Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 6 (5.2.1920)
- Date
- 1920-02-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Mn 4 „JrøWCHE V0U3#ttMMB> Nr. 6. tncbtua^BD ausftistellen, denn in historttch« Besebenhetten mufl man sich elnfinden und wenn man auch aus Vergangenem lernen kann, die Zukunft ist es, der unser Blick gilt, die Zukunft, deren Konturen sich heute schon deutlich abheben und zu der es sich einzustellen gilt, je frtther, desto besser. Vblkcr weinen und trauern nicht, auch wenn sie Grund liåtten. V&lker gehen ihren Weg und wenn sie gesnnd und lebensfåhig sind, tniissen sie das Leben bezwingen kdnnen. So sind wir Schicksaisgenossen geworden und wenn wir Bukowiner auch frtiher mit den BeBarabern und Altrumanen mitgefiihlt und mit! Interesse ihr Schicksal verfolgt haben, jetzt gilt es mit ihnen und mit den Transylvanern jenseits der Berge trøtz mancher Schwierigkeiten der Uebergangszeit und trotz mancher Verschiedenheiten miserer nationalen Erziehung und unserer materiellen Position den Einheitsgedanken rasch zu erfassen und ihn ins Leben zu verwirklichen. Mufl man heute noch betonen, dafl wir nur so stark sein konnen? Heute wo die Welt, die doch bald sich in Ruhe wiegeu wird, fiir uns noch in hellen Flammen steht; werden wir noch immer nicht gelernt haben, dafl wir im Separatismus nur zu leicht beiseite geschoben werden konnen, wenn man an die Neuordnung der Dinge ge hen wird? Die Massen empfinden es sicher zutiefst, wie gebieterisch der Einheitsgedanke nach Zusammenschlufl ruft, die Massen, die ihre Zusammengehdrigkeit guf den Schiachtfeldern empfunden und daheim in der gemeinsamen Hot. An den Fiihrern ist es, jetzt wahrhaft voranzugehen und den latenten Massenwillen in Organisationsform lebendig zu inachen. Wehe d#nen, die aus personlichem Vorteil noch darauf spekulieren, das Volk verschachern zu konnen. Aber wehe auch denen, die in lehrer Wichtigtuerei sich Fuhrerrollen anmaflen und nur die Feiertagsstunde fiir das „Politisieren“ freimachen, sonst aber den wahren Bediirfnissen des Volkes fremd gegeniiberstehen und zu ihm nur kommen, wenn es auf seinen Schulterri Ehrenstellen zu ergattern gilt! Das Volk ist miindig geworden und nur diejenigen wird es anerkennen, die den besten Willen haben, in dieser schweren Zeit sich der Arbeit zu widmen — den Ernst und die Kraft haben auch zum personlichen Opfer! Wie sieht es mit den vier Gruppen aus, die es cinheitlich zu organisieren gilt? Die Judeit B e Ba r a b i e n s, die frtther ihren Riickhalt in der gro- Ben und geistig so regsamen russischen Judenheit hatten, die eine festgewurzelte Tradition mitbringen, ihre jildische und hebråische Sprache und ihr durch die GreUel des Zarismus nur gestiirktes soziales Empfinden, die Juden Beflarabiens, die auch in schwersten Zeiten sich stark gezeigt haben, sie werden sich wohl leicht mit ihren Briidern aus Altrumånien, die bisher ein so seltsames Dasein fuhrten ‘als Fremde in einem Staate, den sie mit ihrem Blute verteidigen halfen, die, trotzdem ihnen die Segnuugen der Bildung so wenig zugånglich waren, doch schon heute unter der Wucht der Ereignisse gelernt haben, dafl sie wohl als Ganzes Pflichten haben, aber auch als Ganzes ihre Forderungen anmelden nuissen. Die Juden Transy lvaniens, denen der Mafcyare jede eigene nationale Regung auszutreiben versuchte, die wohl in ' gunstigen wirtschaftlichen Positionen waren, bei denen aber doch