Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 6 (5.2.1920)
- Date
- 1920-02-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Sefte 5 „JUDWCHE V0LKS8TIMME.“ Nf. 6. •in Beweis eine« kraftløsen, zerrfltteten Nervensystems, wie es degenerierten Individuen zu eigen ist, wogegen ein kråftiger, gesunder Durchschnittsmensch ein Liebesgefiihl, sobald er es fur notig findet, energisch aus seinem Herzen reiBen kann. Die Menge aber, die Gefallen am Absonderlichen findet, ' sympatisiert rpit dem krankhaften Vertreter der „unwandelbaren Liebe" und geråt so unbemerkt unter seinen EinfluB. Unsere heutige Schule nåhrt in den hdheren Klassen den Geist der Jugend mit poetischen Werken, die ausnahmslos die Liebe im extasenhaften, krankhafteri Zustande verherrlichen, und verschweigt jede Spur einer sexualen Wahrheit. Wenn ich mich hun in der Folge noch weiterhin mit dem Einflusse der Literatur auf die Jugend beschåftige, so brauche ich wohl nicht erst besonders zu betonen, daB ich dieselbé keinesfalls verw.erfe, da sie, wie allgemein bekannt, einen sehr wohltåtigen EinfluB auf die Jugend iibt, daB ich vielmehr nur bestrebt bin, einen Modus zu finden, wie man ihrem schådlichen Einflusse entgegenarbeiten konne. Den besten Beweis fiir den EinfluB der beletristischen Literatur auf die Geschlechtsmoral ganzcr Generationen findon wir bei den Juden Østeuropas. Dort wird der månnlichen Jugend fanatischerweise das Lesen profaner Blicher auf das strengste verbotcn, lind so die månnliche Jugend dem Einflusse der Beletristik entzogen. In den berilchtigten, halbasiatischen Judenschulen des Ostens werden junge Juden mit dem Inhalt der lieiligen Schriften und des Talniuds bekannt gemacht, wobei es die primitive Padagogik jener Lander nicht fiir notig-findet, jene Stellen im hebråischen Urtext als „anstoBig" zu verschweigen, die mit kiihler Offenheit sexuale Probleme behandéln. Und so kommt es, daB schon im friihesten Atter die jiidische Jugend halb unbewuBt aufgeklårt wird. Bei den Generationen, die nun dieser Jugend entsprieBen, sind die sexuellen Moralbegrifre vorziiglich; der vor-nmd auBereheliche Geschlechtsverkehr der Manner, wie er in Westeuropa stillschweigend getriebén wird, ist auf ein ganz unbedeutendes Minimum eingeschrånkt. Ganz anders liegen aber die Verhåltnisse bei der weiblichen Jugend des jtidischen Ostens. Diese, nach orientalischer A'uffassung der månnlichen Jugend nicht als. ebenbtirtig geltend, studiert weder Bibel nocji Talmud, und wird so auch nicht sexuell aufgeklårt. Aus diesem Grunde auch driicken jene Fanatiker Mådehen gegeniiber gerne ein Auge zu. und gestatten das. Lesen profaner Literatur, und begniigen sich damit, den Verkehr der Mådehen mit der AuBenwelt moglichst einzuschrånken. So kommt es, daB die Lebensauffassung derselben bloB auf der beletristischen Literatur aufgebaut ist, wogegen selbst die naivsten unserer westlichen Backfische, die das Leben nur aus Konzerten und Ballsålen kennen, bisweilen auch dort von einem Hauche der Wirklichkeit erreicht werden. Die Folgen dieses uneingeschrånkten Einflusses der oft noch schlechten Beletristik auf die jiidischen Mådehen des Ostens sind jedem Kenner der Verhåltnisse bekannt., Eine erschreckendgroBe Zahl von jungen Jiidimien folgt der Suggestion der Literatur, wenn ihr Ungliick es will, daB sie trotz aller elternlicher Vorsicht einmal irgend einen galan ten Don