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Jüdische Volksstimme · 1920-03-04 · Heft 10 (4.3.1920) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXI (1920)
Issue
Heft 10 (4.3.1920)
Date
1920-03-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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mh ii jtptacm volksstimme,* Nr. 10. reaktionSren Wahlrechte iibergangsweise hfttte gefal- Ien lassen kOnnen, welches aber an dan Errungenschaftett der Revolntionszeit mit MiBachtung vor* iibergeht. Gerade iene Herren, welche einer Partei angehbren, die sich demokratisch und freiheitlich nennt, die in dem von ihaao bezahlten Wahlbtette „die Freiheit" mit einem Sebwall von Worten immer wieder betonen 2u mUssan gl*uben, daB sie ffir dia Erfiillung aller modemen jdeatrebungen eintreten, karaten in diesen Konventitøin ain Wahlrecht, welohes nicht nur die Frasen auaochliefit, sondern auoh daa Wahlrecht der Mfinner auf einer Grundlage aufgebaut wissed wdlfen, die diesen Herren ftir akaehbare Zeit die Majorlt&t in der Kultusgemeinde sichern soli. Wer sind iene Herren, welche plotzllch auf den Plan getreten sind, um in den Wahlkampf einzutreten? Sind es solche PerSonlichkeiten, welche infolge ihres w^rmen Interesses filr Jildische Angelegenheiten die Wege weisen wollen, die zur Verwirklichung dieser Interessen ftihren? Sind es nicht solche Personen, die bel leder sich darbietenden Gelegenheit ihr Judentum zu bemånteln suchen, die nur in schilchterner Weise und auch da nur an hohen Festtagen, nicht aus Ueberzeugung, sondern aus Pietat gegen ihre Vorfahren den fempel betreten und im Uebrigen das ganze Jahr froh sind, wenn sie vom Juøenturoe nichts horen? Sind es nicht solche Personen, welche aus gesellschaftlichen Riicksichten es ruhig gewåhren lassen, wenn Keulenschlåge gegen das Judcpitum gefUhrt werden, solerne sie nur in irgend einer Ecke upgeschoren da stehen durfen? Mit welchem- Rechte maBen sich diese Herren an, das entscheidende Wort in Angelegenheiten zu f Uh ren, filr die sie nicht dos geringste Interesse und Verståndnie haben? Wie durfen diese Herren eine Macht in Anspr.uch nehmen wollen, die ihnen nicht gebiihrt? Glauben diese Herren, daB die jildische Bevolkerung heute npch auf einer derartigen tiefen Ghettostufe ste;ht, daB sie es sich ruhig bieten lassen wird, daB Personen, die sonst mit ihnen gar keinen Zusammenharig haben, bloB kraft ihres Vermogens die Herrschaft iiber sie ausiiben? Diese Zeiten sind vortiber! Das Volk ist miindig geworden, es will sein Sqhicksal selbst in die Hånde nehrnqn, weil es ganz gut weiB, wohin es durch den MiBbrauch, den diese Herren mit den Kultusgemeinden zt$, Untersttttzung ibrer eigenen Macht betrfeben hatten, gekommen ist! Die Kultusgemeinden sollen zu Volksgemeinden ausgestaltet werden und dazu sind die auf den Plan getreteoen Personlichkeiten auf Grund ihrer Vergapgenheit und infolge ihrer ganzen Veranlagung unfåhig. Dazu sind Mfinner notwendig, die ein warntftthlentøs Herz fiir das Judentum haben, die genau wjssen, w:o tins Juden der Schuh drlickt, die erforderUchenfaUs entschiossen sind, mit Hintansetzwftg Porsdnlichor Interessen den Kampf gegen alle. Feinde des Judentums aufzunehmen. Das oJJene und aufrichtige Bekenntnis zum Judentume ist die Voraussetzung des Eintretens fiir JUdMø Interessen, Rlickgrat auf der einen Seite, Takt