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Jüdische Volksstimme · 1920-02-05 · Heft 6 (5.2.1920) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXI (1920)
Issue
Heft 6 (5.2.1920)
Date
1920-02-05
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Nr. 6 Seftt 2. Difficile est, satyram non scribre! Wahrlich *68 ist schwer, keine Satyre zu schreiben. Und diese Jaden haben die Stirne, um jiidische Stimmen zu buhlen. Dfll« Joden, dfe in ih rer Selbstvefgtssen* heit so fléf jfSififflken sihd, daB sie trotz ålfer Wbglichen Abweisufttfén doch ftbch ifltfflér in ftwrfflliåtionalen Parteien Verbleftffn. Konnen sdfehe Mfttøfer *ns Jtfden yertftten? Konneri Mfftffér, die n^t 'dbn ^it h^itzd^ ’dås ibW zu wollen, wls sie &Éd, *tfdn Mut ahfb^&n, før das Judentdm bifdfrttlch åtøzutféten fiir jttdisclfe 'Htøtflitø *u karSjSftfcn? haben solche ^tøfflfer uberfftfftpt 4tf2$ Ifecht, dbf jiidische Stimmen zu rechnen? Wenn unsere deutschdemokratischen Juden Månner waren, wenn sie freiheitlich WSfen' im wahren Sinne des Wortes, dann miiøtén sie In erSter Linie im deutschen Volke Freiheit, Detnokratle verbreiten und Anhanger suchen. Nicht aber bei Juden. Bei den Juden haben sie nichts zu suchen, wenn anders sie nicht als jiidisch angesehen werden wollen. Deshalb ihr Juden, die Ihr noch ein Fttnkchen Judéntum ihi Leibe håbet, gilt fUr Euch bei allen Wahlen nur eine Parole mdglich: „Wåhlet ifldischr O. K. D r. M. O r ii n f e I d. Baumfest. Zum' Chamischah Assar, 15. des Monats Schebat 5680. (4. Februar.) Im kahten Gezweige rauscht der Wind. Schwer senken sich die Regentropfen auf die Aeste, die uns, wie Ruten, entgegenstarren. Des Winters Herrschaft erfeicht ihren Hohepunkt und der Neujahrstag der Baume, einer der 4 Jahresanfånge, welche die Mischna Rosch Haschana anfiihrt, ist gekommen. Da strOmen den Båuinen neue Safte zu, welche die Friichte spater zum Reifen notig haben, wie der alte Erklarer des Mischnawortes bemerkt. Eine alte Baliernregel ist’s, die hier zum Ausdruck kommt, eine Beobachtiing, die vielleicht bei unseren gelehrten Nåturforschern, die ja alles wissen wollen, ein hOhnisches Nagenrumpfen, ein spottisches Achselzucken zur Fdige haben durfte. Aber auch unsere Bauern, wie die einstigen Palastlnas, bemerken: „Zu Fabian und Sebastian, geht die Kraft die Baume an.u MuB demnach doch etwas an dieser Erscheinung sein. Das Judéntum stand immer mit der Natur in Beziehungen, brachte stets Freuden- und Trauerzeiten, Fest- und Fasttage mit den Naturerscheinungen in sinnige und sinnliche Beziehung., So war denn der Chamischah Assar des „Rutenmonats" Schebat fiir den Juden die Friih-' lingsabnung; aus der Ferne, mitten in der starren Winterszeit, winkt der erlosende Friihling, in die finstiren Wintertage ertbnen die Freiheitsgesånge, wie aus weiter, weiter Ferne. Ein Festtag war der Fern mit ihren Anliegen und er liebte sie alle wie seine eigenen Kinder; aller Trost u. aller Wehe ging ihm zu Herzen. Ein schneeweiøer. Bart umrahmte das noch jugendliche Gesicht; die Erforschung der miindlichen Lehre hatte sein Haar friihzeitig gebleicht. Herrliche, gldnzende Augen, die milde und weltverloren vor sich hinblickten, biasse Gesichtsfarbe lieflen den Rebbe als engelhaftes Wesen erscheinen; uberirdische Gloriale umstrahle die ganze Persdnllchkeit. Ab und zu erhob er seine 