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Jüdische Volksstimme · 1920-02-19 · Heft 8 (19.2.1920) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXI (1920)
Issue
Heft 8 (19.2.1920)
Date
1920-02-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 8. JODISCIIB VOLKSSTtMMC/ SeHe 8. mdgllcht werden soli. Wlr werden auf diese Weise einen doppolten Erfolfc erzielen. Wlr werden ftir unser Neuland einen mafluell und gelstig hoch entwickelten Kader schaffen, durch den sich der weitere Aufbau lelchter vollziehen wird, wlr werden aber auch ftir die Diaspora die Grundlagen elner nattirlicben Entwickiung der Berufsgliederung und hiemlt wieder einen Grundstein ftir den Abbau des Judenhasses und die Festigung unserer Achtung legen. 3. AUFGABEN IM HINBLICK AUF DEN AUFBAU UNSERES NEULANDES. ad 3. Jede im zlonistischen Leben an verantwortlicher Stelle stehende Person ist sich ohne Riickslcht auf Parteizugehdrlgkeit dartiber im Klaren, daB der Aufbau unseres Neulandes in einer Weise vor sich zu gehen haben wird* welche v >n vornherein alle ]ene Schaden und Krankheiten ausschlieBt, mit denen unsere Wirtschaft derzeit belastet ist. Wir woilen in unserem Neulande mit jiidischem Geiste, mit iudischem Wissen, mit jtidlscher Tatkraft ein Zentrum schaffen, welches durch seine wlrtschaftlichen, sozialen und kulturellen Einrichtungen beispiel- und richtunggebend werden und auf diese Weise den Juden im allgemelnen die Achtung der Volker wiedergewinnen und den Juden in der Diaspora im besonderen den notig^i Rtickhalt schaffen soli. rv. . UNSERE KULTURELLEN AUFGABEN: Ein groBes Gebiet kultureller Arbeit, die wir zu leisten haben, liegt vor uns. Die Frage des Schulwesens wird uns vor die schwierigsten Probleme stellen, wir mtissen vorbauen und Vorkelirungen rechtzeitig treffen, damlt wir im richtigen ZeiTpunkte geriistet dastehen. Die von uns ins Auge gefafite jiidische Schule wird auf der modernsten Grundlage aufgebaut sein. Die Wichtigkeit der Frage des jiidischen Schulwesens kann voll ermessen werden, wenn man sich der Erkenntnis nicht verschlieBf, daB speziell auf dem Gebiete des Schulwesens ein Kampf entbrennen wird, in dem wiederum die Judischen Kinder zum Siindenbock werden konnten, soferne nicht rechtzeitig vorgesorgt werden wird. Die sukzessive AusschlieBung der Juden aus dem gesellschaftlichen und "sportlichen Leben bringt es mit sich, daB wir auch auf diesem Gebiete eine umfangreiche Aufgabe zu erfiillen haben werden. Mit dieser Betatigung erfullen wir einen doppelten Zweck: Wir tragen auf diese Weise dazu bel, die korperliche Erttichtigung unserer Jugend in die Wege zu leiten und wir schaffen gleichzeltlg die Moglichkeit eines Zusammenschlusses ftir alle Juden, ob iung oder alt, reich oder arm, ob dieser oder jener politischen Richtung angehoren._ tier Nationalismus. (SchluØwort an Dr. Otto Schiitz.) Von Max Brod. Auf die Worte, die Dr. Felix Loria im „J’id. Sozialisten" Nr. 14 als „Erwiderung" an mich richtet, einzugehen fiihle ich keine Veranlassung. — In der Antwort von Dr. Otto Schiitz dagegen ist guter Wille und ernsthafte Beschåftigung mit dem Problem am Werke. Mit einem solehen Qegner, der das Schicksalhafte der aufgerissenen Frage filhit, setzt man sich gern auseinander. — Mein Vorwurf, daB sein Essai in einem zion. Blatt, nur mit Vorbehalt abzudrucken war, bleibt naturlich bestehen. — Dr. Schiitz und ich verstehen einander. Wir wissen auch, was uns trennt. Im Detail allerdings ware noch manches aufzuklaren. — Wir unterscheiden beide in vollg analoger Weise einen „bosen chauvinistischen Nationalismus“ und einen „idealen Nationalismus“. Von letzterem behauotet Schiitz allerdings: „Er hat keine reale Existenz, sondern lebt nur im Kopf kultureil hochstehender Menschen, die la die seltenen Ausnahmen bilden.