Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1920)
- Date
- 1920-02-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nf. 7. ■JUDlSCHg VOLUMTIMME.’ Sdt« g wieder gefunden hatte, wovon der „Dreibrifderbrunnen" das Wahrzeichen der Stadt ist; man lehrte in den Schulen, daB es friiher Herzogtum war und zwar Sachsen-Teschen und, daB wåhrend des Krieges ti rzherzog Friedrich, in seinem Schlosse das bsterr.-ungar, Hauptquartier aufgeschlagen hatte, weil sich an das SchoB die erzherzogliche Meierci und Schnapsfabrik anschloB. DaB aber Teschcn cinmal zum Mittelpunkte des europåischen Geschehens werden wird, davon tråumte nicht einmal sein chemaliger deutschliberaler Biirgermeister von D em e I. Und doch ist es so geworden. Jetzt umso mehr, als Teschen und das Tcschnerland endlich duren Volksabstimmung tiber seine Zugehorigkeit entscheiden soli. Es wåre ftir die Cechoslovakische Regierung vom groBen Vorteile, wenn sie die Anerkennung der iiidischen Nationalitåt, noch vor der Volksabstimmung erlassen wiirde, denn dann konnte sie mit Bestimmtheit auf die jiidischen Stimmen rechnen, und wieder gut machen, was sie durch die Entsendung des Ccchischen Juden Dr. Fuchs als Emmissår schlecht gemacht hat. Die Juden im Teschnergebiete haben ja filr das heutige Polen gewifl keine Sympathien, um so weniger als die polnische Regierung alles tut, um die Juden abzustoBen; und die Cechoslovakischc Republik kann in der Tat ein so industriereiches Gebiet, wie Teschen, Ustron, Karwin, Dombrau, Orlau nicht leicht verlieren. Hier ist schwer zu raten. Amerika. Die Ostjuden und die schreckliche wirtschaftliche Not in Wien bewegen heute die gesamte amerikanische Presse. Fiir Wien finden sich auch weiBe Råben unter der nichtdeutschen, europåischen Presse, nur von den Ostjuden will niemand etwas horen. Die „Neue Freie Presse" mit Hcrrn Moritz Benedikt hat noch immer Lieblinge gefunden, fiir die sie sammeln konnte; aber får die notleidenden Ostjuden gibt sich M. Benedikt doch nicht her. Auch andere in Europa nicht, da muB von Amerika Hilfe kommen. Der selbståndige polnische Staat, die Staaten des ehemaligen RuBlands haben die Juden an 200.000 Menschenopfer gekostet. Alle bei Pogromen erschlagen. Eine Hilfsaktion fiir die Ostjuden, eingeleitet durch Oberst Ginsbur g, erhielt nun folgenden Brief von John Rockefeller* (Sohn): „Obwohl wir annehmen, daB nur Geldsammlungen von Juden beabsichtigt sind, wiirden mein Vater und ich es uns zur Ehre anrechnen, wenn man auch uns gestatten wiirde, zugleich mit unseren jiidisch'en Mitbiirgern zum Gelingen dfeser Aktion beizutragen. Wenn also das verehrte Komitee nichts dagegen hat, erlauben wir uns, als Spende 75.000 Dollar (mein Vater 50.000 und ich 25.000 Dollar) anzubieten. (Wr. M. Z.) Ob es sich wohl unsere Juden zur hohett Ehre anrechnen wiirden, ftir „polnische" Juden etwas zu tun? Wie doch die Meintmgen und Ånsichten verschieden sind. Unsere Juden glauben, daB sich der „polnische" Judc geehrt fiihlen miisse, wenn er etwas bekomipt, und der junge Rj> c k e f e 11 e r rechnet es sich zur hohen Ehre an; wenn er dem „polnischen" Juden etwas geben d a r f. Wer ist der bessere, wer der vornelimere Mensch? VOLKSWIRTSCHAFTLICHES. Wåhrungskriesc — Valutakonfereuz — Vermogensabgabe. Das Sinken der Mark auf 6 Centimes scheint in greifbarer Weise den Siegerstaaten den unlosbaren Zusammenhang zum