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Jüdische Volksstimme · 1920-02-26 · Heft 9 (26.2.1920) · page 6

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXI (1920)
Issue
Heft 9 (26.2.1920)
Date
1920-02-26
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Stf»* ffJOMCHE VOH8WIMffB*a Nf. 0 VON WOCHE ZU WOCHE. Wåhlmatzchen. Brlinn steht vor den Qememderatswahlen, der Kampf ist heifl und oft sind die Energien tatsåchlich eines Edleren wert. Die Juden Brflnns sind aber mm einmal verliebt in die „deutschdemokratische Freiheitspartei" und da die Liebe, namentlich wenn sie ungliicklich ist, eine schwere Psychose bedeutet, sind sie, unsere Juden nSmlich, unheilbar. Das offizielle Organ der deutschfreiheitlichen Partei ist der „Tagesbote". Dieser versucht nun durch Angst die ungluckliche Liebe der Juden zu schiiren und veroffentlicht unverantwortlich mitten zwischen Ankflndigungen der „deutschdemokratischen Freiheitspartei" eine Pogromnachricht im Abendblatte vom 18. d. Hålt der „Tagesbote" wirklich die Juden flir so dumm, daB sie auf derartige Måtzchen hereinfallen? Sieht sich der „Tagesbote", der ausschlieBlich fUr Juden geschrieben wird, gezwungen, auf solche Art und Weise jtidische Wåhler zu fangen? Wir bedauern die Partei und ihr Blatt, wir klagen aber jene Juden on, die durch Einschtichterungen solch’ gefåhrlicher Art jiidische Stimmen gewinnen wollen! Wehe EuchI Ihr deutschdemokratischen Juden, wenn es zum Pogrom kommt. Huszar. „So man rote Teufel nennt, Ungarlands Husaren" hat im Weltkrieg ein lyrisch angehauchter jiidischer Offizier geschrieben, der im Zivilverhåltnis Fabriksdirektor ist. Der ungarische Ministerpråsident Huszar ist aber scheinbar aus einem roten ein weiBer Teufel geworden; der es in erster Linie auf die Juden abgesehen hat. In der Eroffnungsrede der ungarischen Nationalversammlung, die eher einem Kasino der groBen und kleinen Orundbesitzer gleicht, denn einer Volkervertretung erklårt er: Der Abschaum einer degenerierten Rasse hatte die Macht an sich gerissen. So! also die Juden, die, wenn iiberhaupt von magyar. Kultur gesprochen werden kann, alles getan haben, was diesen Namen verdient, sind nun zum Abschaum einer degenerierten Rasse geworden! Gottliche Naivitåt der ungarischen Assimilanten, die alle Juden auffordern, eingedenk zu sein Ihrer genossenen magyarischen Erziehung und alliiberall fiir Ungarn einzutreten. Kommt einem nicht die Schamrbte ins Qesicht, wenn man den Ausruf des, Dr. Elias Adler lieBt: „Der Duft, der Odem ungarischen Bodens, ungarische Gråser, ungarische Herzen, das Aroma ungarischen Obstes und die Musik^ ungarischer Worte erziehen, umringen euch auch fernerhin.In der Schule, im Tempel, draufien auf den Auen, drinnen in den Wåldern, oben auf den Bergen, unten in den Fluren-iiberall håbet Ihr Erinnerungen."-Und wo bleibt Csardas? Cigany, Tokayer? Und wo bleiben Huszar, Friedrich, Szemere? Wo bleibt der numerus clausus an den Universitåten? Wo bleiben die Pogrome in Keczkemet? Wo die Christlichsozialen? Wo der Abschaum einer degenerierten Rasse? O* daB doch!- Blicket nur ruhig in Euere Zukunft Ihr ungarischen Juden, denn Euere jetzigen Fiihrer und Vertreter werden Euch beschiitzen! Heil Ihnen! Eljen! * * Ottakar Graf Czernin! Wie man sich irren kann! Ottakar Graf Czernin war fiir mich stets ein Mann, der unter Oesterreichs politischen Aristokraten eine hohere geistige Stellung einnahm. Nun hat ihn die Judenfrage entlarvt, fiir mich der beste Kulturgradmesser. Als Czernin noch nicht Minister, sondern nur der „kommende Mann" war, da schrieb er sich die Finger wund, fiir die Gleichsteilung der ungarlåndischen Rumånen. Die „Oesterrcichische Rundschau" der 12. und 13. Jahre brachte stets Artikel von Czernin, die nichts anderes wollten, als in Zisleithanien Stimmung fiir V a j d a-V o e v o d, Popo v i c i und Konserten. Von der magyarischen Gentry daroh gehaBt, von Franz Ferdinand geliebt. So wurde Czernin Gesandter am Bukarester Hof, wo er und die Konigin Mary einander sehr gerne gesehen haben sollen. Was aber nicht verschlug, daB Rumånien im Jahre 1916 an Oesterreich den Krieg erklårte. Dann auswårtiger Minister, Leiter beim Brest-Litowsker