Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 11 (11.3.1920)
- Date
- 1920-03-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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»jt I, Nr. 11. gentittg wldetlicJi stod. Sobald wtr unse« rehfct 'UntMOflMe. U##<fcx* wer* di* Mutte Volk mtW Anttssmiusmus wurde in Beton«' eum Mtionslen twd Måflgrel erkannt haben, eollen wfr tins bemOhen. leaes Bindemittel zu suchen, das bisher nicht befunden wurde. Nur ein aufrichtiges beiderseitiges Studium diem mialen RMsels wfotf uns <& Mitte! 2ur Heilung dir drohtifdfcngeSeilscImf tliclftm Krmfkheit zeigen: wftt ein HmMfcr g**«« werdfen, so darf er seine KrarlBUit déttlAwite fttftht ver»»ttfWher!.,r Auch in irtttem -jfcmrl Havi féek' (Karel Havltédfc* snahfc% tlifty)2 fttrflhrt M&ftttft die Judenfrage. In diéttiti >fcibt er die Qédanken dea. ttfrtlhmte&ifedHikhet! fubliiHfcn tøfer das Cécftprøftftttm unttfiber die BhianzfjÉtion der Juden wieder. Das letztere Thema behandelt Masaryk auslahrlich in seinem Werke „Die philosophische und soziologische Grundlage des Marxfsmus"4 (§ 120, S. 447—454). Øekaimtllch wurde die Judenfrage in den 40er Jahren des vortgen Jahrhunderts in Deutschland von den Hegelfartern Ifebhaft verhandelt. Max Stimer und Bruno Bauer béscftaftlgten sich mit der Etmmzlpattøn der luden, dieser in den Schriften „Die Judenfrage" (1843) und „Die Ffthigkeit der heutigen Juden und Christen frei zu werden" (1843). Ueber Bauer schreibt Marx in den Aufs&tzen „Zur Judenfrage" (Deutsch-Franzdsiche Jahrbiicher 1844) und „Heiligé Familie" (1845), ferner in der „Neuen Rheinischen Zeitnng" (1848-49). Er wies Bauers Formulierung der Emanzipation des Judentums als eng theologisch zuriick und stellte Behauptungen auf, die ebensogut von einem Antisemiten herrtthren k5nnten, z. B.: „Das Geheimnis des Juden ist nicht in stiner Religion zu suchen, umgekehrt ist das Geheimnis seiner Religion in dem wirklichen Juden zu finden. 'Welcher ist der weltliche Grund des Judentums? t)as prakt ische BedUrfnis, der E i g e nn u t z. Welcher ist der weltliche Kultus des Juden? Der Schacher. Welcher ist der weltliche Gott? Das Geld. Nun wohl! Die Emanzipation vom Schacher und vom Geld, also vom praktischen, realen Judentum, wåre die Selbstemanzipation unserer Zeit. .... Die J u d e n e m a n z i p a t i o n ist in ihrer letzten Bedeutung die Emanzipation der Ménschheit vom J u d e n t u m." Masaryk bezeichnet die Aufsåtzé von Marx tiber die Judenfrage als stylistisch interessant, denn sie zeigen den jungen Marx und seine Vorliebe. fiir starke Antithesen; seine Ausftihrungen selen blendend, aber nicht fiberzeugend, sie Seien schlauer, ais' es der wahren Losung der ernsten Frage gezieme. Masaryk kritisiert einzelne Punkte dieser Ausflihrungen und sagt: „Marx will in der jttdischeri Frage nicht die nationale, die Rassenseite sehen — und doch besteht diese; die Juden sind ein eigenes Volk, wenn sie auch ihre Umgangssprache aufgegeben haben. Die Sprache allein ist eben nicht das einzige und wichtigste Merkmal der Nationalitet." Masaryk meint weiter, Marx werde bei der Benrteilung der religiosen Seite der Judenfrage dUrch seinen Materialismus behindert, er reduziere in seiner materialistischen Einseitigkeit das Wesen des Judentums und Christentums auf den Egoismus. Er macht ihm zum Vorwurf, daB er die guten Seiten des jttdisehen Charakter s von den schlechten nicht unterscheide, weshalb