Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 10 (4.3.1920)
- Date
- 1920-03-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 87% known words query
- IRI
…/2621806-2622069-2622079--4264-2625544- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
nJOMCBB tOUWTUMTC.' Nr. 10. fc«tae wirtschåftUche Kataøtrophø in PålAstina ent- øteht Dr. Jeøchua Caløb erklirt namens dør balsarischen Zionisten, daø sie, als politische Zionisten, die Arbeit und die Erfolge Dr. Weizmanns und Herrn' Sokolows als den wirklichen politischen Zionismus ansehen und feiern. Dr. Israel Caleb spricht namens der Zionisten Konstantinopels aus, daB gerade sie zu schåtzen wissen, was erreicht worden ist, und was diese Erfolge ffir die Zukuntt des jiidischen Volkes bedeiitet. Hermann Struck (rfigt die Resolution der Mtsrachikonferenz in Amsterdam vor. Nach einer kurzen Pause ergreift Herr Doktor Weizmann das Wort zu einer SchluOrede, in welcher er alle wesentlichen wåhrend der Generaldebatte vorgebrachten, Einwånde behandelt und bei dieser Qelegenheit die Qeschichte der wichtigsten Momente der politischen Arbeit der Ietzten Jahre darstellt. Er geht da von aus, daB es, wenn es sich um' das Endziel handelt, falsch ist, eine Differenz zwischen politisohen und nichtpolitischen Zionismus zu machen. Das Endziel war immer das gleiche. Der Unterschied kann nur darin gefunden werden, daB die Methode, die die sogenannten „politischen** Zionisten verfochten, zwar nicht falsch, aber unzulånglich und einseitig war. Deshalb wurde ihn eine Anschauung entgegengesetzt, die Dr. Weizmann selbst auf dem Haager KongreB der synthetischen Zionismus genannt hat. Und dieser Zionismus hat durch die Erfahrung'en und Erfolge seine glånzendste Rechtfertigung gefunden. Wenn jlie kolonisatorische Position in Palåstina starker gewesen wåre, so waren die politischen Erfolge und Sicherheitpn noch viel groBer. Im Sinne dieses synthetischen Zionismus milssen wir nun an die konstruktive Arbeit herangehen. Sie ist der Qrundstein der ganzen Zukunft. Dr. Weizmann schildert an zahlreichen Deispielen den EinlluB und die Macht, die die zlonlstlsche Organisation sich errungen hat. Dabei gibt er ein anschauliches Bild der Schwierigkeiten, die auf allen Gebieten haben tiberwunden werden milssen und von denen sich wettere Kreise bisher keine Vorstellung machen kdnnen. Des weiteren geht Dr. Weizmann auf die kommende Arbeit ein und zeigt, was sie fflr das Endziel bedeutet. Er unterrichtet auch fiber die Art der Beziehungen zu der englischen Politik und zum englischen Volke, ebenso unterstreicht er, welchen Wert die Leitung auf die Fdrderung des Zionismus durch die sozialistische Bewegung legt. Die Rede Dr. Weizmanns, der zum Schlusse darauf hinweist, daB unser Werk nur gelingen kann, wenn alle Zionisten sich bewuflt sind, welche Verantwortung auf ihnen liegt, und wenn sie mit geeigneten Kråften ffir das gemeinsame Ziel arbeiten, flbte einen gewaltigen Eindruck auf die ganze Versammlung. Der sttirmische Beifall verdoppelte sich, als die Herren Jean Fischer und Dr. Marmorek, deren Kritik den Eindruck einer gewissen Unzufriedenheit hervorgerufen hatte, sich spontan erhoben, auf Dr. Weizmann zutraten und ihm herzlichst die Hånd reichten. (Forts, f.) Der JOdische Nationalfond. Wir stehen vor dem verheiBungsvollen Wendepunkt unserer Geschichte, zu dem die