Friedensvertrag; noch einmal von der Geschichte Wogen emporgehoben als Veroffentlicher der „Kaiserbriefe". Nun ist er in die Versenkung gefallen. Seine „Erinnerungen" konnen ihm die Popularitåt nicht mehr bringen, so versucht er es mit dem Antisemitismus, der den Aristokraten ja nie fremd war. Wir lesen in „Das néue Reich" Judentum und Revolution sind unze r tr ennliche Begriffe. Der einzige wirkliche Sieger imWeltkrieg ist — bisher — der Jude. .Mfigen wir den Tag erleben, wo diese Ueberzeu- Igtmg sich Bahn bricht, wo den christlichen Volkern endlich die Schuppen von den Augen fallen und wo der als fortschrittlich gepriesen wird, der gegen die I s e m i t i s c h e Fremdherrschaft die Lanze ziickt. — — M6gen wir den Tag erleben, an dem der als fortschrittlich gepriesen wird, der gegen das aristokratische Parlsentum die Lanze ziickt. JiidUcbe CUabler i und ttiaMerinnen s wlhlet dia JUdlschnationale Liste tf le mit Dr. Arthur Ttldmann beglnn«. VOLKSWIRTSCHAFTLICHES. Der ElnfluB der Wåhrung auf die Lebensversicherung. Durch die Trennung der Wåhrung in den auf den Trilmmern der alten Monarchie entstandenen Nationalståaten ist dem gesamten Versicherungswesen jede Rechtssicherheit entzogen worden. Die Hauptanstalten der alten osterreichischen Versicherungsgesellschaften hatten in der Regel ihren Sitz in Wien. Die auslåndischen Gesellschaften hatten hier ihre Generalagenturen und iniolgedessen sind die Versicherungssummen sowohl der osterreichischen als auch der auslåndischen Versicherungsgesellschaften nach dem Wortlaute der Polizzen in der Regel in Wien in der daselbst geltenden gesetzlichen Wåhrung zu bezahlen. Gestiitzt auf diese in den einzelnen Versicherungsurkunden enthaltene Bestimmungen lehnen die meisten Versicherungsgesellschaften die Entgegennahme der Zahlung der laufenden fålligen Pråmien durch die in der Cechoslovakei wohnhaften Versicherten in 5.-sl. Wåhrung unter Hinweis darauf ab, daB die Auszahlung der Versicherungssumme nur in d.-o. Wåhrung erfolgen konne. Es gibt jedocli auch vereinzelte Versicherungsgesellschaften, welche aus eigener Initiative, ohne åufieren Druck den Versicherten gegeniiber soweit entgegenkommend sind, daB sie entweder erklåren, die Versicherungssumme ohne Riicksicht auf das Ergebnis noch ausstehender Entscheidungen in c.-sl. Wåhrung zur Auszahlung bringen zu wollen, oder die laufenden fålligen Versicherungen ohne jedwede Bindung fur die Zukunft faktisch in C.-sl. Wåhrung zur Auszahlung bringen. Der Standpunkt, der sich der Auszahlung in c.- sl. Wåhrung ablehnend verhaltenden Versicherungsgesellschaften ist in der Rechtssache nicht begrundet; denn diese Frage kann erst durch die in GemåBheit des Friedensvertrages eingesetzte Reparationskommission entschieden werden, und es ist nicht von Vornherein vorbehaltlos anzunehmen, daB die Entscheidung dieser Reparationskoinmission in dem Geiste erfolgen wird, welcher dem ablehnenden Verhalten der Versicherungsgesellschaften inne wohnt. Man kann sich gerechter Weise gewiB nicht auf den Standpunkt stellen, daB die Siegerstaaten von den besiégten Staaten die Erfiillung auch soleher Forderungen verlangen kbnnen, deren Erfullung unter anderen Verhåltnissen rechtlich nicht verlangt werden diirfte. Es koinmt aber doch auf die Klårung der Frage an, ob die Versicherungsgesellschaften durch eine Entscheidung, wie sie durch sie vdh der Reparationskommission gewiinscht wird, nicht bedeutende materielle Vorteile zum Nachteile ihrer Versicherten erzielen wiirden. Bei den auslåndischen Versicherungsgesellschaften ist der regelmåBige Vorgang der, daB sie die ihnen hier zur Verfiigung stehenden Barmittel nur teilweise im Inlande, einen groBen Teil hingegen im Auslande in Werten anlegen, welche durch die in den Nationalstaaten eingetretene Wåhrungskrise heute ein Vielfaches der durch diese Betråge gedeckten Versicherungsshmrnen repråsentieren. Wenn im Jahre 1914 irgend eine hollåndische Verslcherungsgesellschaft einen Teil ihrer flBssigen Kapitalien in hollflnd. Werten angelegt hat, so konnte sie ohne eigene Benachteiligung einem c.-sl. Versicherten nicht nur in C.