Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 8 (19.2.1920)
- Date
- 1920-02-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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$eltt 6. Hr«. tagende Rolle spielen. Trotz Austtefenmgitmd Nichtåuslieferungsfragen bleibt sein Interesse der Wissenschaft zugekehrt, und dieses sanze wlssenschaftliche Interesse konzentriert sich auf den Joden E i n s t e i n. Er war auch oft mit seinem Neffen verwechselt, der im Geruche des Bolschewismus steht, und eine schone soziologische Studie iiber den „Erfolg" geschrieben hat. E i n s t e i n, Professor der Berliner Universitat, kann nicht lesen, weil deutschnationale Burschenschafter protestieren. Protestieren,. wie sie es in Karlsruhe gegen Meyer, und Perl getan haben. Protestieren gegen einen geistigen Heros, der imstande ist, Deutschlands Ruf durch alle Lande-zu tragen; protestieren, weil er Jude ist. Traurige Alma mater, die einen Humboldt, einen Hartmann, Schmidt und Simmel gehabt hat, und sich nun gegen den E i n s t e i n wendet, ler heute E c k s t e i n deutscher Wissenschaft ist. Schweiz. Diese kleine, alte Republik, das demokratischeste Gemeinwesen Europas, Hort aller poiitischer Fliichtlinge, aber auch Tummelplatz allcr internationaler Hochstapler, war bis nun unter dem Namen der „freien Schweiz" bekannt. Wir EuropSer waren auf dieses Landl' stolz, in dem nebcn freiesten Kalvinismus, verstockteste katholische Orthodoxié herrscht; in dem aber auch das freieste Judentum neben dem Generalsekretariate der „Agudas Jisroel" mehr oder minder friedlich lebte. Vor drei Wochen wollte noch der geistvolle Fabius Schach eine jtidische Akademie in der Schweiz schaffen, schweizer jtidische Blatter spinnen diesen Gedanken fort, da auf einmal kommt uns die Nachricht zu, daB der Antisemitismus, der ja der Schweiz' niemals fern war, offenkundig; wurde, daB im Kantonsrate Zilrich der Zwischenruf „Jud" laut wurde. AnlSBlich einer Debatte, in der ein Oberrichfcr personlich angegriffen wurde, wies unser Gg. Dr. F a r b s t e i n, diese Angriffe als unqualifiziert zuriick, worauf ihtn der „Jud" auf den K°Pf geworfen wurde: (man konnte sich nach Polen oder ins altdsterr. Parlament versetzt glauben.) Dr. Far hstein replizierte: „Mich kann dieses Wort nicht beleidigen.Es zeigt von einem niedrigen moralischen und geistigen Niveau des Ratsmitgliedes, der den Zwischenruf fallen lieB. Er ist unwilrdig, Ratsmitglied zu sein," Es trostet uns nur der Umsrand, daB auch Gottfried Keller lange gegen die Borniertheit vieler schweizer Ratsmitglieder zu kampfen hatte. VdLKSWIRTSCHAFTUCKES. Die Wertbestandigkelt des liidisch - amerikanlschen Hllfswerkes. Mtthren erhielt vor einigen Tagen von den in Prag eingelangten UnterstUtzungsgeldern des jiidisch-amerikanischen Hilfswerkes zum zweitenmale seit Beendigung des Krieges eine groBere Summe zugewiesen, mit der das durch den Kriég eingerissene groBe Defizit einzelner sozialer Ftirsorgeanstalten voriibergehend wiederum gjedeckt werden kann. Wir sind unseren Briidern in Amerika fiir diese Linderung der jlidischen Not sehr dankbar, zumal wir hiemit grofier Sorgen um den Weiterbestand dieser sozialen FUrsorgeanstalten enthoben sind, ohne ,uns aber der Befriedigung iiber das Erreichte sorglos hlngeben zu konnen, zumal ja in einigen Monaten die wirtschaftliche Not