die, wenn auch schwache nationale Bewegung die innere Judennot zum Ausdruck brachte. Sie sehen sich jetzt mit einer zahlreichen Ostjudenheit verbunden und werden diesen Riickhalt bald richtig einschatzen lernen. Und die 100.000 Juden der kleinen Bukowina! Ich hoffe, dafl man mir nicht Lobrednerei vorwerfen wird, es mufl mir gestattet sein, auch iiber meine engeren Stammesgenossen ein objektives Wort zu spH^hen. Den Juden der Bukowina failt einfebeso ndere Rolle zu. Trotzdem sie. Aie auch die Rumånen und die anderen drei Nationen des Landes in das Deutschtum hineingezwångt wurden, hat die Bukowiner Judenschaft, dank der auf klarenden und reinigenden Wirkung der zionistischen und nationalen Idee zusammen mit den anderen Naittouen seit Jahrzehnten gegen die deutsch-zentralistische Bureaukratie den Kampf aufgenommen, und sie war es, <df& fiihrend geholfen hat, den nationalen A u sigvf e43c h i m L a n d.e herbeizufiihren. G eg'tfwntfla srdc. k. Wien! Denn dem k. k. Wien paBt»i3leiiiPf lette'nicht. Wien wollte auch das Gesetz nicht flsanktfonlenen^i das eine jiidische Wahlkurie schufc i Abernes hatf ,!hichtt‘D er Fiihrer der Rum åwfemutøar ’iøfr (iclL> gikube i nicht zu irren, dafl es der Wlvépehtitéi’vt^Wotenyusltiinwar), der unter einstimmlaer -Zostlhimitmif rhlleir! Natloneh rim Landtage die EvMtlnt(tsr;'abgst^dda0^dtd>^'d)dik)n;!e)fhi Volk Jorga gestgt) haben in gemeinsamer Kampffront mit allen anderen ihr Bestes fttr die Interessen des Landes gegeben. Das wird niemand leugnen, auch diejenigen nicht, die heute im iiberschaumenden nationalen Chauvinismus vergessen, dafl man einen alten autochtpnen (das sei betont!) Nachbarn nicht mit cinem Male zum Fremden stempeln kann! Statistische Daten und lebendige Zeugen des Schaffens lassen sich durch noch so geschickt vorgefiihrte Kiinste eben nicht aus der Welt zu schaffen. Und sie werden auch nicht leugnen konnen, dafl wir Fricden halten wollen, die Jugend und die Alten, die Vdlker, die sich sehr gut vertragen und die Fiihrer. Und dafl die nationale Bewegung immer darauf bedacht war, auch die eigenen Fehier zu erkennen und abzustel- Ien. Und sie werden nicht leugnen, dafl wir stets ehrliche Kompaziszenten waren und, dafl es sich gut mit uns leben liefl, trotzdem, oder gerade weil das nationale Bewufltsein uns 'den notigen Stolz tmd die freie Stime, den geraden Biick und den aufrechteu geraden Riicken gegeben hatte. Der Hochflut des Chauvinismus, den die Wirren der Zeiten teilweise verståtvfllich rnachen, folgt einmal die Ebbe der Erkenntnis und der .Selbstbesinnung und dann wird man doch wieder eingestehen miissen, dafl die Juden doch nicht sosehr anders geworden sein konnen. gerade weil das Kriegsgliick zu Gunsten Rumaniens entschieden hat und man wird auch vom Wahne befreit sein, dafl die Juden, die doch in Fragen des Territoriums qiemals mitsprachen, auf einmal die Qualitat zu guten Staatsbiirgern eingebuflt haben. Die Zeit wird kommen, dessen sind wir gewifl! Aber die Bukowiner Juden legen die Hande nicht in den Schofl, um ihr Fatum abzuwarten. Das Leben nimmt seinen Gang und die Forderungen des Tages sind ebenso gebieterisch, wie die dér Zukunft. Deshalb steht der Bukowiner Nationalrat treu an der Wacht der Volksrecht.e und selne Neuorganlsierung wird eln starkes lettendes. Instrument schaffen. Hier ist der Hebel anzusetzen. Die vier Judengruppen haben einander so manches zu sagen und zu bieten. Es muB eina