Juan kennen lernen, von dem sie sich meist ohne viel Bedenken cntfiihren lassen, um nur jener groBen Liebe zu dienen, von der die Biicher so schon zu reden wissen. Ihr Schicksal ist fast immer das Gleiche. Ueber kurz oder lang verlåBt sie der treulose Galan. Und so endigen sie denn alle friiher oder spater, vom Elternliause verstoBen, vom Heimatstådtchen verdammt, von friihester Jugend nur zur Ehe erzogen, in jenen beriichtigten offentlichen Håusern der polnischen GroBstådte, und dieser Umstand erklårt uns die verhåltnismåBig groBe Zahl der jiidischen Prostituierten in Polen . . . Man hort es bisweilen erzåhlen, daB beriihmte Schauspieler ofters Auffiihrungen beiwohnen, in dcnen ihre unbekannten, talentløsen Kollegen auftreten, weil, wie sie sagen, selbst der untalentierteste Mime bisweilen eine Pose annimmt, eine Geste hinwirft, die fiir sich allein genial ist, und von der selbst der groBe Biihnenkiinstler noch lernen kann. Dieser Umstand gibt meinem Unternehmen vielleicht einwenig Berechtigung, wenn ich heute unseren modernen Pådagogen das Beispiel ihres so viel verachteten Kollegen aus dem galizischen Cheder, der Juuenschule des Ostens vor A^gen halte. Man hat in der letzten Zeit viel Lårm geschlagen, als man in Wiener Schulen darangehpn \yollte, 13- und 14jåhrige Kinder sexuell aufzuklåren. Und vielleicht nicht ganz mit Unrecht. Es geht nicht an, daB man denselben Kindern, di« man bis zum 13. Lebensjahre belogen und betrogen hat, nun pldtzlich reinen Wein einschenke. Dies wåre ebenso gefåhrlich, wie wenn man ein verwohntes Muttersdhnchen plotzlich ebenso den Unbilden der Witterung aussetzen wollte, wie man es gefahrlos mit seinem abgehårteten Kameraden machen kann. — In der Sexualfrage konnen unsere groflten Pådagogen von ihrem unscheinbaren Kollegen aus dem Osten lernen, der in seiner Unkenntnis das Richtige getroffen hat, wenn er die Jugend von ihrem Eintritt in seine Schule an allmåhlich und unbemerkt aufklårt, und der es nicht fiir notig findet, ihnen auch noch so ideal klingende Lugen vorzusetzen. Vielleicht werden unsere Pådagogen dann einsehen, daB es am besten ist, mit der sexuellen Aufklårung der Jugend schon jn der niedersten Volksschulklasse anzufangen, auch dann wenn man hiezu die heiligen Schriften nicht verwenden will oder kann. RUNDSCHAU. Jiidischer Nationalrat fiir die Cechoslovakische Republik. Bericht iiber die Sitzungen vom 20. und 27. Jånner. In der am 20. Jånner stattgefundenen Stizung des Jiidischen Nationalrates, welcher auch der Pråsident des Volksverbandes der Juden fiir die Slovakei Herr Theodor Wistcr beiwohnte, werden zunåchst Wahlangelegenheiten behandelt.. Herr Pråsident W ist er gibt einen ausfiihrlichen Bericht iiber den Stand der Wahlvorbereitungen in der Slovakei und die dortigen politischen Verhåltnisse iiberhaupt. Er teilt mit, daB am 1. und 2. Feber in Pistany eine allgemeine Tagung der slovakischen Juden stattfindet, die vom provisorischen jiidischen Zentralwahlkomitee einberufen wird und zu der alle Kultusgemeinden, die Ortsgruppen des: Volksverbandes, die Lokalwahlkomitees und alle jiidischen Organisationen, die an den Wahlen in der Slovakei interessiert sind, eingeladen werden. Auf dieser Tagung wird die Konstituiereung der Partei und des Zentralwahlkomitees erfolgen. Bis Mitte Jånner wurden ungefåhr 25 jiidische Wahlkomitees gegriindet. Herr Wister gibt dann einen ausfuhrlichen