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Jüdische Volksstimme · 1920-03-11 · Heft 11 (11.3.1920) · page 1

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXI (1920)
Issue
Heft 11 (11.3.1920)
Date
1920-03-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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JUDISCHE VOLKSSTIMME s Bezugsprelse: halbjahrig .. ganzjkhrig ....... 40.— Deutschdsterreich. Kronen 50.— Deutschland, ganzjåhrig .... 25.— Redaktion u. Administration: BrOnn, Krapfeng. 19. Buchh&ndlerische Vertretung: Otto Klemm, Lelpzlg. Inserate: der 6-spaltige Milimeterraum C. K —*30. Unverlangte redaktionelle ,Beitrftge werden nicht honoriert. Manuskripten ist RQckporto belzufflgen. Jahrgang XXI. BrOnn 11 Min teso. nrunn, 2I> Aiar 6680 Nummer 11. Masaryk und das Judentum. > 1 u seinem 70. Oeburtstage. Von Dr. Oskar D o n a t h.*) Thomas Garrigue Masaryk steht bei der gesamten Judenschaft in hohem Ansehen, seitdem er sich im Polnaer RitualmordprozeB, jener „Dreyfusiade“, die vor 20 Jahren die Oeffentlichkeit in B.ohmen und der ganzen Monarchie beschfiftlgte> im Gegensatz zu der weitaus groBten Zahl seiner Volksgenossen fiir die Unschuld des Angeklagten Hilsner einsetzte und gegen den Ritualmordglauben in Wort und Schritt kampfte. Dieser mannhaften Tat, derentwegen Masaryk den niedrigsten Angriffen seitens der antisemitischen Presse, der Studentenschaft und des StraBenpobels ausgesetzt war, wollen wir anlaBlich seines Siebzigsten Wiegenfestes mit Dankbariceit gedenken. Wir wollen des weiteren darlegen, in welchem Verhåltnis er zum Judentume stand d. h., inwiefern er mit jiidischen Kreisen Fuhlung hatte und welche Stellung er in seinen Schriften zur Judehfrage, einnintnlt. DaB’ diese Fragen im Rahmeji des vorliegenden Aufsatzes nicht eingehend, viel weniger erschopfend behandelt werden konnen, versteht sich von selbst. Masaryk stammt von armen Eltern. Seine Kindheit verlebte er zum Teil in verschiedenen kleinen Ortschaften der Umgebung von GOding, einer kleinen slowakischen Stadt Siidm&hrens, zum Teil in Gdding selbst. Die den Dorfkindern auch heute poch 'eigene angstvolle Scheu vor Juden, die ihnen sowohl zu Hause wie auch in der Schule anerzogen wird, empfand auch der kleine Masaryk, ehe er in G6ding mit Juden in Beriihrung kam und sich iiberzeugte, „daB kein Blut an ihren Fingern klebe“. Seine Sym- *) Prof. Dr. Oskar Donath, der Veriasser des Buches: „Aus Th. G. Masa ryks Leben**, stellte uns den Artikel frdl. zur Verfiigung. FEUILLETON. Zum und am NationalkongroB dar slovakischsn Judenschaft. Relseeindrficke von Dr. Theodor Haas (Briinn). (Fortsetzung.) II. Von Ung.-Brod ist es nicht mehr weit zur slovakischen Grenze. An dem malerisch gelegenen Schlosse Svétlau vorbei keucht die Maschine schwer bergauf, bis auf dem Pitiner Berge die Wasserscheide zwischen March und Wag erreicht ist, und wir nunmehr entlang des Laufes des Vlaraflusses und durch den inmitten waidiger Bergeshohen eingebetteten VlarapaB in die Slovakei gelangen. Ganz anders sieht es hier aus als vor 2 Jahren. Verschwunden sind die magyarischen Aufschriften, der unnatUrliche rot-weiB-griine Anstrich iiber dies,e rein slovakischen Gegenden ist trotz der schreienden Farben, mit denen er aufgetragen war, zersprengt. In Tepla, der Zugangsstation zum Weltbade TrenCin-Teplitz, iibersteigen wir in den Zug der Wagtalbahn, der uns durch eine romantisch set One Gegend flihrt. Zeugen des