und Zur&ckhaltung auf der anderen Seite! Haben die vorgenannten Herren diese Qualitdten? Weau sie sifi nicht haben, dann rufen wir ihnen zu: Hånd weg von ons Juden! Wir hpffen, daB unser^ iudischen Gegner diesen Mgtøuuf, den wir ruhig, aber deutlich und vernehmbajr an sie richten, verstehen und uns nicht zwingen werden, ihn deptlLcher ,und vernehmbarer ei Wingen zu lassen! Dr« A- Fr — v Prasident Prof. Dr. Masaryk. — Z u m 70. G e b u r t s t a g. — Arp 7. Mfirz 1920 begeht der Prasident der Republik seinen 70. Geburtstag. Ein Mann, der auch von uns Juden geehrt und gefeiert zu werden verdient. Stets bereit, fiir Interessen des Judentums einzutreten, hat es Masaryk durchgesetzt, daB unsere Nationalitet anerkannt werde und niemals geduldet, daB einem Juden seines Judentums wegen ein Unrecht geschehe. Als Gelehrter hochbertihmt, als Ethiker gefeiert, aufgehend in Wahrheitsliebe und Gereehtigkeit ist es ihm ietzt an seinem Lebensabend vergbnnt, die Kronung seiner Lebensarbeit zu erleben. Eine vollkommene Wtirdigung dieser so hochberOhmten Persbnlichkeit halten wir uns noch bevpr: Heute kdnnen wir aher ruhig sagen: Ecce homol 4 ... , ku l. . Purlm 5680. 1. Achaschwerosch. „Das ist Achaschwerosch, der regiert von Hodu bis Kusch, von Indien bis Aethiopien, iiber 127 Satra*- pien.“ Hier sehen wir ihn in seiner ganzen Gestålt, den Despoten, der herrscht iiber die Leiber urfd Seelen, dem al 1 e s?ur Verfttgimg steht, vom Indus bis zum Nil. Er verftigt iiber Menschenleben und iiber Menschengiiter, unumschrånkt. Was sind Volker fiir ihn? Seine Minister, seine Veziere sind seine Kreaturen, sie kriechen vor ihm und vor Schrecken erstarrend, den Nacken gebeugt, vollstrecken sie seine tyrannischen Befehle. Achaschwerosch, er ist der Nachfolger Nebukadnezars und Belsazars, der babylonischen Despoten, das Vorbild des Kbnigs mit dem frechen Antlitze, des Syrers Antiochus, in ihm spiegelte sich einer spåteren Zeit, jener Titus, der die heilige Stadt dem Erdboden gleich machte, Titus, die Wonne des Menschengeschlechtes, der den heiligen Tempel zu verbrennen befahl. Und noch eines Anderen Gestalt steigt empor vor unserem geistigen Auge, wenn wir von dem persischen Tyrannen lesen, es ist die des siifllichen Hellenisten Hadrianus, gegen den Bar-Kochba sein Schwert zog, um, mit den geistigen Waffen eines Rabbi Akiba vereint, Juda seine Freiheit zu erkiimpfen . . . Wir kennen sie wohl alle die Despoten in alter, mittlerer und neuer Zeit, die iiber unser Volk verfiigten, gesetzlos, schrankenlos. Wir waren ihnen ausgeliefert, ihnen und ihren Hamans. Und sie vermochten iiber uns nichts, dank unseren Mordechais und Esthers. Fiir sie alle kam ihr P u r i ni, ihr Loostag. Gestiirzt wurden sie und Juda besteht fort. Ihre Tiicke und Rfinke hat Vergeltung getunden. Achaschwerosch, er kannte das Judenvolk nicht, nicht seine Helden und Heldinnen, nicht seine Propheten und seine Volksniånner. Was wuBte er von einem Voike, das einen Moses hat erstehen lassen und einen Jesaias, eine Deborah und eine Ruth! — Er lieB sich von einem Ratgeber betoren, der in wilder, eitler Rachsucht ein ganzes Volk vernichten wollte, weil E iner aus diesem Voike, ihm nicht willfahrte, aufrecht, wie er war, sich nicht beugen und ducken mochte. Achaschwerosch^ was wuBte er von dem starken Helfer und Retter Judas, der nicht schlåft