entschlossene Tat nationaler Vorkåmpfer den Weg1 gebahnt hat. Das lang ersehnte Ziel des ifidischen Volkes, seine viele Jahrhunderte lange' Wanderung zu beenden, nach Hause zurfickzukehren und im eigenen Lande wieder seBhaft zu werden, reift der Erffillung entgegen. Machtvolle V61kér und Regierungen haben feierlich erklårt, unsere nationale Wiedergeburt im Lande der Vater zu f&rdern. Ob wir von den Taten, die diesen Erkl&rungen folgen werden, mehr oder weniger zu erwarten haben, sicherJst, daB uns der Frieden vor die Durchffihrung gewaltiger Aufgaben stellen wird. Und pr darf uns nicht unvorbereitet finden. Die Grundpfeiler zum Wiederaufbau des jiidischen Palåstinas miissen raschest errichtet werden. In einer solehen Zeit heifit es, alle Kråfte zu sammennehmen. Alles was iemals fiber nationale Opferwilligkeit und Bereitschaft gesagt wprdeji ist, gilt heute in verstfirktem Mafie. Mag die Judenfrage ffir die einen in der konkreten, materiellen Not unseres Schicksales, in der Not des Judenvolkes, ffir die anderen in der Not des Judentums, der Uidischen Kultur bestehen, heute sind sich alle darfiber klar, daB die einzige positive, das Judentum nicht verneinende Losung der Judenfragé eine jfidische Siedlung in Palåstina, die Schaffung einer Heimståtte ffir das jfidische Volk ist. Das Fundament jeder nationalen Kolonisation ist der Boden. Verffigt das jfidische Volk In seinvr Gesamtheit fiber das wichtigste Kolonisationsmlttel, fiber den Boden, so ist auch die gesunde Grundlage ffir die Entwicklung des zukfinftigen palfistinensischen Gemeinwesens geschaffen. Der Bestand der jiidischen Siedlung Ist nur gesichert, wenn das jfidische Volk wieder mit der heimatlichen Scholle verwåchst und den Ertrag des Bodens eigener Hånde Arbeit verdankt. Der Boden Palåstinas soli frei sein ffir jeden unter uns, der ihn selbst bearbeiten will. Ffir die Schaffung einer selbst arbeitenden jiidischen Bauernschaft aber ist die Ansiedlung der verjnfigensschwachen und besitzlosen jiidischen Massen unentbehrlich. Diese Massen kbnnen nur unter Mitwirkung eines nationålen Landfonds seBhaft gemacht werden. Und unserem nationalen Laudfond, dem JiidisOhen Nationalfond (vor Ihnen) sind folgende Attsfilhrungen gewidmet: I. Der Zweck des J. N. F., in der Formulierung, wie sie jedem seiner Spendenausweise vorangestellt erscheint, ist so bekannt und gelåufig wie das Basler Programm selbst. Der J. N. F. ist dazu bestimmt, in Palfistina Grund und Boden als unveråuBerliches Eigentum des jiidischen Volkes zu erwerben, und ,dadurch den nationalen Charakter der jiidischen Siedlung dauernd zu verbiirgen. Darnach stellt sich der J. N. F. mit seiner scharf umgrenzten Sonderaufgabe, als eines der Mittel dar, die der Schaffung eines jiidischen Palfistina dienen. Wir wissen, daB eine ganze Reihe von Mitteln in harmonischem Zusammenwirken bestimmt und geeignet ist, uns dem hohen Ziele nåher zu bringen. Wie kommt es nun, daB der J. N. F. als Liebling nicht nur der Zionisten, sondern darfiber hinaus weiter jfidischer Volkskreise den anderen zionistischen Schopfungen, was Volkstfimlichkeit anbelangt, den Rang abgelaufen hat? Die Popularitfit des J. N. F. ist nicht erst entstanden, als er nach einigen Jahren zagen Zuwartens ernstlich daran ging Land zu erwerben und nicht erst, als er das erworbene Land unter Pflug und Hacke nahm und