BewuBtsein gebracht zu haben, in dem die Wåhrung Deutschlands mit den Wåhrungen der Siegerstaaten steht. Speziell England ist infolge dieser Entwertung der Mark auf dem Weltmarkte etwas nachdenklich geworden und es mehren sich hier immer mehr Stimmen, welche als den einzigen Weg der Gesundung Europas die Revision des finanziellen Teiles des Friedensvertrages, die Herstellung des Freihandels und der Wåhrungseinlieit unter den kleinen Staaten Europas bezeichnen. Wenn auch an dem volkswirtschaftlichen Grundsatze festgehalten werden muB, daB der Kredit die eigene Kraftanspannung eines Landes nicht ersetzen, daB ein Volk seiner Volkswirtschaft nur durch eigene Arbeit und die Friicht^dieser Arbeit helfen kann, so bedeutet doch unter den derzeitigen Verhåltnissen die Gewahrung des ersten Kredites an die vollståndig ausgepumpten besiegten Staaten eine Auffrischung des Blutes des Wirtschaftskdrpers, ohne die er keine Wiederbelebung erfahren kann. Sie bedeutet das erste Zeichen des wiedererwachten Vertrauens eines Kreditgebers in die Entwicklungsmoglichkeit des kreditnehmenden Staates und infolgedessen #\n | nicht zu unterschåtzendes moralisches Moment, welches auf die Arbeits- und Schaffensfreudigkeit der Bevolkerung Sdes kreditnehmenden Staates einen wohltåtigen EinfluB austtbt. Deutschland ist der erste Staat, der unter den besiegten Staaten zum erstenmale wiederum einen Kredit bekommt. Holland hat Deutschland einen Rohstoffkredit von 140 Millionen hollåndischen Guiden gewåhrt und diesen Kredit auf einer Grundlage aufgebaut, welche gleichzeitig einen wesentlichen Fortschritt in den infolge der Wåhrungskrise Deutschlands stockenden wirtschaftlichen Beziehungen dieser belden Lander bedeutet und gewiB auch seitens der iibrigen Staaten Nachahmung finden wird. Auch Schweden verhandelt schon mit Deutschland auf åhnl^cher Grundlage wegen Gewahrung eines Rohstoffkredites. und so diirften die neutralen Staaten dem Beispiele Hollands allmahlich nacheinander folgen. Das Charakteristische dieses Kredites ist, daB der Kredit nicht dem Staate, sondern der Vereinigung kreditwiirdiger Unternehmer dieses ' Staates gewåhrt wird und auf diese Weise zum erstenmale Organisationen geschaffen werden, welche auch ki'mftighin vielleicht eher als im Wege des Staatskredites tiber die Schwierigkeiten der Kreditbeschaffung im Auslande hinwégkommen diirften. Denn an die Gewahrung eines groBeren Staatskredites an eines der besiegten Lånder ist. insolange nicht zu denken, als die Bestimmungen des Friedensvertrages in Geltung bleiben, wornach die nicht einmal begren/- bn Ententeforderungen jedem von welcher Seite immer gewahrten anderweitigen Kredite voranzugehen haben. Es kann einer dritten Seite nicht zugemutet werden, das Risiko der Kreditgewåhrung insolange auf sich zu nehmen, als diese Friedensvertragsbestimmungen in Wirksamkeit verbleiben. Die Ententestaaten werden daher im eigenen Interesse gezwungen werden, eine Revision des Friedensvertrages in dieser Richtung vorzunehmen. Da ohne Auffrischung des Blutes des Wirtschaftskorpers der besiegten Staaten eine wesentliche Ånderung in der Wfihrungs- und Kreditkrise nicht zu erwa'rten ist, infolgedessen jeder weitere Geldbedarf stets durch die Notenpresse befriedigt werden muB, diese Noten aber im Auslande, soferne sie iiberhaupt als Zahlungsmittel entgegengenommen 'werden, den Valutenmarkt