-sl. Wåhrung die Versicherungssumme bezahlen, sondern sie profitiert ein Vielfaches dieser zur Auszahlung zu bringenden Versicherungssumme an der Wåhrungsdifferenz, die durch diese Anlage im Auslande seither eingetreten ist. Es kommt auch darauf an, in welchem Verhåltnisse die in Oester reich abgeschlossenen gesamten Versicherungssummen zu der Hohe des in Oesterreich aus diesen Versicherungssummen resultierenden investierten Anlagekapitales stehen. Dies scheint auch der Grund zu sein, weshalb die Entscheidung rlicksichtlich der Wåhrung, in welcher Lebensversicherungen zu bezahlen sind, nicht durch die Friedenskonferenz herbeigefiihrt, sondern der Reparationskommission liberlassen wurde, weil es Sache der Reparationskommission sein muB, das Substrat fiir die Beurteilung dieser beiden Kriterien zur gerechten Losung dieser Frage zu erfassen und zu prtlfen. Deshalb scheint es geboten, -nicht vorbehaltlos die Zahlung der laufenden in Wien fålligen Pråmien in d.-o. Wåhrung vorzunehmen, sondern mit dem ausdrOcklichen Vorbehalte, daB fiir den Fail, als durch die Entscheidung der Reparationskommission oder anderweitige Entscheidung die Verpflichtung der Versicherungsgesellschaften, die Versicherungssummen in C.-sl. Wåhrung zur Auszahiung zu bringen, festgelegt werden solltc, dem Versicherten das Recht zustehen muB, die in d.-il. Wåhrung bezahlten Pråmien durch Pråmien in c.-sl. Wåhrung zu ersetzen. Viele auslåndischen Kapitalsbesitzer haben in letzter Zeit Lebensversicherungen iiber hohe Summen oft unter Vorauszahlung der Beitråge fur eine Reihe von Jahren oder gar fiir die ganze Versicherungsdauer abgeschlossen. C.-sl. Staatsbiirger schlie- Ben derartige Versicherungen in Wien, mit Vorliebe auch in Deutschland ab, indem sie die jetzt geringwertige d.-o. Krone, bezw. Mark in der Hoffnung hingeben, bei FåUigkeit der Versicherungssumme in 15—20 Jahren eine d.-o. Krone, bezw. Mark mit groBerer Kaufkraft zurilckzuerhalten. Der Zugang an neuen Lebensversicherungen ist infolgedessen auf ein Vielfaches gestiegen. Es liegt hierin ein unter den gegebenen Verhåltnissen merkwOrdiges Vertrauen in die Zukunft der d.-o. Krone, bezw. der Mark und es ist bei dem jetzigen Tiefstande dieser beiden Wåhrungen tatsåchlich anzunehmen, daB der HQhepunkt der Wåhrungskrise iiberschritten ist und daB diejenigen, welche derartige Versicherungen eingehen, im Zeitpunkte der FåUigkeit der Versicherungssumme einen hoheren Wert erhalten werden, als sie ihn hingeben. Insoweit auslåndisches Kapital mit besserer Wåhrung auf diese Weise herangezogen wird, ist diese Erscheinung vom Standpunkte der Wiedergesundung der deutschosterreichischen bezw. deutschen Volkswirtschaft zu begriiBen. J .... 1. KORRESPONDENZEN. Plestany. Die Anwesenheit des Herrn Max Brod bei der Sitziing des provisorischen Wahlkomitees, hat die Leitung unseres Vereines dazu beniitzt, Herrn Brod zu einem Vortrage einzuladen. Der improvisierte und im groBen Saale des Hotel Herzog stattgefundene meisterhafte Vortrag war sehr schon besucht und hat bei einer Regieeintrittsgebiihr von 2 K dem Nationalfonds die namhafte Summe von 500 K eingebracht. Herr Brod sprach Uber Zionismus und Nationaljudentum. — Der hiesige zionistische Frauen- und Mådchenverein „Judith" veranstaltete am 15. Schebath einen Teeabend, bei welchem sowohl dem Nationasfonds als auch dem zu grundenden „Jiidischen Kindergartenverein" eine hiibsche Summe zugeilossen ist. — Der Verein „Ahawath Zion" veranstaltete am 16. Schebath seinen ersten Gåsteabend unter auflerordentlich starker Beteiligung seiner Mitglieder im Café Becher. Bei dieser Gelegenheit wurden 200 K fiir den Nationalfond, ferner mehrere Hundert Kronen fiir den zu grundenden jiidischen Kindergarten und fiir einen armen jiidischen Talmud- Chochom. Diese Oåsteabende sollen zweimal monatlich stattfinden und es wåre zu wiinschen, wenn alle einen solehen sch6nen Verlauf nehmen mochten. Prag» im Feber. Unser Zeitalter stellt an einen Barmizwajungen bei seiner Barmizwafeier keine groBen Anspruche mehr. Wenn der Rabbiner eine schone Ansprache hålt und der dreizehnjåhrige Junge fehlerlos die Haftarah Uest und noch iiberdies ein vergnugtes Zusammensein stattfindet, so wird in der

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