Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1920)
- Date
- 1920-02-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nf. 7. »JfiDtSCfie V0LR88TIMM&* SeH« 3. tionatttåtenbaders, sondern auch den Antisemltismus sind. — Wie zu erwarten war, wird filr das nicht in allen Punkten giinstige Ergebnis der Prager Verhandlungen der — „jiidische Kapitalismus" verantwortlicb gemacht. Wann endlich wird man intra et extra mures begreifen, daB das Judiscfie Volk als. solches nlcht Identlsch ist mit dem liidlschen Kapitalismus, und dafl dieser wieder nicht durch antisemitische Deklamationen, sondern nur durch Beseitigung des bestabenden Wirtschaftssystems aus der Welt geschafft werden kann? )Venn nun die derzeitigen magyarischen und zum Teile auch polnischen Machthaber sich durch eine deutsch-Cechische Verståndigung, beziehungswei.se durch ein deutschosterreichisches-c!echoslovakisches Btindnis bedroht sehen, dann muB klipp und klar darauf hingewiesen werden, daB nicht diese Verståndigung an und fur sich eine w.citere Verstiindigung mit dem polnischen und magyarischen Volke fiir die Zukunft ausschlieBt, sondern nur einen Defensivbund gegen die polnische und magyarische O 1 i g a r c h i c bedeutet. Den Polen und Magyaren soli ihr Recht werden, soweit es sich um polnischen Boden und um magyarische Erde handelt; ‘aber um das ertråumte, historische Polen von Meer zu Meer. welches Deutsche und Cechen, Juden und Ukrainer im gleichen MaBe verschlingen will, ist im 20. Jalirhundert ebenso wenig mehr Platz als fiir jenes hi- ^storische Ungarn, der herrschenden magyarischen Rasse und Klasse, das einer der Hauptschuldigen des Weltkrleges war und nachdem es bis zum Weltkriege gleichmåBig Deutsche, Slawen und Rumanen sowie die breiten Schichten des eigenen Volkes vergewaltigt, nun nach dem Kriege — nebst Polen — das gelobte Land der Judcnpogrome geworden ist. * * * Der magyarische Imperialismus trauert, er klagt iiber das Unrecht, daB der Friedensvertrag von Neuilly den lOOOjåhrigen Staat der heiligen St.-Stefanskrone vernichtet. Man braucht durchaus kein Verehrer der letzten Friedensvertråge zu sein, man kann sogar der Anschauung huldigen, daB sie keineswegs einen dauernden europaischen Frieden verbtirgen, aber die Bcfreiung d& ungarischen Deutschen und Slovaken vom magyarlsch-oligarchischen Joche und in weiterer Hinsicht die Niederlage der magyarisch-Iudischen Asslmilantenpolltik, sowie die damit paralell fortschreitende Nationalisierung der jiidischen Volksmassen in Ungarn bilden immerhin einen Fortschritt. DaB diesbeziiglich keine Reaktion eintrete, dafiir ist eine deutsch-gechische Verståndigung die bestc Garantle. Nachkriøg und Vorfriedøn. Ein Gefiihl der Wehmut lastet aui Mitteleuropa! Verzagtheit und Enttåuschung bemachtigen sich nicht nur der besiegten Staaten, sondern auch derer, welche sich zu den sog. Siegern zåhlen zu wollen glauben. — Nicht die Ernpfindung eines verlorenen K r i eg e s bedriickt die Bewohner der Zentralstaatcn, sondern — was viel schlimmer ist — die eines verlorenen F r i e d e n s. Solange das ungliickselige Volkerringen wiitete, hoffte man noch huben und driiben, daB mit dem letzten KanonenschuB auch der unzahmbare' NationalitåtenhaB verstummen und die