Schon weil ich darin ein moralisches Regenerationsproblem sehe. Was die Juden in unserem Staate betrifft/ so gibt es neben den Zionisten sogenannte Assimilanten. Es handelt sich da um zwei Programmer einerseits, wenn ein Mensch mir sagt, er sei ein Deutsche r, so håbe ich das Zu akzeptieren. Wenn er erklårt, e i n J u d e zu sein, so håbe ich auch das zu akzeptieren. Das folgert schon aus, dem Selbstbestimmungsrecht, das auch /iuf die Juden seine Anwendung erhalten muB. Jeder Jude steht vor diesen zwei Fragen: Zionismus links, Assimilation rechts. Man konnte auch sagen: radikal oder konservativ, — nationale Renaissance oder Beharren in dem gegcnwårtigen Zustande. — Das ist eine hochst interessante Erscheinung. Das ist ein Problem, das die ganze Welt angeht. Jeder denkende Politiker wird sich mit dieser Frage ehrlich, ernstlich und gewissenhaft beschåftigen miissen."12 Zum SchluB seien noch Masaryks Worte zitiert, die er als Gast bei dem von Mer „Lese- und Redehalle jiidischer Hochschtiler in Prag“ am 21. Juni 1919 anlåBlich der Anerkennung der nationalen Rechte des judischen Volkes durch die Pariser Konferenz veranstalteten Festkonzerte als Erwiderung auf die BegrtiBungsrede zweier Herren sprach: „Beide Herren haben in ihren Reden auf mein Verhåltnis zur zionistischen und nationaljtidischen Bewegung .Bezug genommen. Sie wissen, meine Herren, daB ich auf das moralische -Moment in dieser Bewegung das grQBte Gewicht lege. Ich kann Ihnen heute nur wiederholen, daB sich in diesem meinem Verhåltnisse zum nationalen Judentum nichts gedndert hapich kann nicht einsehen, warum in unserem Staate, in dem schon so viele Nationen leben, uns die jtidische Nation irgendwie hinderlich sein konnte. Ich kann Ihnen versichern, daB ich, wenn ich auf Grund der Verfassung die Mbglichkeit dazu haben werde, meine Anschauungen auf dem politischen Gebiete ins Praktische umsetzen werde. Anf mich kdnnen Sie immer rechnenP'13 DaB Masaryk Wort gehalten hat, haben uns die. Ereignisse der letzten Tage bewiesen. *Sbornik historick^ (Historische Zeitschrift) I. Bd. S. 39 ff. — 2Prag, Laichter 1896. — 3S.*419 ff. § 105. — 4Wien bei C. Konegen 1899. — 5S. Miinz: An den Pråsidenten Th. G. Masaryk. Ein Appell in 12ter Stunde. — ®Dr. Arthur NuBbaum: Der-Polnaer RitualmordprozeB. — 7S. Mtinz a. a. O. S. 14. — 8Deutsch: Der Aberglaube des Ritualmordes im Lichte des Polnaer Prozesses (Die Zeit 1899, Nr. 268), Ein neues Gutachten der Polnaer Gerichtsårzte (Die Zeit 1899, Nr. 272), Zur Motivation des Polnaer 'Verbrechens (Die Zeit 1900, Nr. 287), Bas Wesen und die Entstehung des Ritualaberglaubens (Die Zeit 1900, Nr. 286). CechiSch: Notwendigkeit der Revision des Polnaer Prozesses (Cas XIII. Nr. 48 und 49), Selbstanklage der Polnaer Sachverståndigen (Cas XIII. Nr. 54), Ueber den Ritualaberglauben (NaSe doka VII. 321, 481, 579), Gespråch, selbstredend fiber Polna (Cas XIV. Nr. 7), Antwort an die Polnaer Aerzte (Cas XIV. Nr. 35). — 9„Selbstwehr“ v. 28. III*. 1919. — 10Diesem schickte Masaryk im Dezember 1918 eine Botschaft wegen der Ausweisung der galizischen Juden aus der Cechoslovakei, worin er ihm versichert, er håbe sich mit dem Ministerium des Innern in Verbindung gesetzt und håbe strikte Instruktionen erteilt, den Ausweisungen ein Ende zu setzen. („Selbstwehr" v. 21. III. 1919). — 11Ueber Masaryks Verkehr mit Brandeis siehe den Aufsatz Dr. Schmarja Lewins im „Jtidischen Volksblatt" v. 5. III. 1920. — 12„Selbstwehr‘‘ v. 31. I. 1919. — 13„Selbstwehru‘v. 27. Juni 1919. Der Entscheidungskampf um den Besitz der