“ Schon stocke ich, denn ich stolle da auf das Dogma c*er materialistischen Geschichtsauffassung, das i;:H nicht mitmache. Meiner Ansicht nach ist gerade das, was in den Kopien hochstehender d. h. schopferischer Menschen lebt, das allerrealste auf Erden; denn von Ideen gehen die groBen geistigen und physischen Umwalzungen der Menschheit aus. QewiB sind die materiellen Lebensbedingungen eine Resonanz sine qua non. Aher ebenso wichtig fiir die Auswirkung einer Idee ist ihre immanente geistige Spannkraft. — Konkret gesprochen: es kommt dajauf an, ob die Idee von einer reineren hdheren Auffassung des nationalen Lebens §tajrk genqg sein wird, um die in den Massen herrsebenden chauvin-nationalen Geliiste zu flberwinden. DaB die Masse „den idttleo Natjooalis- Das kulturelle und gesellschafttlche Leben muB verkfl/nmern, solange nicht die Voraussetzung fiir die Entwicklnngs* moglichkeit dieses kulturellen und geseUschaftllchen Lebens geschaffen sind und hier werden unsere Bemtihungen elnzusetzen haben. Da es sich hlebel um eln Unternehmen bandelt, welches auf eine rein geschaftliche Grundlage gestellt werden kann, werden der Reallslerbarkelt eines solehen Projektes keine untiberwlndllchen Schwierigkelten erwachsen. Das gesamte Gebiet sozlaler Ftirsorge wird von unserar auf itidiscbnationaler Grundlage stehenden Frauenorganlsatiou beberrscht und wir konnen mit Riickslcht auf die geradezu glanzenden Resultate, die von der jtidlschen Frauenorganisation auf diesem Gebiete erzielt wurden, die Ttitlgkelt vOilstandig unseren Frauen und Madchen tiberlassen. Auf die tatkraftlgste Forderung aller dieser Bestrebungen durch uns, kann die Frauenorganisatlon stets rechnen. V. DIE EROBERUNG DER KULTUSGEMEINDEN UND DEREN AUFGABEN: Unsere Kultusgemeinden dtirfen nicht welter das blélben, was sie bisher gewesen sind. Die Ausgestaltung der Kultusgemeinden zu wahren Voiksgemeinden ist ein Progranunpunkt, dem wir unsere allergroBte Aufmerksamkeit schenken woilen und mtissen, wenn wir darauf bedacht sein wolten, unser nationales Leben zur volten Entfaltung zu bringen. Denn alle tene Aufgaben, welche in schuchterner Weise private Initiative Einzelner in Angriff nimmt, gehoren in den Wirkungskrels der zu Voiksgemeinden auszugestaltenden Kultusgemeinden. Das ganze Schulwesen, die Erziehungsanstalten, das Bildungswesen, die Ausgestaltung aller sozialen und kulturellen Einrichtungen, das ganze Gebiet der sozialen Ftirsorge sind Aufgaben unserer ktinftigen Voiksgemeinden und wir werden die richtigen Frtichte der Betatigung auf diesen Gebieten nur dann ziehen konnen, wenn diese Aufgaben, auf breite Grund’ lagen gestellt, nicht durch die Privatlnltiative, sondern durch das Volksganze gepflegt werden. Von diesem Gesichtspunkie aus betrachtet erscheint der Kampf um die Eroberung der Kultusgemeinden eine unbedingte Volksnotwendigkeit, , von der unsere iudischen Mitburger zu tiberzeugen uns im Laufe der Zeit geljngen wird. Die Voraussetzung der Eroberung der Kultusgemeinden ist aber die Einftihrung eines Wahlrechtes, welches samtlichen Schichten der itidischen Bevolkerung ohne Rticksicht auf die Steuerleistung die Moglichkeit des aktiven und passiven Wahlrechtes schafft, ftir welches wir stets einzutreten haben werden. Diese Grundsatze werden uns bel unseren ktinftigen Handlungen stets leiten. mus nicht verstehen kann", wie Dr. Schiitz meint, ist unrichtig. Sie versteht ihn heute nicht, wahr, und wir erleben tatsåchlich, daB jeder nationale geistige G: danke in den Schmutz einer Hafen-Annexion oder von „Grenzsicherungen" auslSuft. So ist es. Atoer muB es liir alle Ewigkeit so blelben?? — „Erziehung" ist das Zauberwort, das Dr. Sch. bereit halt. Von Erziehung