Morgenrote einer besseren Zukunft erstrahlen werde. Nun sehen wir noch immer — ein Jahr nach dem Weltbrand— drohende Wolken, die sich an mehreren Stellen des Horizonts zusammenziehen und als schlagende Wetter sich zu entladen drohen. Noch immer kocht und brodelt es im groBen Hexenkessel des Ostens; noch immer bcunruhigen Kriegsberichte und Wehklagen einer unter den Kriegsgreueln leidenden Bevolkerung das verzweifelte Europa. Mitteleuropa erscheint nicht mehr balkanisiert, sondern sogar vulkan i siert! Nach unsagbaren Wehen und Schmerzen haben die Friedensvertråge zu V e r s a i 11 e und S t. O e i - m a i n e das Licht der Welt erblickt. Allein sie mufiten das allgemeine Vertrauen enttåuschen! Stellen sie dbch das Produkt von vollig einseitigen Beratungen und Verhandlunge.n dar! Die Schopfer derselben bekundeten einen solehen Land- und Machthuuger, daB sie mit hungrigem Magen vom Verhandlungstische aufstanden! Ist es dann verwunderlich, daB trotz Friedensverhandlungen und Demarkationslinien um jeden Fetzen Landes die blutigsten Kåmpfe abgefiihrt werden? — Und die Grundsåtze Wilsons? — Wer kummert sich um dieselben!.Ihr Autor hatte zwar versprochen, daB sie die Kraft håtten, einen Neubatt Mitteleuropas vorzunehmen, dieses Jammertal in eine natilrliche Statte zu verwandeln und ihm den Dank der Mit- und Nachwelt einzutragen. Kant tut in seiner „Naturgeschichte des Himmels" den Ausspruch: „G e b t m i,r S t o f f u nd i c h schaffe eine Welt wie diese!" Unsere Zeitgcschichte hat tatsåchlich einen solehen Stoff in die Hånde des Oberhauptes der Neuen Welt gespielt. Die alte Welt lechzte nach Befreiung, als er das groBe Wasser iiberschritten hatte, um ein neues, besseres Europa zu zimmern. Allein gar bald richteten die eben befreiten kleinen Nationen die Schiiinde der Féuer und Tod speienaen Instrumente gegeneinander, obwohl ihre Machtsphåren noch nicht einmal festgelegt worden waren. Ein Dialog im Midrasch (Gen. R. 68) diirfte ‘diese sonderbare Gestaltung der Ereignisse dem Verståndnis nåher bringen. Eine romische Matrone richtete an R. Josi, wohl im Scherz,. die Frage, was denn Gott, der doch die Welt in sechs Tagen erschaffen hatte, seitdem mache. Der Rabbi versetzte ebenfalls mit einem Witze: „Er befaBt sich mit EheschlieBungen." Die Matrone bemerkte: „Eine solche Tåtigkeit komite ich ja auch iibernehmen." Sie stellte darauf tausend Sklaven und ebensoviel Mågde in Reihe und Glied auf und fiihrte jedem Sklaven eine Frau zu. Allein schon am nåchsten Morgen fand sie, daB der Eine einen Schådelbruch aufweise, der Andere den Verlust eines Auges oder eines FuBes beklage. „Was ist denn hier vorgegangen?" fragte sie. Die Gefragten versetzten: „Schlågereien entstanden unter uns des Nachts, als jeder Mann des Nåchsten Ehehåltte und jede Frau einen anderen Ehegespons haben wollte. Daher kommen unsere Verletzungen." — Die Matrone begab sich sofort zu Rabbi Josi und gestand, daB die von Gott ausgefuhrten Eheschlie¬ Bungen keine?