sich sein Urteil iiber die Juden nicht sehr von deren Verurteilung durch Stimer bloB durch dfc SchaeBtrer, sondern auch durch Je- Evangelium, die Ritualmordlegende zu dessen Dogremias, Spinoza und selbst durch Christus charaktema. Die Juden wurden aus Gesellschaften, denen sie risiert.Masaryk sagt, Marx halm dis jiidische Problem dtltii von (Mt tiUlbrischtii und kulturellen Siite nicht begriffen. Dte Rezeptinn des Judbntums glurch <Ms Christentitttt, hauptsttcHIfch des Aften TéstamentSj sei eine stifr wichtig© Tfttsache. Marx behauptbt an einer Stelle, daB der Jude, wenn er die NicWtigkeit stilles praktistiten Wesens ^ihsieht und es 2u iiberwintfln tiicht, an der allge- IflÉinen menschliclien Emantiftition arbelte. Hiezu ttettierkt Masaryk:. „Ein Stiick dieser Reformarbeit erblicke ich im Z i o n i s m u s. Ich meine darunter nicht die Auswanderung nach Palttstina — die Juden konnen ruhig dort bleiben, wo sie sind, sie miissen aber. begreifen, daB ihr moralischer Charakter, ihre ganze Weltanschauung reformbedttrftig ist. Auf die Christen sich auszureden geht nicht an — das ist zum grdQten Teii nur Ieere Ausflucht. Den heutigeft Juden mangelt. es an der Selbstkritik der Propheten, es hålt sie iener eigentiimliche Objektivismus gefangen, der auch Mapt’ nationale Mitgift war. Aus Furcht vor der Majoritåt wagen die Juden nicht, in ihr eigenes Gewissen zu schauen: es ist wahr. Die Christen sind hier mitschuldig, aber doch nur mitschuldig. Die Juden sind, daB ist heute ihr groBer Fehier, mit sich selbst viel zu viel zufrieden. Dasselbe gilt allerdings auch vom antisemitischen Christentum." Masaryk Cr^klSrt schlieBlich den Umstand, daB Mhrvtang angehbrt hatten, ausgeschlossen, freund- Stiiaffliche Beziehtiftfen zwfsdfen ihnen und Nicht- JMUm wurden gelftst. In Prag mnd auf éem Lande, iffld selbst in Miihren, entlud die Erregung der Mwaen in Unruhen und Gewalttfitigketten. In den und Wohnungen von Juden wurden Fenster tiigMChiagen. auf den jttdisehen Friedhctfen Grab- Steirte umgeworfen, Leichenztige von Juden wurden behelligt und dgl. , Dieses wttste antisemitische Kesseltreiben, das sich aus dem Polnaer Mordfall entwickelt hatte, stieB auf Widérstand, und zwar nicht nur auf Seite der Juden, die durch die Bewegung unmittelbar bedroht waren, sondern es wiederholte sich eine Erscheinung, die man auch bei der Dreyfusaffåre zu beobachten Gelegenheit hatte: daB sich nttmlich in den geistig hochsten Schichten der Nation christiiche Månner fanden, die selbst unter empfindlichen personlichen Opfern sich fiir die Sache der Gerechtigkeit einsetzten. In diesem Falle Masaryk und der Dichter Machar. Siegmund Miinz gebuhrt das Verdienst, Masaryk veranlaBt zu haben, sich Hilsners anzunehmen. Masaryk schrieb ihm dariiber: „Sie haben zu meinem Polnaer Feldzug den AnstoB gegeben. Wenn Sie mich nicht um mein Urteil gefragt hatten, so wiiBte I ich vielleicht bis heute nicht, wo Polna Iiegt.''7 sonders einfluBreich; aus ihren Reihen wurden auch durch Viéle Jahrzehnte die Ortsrichter gewahlt. Wie beréits éfwahnt, war nach dem blutigen Kuruzzen- Oberfalle von tJirtg.