verspreche auch ich nir etliches (nicht alles). Wenn nun Dr. Schiitz fiberhaupt an eine Erziehung glaubt (tåte er es nicht, so wåre er wohl nicht Sazialist), wenn er Erleuchtung und Hoherfiihrung, Vermenschlichung der Massen fiir moglich halt, — warum soli gerade der gute Sinn des Nationalgedankens etwas sein, was die Masse nicht verstehen kann, dem sie sich flir immer una ewig verschlieBt? Ich sehe also, genau genommen, -dieselben Gefahren wie Dr. Schiitz. Der nåchste Krieg, mit dem Dr. Schutz droht, hat ftir mich dieselbe Schrecken wie fiir ihn. DaB ich ébenso energisch wie er pazifistisch denke, håbe ich wahrend des Krieges nicht nur in allem, was ich schrieb, sondern auch durch Tateri be^ wiesen, die mich mehr als einmal in Konflikt mit der psterreichischen Staatspolizei, scblieBIich gar vor ein Militårgericht in Wien gebracht haben. — Und dénnoch Natonalist, dennoch nationaler Jude! Denn ich sehe kein anderes Mittel als den Nationalismus, wenn ich den Kulturbesitz der Menschheit erhalten und vermehrt wissen will. Im Volkstum wurzeln die dutjklen halbbewuBten Instinkte, aus denen allein (nicht aus kiihl-menschheitlich.abstrakter Erwagung) das Schopferische, das Geniale emporschlågt. Dieses Schopferische demutsvoil ehren und in Strenge von gemeinen Imperialismen scheiden, — das jst die Aufgabe des neuen Menschen. Aus Angst vor dem MiBhrauch des Guten (Imperalismus) die Wurzel alles Guten (Volkstum) ausreiBen, ist barbarisch und letzten Endes, mag es aus besten Absichten geschehen, doch nur Tat eines Menschenfeindes. Die nationale Erziehung stelle ich mir nun freilich dqrcbaus nicht so vor, wie sie meinem Qegner als abschreckendes Beispiel vorzuschweben scheint. S Ich denke nicht an eine „rein nationale Erziehung ‘ lunter Vernachlåssigung oder vielleicht gar Verlås-terung fremdnationaler Kulturwerte. Freilich auch die allgemein-menschheitliche Erziehung nach Dr. Schiitz geniigt mir nicht. Er verlangt: „daB die Erziehung... die Kulturen moglichst aller Volker in ihren Kreis ziehe, wobei nattirlich die Kultur des eigenen Volkes keineswegs zu kurz kommen kann, denn: MaBstab alles dessen, was gelehrt werden soli, kann nur immer der Kuiturwert sein und nicht der Umstand, ob der Ursprung bei dem oder jenem Volke lfegt." Diese kosmopolitische Farblosigkeit bringt uns aber leider keinen Schritt vorwårts zu den springenden Quellen des Schonen und GroBen. Sinn aller Erziehung kann nur sein: die guten Instinkte zu wecken. Die jiidische Seele hat eine besondere Affinitåt fiir das, was ittdische Seelen vor ihrer Zeit gefiihlt u. geleistet haben. Diese Affinitåt gUt es lebendig zu machen, damit lebendige Erfassung unserer Religion, unserer Ethik und Poesie wieder anhebe. Was aber von anderen Volkern hervorgebracht worden ist, davor den allertiefsten Respekt zu haben — prage man den Schjilern ein. Man moge die groBen Leistungen der anderen als erhaben und liebenswert darstellen, nur nicht ils blutsverwandt. Man moge lede Silnde gegen eine fremde Kultur (somit also jeden Imperalismus) mit derselbert riicksichtslosen Strenge verurteilen wie Barbarei gegen die jiidische Kultur; aber darttber hinaus muB das Geflihl geweckt werden, daB wir fremde Kulturen zu ehren und schonen, an der jiidischen aber selbst aktiv weiter zu arbeiten haben. Eine Erziehung in diesem Geiste wiirde, wie mir scheint, den idealen Nationalismus entfachsn, ohne dadurch dem Natiopal-Egoismus Vorschub r\x leisten. Die nationale Affinitåt von Menschen desselben Volkes ist eine reale Bindung, eine Mdglichkeit leichterer und innigerer Verstandigung tnnerhalb einer Gruppe der Menschheit. In diesent Sinn ist die Nation ein Bsustein der Monschhelt Wer den all*

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