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Jüdische Volksstimme · 1920-01-29 · Heft 5 (29.1.1920) · page 6

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXI (1920)
Issue
Heft 5 (29.1.1920)
Date
1920-01-29
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6. „JtføfSCIie VOLKSSTIMME/ Nr. 5 VOLKSWIRTSCHAFTLICHES. Das freie Spfel der Kråfte. Die sozialistische Produktionsorganisation will das Prinzip der verkehrslosen, tauschwertlosen Volkswirtschaft zur Geltung bringen. Die gegenwårtige Wirtschaftsordnung — so folgert. der Sozialismus — filhrt bei def groBten PlanniåBigkeit der Produktion zu einer vollståndigen Anarchie, weil es sich innerhalb der bestehenden Wirtschaftfcordnung vornehmlich um die Herstellung von Waren handelt, die erst ihren Kåufer suchen miissen, weshalb Angebot und Nachfrage sich nicht das Gleichgewicht halten konnen; infolge der Konkurrenz entstehe der Kampf ailer gegen alle, die schlieBlich mit Naturnotwendigkeit eintretende Planlosigkeit in der Produktion fiihre zu Krisen und diese rufen bei den Untcrnehmern das leidenschaftliche Bediirfnis nach Gebundenheit der Produktion hervor, in deren Gefolge Vereinbarungen iiber Produktionseinschrankungen, bezw. Preisvereinbarungen, Kartelle und Truste entstelien, durch die unter Verzicht auf die Freiheit der EntschlieBung innerhalb des eigenen Unternehmens personliche Wirtschaftseinheiten in unpersonliche iibergehen und so die Vorstufe des Ueberganges der kapitalistischen Wirtschaftsordnung in die sozialistische bilden; diese Stufe ,sei jetzt erklommen und infolgedessen miissen numnehr die Entwicklung zur soziaiistischen Wirtschaftsordnung fiihren. Die vom Sozialismus aus dem^Prinzipe der freien Konkurrenz oder des allgemeinen Wettbewerbes gezogenen SchluBfolgerungen lassen sich nicht verallgemeinen, passen wohl auf die bestehende Wirtschaftsordnung,' fiihren aber keineswegs dazu, die Berechtigung und Notwendigkeit der freien Konkurrenz einer anderen als .der bestehenden Wirtschaftsordnung abzusprechen. Ein EntwicklungsprozeB, der zu einer Organisation der Produktion und der Verteilung unter AusschluB des Verkehres fiihren soli, mufi eine Utopie bleiben, weil er abgesehen von i allen anderen gegen ihn sprechenden Erwågungen der Psyclie des Menschen keine Rechnung trågt. Die Menschen sind nun einmal keine Engel, die frei von allen Sonderinteressen, von jeder Regung der Sympathie und Anjipa-thie und allen sonstigen innerlichen Vorgångén in gerechter und auch verståndiger Weise den genauen Grad der Tiichtigkeit jedes einzelnen Menschen, das Gewicht jeder wirtschaftlich und sozial bedeutsamen Kraft zu bestimmen fåhig waren. Auf der anderen Seite verlangt der Ehrgeiz nach Befriedigung, Arbeitsenergie' und Bildungstrieb nach Betåtigung, Sparsamkeit und Wirtschaftlichkeit in der Verwendung aller Giiter nach Anerkennung. Es gibt nicht die Moglichkeit einer Wirtschaftsordnung, in der durch einheitliche objektive Leitung jédem Menschen der ihm auf Grund seiner Fåhigkeiten, Anlagen und Leistungen gebiihrende Platz eingeråumt werden konnte und es gibt keine Wirtschaftsordnung, in der gerade so viel Betåtigungsmoglichkeiten fiir eine unbegrenzte und' uniibersehbare Anzahl von Menschen vorhanden waren, dafi diese, mit dem ihnen zugewiesenep Wirkungskreise in der Erkenntnis, an die