-Brod im Jahre 1683 ein groBer TeiV der dortigen Gémeindeangehdrigen nach Wag- Neustadtf geiogén, und *hatte hier zur Kraftigung und geistigen Hebung der Gémeinde erheblich beigetragen. Wag-Neustadtl war die einzigfc Judengemeinde des ehéiftaligeir Ungarns, welche eine jttdische Mittelschule bbSaB, nSmlich die dasélbst seit mehr als 50 Jahren in Wlrtcsamkeit stehende jttdische Realschule. Diéselbe wurde linter der Ågide des dort in den Jahren 1855 bis 1898 wirkenden gelehrten und angesehenen Rabbiners Josef Weisse gegrttndet, eines gebttrtrgen Mahrcrs und Jfingers der damals bertthmten ProBnitzer Jeschibah. Die Eittftihr\mg des Dnalismus und die htedurch bfaturgtihaff éhWhdene (Jnterwerfung der slovakisfclién JkdetTsebaft unter die Hegemonie der magya- HscKenKtthur lobkér ten die geistigen Bande zwisétfenf mMfrtseher und slovakischer Judenschaft. Hoffetfthth werden diese Beziehungen nunmehr, nach ^e#-^ tvehhtiideii sthatllchen Grenzen, wiewerden, zum beiderseftigen Wohle und fm liftéMse des gesamten Judentums. (rorfsetzungfolgt.) -.... — man so viele Juden im sozialistischen Lager finde, die Anlehnung so vieler Juden an dep Sozialismus, fiirbegreiflich. Ein revolutiondrer Charakter sage sozial und politisch unterdriickten Menschen zu. In Deutschland håbe schon Heine fiir das Proletariat geschrieben und dessen revolutionaren Sinn gelobt, Las&tlle und nach ihm Marx seien Fiihrer des deutschen und fast schon des gesam ten Sozialismus geworden. Heine habé in Lassalle den Messias gesehen und sich gewiB ebenso wie Marx als Messias gefiihlt; allein der Marxsche Messianismus kranke an dem Fehier, den er selbst den Juden zuschreibt; der Marxismus sei zu praktisch, zu objektivistisch, lu materialistisch. Eine wichtige Rolle spielte Masaryk im Polnaer Ritualmordprozesse. „Polna ist ein Denkmal von Masaryks unbelohnter und unbedankter Liebe zur Gerechtigkeit."5 Der Sachverhalt des denkwiirdigen Prozesses ist etwa folgender: Am l. April 1899, dem Tage vor Ostern, wurde dicht an dem Wege von Polna nach dem Dorfe Klein-Wieznitz die I9jtthrige Håuslerstochter Agnes H r tt z a mit einer groBen Schnittwunde am Halse tot aufgefunden. Der Tat verdåchtigt wurde der 22jtthrige Schustergeselle Leopold Hilsner, der nach fttnitttgiger Verhahdlung (12. bis 16. September 1899) durch das Schwurgericht in Kuttenberg schuldig befunden wurde. Das Verfahren war von der mehr oder minder deutlich ausgesprochenen Annahme des Ritualmordes beherrscht; sie schien auch eiuen gewissen Auhalt in dem Gutachten der Gerichtsttrzte zu finden, nach deren Aussagen an dem Fundorte der angeblich vfillig ausgebluteten Leiche nicht genug Blut vorhanden gewesen war. Auf die Nichtigkeitsbeschwerde des Verteidigers Dr. A u rednidek hin forderte jedoch der Kassationshof in Wien ein Obergutachten der Cechisch-medizinischen Fakultåt Prdg. Nachdem die Fakultåt ausgesprophen hatte, daB das Gutachten der Gerichtsårzte unzutreffend sei, vielmehr das aufgefundene Blut dem mutmaBlichen Blutverluste entspreche, hob der Kassationshof das Kuttenberger Urteil auf und verwies den ProzeB vor das Schwurgericht in Pisek. In dieser erneuten Verhandlung wurde eine weitere Anklage gegen Hilsner erhoben, nåmlich wegen Ermordung der Marie Klima, eines Mttdchens aus Ober-Wie2nitz bei Polna, das seit dem 17. Juli 1898 verschwunden war und deren Skelett angeblich am 27. Oktober 1898 jin „Herrschaftlichen Walde" bei Polna gefunden w'urde. Nach I7tågiger Verhandlung sp/ach das Schwurgericht in Pisek am 14. November 1900 Hilsner der beiden Morde schuldig. Hilsner wurde zum Tode verurteilt, aber zu lebenstønglichem Zuchthaus begnadigt.6 Der Polnaer RitualmqrdprozeB besehåftigte die offentltche Meinuug ganz Bohmens. Der Antisemitismus, der bis dahin