Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 6 (5.2.1920)
- Date
- 1920-02-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JUDISCHE VOLKSSTIMME. Bezugspreise: halbjåhrig.c. K 20.— ganzjåhrig.„40. Deutschosterreich.Kronen 50.— Deutschland, ganzjåhrig.Mark 25.— Redaktion u. Administration: Briinn, Krapfeng. 19. Buchhåndlerische Vertretung: Otto Klemm, Lelpzig. Inserate: der 6-spaltige Milimeterraum £. K 2.—. Unverlangte redaktionelle Beitråge \verden nicht honoriert. Manuskripten ist Rtickporto beizuftigen. Jahrgang XXI. Briinn, f/SSEt««* Nummer 6. Die jiidisch-akademische Verbindung „Verltas" in Briinn veranstaltet im Rahmen ihres 50semcstrigen Stiitungsfestes ein Massen meeting. Es sprechen: Dr. H. P. Chajes, Oberrabbiner, Wien; Dr. Goldstein, Mitglied des Jiid. Nationalrates, Prag; Obering* Robert Stricker, Mitglied der osterr. Nationalversammlung. Ort: Zeile, Turnhalle. S. Feber, halb 10. Uhr vormittags. — .hulen erscheint in Massen. Zu den Gemeinderatswahlen. Durch åuflere Verhåltnisse gezwungen, wird die jiidische Bevolkerung Briinns neuerlich znr Urne schreiten, um durch ihre Stimme den Willen zu dokumentieren, daB sie sich nur durch jiidische Mandatare auch in der Gemeindestube, vertreten lassen will..— Wie im vergangenen Sommer miissen wir wieder an Euch jiidische Wåhler und Wåhlerinnen appellieren, fiir Euer Judentum einzutreten, alle Eure Kråfte anzuspannen,. damit unsere Kandidaten vom Erfolge gekront werden. Ist es-notwendig, -Juden darauf aufmer'ksam machen zu mussen, daB sie bei der Aufstellung eigener jiidischer Kandidaten diese wahlen sollen? Leider ja. Unsere Juden vergessen schnell und lernen leider niclit zu. Sie vergessen, daB wir, wenn auch die Zeiten etwas ruhiger geworden sind, dennoph einer g esch lossenen Phalanx von Feinden gegeniiberstehen, und lernen nicht zu, daB diese Phalanx nur bekåmpft werden kann durch einmiitiges Ein treten fiir den j u disc h e n Mandatar; daB es vollstandig ausgeschlossen ist, daB jiidische Interessen, jiidische Lebensfra- FEUILLETON. Schirajim1). Der Primarius Dr. Wiesenthal hatte in der galizischen Kreisstadt G. das Licht der Welt erblickt. Sein Vater war ein Anhanger der in G. seit einem Jahrhundert ansåBigen Rebbedynastie2); der åltere Sohn ward in der Regel der Amtsnachfolger des Vaters. Wie alle Cha^idimkinder ward auch der kleine Wiesenthal, ein sehr geweckter kluger Junge, kaum 5 Jahre alt, dem ,Melamed3) und seinem Belfer4) iibergeben und besuchte bis zum 10. Lebensjahre da§ Cheder.6) Dieses verwechselte er mit dem Talmudlehrer. Mit 15 Jahren bezog er das Beshamidrasch,0) um mit hingebungsvollstep Eifer vom friihen Morgen bis spåt in die Nacht im Meere des Talmud sich zu versenken; mit 18 Jahren war. er einer der scharfsinnigsten Talmudforscher. Die Ehrung blieb nicht aus. Kaum daB er das achtzehnte Lebensjahr iiberschritten, erkor ihn der reiche Wollhåndler Naschenberg zum Schwiegersohn; der junge Mann soilte sorglos seinen Studien obliegen und spater in das Oeschåft des Schwiegervaters eintreten. Der Zufall fiihrte ihn mit einem der Maskilim7) zusammen, der den Drang nach profaner Bildung in ihm weckte; da wars um ihn geschehen. Schweren Herzens verlieB der zwanzigjåhrige Weib und Kind und wagte den kflhnen Sprung vom Beshamidrasch