richtige Stelle gesetzt worden zu sein, zufrieden sein konnten. Die Individuen sind nun einmal verschieden, die Arbeitsenergie der einzelnen Individuen ist keine gleiche und so miiBte selbst irn Falle der Ver wirklichung .der soziaiistischen Wirtschaftsordnung im Geiste des Marxismus wiederum der Zeitpunkt eintreten, wo eine gewisse Ungleichheit vorherrschen miiBte und diese Ungleichheit miiBte im Laufe der Zeit wiederum jene Kåmpfe heraufbeschworen, in deren Zeichen die Gegenwart steht. Als im September 1919 in Deutschosterreich die Sozialisierung der lateinischen Kiiclien in die Wege geleitet wurde, bei der es sich nicht um eine Sozialisierung im engeren Sinne des Wortes, sondern bloB um die Durchfuhrung eines Gewmnbeteiligungssystems handelte, veroffentlichte die sozialistische Presse zu diesem Schritte der Regier ung. einen Kommentar, in dem ungefåhr Folgeudes ausgefiihrt wurde: „Es wåre kaum zweckmåBig, wenn die Anstalt die im Inlande bestehenden Heilmittelfabriken einfach iibernehmen wiirde; denn erstens kann gerade die Heilmittelindustrie nur gedeihep, wenn lebendige industrielle Initiative, rastlos tåtiger Unternehmungsgeist immer neue Versuche machen, immer neue Heilmittel zu ersinnen. Deshalb wåre eine rein biirokratische Verwaltung der Heilmittelindustrie nicht zweckmåBig; zweitens besitzen die bestehenden Unternehmungen sehr wertvolle Geschåftsverbindungen mit der reichsdeutschen Medikamenteninilustrie. Diese Verbindungcn sollen nicht zerrissen werden usw." Aus diesem Kommentar geht am dcutlichsten hervor, wie es in der Praxis aussieht, wenn es sich darum handelt, die persdnlichen Wirtschaftseinheiten in unpersonliche Wirtschaftseinheiten hiniiberzufiihren, bei dénen die Initiative auf bezahlte geistige Arbeiter iibertragen werden soli, wodurch nach Ansicht des Sozialismus der Kapitalismus iibcrfliissig wird. Daniit soli keineswegs eine Lanze fiir die hestehende Wirtschaftsordnung gebrocheu werden. Jeder Einsichtige muB zugeben, daB der gegenwårtige Zustand unhaltbar ist. Der kommunistische Sozialismus mit der Ausschaltung der freien Konkurrenz und der Einfiihrung ausschlieBlicher Gebrauchswerte an Stelle der Tauschwerte ist und bleibt eine Utopie; Er wird niemal s auf dem Wege der Evolution entstehen und wenn er auf dem Wege der Revolution entstander. sein wird, nur von kurzem Bestande sein. Die nattirliche Entwicklung iler Wirtschaftsordnung muB und wird zur genossenschaftlichen Produktion fiihren; weil in dieser die Moglichkeit voller Entfaltung aller Kråfte fur jedes Individuum gegehen ist. In der genossenschaftlichen Produktion ist dafur gesorgt, daB jeder Einzelne jenen Posten aus freier EntschlieBung, mithin nicht unter irgend einem Zwange bezieht, der seinen Fåhigkeiten, wenigstens annåhernd, entspricht und ihm den vollen Arbeitsertrag sichert. Die bestehende Wirtschaftsordnung ist vornehmlich mit dem Unrechte der arbeitsfreien Rente aus dem Bodenbesitze, dem Untérnehmergewinne und dem Kapitalszinse behaftet, in der genosfenschaftlichen Produktion wird das Unrecht'der •».