allmfihlich ein reichgegliedertes System kolonisatorischer Arbeit ausbaute. Durch solche Arbeit wuchs seine Popularitfit wohl, doch ihr Geheimnis scheint darin zu liegen, daB der J. N. F. jedem Volksgenossen Qelegenheit bietet mitzutun. Es mag nicht jedermanns Sache sein, sich auf diesem oder jenem Spezialgebiet zu betfitigen, aber dem Volksschatz etwas geben, das trifft jeder Jude. Und wer einmal im BewuBtsein, daB seine Spende ein Beitrag zu einem groBen verheiBungsvollen Werke~ist, gegeben hat, der wird von Befriedigung und Stolz erftillt werden; denn dies Werk ist mit s e i n Werk. Er wird wieder und wieder geben, damit das Werk rascher wachse und wird — wie ,oft — aus einem Spender zu einem Sammler. Und noch einsl Der J. N. F. ist das verlaBlichste MeBinstrument ffir das Wachsen der zionistischen Bewegung. Mit dieser ist unser Volksschatz von Jahr zu Jahr gewachsen, nicht nur absolut, auch sein Jahreseinkommen aus allen Lfindern, wo Juden siedeln, zusammengetragen, reckte sich hoher und hoher; das Ergebnis vieltausender Opfergaben, viel tausender Bekenntnisse, viel tausender Bekrfiftigungen von Treue und zuversichtlicher Erwartung. 1901 auf dem 5. ZionistenkongreB auf Anregung Prof. Schapiras gegriindet, hatte der J. N. F. zunfichst einige Jahre zur Organisation, Ausgestalturig und ersten Propaganda notig. Dann muBten aiich noch prinzipielle Widerstfinde tiberwunden werden, welche von.vielen Seiten gegen die sofortige Aufnahme måhlich drang die Ueberzeugung durch, daB in der organischen Entwicklung der jiidischen Siedlung und in ihrer planmfiBigen Ausdehnung die beste Methode gegeben ist, um eine immer steigende Zahl von Juden zu freien, doch wurzelfesten Menschen Palfistinas zu machen, wåhrend Konzessionen, so wichtjg ihre Erlangung auch ist, nichts ntitzten, wenn nicht vorher schon die Methoden der Kolonisation erprobt, ein Stamm ttichtiger jfidischer Landwirte herangezogen, ferner im Lande die Grundlage einer ifidischen Wirtschaft, Erziehung usw. erstanden waren, auf denen dann im groBen MaBstab weiter gebaut werden kponte. Gerade diese Anffinge waren am allerschwersten und gerade am Anfange durf te der J. N. F. seinen Tåtigkeitsbereich nicht allzu eng begrengen und muBte. dort, wo Aufgaben zu erftillen waren, welche nicht in direktem Zusammenhang mit seinem speziellen Zweck standen, aber im ifidischen Gesamtinteresse lagen, helfénd eingreifen. Es gibt in jedem Gemeinwesen eine Unzahl von Aufgaben, die gleich dringend, gleich wichtig sind und daher nicht nacheinander gelbst werden kdnnen. Man kann nicht etwa durch einige Jahrzehnte bloQ koloaisioreft ohne gløleheøttig ffir Erafeamig und Unterricht der Kolonistenkinder zu sorgen, oder sich gar nicht um die gewerbliche Ausbildung der jiidischen Proletarier kfimmern. Das muB man sich vdr Augen halten, wenn man die anffingliche Tfitigkeit des J. N. F. betrachtet und sie vielleicht als eine allzu vielffiltige ansieht. II. Auf dem 6. ZionistenkongreB ist eine ..Kommission zur' wissenschaftlichen and praktischen Erforschung Palåstinas** eingesetzt worden. Es war ihre Aufgabe Mittel und Wege zu finden, um dem verwahrlosten Lande seine frtihere Kulturbliite wieder zu geben. Die Kommission erkannte bald, daB die Aufforstung Palåstinas eine unserer wichtigsten Aufgaben sein wird. Noch heute findet man auf den Bergen Judåas und Efraims