und nicht schlummert. In einer Nacht war es, da strahlte der Stem Jakobs auf, leuchtend, glånzend, wie einst der fremde Seher, Bileam, der Volksvernichter, verkiindet, und Juda siegte iiber Amalek, Juda iiberwand den Volksvernichter. Und Achaschwerosch, der iiber 127 Satrapien Herrschende, mochte erkennen, ,daB es einen mSchtigeren Herrscher gebe, wie dies die Pharaonen und Sanherib, wie dies die Nebukadnezar und Belsazar und alle ihre Nachtreter in spåterer Zeit erkannten. Das ist die welthistorische Lehre, die wir aus der Megillath Esther ziehen. Judas Volkskraft ist unzerstorbar. Ein kleines Buch ist diese Megillah, aber die kleine Rolle spricht Bande. Juda siegt iiber die Tyrannen. Mardechai iiberwindet Achaschwerosch. 2. Mardechai. „Ein jiidischer Mann lebte in der Hauptstadt Susa, und sein Name war Mardechai.’* — Er reckt sich empor vor unseren Augen, dieser Mann, mit dem steifen Nacken. Wir sehen ihn in seiner ganzen Grofie. Vom fremden Glanze, von der Oppigkeit Schuschans will er nichts wissen, er spottet der irdischen GroBe, er bieibt in der Fremde ein Jude und nichts als Jude. Und stammt er auch von koniglichem Blute, er bieibt der einfache Jude und gedenkt der Verbannten, mit denen seine Vorfahren einst weggezogen von den heimatlichen Gefilden, als sie der Babylonier weggefiihrt. Seinen Erinnerungen lebt er in der fremden, groBen Stadt, er weiB, daB auch fiir ihn der Tag kommen wird, der Tag des Herrn, Purim, der Loostag. Er weiB es, welchem Voike er angehort. Ein solches Volk kann nimmermehr niedergetreten werden. Er spottet Hamans Hinterlist. — Und wie måchtig w&chst Mardechais Gestalt . vor uns empor, da er fiihlt, daB er zum Retter seines Volkes bestimmt sei! Da gibt &s fiir ihn kein Besinnen, kein Ueberlegen, keine heuchlerische Treulosigkeit, kein falsches Bedenken. Sein Volk ist in Gefahr. Was gilt ihm in diesem schrecklichen Augenblicke seine Person? Aufbdumt sich sein gottlicher Zorn gegeh Unterdriickuhg und Vernichtung seines Volkes, ein zweiter Jeremias schreit er iiber Ungerechtigkeit und Cewalttatigkeit. Und nicht ruht und rasitet der jildische Mann, der Jildische Held, bis er dem eitlen Tyrannen, dem Amabekiten, die Larve von dem heuchlerischen Antlitze gerissen. — Welch’ ein Buch. die Megillath Esther! Ein Buch tier Lehre flir unsere jiidischen Månner, tjicht nachzujagen dem fremden, gieiBenden, schillernden Glanze, sondern sich ihrem Voike zu opfern, fiir dieses zu kåmpfen und zu siegen, fiir dieses einzutreten und zu ringen, bis daB er kommt, der Loostag. Sie befolgten die Lehren dieser Rolle unsere GroBen, unsere Volksrnånner, sie haben sich nicht gescheut, fiir ihr Volk sich zu opfern. Wir haben zu allen Zeiten Mardechais besesSen, denn wie hatten wir sonst die Hamans besiegt, die Hamans aufierhalb und innerhalb unserer Pforten? Wir haben uns zu aller Zeiten der Manner geriihmt, die es fiir ihre hochs'te Ehre hielten, jiidische Manner genannt zu werden, gleich Mardechai. Und das ist unser Trost, unsere Erhebung, unsere Kraft und Starke, wenn die Nacht des Leides sich rings um uns niedersenkt. Kleinmut und Verzweiflung, sie mussen schwinden, gleich den finsteren Nebeln vor den Strahlen der aufgehenden Sonne. Darum laBt uns mit Aufmerksamkeit lesen das Buch, das wie kein anderes unsere nationale Starke mit dem Worte des Dichters und Geschichtsschreibers verklart. Nichts vermag Menschentiicke gegen uns, das kundet uns die starke Persdnlichkeit, genannt Isch Jehudi Mardechai. 