Kultusgemeinde. Zu einem Entscheidungskampfe um den Besitz der Kultusgemeinde wollen unsere judischen Gegner den. bevorstehenden Wahlkampf vom 14. Mårz d. J. stempeln. < Hinter verschlossenen Tilren versammelten sich am letzten Sonntag die judischen Fabrikanten und deren Trabanten im Sitzungssaale der Kultusgemeinde, um genau den Schlachtplan zu entwerfen, der am 14. Mårz die Niederlage der Jiidischnationalen und den Sieg der Partei des Geldsackes besiegeln soli. Eine Art Rtitlischwures wurde den versammelten Kampfgenossen abgefordert und von diesen auch geleistet, alles daran zu setzen und keine Mittel unversucht zu lassen, um das ersehnte Ziel zu erreichen. Juden, die man sonst nur auf dem Parkette der deutschen Lesehalle beim Kartenspiel oder in einer Wåhlerversammlung der deutschdemokratischen Freiheitspartei als Wahlmacher zu sehen Gelegenheit hatte, die aber noch niemals die diistere Stube der Kultusgemeinde mit ihrem FuBe zu betreten fiir notwendig fanden, erschienen plotzlich auf der Bildflåche, nicht um zu beraten, wie dem Judentume am besten zu helfen wåre, sondern um jener Bewegung den Einzug in die Kultusstube zu erschweren und unmoglich zu machen, welche das Renegerierungswerk des jtidischen Volkes ztim Ziele hat, die durch ihre groBen Fiihrer bei der Friedenskonferenz in Paris ver treten war und von allen Volkern und Nationen anerkannt den'Grundstein fiir die Losung der Judenfrage gelegt hatte. Glauben diese politischen Frosche ernstlich daran, oder machen sie einander bloB die Komodie vor, daran zu glauben, daB sie imstande wtiren, dieser weltumspannenden Bewegung dadurch Einhalt tun zu konnen, daB sie ohne zwingenden Grund tiber uns Jtidischnationale bei den bevorstehenden Wahlen herzufallen sich aufgerafft haben? Sind diese Herren qb der Tatsache erschrocken, daB bei den letzten Gemeinderatswahlen die Mehrheit der jiidischen Bevolkerung sich fiir uns Jtidischnationale entschieden hat und daB mithin bei dem Anwachsen unserer Bewegung das letzte Bollwerk, hinter dem sie sich jetzt mit Hilfe ihres Geldes verschanzt haben, fallen und sie unter den Trtim« mern begraben kønnte? Glauben sie ihr bisheriges politisches Debacle dadurch wettmachen zu konnen, daB sie in der Kultusgemeinde der deutschderaokratischen Freiheitspartei eine Expositur eFrichten, in der alle politisch abgewirtschafteten judischen Ord- Ben vereint ihrer Partei gegenttber darauf hinweisen konnten, daB das gesårate Judentum durch den Ausgang der Kultuswahlen bewiesen håbe, daB es hinter Sdtt 3, ihnen, hinter ihrer Partei steht? Wenn diese Herrea diese Absicht nicht verfolgt haben, dann war die Zusammensetzung ihrer Kandidatenliste und des Wahlkomitees die unglticklichste Wahl, die sie jemals treffen kennten. Wir erhebenr aufklårend und warnend ftir alle Juden unsere Stimme: Wenn Rir Juden am 14. Mår* d. J. ftir diese Liste stimmen und dieser den Wahlerfolg bringen werdet, dann habt Ihr bewuBt oder unbewufit — darnach wird niemand fragen — wiederum zur .nationalen Verhetzung der einander befehdenden Nationen beigetragen. Denn die dechische Bevolkerung, die nicht darnach fragen wird, ob dieser Wahlerfolg nur auf Grund des reaktionårsten Wahlrechtes, das in der Welt existiert, und auf Grund der AusschlieBung von 300 wahlberechtigten Personen ermøglicht wurde, wird unbektimmert um alle inneren Vorgånge und Ursachen nur die eine Tatsache ins Auge fassen, daB in der Kultusgemeinde jene Partei gesiegt hat, welche ihre Streiter aussendet, so oft es sich um die Betåtigung bel der nationalen Wtihlarbeit