Spuren der reichen vPflanzungen, die unsere Ahnen pflegten. Wåhrend der langen Galuth, in deren Verlauf Erez Israel von Fremden heimgesucht ward, verlor das Land den segensperidenden Schatten der Båume und die Folge war, daB Båche und Quellen vertrockneten. Ungehindert verschfittete der Flugsand groBe Strecken Kulturlandes und die unbebauten Tåler versumpften. So hat-der Mangel an Wåldern dem Lande schweren Schaden gcbracht und stort jetzt seine Entwicklung in vielen Hinsichten. Nunmehr, da wir den Wunsch haben, aus den alten Ruinen unseres Landes neues Leben erbliihen zu sehen, miissen wir daran gehen, die Wiederaufforstung durchzuftihren, um dem Lande Schatten und hoheren Feuchtigkeitsgehalt der Luft und des Bodens zu geben. Die Aufforstung eines Landes gehort zu den wichtigsten volkswirtschaftlichen Aufgaben, die in der RegeLvom Staate in Angriff genommen wird. In unserém Falle is-t es Sache der gesamten Judenheit. Auf Vorschlag der erwåhnten Kommission wurde 1904 der Verein „Oelbaumspende" gegegriindet, der die Propåganda zugunsten der Aufforstung begann. Spater wurde die Verwaltung des Vermogens der Baumspende dem J. N. F. tibertra* gen, der die Sammlung in groBerem Stile organisierte und die Pflanzungsarbeiten in Palåstina leitet Der J. N. F. stellt den Boden, die Gebåude und die Bewåsserungsanlagén bereit, so daB die Pflanzungen ffir alle Z^iten — gleich Grund und Boden — Eigenturn des jiidisdhen Volkes bleiben sollen. RUNDSCHAU. JUDISCHER NATIONALRAT Fl)R DIE CECHO- SLOVAKISCHE REPUBLIK. Bérlcht fiber die Pråsldialsitzung am 17. Feber. (Die Wahlbewegung in der Slovakei. — Die Organisierung der slovakischen Juden. — Interventionen bei verschiedenen Regierungsstelten und Korperschaften. — Die Mazzothversorgung. — Die Kriegsgefan- * genenfrage.) In der ani 17. Feber stattgefundenen Sitzung des Jiidischen Nationalrates erstattete zunåchst der Vizeprasident Dr. Max Brod* einen Bericht fiber die Situation in der Slovakei, insbesondere fiber seine Vortragstournee, auf der er die ostlicher gelegenen Stadte der Slovakei besucht hat, und fiber die Wahlbewegung. Dr. Brod bezeichnet die Stimmung in der jiidischen Bevolkerung ffir die jiidischen Wahlen als sehr gfinstig und erwåhnt, daB es vielfach gelungen ist, in den Orts- und Kreiswahlkomitees alle Richtungen des slovakischen Judentums zu vereinen. Sein Bericht wird von dem ebenfalls aus der Slovakei zuriickgekehrten Herrn Markus U n g a r ergånzt, der fiber die Verhandlungen mit orthodoxen Personlichkeiten und fiber die Arbeiten des Volksverbandes berichtet. Im AnschluB an beide Berichte entspinnt sich eine långere Debatte fiber die.Richtlinien, die der Jfidische Nationalrat dem Volksverband bei seinem weiteren Vorgehen anempfehlen solle. Dr. Singer gibt den Inhalt einer Unterredung mit dem Minister des AeuBeren Dr. BeneS bekannt, von dem er am Tage. vorher empfangen wurde. Seine\ Mitteilungen werden mit Befriedigung zur Kenntnis genommen. Prof. Dr. Alfred Engel erstattet einen Bericht fiber die Vorsprache einer Abordnung des N. R. im KulturausschuB der Nationalversammlung. Hiebei gelangte die seitens des Kongresses der jiidischen Mittelschul- und Volksschullehrer in Olrnutz an die Niationalversammlung gerichtete Petition * zur Erorterung. Die Abordnung des N. R. konferierte mit dem Referenten Prof. KreiCf, mit Prof.. Dr. Srdinko und