rltterllchen Mittelalters verden sichtbar, dit »ewaltige Ruin« TrtnCIn, w#Ipathie fiir einen Juden bewies er zum ersten Mal als Sekundaner der Auspitzer Realschule: Die Klasse unternahm einen Ausflug in die Polauer Berge. Unter den Schiilern befand sich auch cin Knabe jiidischen Glaubens, Leopold P r i 1 i s a u e r aus MikulCic bei Goding. Es war Freitag Abend, als die Oesellschait vom Ausfluge zuruckkehrte. (Der fromme Judenknabe entfernte sich, vyShrend die iibrigen in einem Gasthause rasteten, fiir kurze Zeit von seinen Mitschiilern, ging in eine Toreinfahrt, um das Gebet am Vorabend des Sabbaths zu verrichten. Als ihn seine Mitschliler bei der Andacht storten und wegen des Betens verhohnten, wurde Masaryk sehr bose, denn auf ihn hatte die inbriinstige ReligiositSt des Judenknaben einen tiefen Eindruck gemacht. Als Gymnasiast ziihlte Masaryk viele Juden zu seinen Mitschiilern. Am Briinner deutschen Gymnasium betrug die Zahl der Juden etwa den vierten Teii, am Wiener Akademischen Gymnasium die Håifte såmtlicher Schiller. Als Hochschiiler unterrichtete er im Hause des Direktors der Ånglodsterréichischen Bank S.ch le s in g und zwischen ihm und Seinem Zogling Alfred Schlesinger scheint ein inniges freundschaftliches VerhSltnis bestanden zu haben. Der junge Schlesinger weilte wåhrend der Ferien mit Masaryk bei dessen Eltern in Klobouk und nach bestandener Maturitåtsprtifung bezog er mit ihm die Leipziger Universitet. AIs junger Dozent hielt er an der alten Gepflogenheit fest, seine Horer an Teeabenden um sich zu versammeln und dabei’’ in ungezwungener Form wissenschaftliche Fragen mit^ ihnen zu erortern. Zu seinen Gasten zåhlten auch die jiidischen Studenten B e c k (spater phil. et med. doctor und Direktor der Irrenanstalt in Troppau).und F.lesch. Diese waren Masaryk so anhanglich, daB sie ihm, als er im Jahre 1882 an die neu errichtete Prager cechische Universitat berufen wurde, dorthin folgten, um den personlichen Verkelir mit ihm fortzusetzen. In Wien pflegte er freundschaftlichen Verkehr mit Prof. Theodor G o m p e r z. che sich malerisch ober der Komitats-Stadt gleichen Namens ausbreitet, die wie ein Adlerhorst auf schroffem Feisen sich erhebende Ruine Beckov links, und Cachtice (Csejte), ehemals der Sitz der schonen Grafin Elisabeth Bathory, welche, um ihre Reize zu erhohen, im Blute junger Mådehen badete, rechts von der Wag: Aber auch fiir uns mahrische Juden ist diese Gegend von historischer Bedeutung. Hier war der Sammelpunkt jener bdhmischen und mahrischen Juden, welche bei den in diesen Landern nicht selten erfolgten Pliinderungen und Juden verf olgungen seitens des Robels, aber auch bei den mehrfachen Vertreibungen der Juden aus manchen Stadten und aus dem ganzen Lande hier ihre Zufluchtstatte suchten und fanden. Auch die nicht gerade in brutaler *Gewalt sich auBernden Rechtsbeschrånkungen der Juden in B6hmen und Mahren trugen dazu bei, daB viele von ihnen diese Lander verlieBen und sich auf der Slovakei ansassig machten, wo ihnen mehr Rechte und mehr Bewegungsfreiheit eingeråumt waren. Um nSmlich ein allzu rasches Ånwachsen der jiidischen Bevolkerung zu verhindern, wurde den Juden in, Mahren durch ein Hofdekret vom Jahre 1726 die Verehelichung nur in der Welse gestattet, daB Immer blofi der alteste Sohn nach dem Tode des Vaters eine giltlge Ehe eingehen durfte, sodaB die mit 5106 Uzierte H&cbstzabl der „systeraisierten" FajniUeu nicht Sberscbrlttes