Plattiorm gefunden werden fiir eine einheitliche Losung der Organisationsfrage. Unverbiudlichen Ausspraclien werden bedeutendere Beratungen folgen, aber der Anfang muB gemacht werden. Und es ist gleich, woher zuerst die briiderliche Hånd gereicht wird. Alle vier haben die Pflicht dazu. Die kleinen assimilatorischen Gruppen haben nichts zu sagen. Die demokratischen Gruppen sind die allein Berechtigten. Und sie konnen es tun im Lichte der hellsten Sonne, so frei und offen, wie wir dies an die jiidische Welt Rumaniens-frei sagen diirfen. Das Volk organisiert sich nicht zu staatsfeindlichen Zwecken. Die nationale Organisation ist der gesunde Unterbau.des Staatswesens. Kein Rumane wird zugeben, dal) wir volkiscli Rumanen sind nach Rasse, Religion und kultureller Eigenart. Die Konzen- ,trierung alles dessen soli uns zur Ordnung miserer inneren Angelegenheiten fiihren, dem Staate gegeniiber aber wollen wir kein Staat im Staate sein, sondern als organisierte Gemeinschaft ein Teil seines Seins an ilm gebunden in jeder Pflicht, aber auch in jedem Recht von freien Menschen. Unser Scheitel schwebt nicht in den Wolken. Mit*festen Fiifleu stehen wir auf dem Boden der Staatlichkeit. Wenn man uns eine angemessene Uebergangszeit gibt. werden wir bald vergessen machen, daB wir aus vier Weltgegetiden kommen'; nur eines werden wir nicht vergessen machen, daB wir leben und ein Recht haben, zu leben, nicht nur auf Gruad des groBen natiirlichen Rechtes aller Lebewesen, sondern auf Grund unserer Mitarbeit. Dies mufl klar gesagt sein, und weil wir glaubeu, dafl mis niemand die Dummheit zumuten wird, dafl wir dem Staate gegeniiber, der uns alle umschlieflt und dessen Teil wir sind, feindlich gesinnt sind, wenn wir uns zusammenschlieflen, deshalb diirfen wir uns niemals scheuen, dies alles offen auszusprechen. „Politik11 im vulgåren Sinne fordert zwar oft Versteckenspiel, aber ein Volk, wie wir, hat keinen Anlafl dazu, da seine Auspriiche das Sonuenlicht nicht scheuen miissen. * # * , Ich wollte der dringenden Notwendigkeit Ausdruck verleihen, die alle sicher so sehr erfassen, wie ich. Aber diese Erkenntnis allein geniigt nicht. Sie mufl gesagt sein und an uns allen ist es, aus dieser Erkenntnis heraus zu handeln. Die Wege sind uns vorgezeichnet. Ich liege den festen Glauben, dafl wir sie gehen werden, denn mein Glauben ist der Glaube an die unvergångliche :nnere Kra^ft meines Volkes. ' Die konventionellen Lligen In der Schuie. Von Sigmund U r a b i n. Gablonz. „Die Wahrheit mufl man von den Dåcliern schreien. Da wird bestandig gefliistert, es sei gefåhrlich, gewisse Dinge der Menge mitzuteilen. ,Wir wissen*, heiflt es, ,dafl das unwahr ist, fil/ das Volk erscheint es aber notwendig.* — Das ist nicht wahr! Krumme Wege bleiben stets krumm, selbst wenn sie die groflte Voiksmenge hinters Licht fiihren, und Unwahrheit kann nie niitzlich sein." Diese Worte des greisen Tolstoi mdclite ich miseren Padagogen ins Stamrtibuch schreiben, die die Jugend mit einem Wall absurder, unwirklicher Ideale unige.ben, um, wie sie sagen, die rauhe Wirklichkeit von der zarten Kinderseele abzuhalten. „Die Seele des Kindes", so pflegen unsere Schulnieister zu sagen, „ist uns in ihrer Unschuld ein Heiligtum; nur allzufriih geht ihre Reinheit im Leben verloren, und man kann nie genhgtun, um die rauhe Lebenswirklichkeit vom Kinde abzuhalten." Dies ist auch der Grund, wesbalb man gegen jene Wenigen Sturm lauft, die