in den Htirsaal der Universitåt. Dabei ging ihm auch der positive Qlaube verloren, der Vater Brauch war ih« gicht oiehr beilig. gen verteidigt werden konnen von Månnern, die nicht das jiidischnationaie Bekenntuis zu ihrer Losung erheben. — Die Verhåltnisse habeu sich nicht geåndprt. Sie sind dieselben geblieben, wie sie waren. Das PulverfaB des Antisemitismus bedarf nach wie vor nur eines Funkens, um in loderndes Feuer auszubrechen. Aber wir wollen unsere Wahler nicht durch Schrecken, nicht durch Angst fangen. Das iiberlassen wir anderen Parteien. Wir Jiidischnationaie machcn keine Versprechungen, wir wollen der Welt nicht das Blaue vom Himmel herabbringen. weil wir uns dessen bewuBt sind, daB wir auf dem Boden der Realitåten stehen miissen, soferne wir iiberhaupt etwas erreichen wollen. Wir wollen g 1 e i c h b e r e c h t i g t e B ii rger unter Gleichberechtigten sein! Wir wollen iiberall dort, wo offentliches Wohl, wo allgemeine Interessen auf dem Spiele stehen, mitsprechen; wir wollen und werden nicht dulden, daB in Verwaltungskorperschaften iiber jiidische Angelegenheiten iiber unsere Kopfe hinweg yerhandelt und beschlossen wird. Wir wollen die Aherkeimung unserer Voiklichkeit, unsere? Nationalitåt, die durch die Gesetze bereits gewåhrleistet ist, in die Tat umsetzen. Miissen dies umsomehr jetzt tun, als ger-ade in dieser Uebergangszeit unseres jungen Staates die Grundlagen geschaffen werden sollen fiir unser weiteres politische und wirtschaftliche Leben. Da miissen wir Juden als Juden mitzusprechen haben. Wir lassen uns nicht mehr durch anders-nationale Parteien vertreten, die es gar nicht tun wollen. Denn sind wir nur ehrlich bedenken wir unsere Lage! Das tun wir Juden doch so selten; wir wol- In wenigen Jahren hatte der auBerordentliche Horer der Medizin das Zeugnis der Reife erlangt und konnte nunmehr auch daran denken, seine Fachstudien zu absolvieren. Mit 28 Jahren war Wiesenthal klinischer Assistent, zwei Jahre spater war er zum Leiter des Krankenhauses in seiner Heimatstadt G. berufen. Auch der Rebbe von G. erkor sich ihn zum Hausarzte. Die riihrende Frommigkeit des Rebbe. sein asketisches Leben und nicht zuletzt seine Freigebigkeit gegen die vom Gliicke enterbten trugen dazu bei, daB er dem Rebbe mit aller Hochachtung begegnete; im Kreise seiner Familie und Freunde bezeichnete er den Rebbe als betrogenen Betriiger. Seine Frau Sara wagte ihm nicht zu widersprechen, blieb aber im Herzen eine treue Anhångerin des Rebbe; seine Schwiegermutter — der Schwiegervater weilte zu jener Zeit nicht mehr unter den Lebenden — brach bei solehen Gespråchen immer eine Lanze fiir den Rebbe und seine Wundertåtigkeit. Wiesenthal war kaum 2 Jahre als Arzt In G. tåtig, da erkrankte seine Frau. Er schickte sie an die verschiedensten Heilquellen, doch es gab keine Heilung. Nun lag sie seit Monaten schon schwer darnieder. Wiesenthal hatte jede Hoffnung aufgegeben, sein ehemaliger Lehrer, ein beruhmter Kliniker, den er herbeigerufen, stimmte seiner Diagnose bei und hatte fiir den Kollegen und Schuler keinen anderen Trost als einen teilnehmenden Håndedruck. Hier war menschliche Hilfe ausgeschlossen. x Regungslos lag Sara Wiesenthal auf ihrem Bette. Die Lebensgeister waren ira Erloschen, der Zustand war hoffnungslos. Wiesenthal