immer mehr deroutieren mussen, wird jeder Kurssturz, insbesondere der Kurssturz der Mark, mit zwingender Notwendigkeit einen Kurssturz der franzosischen und englischen Valuta nach sich ziehen miissen, weil England und Frankreich durch den Friedensvertrag die groBten Glaubiger Deutschlands geworden sind, infolgedessen ein Aktivutn, vielleicht eines der groBten Aktiva in^ihrer Bilanz auf schwankende Grundlage gestellt ist. Hiezu kommt noch, daB in Amerika und teilweise auch in England und vor allem in den neutralen Staaten Schweiz und Holland ein derartiger Geld- und WareniiberschuB ist, daB diese Lålider unter diesem Geld- und Wareniiberschusse formlich ersticken, ohne daB ihnen die Moglichkeit der Verwendung gegeben wåre. Infolge des glånzenden Standes der Wåhrung der Schweiz besteht hier eine Industriekrise, weil die Industrieerzeugnisse von den Låndern mit entwerteter Wåhrung nicht aufgenommen werden kdnnen. Wenn z. B. in der Schweiz eine Fiillfeder 10 Frcs. kostet, kann sich der Oesterreicher den Luxus einer Ausgabe von 500 K fiir diese Fiillfeder nicht gestatten. Auf diese Weise stockt die Produktion und der Absatz der Industrie, das vorhandene Geld findet im Inlande keine Verwendung und die Placierung des Geldes im Auslande stdBt auch auf ^niiberwindliche Schwierigkeiten. Fiir jeden einsichtigen Wirtschaftspolitiker crscheint es klar, daB infolge dieses allgemeinen Niederganges der deutschen Valuta das ganze Kreditwesen der Welt schwankt und daB, wenn das deutsche Kreditwesen zusammenstiirzen soilte, es ausgeschlossen ist, daB die anderen Lånder Europas sich retten korinten; denn der deutsche Krach bedeutet den franzosischen Krach und tatsåchlich den europåischen. Diese Erwångungen, nicht aber in letzter Linie die Erwågung, daB wir heute soweit sind, daB ein Land mit einer besseren Valuta Waren an ein Land mit schlechterer Waluta nur in einer Wåhrung verkaufen will, welche der Wåhrung des verkaufenden Landes gleichwertig oder Uberlegen ist (und daB auf diese Weise eine normale Zirkulation ih der Weltwirtschaft nicht eintreten kann, brachten es mit sich, daB seitens angesehener Finanzpolitiker, insbesondere einer Anregung des Prasidenten der hollåndischen Reichsbank fofgend, ein Aufruf erlassen wurde, welcher die rascheste Einberufung einer Valutakonferenz zur endgiltigen Regelung der einschtågigen Wåhrungsfragen fordert. Die verschiedenen Regierungen scheinen bereits diesem Vorschlage zugestimmt zu haben, bis auf Amerika, welches trotz seines Geld- und Wareniiberschusses und der mit diesen beiden verbundenen Gefahren in der letzten Zeit sich eine gewisse Zuriickhaltung auferlegt hat und in europåischen Finanzfragen nicht mehr mittun will. Darauf deutet die inzwischen eingetretene Reduzierung des urspriinglich fiir Osterreich allein in der Hohe von 70 Millionen Dollar vorgesehenen Kredites auf 50 Millionen Dollar, die nunmehr auf såmtlichc neuentstandene Nationalstaaten Mitteleuropas aufgeteilt werden sollen. Wenn man aber bedenkt, daB auch Amerika von den Folgen einer allgemeinen europåischen Wåhrungskrise schlieBliah nicht verschont bleiben kann, so ist mit Bestimmtheit anzunehmen, daB es in absehbarer Zeit zu einer allgemeinen Beschickung dieser geplanten Valutakonferenz kommen und auf'dieser wenigstens der Versuch gemacht werden wird, die zertriimmerten Weltfinanzen in Ordnung zu bringen. Bis