behaupten, dafl nur eine frtthzeitige Lebenskenntnis geniigend zum Lebenskampfe vorbereite. Man wirft ihnen vor, dafl sie es seien, die die reine Unschuld des Kindes mit Schmutz und Geifer besudeln wollen. Es braucht nur irgend jemand die Aufklarung der Jugend zu fordern, und die Padagogik erhebt ein Zetergeschrei, und verlangt, dafl man den brutalen Rohling steinige, der schandend in das Heiligtum der Kinderseele dringe. Die Unschuld der Kinderseele! Dies ist der Grundbegriff, auf dem unsere ganze heutige Pådagogig aufgebaut ist. In den nachsten Zeilen will ich es nun versuchen, diesen Begriff ohne jede Spur von Schwarmerei, sondern mit wissenschaftlicher Niichternheit zu priifen. Ein natiirlicher, der Gattungserhaltung dieneuder Trieb des Menschen, der beim Weibe besonders stark ausgebildet ist, ist die natiirliche Ursache dessen, daB wir Kindern gegeniiber eine instinktive Sympathie und ein gewisses Wohlwollen empfinden. Die Eigenschaft des Menschen, natiirliche Gefiihle poetisch zu umschreibeii, liaben sich nun schwårrnerische Lyriker zu nutzen*gemacht, und die Beliauptirng aufgestellt, dafl wir die Kinder ihrer reinen Unschuld wegen lieben, ein Mårehen, das, nachdem es vielfach wiederholt, allgemein geglaubt wurde. Der niichterne Psychiater aber kann diese Meinung nicht teilen. Er weifl ganz gut, wie unwahr diese Behauptung ist, daB sich alle verwerflichen Eigeuschaften des Menschen schon in friihester Jugend zeigen, dafl sie aber, infolgc der verhåltnisufåflig geringen Krafte des jugendlichen Individuums, s(ch nur in dementsprechend geringem Mafle zeigen k'comen, und erfahrene Padagogen werden ihm wohl oder iibel bestatigen miissen, daB Bosheit, Falschheit, Grausamkeit, Liige etc. sich schon beim jugendlichen Individuum zeigen. So zerstiebt denn vor unserem nijchternen Blick der schbne Traum von der Unschuld des Kindes, das Gebilde schwårmerischer Phantasteu, wie nachtlicher Spuck beim Hahncnschrei. — Unsere heutige Pådagogie aber, die auf diescr „Kindheitsunschuld" aufgebaut ist, setzt ihre ganze Kraft daran, diese „Unschuld" zu erhalten, indern sie jeden Hauch der Wirklichkcit von der Jugend * abhålt, und diese mit schonen, idealen Lugen betriigt. Aber wie jede Liige, so haben auch diese Liigen kurze Beiue. Wenn junge Leute ins Leben treteu, denen die Welt in einer ideaiisierten, vollig unwirklichen Weise dargestellt wurde, und sie den Unterschied zwischen der rauhen Wirklichkeit und dem falschen Idealismus der Schuie erkennen, dann pflegt meistens ihr ganzer moralischer Halt zusammenzubrechen und unter seinen Trummern das Edelste des Menschen zu begraben. Das, was ich nun eben iiber den „Unschuldidealismus" der Schuie im allgemeinen gesagt håbe, das gilt besonders fur das Sexualproblem in ihr, das ich ffn Folgenden noch nåher besprechen will. Ich gehe vor allem von der bekannten Nordausclien Sexualtheorie aus. Max Nordau erklårt den ungeheuren EinfluB der beletristischen Literatur auf die Liebe. Die Literatur ist keine genaue Wiedergabe des Lebens, da sie stets abnormale und absonderliche Menschen und niemals gesunde Durchschnittsmenschen beschreibt. Dagegen iibt sie einen suggestiven EinfluB auf das Leserpublikum', das in den poetischen Figuren Idealgestalten sieht, denen es zu gleiehen bestrebt ist. So ist zum Beispiel die vielfcepriesene „unwandelbare Liebe bis zum Grabe" s e i e‘4t;'t«itti^elciheri',Rec*rtfeii!,'vvie‘ diQuande»etr-‘Wdl-