handelt, und ftir jede Handlung und ftir jede politische Betåtigung, die diese Personlichkeiten auBerhalb der Kultusgemeinde vornehmen werden, wird die Brtinner jtidische Bevolkerung verantwortlich gemacht werden. Von diesem Gesichtspunkte aus mtissen diese sich vollziehenden Geschehnisse beleuchtet und die Tragweite der Entscheidung vom 14. Mårz d. J. den Wåhlern vor Auge geftihrt werden. Wir stehen auf dem Standpunkte, daB zur Vertretung jiidischer Interessen keine PersØnlichkeit berufen sein darf, welche in irgend einem fremdnationalen Lager aktiv tåtig ist, mag dies im deutschen oder Cechischen Lager sein, weil wir den nationgien Chauvinismus bekåmpfen, die nationale Versohnung anstreben mtissen und infolgedessen nicht dulden konnen, daB die jtidische Bevølkerung ftir die politischen Liebhabereien einzelner Personen irgendwie auch nur mittelbar verantwortlich gemacht werden darf. i Dies wåre der eine Gesichtspunkt,. von dem aus betrachtet die Wahlliste imserer Gegner zu bejcåmpfen ist. Die Brtinner jtidische Bevølkerung hat aber allen AnlaB, auch von anderen Gesichtspunkten aus die gegnerische Wahlliste kritisch zU beurteiien. Es handelt sich auch um die Bekåmpfung des alten Geistes, der in der Kultusgemeinde bisher wehte und welcher sie zu einem Schattenbilde dessen machte, was sie ftir uns Juden sein soilte. Unsere Niederlage am 14. Mårz d. J. wtirde nicht allein den gleichzeitigen Fali des aligémeinen und gleichen Wahlrechtes ftir Manner und Frauen bedeuten, sondern ftir lange Zeit hinaus implicite die Wiederwahl von solehen Kultusvorstånden, welche dem neuen Geiste, der in den Reihen des Judentumes wehl, den Weg in die Kultusstube versp,erren und die Entfaltung der nationalen Kråfte unmoglich machen wtirde. Unsere groBen Fiihrer in Paris haben mit Energie, Konsequenz und Tatkraft an dem groBen Werke des Minoritåtenschutzes gearbeitet, der Minoritåtenschutz ist in dem Verfassungsgesetze der Sechoslovakischen Republik aufgenommen, die jtidische Nationalitåt ist von Staatswegen anerkannt und es wird sich nun darum handeln, diesen papierenen Gesetzen lebendigen, reellen Inhalt zu verleihen. Dies kann nur dann geschehen, wenn in die Kultusstube Månner einziehen,'welche, losgeløst von iedem sonstigen politischen Engagement, den Mut und die Kraft haben, sich z,u ihrem Volkstume offentlich zu bekennen, die Interessen der jiidischen Bevolkerung rtickhaltlos'zu vertreten und in den auf Grund des Minoritåtenschutzgesetzes notwendigen Verhandlungen mit allen offentlichen Faktoren ftir jtidischkulturelle Zwecke das durchzusetzen, was nach den Intentionen der Schopfer dieses Gesetzes notwendig und unerlåBlich ist. Konnen die Herren der gegnerischen Gruppe, die bei dem Gedanken einer Separieruug eizittern und sich bei der Erorterung dieses Gedankens le nach ihrer Veranlagung entweder scheu zurilckzithen oder in Wutausbrttche geraten, mit einem Funken von Geftihl ftir die Interessen des jtidisehen Schulwerkes, ftir die Beitragsleistung der offentlichen Qewalten zu unseren kulturelleu Institutionen eintreten? Niemals! Wir wollen auch ftir eine gerechtere Besteuerung eintreten. Es geht nicht an, daB die Steuerpraxis derart getibt wird, daB einige Wenige von den vielen Millionåren mit der'Hochststeuer von bloB 8000 K belegt werden, und die fehleade Bedeckung des Budgets in der Weise bestritten wird, daB sie auf die ohnehin stark geschwåchten Schultern des Mittelstandes in erdrtickender und ungereehter Weise verteilt wird,';

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