'Augen vom Buche, warf einen Blick auf eine Reihe engbeschriebener kleiner Zettel, die auf dem Studiertische lagen, dann stieB er einen tiefen Seufzer auf, der aus warmfUhlender Brust kam. Es gab soviel Leid und Herzweh, soviel Sorge und Kummer, welche seine Getreuen ihren Quitteln8) anvertraut hatten und er sollte das Leid bannen, die Sorge mindern; er solltc der Mittler sein, um seinem, ihrem Gotte all das zu unterbreiten, Heil und Hilfe erflehen. Jankel der Schames®) saB in einem Winkel zusammengekauert und harrte der Befehle des Rebbe. Der Rebbe hatte naeh dem Abendgebete eine groBe Anzahl von Bittstellern empfangen. Fiir leden fand er ein ermutigend Segenswort, einen Rat; alle gingen gestårkt und frohen Mutes von ihm, er selbst aber dachte noch immer nicht daran, seinen abgespannten Nerven,, seinem muden Leibe eine kurze Rast, eine Stårkung zu ,gewåhren. so dachte Jankel; er wa^te es aber nicht den Rebbe in seinen Studien zu storen. Er warf einen Blick auf die* Uhr, es fehlte nur noch eine knappe halbe Stunde auf Mitternacht, dann nahm der Rebbe nichts mehr zu sich und et batte seit dem kftrgiichen Mrttagbrod niebts geges* set, Ja&kel erhob sich gerttusehvoll von seinem Ses- ' —mSb.. .Afflfer-4-ra«.. .--. ChtmisOfiah AiSar, an dem das Buflgebet, das Thachapun, aus der Gebetordnung ausgeschaltet, und der gefejert warde an einer mit Fruchten refchbela* 4anen Yslel, eilfUthc er dtféhfcUch an tfas Yéfzehnten der Truchte.^ tind diéltffn J^uhling-AlmtMIgstage -giht der -^Sabbat >eNls Liedes" vfW*n, der herlige Tag, an demoer erste^reiheitssang nnseres Vtfffres er- •tdnt, der mit rrtttfhtigen, tfrøfclnvelleffden Lauten dén Herrn preist, den ErHfeer, vor dem Tyrannen- Wacht tfnd Pharadften-GeWalt und -List In den Tiefbn des 'Meeres yersinkt. JébtMa Halewis Lied ertØnt auch an diesem Tage, des pråchtigen Sangers, den es mit unwiederstehlichem Drange nach der Vater Lande zog, der Hispaniens Gefiide verlieB, um Zions Staub zu kussen, endlos zu kussen, das Lied, das mit den Worten beginnt: „Als einst zu festem Grunde Sich wandelt Flutendrang. Aus der Erlosteri Munde Eip neues Lied erklang.** Aber auch Deborahs „der Richterin und Prophetin“, einziger Siegessang verherrlicht mit seinem entflammenden Worte den „Sabbath des Liedes". Diese „Esches Lapidoth", dieses Weib mit dem feurigen Geiste und der flammenden Zunge, xief einstens die zwiespaitigen Stamme Israels zur Eintracht auf, denn nur in dieser ruht der Sieg, auf ihr beruht die Kraft des Volkes. — Es ist notwendig geworden, unsere sinnreichen Gedenktage, zu denen der 15. Schebat und der ihm vorausgehende Lieder-Sabbath gehoren, aus dem Schutte der Vergessenheit, aus dem Grabe der Vergangenheit, den Trtimmern verflossener Zeiten, an’s Licht der gegenwartigen Tage wieder emporzuziehen, um sie in jhrer vollen Bedeutung einem jungen, ringenden Geschlechte vor die Augen zu fiihren. Verachtet nur die alten Meister nicht, die unserem jiidischen Volke solch’ bedeutungsvolle Merktage, wie den Tag des „Baumfestes" gegeben. Sie haben sie als Symbole fur Juda hingestellt und fiir ewige Zeiten ais Paniere unserer Nation aufgepfianzt. Und, was kundet der ahnungsvolle 15. Schebat dem jungen Geschlechte unserer Tage, das wir frisch und frohlich erwachen sehen aus dem ertotenden Schlafe, der unsere Nation zu umfangen