Bericht iiber die von ihm gefiihrten Verhandlungen mit andern jiidischep Gruppen in der Slovakei, und iiber die von ihm eingeholten Informationen beziiglich der Wahlkreiseinteilung. In der anschlie- Benden Debatte sprechen die Herren Prof. Dr. E ng e 1, Dr. Singer, Dr. Kaznelson, Dr. G o Idst e i n. Es gelangt hierauf aus dem Einlauf efhe Zu. schrift des Ministeriums fiir Landesverteidigung als Antwort auf eine Beschwerde iiber antisemitische Regimentsbefehle in der Slovakei zur Vorlesung. Ueber die wiederholten, bereits mehrere Wochen andauernden Bemiihungen des J. N. R., die diesjåhrige Versorgung mit Mazzoth sicherzustellen, gibt Dr. S. L i e b e n einen ausfiihrlichen Bericht, nach welchem begriindete Aussicht besteht, daB diese Frage befriedigé'nd geregelt wird. Es gelangt ferner ein Schreiben des Parteivorstandes der jiid. sozialdemokratischen Arbeiterpartei „P o a 1 e Z i o n“ zur Verlesung, in welcher mitgeteilt wird, daB diese ihre Vertreter im J. N. R. abberuft. An die Verlesung dieses Briefes schlieBt sich eine kurze Debatte, als deren Ergebnis die Anschauuug zutage tritt, daB diese Abberufung aus den Schwierigkeiten zu erklåren ist, die sich einer offiziellen Stellungnahme dieser Organisation zu .den Wahlen entgegenstellen. Das Schreiben wird hierauf zur Knentnis genommen. Ein Mitglied des Nationalrats wird ferner beauftragt, dem ehemaligen Vizepråsidenten des J. N. R. Herrn Rudolf Kohn fiir seine tatkråftige Mitarbeit den Dank auszusprechen. Hierauf erstattet Dr. Kaznelson einen ausfiihrlichen Bericht iiber die Kriegsgefangenenaktion des J. N. R. und bringt zunåchst ein personliches Schreiben von Oberrichter Louis D. Brandeis aus Washington in dieser Angelegenheit an ihn zur Verlesung, ferner einen Brief unseres nach Amerika entsandten Delegierten, welcher in derselben Angelegenheit bereits mit verschiedenen Organisationen und Persdnlichkeiten konferiert hat. Er teilt ferner mit, daB der Delegierte selbst auch Sammlungem fiir diesen Zweck veranstalten werde. Sodann gibt Dr. Kaznelson die soeben aus Newyork iiber London eingetroffene Meldung bekannt, daB das amerikanische Joint Distribution Commi'ttee iiber Appell von Mr. Jacob H. Schiff den Betrag von 100.000 Dollar zum Zwecke der Repatriierung der jiidischen Gefangenen in Sibirien gewidmet håbe. Ueber die Lage der jiidischen Gefangenen in Sibirien werden die folgenden Mitteilungen seitens der amerikanischén zionistischen Organisation zur Kenntnis gebracht: Nach Berichten, welche die amerikanische zionistische Organisation aus Krasnojarsk und von Kapitån David J. Sandelson, britischem Stabsoffizier bei der sibirischen Expedition, erhaltcn hat, befinden sich 5.000—10.000 jiidische Kriegsgefangéne, hievon iiber 1700 Offiziere, in Sibirien, die in iiber 15 Lagern von Omsk bis nach Wladiwostok verstreut sind. Die Gefangenen jiidischer Nationalitet befinden sich zusammen mit den deutschen, ungarischen u. a. Gefangenen in denselben Lagern und uriter derselben unmenschlich strengen Disziplinarbehandlung, die iiberall in den sibirischen Gefangcnenlagern trotz des Waffenstillstandes herrscht. Das Leben in diesen Lagern ist mit den schreckl ich sten Beschwerden verbunden, da abgesehen von len Unbilden des Klimas und der politischen Situat^", ein empfindlicher Mangel an Nahrung, Kleidung, Bcleuchtung, Beheizung, Seife etc. herrscht. Die uidischen Gefangenen, fast