* solehen Folgen aufweisen. — Der Oberste Rat in Paris hat die alten staatlichen Ehen — mit dem Prådikat: „Von Gottes Gnaden“ — Oesterreich-Ungarn, Oesterreich-Polen usw. aufgelost und neue gegriindet. Dadurch soilte dem verhångnisvollen NationalitåtenhaB moglichst vorgebeugt werden. Allein schon die ersten Flitterwochen der neuen Staatsehen verliefen sehr blutig. Kåmpfe auf allen Seiten. Unzufriedenheit rechts und links. Not und Atiarchie in allen Staaten und keine Aussicht auf Besserung. Und doch wiinschen s å m 11 i - c h e Nationen nichts sehnlicher als Ruhe, Konsolidierung und Sammlung herbel. Kant ermahnt in seiner Schrift „Zum ewigen Frieden" die Teilnehmer an einem Kriege. daB sie nie alle Brttcken abbrechen, die zu einander fiihren. Eine Briicke muB immer erhalten bleiben, um spåter etwaige Annåherungsversuche moglich zu machen. Die Gegner des Weltkrieges haben tatsåchlich såmtliche Briicken zerstort, die sie verbunden hatten. Ihre Waffen Verwandelten die Tiefen des Meeres, die Meeresspiegel, die Erdoberflåche und die Hohen der Luft iri blutige Kampfplåtze. Und die Grausamkeiten der Helden des Schwertes gegeniiber der feindlichen, aber auch gegeniiber der eigenen Bevolkerung, wer vermag sie zu schildern? — Doch lehrt Kant, daB kein FriedensschluB Keime des Hasses und der Erbitterung zuriicklassen durfe, um einen nochmaligen Krieg unmoglich zu machen. Hat einmal die T a n kwaffe das Ende des Mordens herbeigefiihrt, so solite nun der Kan tfrieden allein Platz finden. Denn die Volker, welche unter den Grausamkeiten des Krieges litten, leiden nicht minder unter den Folgen eines harten Friedens. — Diese rufen den Machthabern zu: „Lasset nicht Europa verbluten! Helfet einander Wunden heilen, Trånen trocknen und Schåden gut-1 machen! Es sei fiirderhin weder Freund noch Feind unter Euch, da alle Menschen gleich Leidtragende und Schwergeprufte sind! Nåhert euch gegenseitig, denn die Zukunft Europas ist in Gefahr!" Dr. I. E i s e n b e r g. PRESSESCHAU. „Jiidische Volkszeitung" Breslau: Deutschnationale Jugend. fter 21jåhrige Oltwig von Hirschfeld, der eines Morgens „hinter die Schule“ ging, um auf Erzberger zu schieBen, weil ihn der „Ruhm“ des ungefåhr gleichaltrigen Grafen Arco* nicht schlafen lieB, ist zweifellos zum Fanatismus durch die Umstånde seiner håuslichen Umgebung ungewohnlich prådisponiert gewesen. Als eine neue und noch weniger erfreuliche Schattierung kommen jetzt Fåile dazu wie der zweier Gyinnasialschiiler der 7. Klasse in Bamberg, die sich vor dem dortigen Volksgericht wegen fortgesetzten Vergehens gegen die dffentliche Ordntmg zu verantworten hatten. Beiden wurde zur Last gelegt, dnrch aufreizende Såulen* und Maueraufschriften: „Los von Juda!", die Bevolkerung zu Gewalttåtigkeiten gegen die Juden aufgefordert zu haben. Der erste Angeklagte erklårte, daB er aus den Vorgången in Miinchen die Gberzeugung gewonnen håbe, daB die Juden Gegner des Deutschtums seien. Auch aus der Zeitschrift des deutschvolkischen Bundes sei er in seiner Oberzeugung bestårkt worden. Und jetzt die antisemitischen Treiberein an der Technischen Hochschule in Karlsruhe. Es sei heute nur nachgetragen, daB Professor Perl-Berlin einen Ruf nach Karlsruhe erhielt. Professor Perl wurde von der Karlsruher Studentenschaft abgelehnt und trat daraufhin das ihm angebotene Amt in Karlsruhe nicht an. Nun zum SchluB noch eine Nachricht aus Hamburg. um das gesamte Charakterbild der deutschnationalen Jugend zu vervollstandigen: Die Hamburger deutschnationale