drohte? — Einem Baume gleicht Juda, wie schon der gewaltige Jesaias dies zum-Ausdrucke bringt, wenn er sagt: Wie eine Terebinthe und Eiche jst der Ueberrest unseres Volkes. Mag auch von diesen heiligen Båumen Zweig auf Zweig fallen, der Stamm bleibt; heiliger Same ist dieser Stamm. Das Dunkel des Winters hat uns oft umgebén, Mark und Saft, den Saraph, wie der alte Mischnaerklarer sagte, suchten sie uns zu entziehen, tiickische Feinde und falsche Freunde, Juda soilte von seinem nationalen Boden entwurzelt werden, aber siehe, immer neue Såfte stromten uns zu, nichts vermochten sie die uns schnbde umlauernden Gegner, wir habeu unseren Chamischah Assar, unser Baumfest, das uns jubelnd zuruft: Mitten im Leben sel und trat an den Tisch heran. Der Rabbi blickte ihn iragend an und er bat um die Erlaubnis das Nachtessen aufzutragen. Der Rebbe nickte zustimmend und nach wenigen Minuten war alles bereit. Aus dem Nebenzimmer kamen noch eine Anzahl von Månnern, die es als hochste Ehrung betrachteten am Tische des Rebbe einen Bissen zu erhaschen und die Reste des Mahles unter einander zu teilen. Der Rebbe wusch die Hånde, die a'ndern folgten seinem Beispiele. Dann schnitt er ein WeiBbrot an und reichte auch seinen Gåsten daran. Vordem Rebbe stand eine Schiissel mit kalten Speisen, dieser entnahm er ein Stiick, legte es auf seinen Teller und aB bedåchtig einige Bissen. Plotzlich wurde die TUre aufgerissen. Frau N;jschenberger stiirzte in das Zimmer, umfaBte unter Wehgeschrei und Schluchzen des Rebbe Knie und bat wie eine Mutter nur fiir ihr hoffnungslos darnieder liegendes Kind bitten kann: „Rebbe, heiliger Mann helfet meinem Kinde." Dr. Wiesenthal war ihr auf dem FuBe gefolgt, blieb aber keines Wortes måchtig mitten im Zimmer stehen. Jankel wollte die Frau gewaltsam entfernen, doch der Rebbe wåhrte mit der Hånd ab und gebot der Frau: „Stehet auf, vor Menschen sinkt man nicht ins Knie. Dann hieB er Dr. Wiesenthal nåher treten, bot ihm einen Stuhl an seiner Seite an und sprach: „Gedulden Sie sich nur einen Au^enblick bi^ wir gebenscht."10) Jankel wollte die Reste, die auf dem Teller des Rebbe geblieben den Teilnehmem an dem Mahle reichen, doch der Rebbe bertthrte den Teller mit der Hånd, das war ein Zeicfaen, daB dieser unberlihrt ste- | sind wir nicht im Tode, sondern mitten im Tode stromt uns neues Leben zu, die Krtecfituffg; vermag Sber uns nichts, dOffn in dir ^tftrterweit tfer Knech- •røng -horen wir din FriihII«iss«l® der „Gealah" und ItttitjtfUchzend stimmen wir '‘tin i?n den' Ertosungsge- ‘JWÉg. Sie waren ««e Doikir, ^tfte Aktbauer unseres rtå««M»len Heiligt»«s, diile< M4tfSier MMs Judenmus, i,in Froschftffihl aH’ tfas Volk neebannt, das ’S«ne‘*Meister je veWtannt." øChainischah Aisar": in -ditsem Jahre begruBen Wir den Tag tnit hoffnungsftstwdigem Jubel. Der Baum des Judentums wird auch in unserer Stadt, in der er lange welkte, mit frischen, jugendlichen Såften erfiillt. „Auf, Schlåfer, erwache, Torheit laB, du Tor", wieder ist es ein anderes Wort des jiidischen Nationalsangers, das wir, insonderheit unserem jungen Geschlechte zurufen. Diesés alte Judéntum hat der Lebenssåfte, der unverwelkHchen Krfifte so viele, daB sein Baum wieder zur neuen Bliite gelangen kann, — wenn wir nur wollen. Das Ist die Lehre, die wir aus unserer Geschichte ziehen. Die Peroth, die Friichte, die