alle. Månner von dehesten F.rziehung, versuchen sich am Leben zu e-’’"'?n, indem sie noch besondert in Hausindustrieen. "de bei der Herstelung von Zlgarren und Zigaretten, Arbeit verrichten. Doch infolge der Armut des Landes und der groBen Konkurrenz ist der Verdienst t sehr geringer. AIs. eine Folge dieser Situation lichte chronische Hungerurid epidemische Krankheiteu, insbesondere Tuberkulose, die Reihen der Gefangenen. Trotz dieser ungeheueren Schwierigkeiten haben sich ungefåhr 60 Prozent aller jiidischen Gefangenen in zionistische Gruppen organisiert. Sie sind Schekelzahler und sammeln im Verhåltnis zu ihren geringen Mitteln fiir den Nationalfond, sie haben Schulen, Vortragskurse, Arbeitsgenossenschaften. -Hechaluz-Gruppen und nationale Schiedsgerichte errichtet, welche zwischen Juden im Lager Recht sprechen. Die sibirische Ziom'stenfederation und der sibirische jiidische Nationalrat traten immer wieder fiir die jiidischen Gefangenen ein. - Dr. Kaznelsohn berichtet sodann iiber mehrf'1che Verhandlungen des J. N. R., die den Abtransport der Gefangenen betreffen. Mitte Februar wird ein zweiter Delegierter des J. N. R. nach Amerika abreisen, der gemeinsam mit den fur diese Angelegenheit in Amerika bereits gewonnenen Persdnlichkeiten verschiedene Schritte unternehmen wird. Ob diese von Erfolg begleitet sein werden, låBt sich heute' noch nicht voraussehen. Leider ist das Interesse und die Anteilnahme der hiesigen Juden noch viel zu gering. Der Bericht der Finanzkommission iiber die S1cherstellung des Budgets fiir das laufende Jahr wird mit Dank zur Kenntnis genommen. Die Eingånge fiir die Nationalsteuer sind in Prag, wo die Einhcbung auf Grund vorangegangener Einschåtzung und Vorschreibung erfolgt, zufriedenstellend. Die Sitzung am 27. Jånner beschåftigte sich zuniichst mit Presse-Angelegenh.eiten und dann mit den Wahlen fiir die Nationalversammlung. Es werden die Delegierten bestimmt, welche bei der Piestyaner Tagung den Nationalrat vertreten sollen. Dr. S i n g e r berichtet iiber eine Vorsprache im VerfassungsausschuB der Nationalversammlung in Angelegenheit des Wahltermins, der Wahlkreiseinteilung und der genauen Bestimmungen der Wahlordnung. Hier.iiber ist noch nichts Endgiltiges bekannt. Dr. Kaznelson teilt mit, daB das skandinavische .jiidische Zentralhilfskomitee in Kopenhagen die Kriegsgefangenenaktion des J. N. R. subventionieren will. In der Frage der Gewåhrung einer vorlåufigen Staatsaushilfe an die durch die Pliin derungen im November 1918 besonders hart getroffenen slovaki.schen Juden werden verschiedene vorbereitende MaBnahmen eingehend erwogen. Ebenso gelangt auch die Frage des Cechoslovakischen Heimatsrechtes und die vom J. N. R. in dieser Angelegenheit zu unternehr menden Schritte zur ausfiihrlichen Beratung. Der iibrige Teil der Sitzung ist Wahlangelegenheiten gewidmet. * von wocheTu woche. Wir erinnern uns, daB Graf Albert A p p on y erklårt hatte, in Ungarn wurden die Juden nicht um ihrer selbstwillen verfolgt, sondenn nur deshalb, weil sie am Bolschewismus beteiligt waren. Wir giaubten es ihm nicht, werden es auch weiterhin nicht glauben, denn der Ausfall der ungarischen Parlamentswahlen zeigt uns einen Sieg des Antisemitismus auf allen Linien. Das „gelobte Land“ der Juden, fiir das iibrigens die orthodoxen Rabbiner der Slpvakei noch immer zu schwårmen scheinen, hat diesmal nur einen Juden