dahin durfen jedoch die einzelnen Staaten nicht die Hånde in den Schofl legen. Denn abgesehen davon, daB es noch lange Zeit dauern kann, bevor die Valutakonferenz zusammentritt, und die Wirkungen der auf dieser gefaBten Beschliissc sich im praktischen Leben noch lange nicht auslosen werden, werden noch so weittragende Beschliisse dieser Valutakonferenz nicht geeignet sein, die fiuanzielie Ordnung im Innern der Staaten lierzustellen, soferne nicht diese Staaten selbst jene MaBnahmen treffeu werden, welche in Berucksichtigung der spezHIeti Verhåltnisse und Interessen zur Herbeifiihrung der Gesundung des Wirtschaftskorpers getroffen werden miissen. Diese Ordnung der finanziellen Verhåltnisse innerhalb der .einzelnen Staaten wird im iibrigen jedenfalls die Vorqussetzung' fiir die praktische Anwendung von der Valutakonferenz etwa gefaBter Beschliisse sein. Deshalb tut in den einzelnen Nationalstaaten Eile not. Gleichwohl sind in den meisten Nationalstaaten vorlåufig nur schiichterne Ansåtze zur Ordnung der finanziellen Verhåltnisse bemerjtbar und gehen oftmals fiber die theoretische Erorterung der praktischen Moglichkeiten nicht hinaus. Der bekannte cechische Wirtschaftspolitiker Dr. Josef For^t hielt vor einigen Tagen åber das Geldproblem einen Vortrag, in dem er unter Hinweis darauf, daB‘das vom Gold losgéloste, mit Zwangskurs in Umlauf gesetzte Papiergetd kein Geld mehr ist, sondern eine Ware, welche als solche der souverånen Herrschaft des Preisgesetzes von Nachfrage und Angebot unterworfen ist und infolgedessen die Eigenschaft eines relativ festen Wertmessers verliert und selbst zum Gegenstande der Messung wird, seine Oberzcugung als Mettalis-t dahin ausspricht, daB zur Beseitigung der bestehenden MiBståfficte vor allem nur auf der relativen Wertbeståndigkeit des Goldes sich der weitere finanzielle Ailfbau vollziehen kann. Es wåre aber verfehlt, ausschlieBlich das Verhåltnis des vorhandenen Goldes zu dem im Umlauf befindlichen Papiergelde fiir die Beurteiluug der Wechselkurse heranzuziehen, es sind auf diese Wechselkurse auch psychische Momente von nicht zu untersehåtzendem Einflusse, insbesonders der jeweilige Stand des Vertrauens in die Wirtschaft, in den FleiB der Bevolkerung, in die .Entwicklungsmoglichkeiten des Landes.? Uber diese theoretischen Erwågungen hinaus beschåftigen sich die einzelnen Staaten bereits mit dem Probleme der Vermogensabgabe, welches wohl die wichtigste Voraussetzung fiir die Gesundung der finanziellen Verhåltnisse der einzelnen Nationalstaaten sein wird. DaB sich die politischen Parteien speziell dieser Frage bemåchtigen und die einzelnen Vorschlåge zum Gegenstande der eifrigsten Agitation und Gegeuagitation machen, liegt auf der Hånd. Es ist zu befiirchten, daB diese Stromungen nicht gerade im Interesse der allgemeinen Wirtschaft sich Geltung verschaffen konnten. Die Bevolkerung soilte sich ohne Riicksicht auf parteitaktische oder gar selbstsuchtige Erwågungen vor Augen halten, daB nur eine von allen persdnlichen Einfltlssen freie Inangriffnahme dieser Frage die richtige Losung herbeizufiihren geeignet, und nur eine derartige Losung im Interesse der Gesamtbevdlkerung gelegen ist. Deshalb sind die Vorschlåge, die seitens der Sozialdemokraten in der osterreichischen Nationalversammlung in dieser Hinsicht unterbreitet wurden, nicht von' der Hånd zu weisen: Die Vermogensab-