unter der Decke glomm, loderte, von der klerikalen Partei geschurt, in hellen Flammen auf. Den Klerikalen schlossen sich inbezug auf das antisemitische Programm auch die radikale und* liberale Partei an. Alle Cechischen Zeitungen mit Ausnahme des „Cas" stieBen in dasselbe Horn. Dei Am 22. Septepiber 1899 schickte Masaryk an Miinz einen Brief, dessen Veroffentlichung er ihm freistellte. Darin kniipft er an die judenfeindlichen AeuBerungen eines TeiLes der jungdechischen und radikalen Presse anlSBlich der Prozesse von Rennes (Dreyfus) und Kuttenberg an. Er schreibt: — -- — Gelegentiich des Kuttenberger Prozesses will ich mich nicht iiber den „Ritualmord" im allgcmeinen verbreiten. Dariiber sind die kulturgeschichtlichen Akten geschlossen. Allein erlauben Sie mir im Hinblick. auf den speziellen Fall folgende Betrachtungen anzustellen: Die Antisemiten werden es nicht milde, die Juden als das Non plus ultra der Schlauheit und Verschlagenheit hinzustellen; wie paBt nun zu diesen Eigenschaften die brutal-bldde Untat in Polna? Wenn heute irgend eine, offenbar geheime, Gesellschaft oder Sekte Menschenblut haben wollte? so wttrde sich ihr wahnsinniger Verbrechergeist seine unbekannten und schon im Leben verschollenen Opfer in den grdBeren Stådten suchen und nicht auf dem Lande. Vort diesem Gesichtspunkte beurteile ich alle die in letzter Zeit als Ritualmord angeftthrten Fiille; auch der Polnaer Mord widerspricht allen Voraussetzungen, die von den Antisemiten selbst in betreff des geheimen und geheim durchgeftthrten Ritualmordes gemacht werden. Solite sich aber irgendwo ein Unglticklicher finden, welcher der antisemitischen Suggestion erliegen wurde, so wSre auch dieser Fall auf Rechnung des Antisemitismus und seiner aufreizenden Propaganda zu setzen. So viel ich sehe, hat der antisemitische Aberglaube vom Ritualmord gegenwttrtig eine vorwiegend okonomische Bedeutung. Die Antisemiten geben vor, das Volk von den wirtschaftlichen Vampyren 'befreien zu wollen; ein Volk aber, respektive Volksschichten, welche in wirtschaftlichem Fetischismus groBgezogen wurden, werden de facto nur fiir die verschiedentlichen Vampyre jttdischer und christlicher Konfession geradezu prttpariert. Dieser antisemitische Aberglaube, wie ersichtlich, ist allgemein, ist international; gegen ihn ist darum gemeinschaftliches Auf treten aller Gegner angezeigt. Solite dieser Auf gabe diese meine AeuBerung irgendwie von Nutzen sein, so verfugen Sie iiber ihre Veroffentlichung." Im „Cas" erschien am 30. September 1899 ein Protest gegen den Ritualmordaberglauben. Dieser mttsse, so heiBt es dort, den Namen des Cechischen Volkes in Europa beschmutzen und herabsetzen. Masaryk schrieb in November 1899 in Sechischer Sprache (auch deutsch im Verlag „Die Zeit") eine Broschiire, „Notwendigkeit der Revision des Polnaer Prozesses." Die Broschiire wurde von der Behorde beschlagnahmt, weil sie zwar nach Beendigung dor Kuttenberger Verhandlung, aber doch wtthrend' des noch schwebenden Verfahrens veroffentlicht wurde. Die zweite (wichttgere) Schrift „Die Bedeutung des Polnaer Verbrechens fttr den Ritualraordglauben" wurde dann in Berlin (1900 bei A. S. Herrmann) verdffentlicht. Nebst den zwei genannten Sehr iften verfafite Masaryk eine Rtihe von Aufstttzen in deutscher und écchischer Sprache zum Poteaer Ritual * -mordrøozeB. Es-wilrde zh weft ttthren auf ^eren Inr Ihalt einzugehen; ihre AnfzUhlunr genUg^ wn zu zei-