beobachtete jeden .Atemzng der ge« liebten Gattlo, er sah, daB »6 zu Bnde gelie, es konnte len politisch nicht klar sehen, wir lassen uns liebpr fremdnational gefårbte Brillen umhången. Alle Parteien, ob deutsch oder iechisch, stoflen tangsamer oder schneller die Juden aus ihren Reihen. Statt daB nun diese Juden ehrlich und moralisch ihré Konsequenzen ziehen soilten, tun sie sich in Fraktidnchep." zusammen, hången sich irgend ein nationales oder internationales Månntelchen um, und. machen sich, um volkstiimlich zu reden, selbståndig. So zerbricht sich das „Prager Tagblatt“ schon seit Wochen den Kopf, wie sich die deutschen Assimilationsjuden , nennen sollen. Und sind endlich zu dem Resultate gekommen — wenn auch noch nicht endgiltig — sich deutsche Juden zu nennen. Deutsche Juden?, warum nicht gar, das sind doch Juden, die in Deutschland wohnen. Jedenfalls aber wetterleuchtet es doch auch schon in diesen Kopfen, denn vor einigen Jahren håtten sie sich doch wenigstens „deutsche Israeliten“ 'genannt, das klingt doch vornehmer, ist doch nicht so „gew6hnlich“. Unter dessen hat sich zu Prag ein Komitee begrundet, das die Entwicklung des Judenjums. von den Propheten tiber Moses M e n d e 1 s o h n bis Hermann C o h e/n fortsetzen will. Eine unerhdrte Profanierung des groBen Marburger Mpisters, wahrlich Hermann Cohen wUrde sich im Grabe umdrehen, wenn er sich in dieser Gesellschaft såhe, woran auch der Umstand nichts åndert, daB J akob Wassermann an der Spitze des Komitees steht, wollen vielleicht den „deutschen Juden" der Wiener „Union" den Rang ablaufen? Glaubt Jakob Wassermann in dieser Gesellschaft besser reussieren zu konnen, soilte auch dieser Mann unter die Konjunkturpolitiker gegangen sein? noch Tage dauern, die Katastrophe konnte aber auch jeden Augenblick eintreten. Im Nebenzimmer saB Saras Mutter im Kreise frommer Frauen, sie beteten lautlos, die tiefe Stille ward nur durch unterdrUcktes Schluchzen unterbrochen. Saras Mutter war vor Wochen schon beim Rebbe, der sie mit Segenswiinschen entlassen, dabei aber auch die Bemerkung hatte fallen lassen, warum der Gatte der Patientin nicht selbst bei ihm vorspreche. Sie erzåhlte dies ihrepi Schwiegersohne, doch dieser hatte keine andere Antwort als ein verneinendes Kopfschutteln. Die Frauen hatten ihr Gebetpensum absolviert, man reichte ihnen eine kleine Erfrischung; Frau Naschenberg konnte keinen Bissen an ihren Mund bringen. Sie betrat die Krankenstube und flUsterte ihrem Schwiegersohne ins Ohr: „Es ist die Stunde hochster Gefahr, Rettung durch menschliche Hilfe ist ausgeschlossen, hier kann nur Gott helfen; komm mit mir zum Rebbe." „Was kann der uns helfen?" meinte Wiesenthal. „Komm, denn wenn du nicht gehst, und das, was Gott verhiiten moge, tritt ein, so werde ich dich als den Morder deines Weibes betrachten; tue es, selbst gegen deine bessere Ueberzeugung." Willenlos folgte Wiesenthal seiner Sihwiegermutter; in mitternåchtlicher Stunde betraten sie das Haus des Rebbe. * * Der Rebbe von G. weilte in seiner stillen Klause. Mitter nacht war, nicht mehr fern und noeh immer saB er tiber seine Folianten gebeugt. Die hobe glånzende Denkerstirne war von Sorgenfalten durchfurcht. Hatte er }a eine groBe Chåaaidiihgemeindei Tausende und Abertauseote kame« von Nak und