dieser Institutionen wiederum ihr beångstigendes Haupt erheben muB und wird. Die Erkenntnis von dem bloB relativen Werte* der ohne nachhalti&e Wirkungen gewåhrten Unterstiitzungen scheint in weite Kreisé unserer jttdischen Brtider in Amerika gedrungen zu sein; denn die Konferenz der jlidischen Volkshilfsorganisation, welche vor Kurzem in Philadelphia stattgefunden hat, hat sich mit der Frage einer nachhaltigen und nicht bloB voriibergehenden Hilfeleistung fiir die Millionen europaischer Juden, welche auf die amerikanisere Hilfe angewiesen sind, beschåftigt und die Anregung zur Aenderung der Grundlage fiir das ganze jiidisch-amerikanische Hilfswerk gegeben. Bekanntlich bestehen in Amerika 2 Hilfsorganisationen, die Hilfsorganisation der jlidischen Arbeiter und des Zentralhilfs-Komités, letzteres gegrundet und, verwaltet von biirgerlichen Juden. Beide Hilfsorganisationen sind in einer Zéntrale vereinigt, dem Joint Distribution Committee. Der amerikanischen Hilfsaktion soli nach den bestehenden Dispositionen der philantropische Charakter vollsténdig genommen werden, es sollen nient mehr Unterstutzungen erteilt werden, die eine .nur voriibergehpnde Aushilfe bedeuten, das ganze Hilfswerk soli vielmehr auf einé Grundlage gestellt verden, die einen nachhaltigen EinfluB auf die Entwlcklang der Wirtschaft alter UnterstfUzungsbedQrftigell austtbea soli. „Keine milde Oaben, »ndérn konstruk- ▼ité aufbauende Hilfe. Durch die Hilfsaktion soli das ruinierte jiidische Leben Europas wfeder Rergestellf, der Handel, die Industrie der Juden wieder belebt werden; die Hilfe der amerikanischen Juden darf nicht bloB Hilfe sein, sondern muB den Hilfsfeediirfti-i gen die Moglichkeit geben. sich auf eigene FUBe zu stellen; es mufl eine Bank gegrQndet werden, welche Darlehen an Arbeitergenossenschaften gibt, Rohstoffe beschafft u. dgl. Aus dieser Stellungrlahme der Volkshilfskonferenz in Philadelphia eroffnen sich fiir uns Juden in wirtschaftlicher Hinsicht Aussichten von weittragender wirtschaftlicher Bedeutung und es wåre nur zu begriiBen, wenn diese in Amerika derzeit bestehenden gilnstigen Dispositionen von den zu einer Einheit zusammengeschlossenen Judet\ verwertet werden kOnnten. Heute lassen sich die wirtschaftlichen Folgen der Kriegs- und Nachfriegszeit spezlell in den Staaten Mittel- und Østeuropas in ihren nachhaltigen Wirkungen noch gar nicht ermessen und abschtttzen. Keinesfalls soliten wir die aus gewiB praktischen, verstandesmaBig gebildeten Erwagnngen entspringenden Motive fiir das jiidisch-amerikanische Hilfswerk gering eiWchatzen, welches unsere Situation vielfeicht verlSBlicher und richtiger beurteilt, als wir es selbst vermogen, so daB wir uns vielleicht der vollen Trostlosigkeit unserer Lage noch gar nicht bewuBt sind. Jedenfalfs ftihren uns die Beschlusse der Volkshilfskonferenz in Philadelphia wiederum den Ernst der wirtschaftlichen Lage,vieler Millionen europaischer Juden vor Augen, sie zeigen uns aber andererseits das hohe sittliche Pflichtgefuhl, von dem die amerikanischen Juden ihren Jildischen Volksgenossen gegentiber erfiillt sind und die/dauernden moralischen Werte, die dem jildischen Solidaritatsgedanken innewohnen und fiir den kttnftjgen Aufbau unser es Neulandes von vnachhaltiger Bedeutung sein werden. Den Beschliissen der Volkshilfskonferenz In Phi-i ladelphia wird in der jildischen Geschichte dauernd ein ehrenvolles Blatt zu widmen sein. BRUENNER NACHRICHTEN. Wahler versatnmlung der jiid.