einstens auf der Tafe! an 'diesem Tage prangten,/ sie sprechen zu uns eine beredte Spraohe. An diesen, seinen Friichten, wollen wir das Judentum erkennen und uns laut und kraftig zu unserer Nation bekennen. Diese Friichte sind die Kulturtråger unserer Nation, unser unvergleichliches Schrifttum, unsere Heldengeschichte und alles, was unsere Denker und Dichter der Menschheit spendeten. Diese Friichte sollen uns erquicken. Von dem s^ftereichen Baume des Judentums wollen wir sie pflUcken und zur Nqhrung darreichen unserem jungen aufstrebenden Geschlechte. Das Dunkel der Winterszeit mag uns noch umgeben, aber der 15. Schebat, er låBt uns in Friihlingsahnung erschauern. Auch fiir uns naht eine Zeit, die bessere, schonere Tage bringen wird, die „Tikwah", die Hoffnung, erstirbt nicht und kiindet uns die „Geulah", die Erlosung. Bald vielleicht kommt der Tag, an dem freie Bauern aus dem Stamme Judas den Chamischah Assar wieder feiern werden, wie einstens, auf dem befreiten Boden der Våter. Heil dem Auge, das wieder erschauen wird, wie die Jugend unseres Volkes, voll geistiger und korperlicher Kraft, jubcln und jauchzen wird am Chamischah Assar. — Zur Nauorientiorung der Poalø Zion. Die Bribiner Poale-Zionisten nehmen in ihrem Parteiorgane anlåBlich ihres Austrittes aus dern Volksrate und ihrer Linksschwenkung von uns Zionisten riihrenden Abschied. Sie wollen allem Anscheine nach uns „die relnliche Scheidung", die sie vollziehen, nicht allzu schwer machen und tiberhåufen uns bei dieser Gelegenheit mit den gewåhltesten Ausdriicken ihrer freundlichen Qesinnung, um unseren Schmerz zu lindern. Wir sind< ihnen hiefiir aufriehtig dankbar; denn uns sind die Ereignisse, die hen bleibe und legte auch den Rest des WeiBbrodes dazu. Nun reichte Jankel dem Rebbe die Waschschiissel. Nachdem der Rebbe die Hånde abgetrocknet, lieB er seinem Schranke eine Flasche Wein und seinen Becher enttiehmen, fiillte diesen und der Vornehmste unter den Gasten stellte den Becher auf die flache Rechte des Rebbe. Nach dem Tischgebéte verrichtete der Rebbe den Segensspruch tiber den Wein, trank daran, stellte den Rest vor sich hin, nicht wie es sonst Iiblich war, diesen den Gåsten zu reichen. Nun wandte sich der Rabbi an den Arzt und fragte ihn, ob sein krankes Weibætwas zu sich nehme, und als er dieses verneinte, sprach er zu ihm: „Nehmen Sié diesen Becher mit dem Reste des Weines; das WeiBbrot und die Speisereste die auf diesem Teller liegen, bringen Sie alles Ihrem Weibe und sagen Sie ihr: Der Rebbe heiflt ihr den Wein trinken und die Speisen essen. Der Schdpfer gelobt sei Er, wird ihr helfen-und eine Refiroh1*) schicken." Ein Winken mit der Hånd und die Bittsteller waren entlassen. Jankel und des Rebbe Oaste blickten einander verstandnisvoll an, als wollten sie sagen, tiun verstehen wir erst, warum der Rebbe heute mit dem Nachtessen so lange gezogert. Dr. Wiesenthal trat mit seiner Schwiegermutter eilends den Heimweg an. Im Krankenzimmer angelangt, lag Sara noch immer teilnoHmslos auf ihrem Bette, doch die Augen waren gebffnet und mit kaum vernehmbarer Stimme fragte sie den <jatten, ob er béi seinen Kranken war. „Ich war bebn Rebbe; dieser entbietet dir seine besten Wiinsche uad 'låBi dir sagen, du solist dieaen Wein trinken und von die-

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