werden dartte. Ueber sonstige Beriihrungspunkte Masaryks mit jiidischen Kreisen erfahren wir aus seinen Biographien nichts. Zweifellos waren aber soiche vorhanden, insbesondere in der spåteren Zeit mit cechischen Juden, denn diese gehorten ^m gr6Bten 'I’eile Masaryks Partei (den Realisten) an. Bemerkenswert ist, daB er sich als PrSsident einen Juden, den Schriftsteller u. Aestheten Dr. Georg G u t h, zu seinem Zeremonienmeister erwahlte. Masaryk, der an keiner aktuellen Frage achtlos vorbeiging, beschaftigte sich in, seinen Schriften wiederholt auch mit der Judenfrage; zum ersten Male im Jahre 1883 aniaBlich einer Besprechung von Renans „Le Judaisme comme race et comme religion" (Das Judentum als Rasse und Religion).1 Er referiert ausfiihrlich iiber das Werk des beriihmten franzosischen Semitologen und.nimmt zum SchluB zu dessen Ausfiihrungen Stellung. Er teilt nicht Renans Ansicht, daB der jiidische Monotheismus zur Weltreligion geworden, daB das Christentum ausschlieBlich oder auch nur zum groBen Teil auf dem Judentum begriindet sei, und*daB die Juden mit anderen europåischen Vdlkerh genau so vefmischt seien wie etwa R6mer und Gallier, Romer und Germanen, Germanen und Slawen. - Masaryks Gedanken konnen hier nicht in ihrem vollen Umfang wiederholt werden, nur die fiir die heutigen Verhaltnisse allerdings nicht mehr zutreffende Folgerung^am Schlusse seines Aufsatzes sei wiedergegeben: „Renan berUhrt die Judenfrage, besser gesagt den Antisemitismus nur indirekt und sehr zaghaft. Dabei ftihrt er, wie es scheint, den Beweis, daB die Juden eine gemischte Rasse seien, *hauptsachlich deshalb, um zu ihren Gunsten zu sprechen. Nun kann der bestehende Zwist nicht aus der Welt geschafft werden, weil er auf der Verschiedenheit von Charakteren beruht und weil der HaB der Volker nicht danach fragt, ob der Gegner reines Blut besitze oder nicht. Darum sollen wir beide, Arier und Semiten, erkennen, was uns voneinander trennt, welche Eigenheiten uns ge- Die Folge davon war, daB die jUngeren Familienmitglieder entweder nur nach dem mosaischen Rechte giltige, nach osterreichischem Rechte aber ungiltige Ehen schlossen, oder aber ins Ausland, hauptsachlich nach dem benachbarten slovakischen Ober-Ungam, auswanderten, um dort eine auch vom Staate anerkannte Ehe schlieBen zu kdnnen. Aus dieser Abstromung der iiberschBssigen mahrischen Judenschaft nach der Slovakei erkl&rt sich auch die verhaitnismaBig groBe Dichtigkeit der dortigen jiidischen Bevolkerung. Wahrend in Bohmen laut der letzten Volkszahlung die jiidische Bevdlkerung 1.47 Prozent, in Mahren 1.82 Prozent betrug, erreicht^ die Anzahl der Juden beispielsweise in den von uns passierten Komitaten Tren Cin 4 Prozent und Neutra mehr als 6 Prozent. In allen grdBeren Orten Jenseits der Karpathen- Grenze bildeten sich neue Judengemeinden oder wurden die bereits bestehenden gestftrkt Hiebei herrschte ein reger geistiger Kontakt zwischen den Judengemeinden Mahrens und der Slovakei, welcber sich insbesondere in der Beschickung der gegenseitigen Jeschibahs und in der Anstellung von Rabbinern und Rel)gionslehrern kuBerte. Selbst Kultussteuern wurden durch viele Jahrzebnte von slovakischea Qemeinden an ihre måhrlschen Muttergemelnden abgeftthrt - *v In Wag-Neustadtl, der Station, welche wir naph kurzer Fahrt errelcben, waren die Juden zulolge ibrer trroBto Anzahl und ibrer sozlatea SteKuns

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