-nat. Verelnigung. Mlttwoch, den 18. d., in der Schw.echater Bierhafle. Ein zahlreiches Publikum war erschienen, um die Kandidaten der jUdisch-nationalen Partei zu horen. Herr Berthold Tintner eroffnet die Versammlung, weist darauf, wie schwierig es uns ist, wiederum in den Wahlkampf zu treten und begrilBt unter stiirmischen Applaus die Redner des Abends; namentlich den Listénftthrer Dr. Artur Feldmann, und erteilt hierauf dem ersten Redner Dr. Theodor. Haas das Wort. Dr. Haas entwirft ein Bild der derzeitigen politischen Lage der Juden in Europa. Die ehemaligen russischen Lånder, die neuerstandenen Randstaaten, Polen, Rumanien sind alle vom Antisemitismus durchseucht, wollen allen den Juden nicht die Rechte geben, die ihnen gebiihren. Ungarn, das gelobte Land der Juden, ist antisemitischer geworden, als alle anderen neuen Staaten. Die S1 o v a k e i z-.us vielhundertjtthriger Knechtschaft befreit, hat ihre Freiheit beniitzt, um gegen Juden pliindernd, jå sogar mordend aufystreten. Wohin wir blicken, ttbe> all JudenhaB, und gerade die slovakischen Juden haben in ihrer vor. kurzer Zeit abgehaltenen Tagung beschlossen, eine jiidische Partei zu granden, damit sie in der Nationalversammlung vertreten sein sollen. Aber die Nationalversammlung bilde den Gipfelpunkt unserer Vertretungskorper. Aber wir dOrfen nicht mit dem Gipfelpunkt Keginnen, sondern mit den Grundfesten und das sind die — G e mel tiden. Fast alle Gemeinden. der Republik haben bereits jtidische Vertreter. Die jUdischen Vertreter in Brttnn wollen stets das Beste des Judentums vor Augen haben, ohne Rlicksicht auf rechts und links dasjenige tun, was sie fttr richtig erachten und Redner bittet daher fiir die Liste um das Vertrauen der Wåhlerschaft. (Beifall.) Ing. Max Singer fiihrt aus, daB es noch immer Juden gebe, die nicht im nationalen Lager stehen, noch immer stehen Juden im fremdnationalen Lager. Die Provinajudenschaft hat sich bereits auf sich selbst be$onnen, hat bereits durchwégs jiidisch gewåhlt. Anders in Briinn. Hier, wo wir auf Schritt und Tritt einer Phalanx von Feinden, gegenflberstehén, hier, wo sich eine Koalition aller deutschen Parteién gebildet hat, die geetat ist durch das gemetnsame Band des Antisemitismus, hier sitrd noen Hhflier Juden so verblendet, ihr Hell von deutschen Parteien zu erwarten, wiewohl diese in ihnen nur die Storenfriede ihrer Einheft sehen. In dieser Schweren Lage, in der wir Juden auf einander angewiesen sind, dfirfen wir uns den Luxus der Zersplltterung nicht gestetten. Redner wendet sich daher auch gegen Poale Zion, die durch Schlagworte Verwirruig in unsere Reihen trSgt. Redner bewirbt sich name.is der Partei als Handels- und Gewerbetreibender um ein Mandat, verspricht stets ittr jiidische Interessen einzutreten, namentlich fttr die Schaffurg einer |adlschen Schule und bittet um das Vertrauen der Wahler. Hierauf erstattete Dr. Artur Feldmann; sein mit groBe m Beifall aufgenom menes Referat, welches wir auf Seite 2 wfdergeben. In der Debatte, die teilweise erregt war, sprachen die Herren Dr. Loria, Dr. Zeisl, Dr. Sonn^nfeld, Dr. Rufeisen (Mahr.