Jugend hat den schmalen Ruhm, die Kunst aufs innigste mit der Politik verquickt zu haben. Alexander Moissi, dem trotz seiner sehr hohen Gagen kommunistische Neigungen nachgesagt werden, wollte kiirzlich im Konventgarten in Hamburg einen Vortragsabend geben. Die Deutschnationalen (meist Schiller) hatten einen groflen Teii des Saales besetzt, und als der Kiinstler erschien, wurde er von ihnen mit Kindertrompeten und anderen Lårminstrumenten begrflBt. Als Moissi, dem politisch Unvoreingenommene Blumen darbrachten, zuwinkten und zuriefen, trotz der kakophonischen Bestrebutigen auf der Biihne ausharrte, wurde gegen diese von den Ruhestorern ein Bombardement mit Knallerbsen und — Stuhlbeinen eroffnet, und vor der Kompaktheit soleher Argumente såh sich der Kiinstler schlieBlich genotigt, abzutreten. Erst nach etwa einer halben Stunde erschienen Schutzleute und Sicherheitspolizei, die vergebliche Ruhe zu schaffen suchten, und dann erklårten, die Vorlesung falle aus. Unter den Besuchern war ein Flugblått: „Goethe und die Juden" verteilt worden, das tlbcr die Absichten der Ruhcstorer keinen Zweifel aufkommen lieB. RUNDSCHAU. Aus Paiåstina. Der Waad von Rischon le Zion hat beschlosseu, die zwischen dieser Kolonie und dem Mittellåndischen Meere gelegenen Sanddiinen, die Djemal Pascha seinerzeit Rischon le Zion abgetreten hatte*, aufzuforsten und dort eine Gartenstadt zu errichten. In Jerusalem ist ein jiidischer Friedensgerichtshof mit hebråischer Amtssprache geschaffen worden. Die Richter sind bereits ernannt. Derartige Gerichtshofe sind auch in anderen palåstinensischen Zentren, vor allem in den jiidischen Siedlungen vorh'anden. Wiewohl sie nur fiir Juden bestimmt sind, wandten sich håufig auch Araber mit ihren Prozessen an sie. — Die britische Mflitårverwaltung hat der jiidischen Kolonie Givath Saul den Betrag von 1400 Sterling als Kriegsentschådigung ausgezahlt. Sir Herbert Samuel tiber selne Mission in Paiåstina. Sir Herbert Samuel, der von der englischen Regierung mit einer besonderen Mission nach Paiåstina entsendet wurde, hielt sich auf der Durchreise in Paris auf, wo er dem Komitee der jiidischen'Delegationen bei der Friedenskonferenz einen Besuch abstattete. Sir Samuel machte hier die Mitteilung, daB er als administrativer und finanzieller Beirat des Marschalls Allenby von der englischen Regierung den Auftrag håbe, die Arbeiten zur Einrichtung einer nationaljiidischen Heimståtte in Paiåstina* zu leiten. Die englische Regierung beabsichtige, in Paiåstina die modernsten Methoden des wirtschaftlichen'Lebens einzufiihren. Die jiidische Kolonisation, die unter englischen Auspizien durchgefiihrt werden soli, wird keine kapitalistische sein, demnach keine Latifundien schaffen, sondern das Bestreben haben, die Interessen der Arbeitermassen mit denen des Landes und seiner Entwicklung in Einkiang zu bringen. Die Itidische Bank in Paiåstina. Die „Anglo-Palestine", die „Jiidische Bank" genannt, hat in Paiåstina in der letzten Zeit eine groBe Tåtigkeit entwickelt, wie aus Mitteilungen der Zionistenorganisation zu ersehen isC Sobald die Entente die Verwaltung in die Hånde bekam, konnten die Hauptbank in Jaffa und ihrer Filialen de« Betrieb wieder mit voller Kraft aufnehmen. Die Bank hat