3. H a m a n. „Der Konig hatte ihn groB gemacht.” Wie fein zeichnen diese Worte des Buches Esther den Agagiten Haman, der nach alter Ueberlieferung von dem meuchlerischen, tiickischen Voike Amalek stammte. „Denke daran, was Dir Amalek getan hat.” Wie soilten wir dieB vergessen. Spiiren wir es nicht an Leib und Seele? Amalek verleumdete uns, bekampfte uns mit giftigen Waffen, dichtete usn Mord und Brunnenvergiftung an. Alles ScheuBliche, alles Gemeine hat Amalek dem Judenvolke zugesehrieben. Leset doch das Buch unserer Geschichto und ihr werdet erfahren, was Amalek und die Hamans aller Zeiten als tiickische Anklage gegen uns zu erheben sich erkiihnten. Unsere Alten haben Haman mit der Schlange im Paradiese verglich'en. Ein tiefsinniger Vergleich, eines groBen Dichters wiirdig. Haman, das ist die Schlange, die Anklagende, der Satan, der Kategor, der Ahriman, der Diabolos. Was die schwarze Seele denkt, das mutet sie dem Unschuldigen zu. Wer war Haman, daB er es wagen konnte, ein ganzes zes Volk zu verderben? Was hatten ihm die unschuldigen Kinder getan, die er von der Mutter Herzen reiBen wollte? Fragt ein Haman danach, wie viel unsågliches Ungliick er bringt iiber unschuldige Ménschen? Wenn er nur in seiner GroBe und Machtfiille sich wiegt, mit seinem betorten Herrscher beim Weingelage sich ergotzen kann, mag daruber ein ganzes Volk untergehen. Wir kennen sie die Hamans aller Zeiten. Leset wieder und wieder die blutigen Jahrbiicher unserer Geschichte und ihr werdet aus ihnen erfahren, wie Haman Schule gemacht, wie wir biiBen muBten fiir die Verbrechen, die zu allen Zeiten begangeh wurden, wie man uns als den Schandfleck der Menschheit, als die Verråter der Volker hinstellte, wie man mit heuchlerischem Augenverdrehen uns des mangelnden „Patriotismus” zieh, weil auch wir das verlangten, was man anderen Volkern zugestand. Atmen in der freien Luft, Freiheit, oder, wie sie es heute nennen, Selbstbestimmung. Die gonnte man uns nicht. Und darob das Gezeter der Hamans aller Zeiten. „Zerstreut leben sie und betrachten sich doch als Volk”, ohne es zu ahnen, haben die Hamans eine Wahrheit ausgesprochen, ohne und gegen ihern Willen. Ja, uns verbindet alle ein starkes Band, das muBte Haman erkennen an dem Tage, der auch fiir ihn ein Loostag war, da sie iiber ihn spotteten in den StraBen Schuschans, Mardechai hoch zu Rosse saB, und Haman besehånit neben ihm einherschritt. Und das Weib Hamans sprach die ewig wahren Worte: „Ist Mardechai aus dem Stamme Jehydas, dann wirst du, eitler Tropf, nichts iiber ihn vermogen," Wir besiegten schon andere Gegner, als Ham^n, die mehr waren als er. Und wir bestehen fort, und blicken hernieder auf den gestiirzten Haman. '4. Esther. „Sie fand Gunst in den Augen des Konigs, ein konigliches Diadem setzte er auf ihr Haupt, und erhob sie zur Konigin an Stelle Waschtis.” In ihrer Anmut und Lieblichkeit und Schone sehen wir die Jii* din, das Miindel Mardechais, Hadassah, die Myrthe, wie einen leuchtenden Stern sich aus der Stille der Verborgenheit zum Glanze des Konigsthrones sich „MakkabP Vereln fflr Tuman und Sport fMiu-Wai8-Redoute“ «^p| Sonntafl, don 7. Mirz 1920, Turnhalle Zeile.

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