-Ostrau), Griin und Hlckl. Zur JOtfiscIitn KuliuswShlør-Versammlunø. Acht Monate sind verfloBen, seit dem durch ein KompromiB mit den Kahalgewaltigen jadischnationale Mandatare in die BrUnner Kultusstube eingezogen sind. GewiB gar keine Frist, innerhalb deron in einer so korrupten K&rperschaft Ordnung gemacht werden konnte. Als unsere Mandatare ihre Stellen einnehmen soliten, wurde ihnen ein Auftrag zuteil, die Wahlrefbrm durchzufOhren. Von dieser Wahlreform war in deT Versammlung am Sonntag, den 15. d., nichts zu hdren. Der schwaché Besuch dieser Versammlung zeugte von soleher Désinterressiertheit an jUdischen Fragen, wie es tatsSchlich nur im BrUnner Judentum vorkomnien kann. Man hat kein Interesse fttr Kultus, keinén fiir Unterricht, nicht fttr die Finanzgebahrung. DaB sogar der Prttsident unb ein Teil der nichtnationalen Kultusvorstånde fehltén, wie wohl an sie spezielle Einladungen ergingen, — die Ausrede, es wåre eine Armenratssitzung gewesjn. ist nicht stichhaitig, denn alles hat zurttqk zu treten, wenn die Wahler mit ihren Mandateren sprechen wollen — beweist nur, daB die BrUnner Kultusgemeinde Leute an der Spitze hat, die kein, aber gar kein VerstSncTnis flir die Fortier ungen tinserer Zeit haben. SchlieBlich hat ja jede Kehille die Vertreter, die sie verdient, aber wir wtirden doch den Juden wehe tun, denn sie sind wahrlich besser, wie viele ihrer Vertreter. Aus den Rpferaien, die erstattet wurden, Herr Schuller hielt das Schulreferat als Obmann der Unterrichtssektion, erfuhren wir nur, daB die Gemeinde fttr den Religionsuntérricht so gut wie nichts getan. HebrSisch — Geschichte— und ethischer Unterricht wie er in der Schule, die sich Schule fttr hebrttische Sprache und jlidischen Wlssens nennt, gehalten wird, ist nicht berechnet fttr Volks- und Bttrgerschttler, sondern fttr hohere Mittelschttler und Akademiker. Wohl hat der „Landesverband der israel. Kultusgemeinden" in seiner in Brttnn noch im August tagenden Prttsidialsitzung den Religions1- und Hebraischunterricht fttr Volks- und Bttrgerschulen den moderrten Forderungen anzupaBen, beschlosen, aber es ist bislang nichts geschehen. Man wahlt hochtrabende Namen und Bezeichnungen, parturiunt montes, nascetur ridiculus mus. Berge kreisen und nicht einmal eine lacherliche Maus wird geboren. Wenn man noch den alten Satz aus der osterreichischen Konkordatzeit zitieren konnte: „Hort Ihr Leute und lafl't Euch sagen, der Kultus hat den Unterricht erschlagen.“ Aber auch das geht nicht; denn der Kultus liegt denn doch ganz gewiB darnieder, denn von Schabbos bis Schabbos konnte ganz gut das SchloB am Schul hangen. Das einzige, das wir dem neuen Kultusvorstande, verdanken, ist eine bessere Be^oldung der GemeindeangesteUten, und auch die muflte von unseren nat. Mandataren im har ten Kampfe den Gewaltigen abgerungen werden. Fttr Volksaufklårung geschieht nichts. Die Gemeinde besitzt eine Bibliotbek. in der angebl. Blicher sein sollen, die niemand zu Gesichte bekommt, diese ttegen verstaubt, den Motten zum FraBe und Akademiker, die sich fttr jttdisches Wissen interessieren, mttøen von Privatperson — zu Privatperson wandern, um sich einige Blicher zusammen zu schnorren; ia es hat sich sogar der Fali ereignet, daB eine Persbnltehkeit, die den besten Wil- * len und auch dleJFShi^keiten besitzt, durch Vortrage zu bilden und zu bétehren und wir wissen diesern Manne groBtc Bank, an die Pr ager Universitåtsblbliothek schreiben rauBte. um ein Buch zu entleii-