*• beitsfreien'Rente aus dem Bodenbesitze und dem Unternehmergewinne beseitigt sein und, nur das arbeitsfreic Einkommen aus dem Kapitalszinse verbleidenn im Laufe der Zeit mussen sich allmåhhV atich in der genossenschaftlichen Produktion infolge der verschiedenartigen Lohnsåtze Ungleichheiten ergeben, wie sie die kapitalistische Wirtschaftsordnung aufweist. Jedes einzelne Individium wird de Moglichkeit haben, verschiedene Mengen Kapitalien;e nach der Veranlagung und dem FleiBe des einzelnen Individuums zu erwerben, es wird. mithin das Kapital als solches wohl erhalten bleiben; dieses wird aber, losgelSst vom Boden und Unternehmereigev tum, niclits anderes als eine Ware darstellen, deren Verwendung als Tauschmittel ebenso moralisch un.' ohne besondere hervorhebbare volkswirtschaftliH' Wirkungen sein wird, als der Austausch einer anderen Ware gegen eine dritte. Die naturgemåBe Entwicklung innerhalb der genossenschaftlichen Produktion muB zur Beseitigung der arbeitsfreien Ren* aus Kapitalszins bei Aufrechterhaltung des Kapitals fiihren. Wenn diese volkswirtschaftliche Wirkung der genossenschaftlichen Produktion erreicht sein wird. dann wird das freie Spiel der Kråfte, die freie Konkurrenz, der allgemeine Wettbewerb wiederum zu Ehren gelangen. Judeti! Gesinnungsgenossen! In den breiten Massen unseres Volkes lebt die Erkenntnis von der Notwendigkeit jiidischer Schulen. Nur allzu lange haben wir gezogert, diesen unseren Wunsch in die Tat umzusetzen..Aber liunmehr wollen wir, gestiitzt auf das uns im Minoritåtengesetz gewåhrleistete Recht, daran gehen, mit dem kommenden Schuljahre iiberall, wo die Vorbedingungen hiezu gegeben sind, das jiidische Schulwerk erstehen zu lassen. Der geeinte Wille unseres Volkes soli es schaffen. Als Hauptaufgabe erscheint zunåchst die Zusammenfassung aller Gleichgesinnten und ein Proponentenkomitee hat die Aufgabe auf sich genommen, fiir Måhren einen Verein „Jiidische Schule“ ins Leben zu rufen, dessen Bestimmung es sein soli, diese Schule zu errichten. Und eben im Hinblick darauf, daB dieser Verein das gesamte jiidische Volk umiassen soli, stellt er in materieller Hinsicht recht geringe Anforderungen an den einzelnen. So ergeht denn an Euch, Volksgenossen, der Ruf: Hélfet mit, das jiidische Schulwerk schaffen, tretet alle dem Vereinc „Jiidische Schule" bei und werbet fiir ihn! Anmeldungen (Jahresbeitrag K 5.—) nimmt d;e jiidisch-nationale Vereinigung (Schulreferat), KolKté Nr. 57, entgegen. BRUEMNER NACHR1CHTEN. Expresslonlsmus in der Bibel. Dr. Max Brod sprach uber diescs Thema. als Gast der „JUdischen Rede- und Lesehalle,, (BrUnn). Dr. Brod beginnt mit der Erklårung des Inpressionismus. Ankniipfend an ZoJas Naturalismus u. ubergehend zu den Anfången der malerischen Impressionisten, welche die Natur so darstellten, wie sie sie sahen, crklårt er den Impressionismus der Dichter als die Kunst die Natur, so zii schilderii, wie sie sich dem sehenden Auge des Dichters zeigte. (Altenberg: „Wie ich es sehe.) Im Gegensatze dazu steht der Expressionismus, der nicht die Natur zeichnen will, sondern das Geftihl, das der schauende Kttnstler beim Anblick des Objekts erhålt. Dr. Brod glaubt, im Gegensatze zur herrschenden Meinung, in Flaubert — siehe seine „Schule der Empfindsamkeit" nicht einen Naturalisten, sondern einen Expressionisten sehen zu miissen, w.eil bei ihm die Natur in den Hintergrund tritt und dafiir das Seelische in den Vordergrund gestéllt wird. Der Jude, weil nach Buber motorisch, neigt mehr zum Expressionismus, der Nichtjude, weil sensorisch, mehr zur Impression. Da der moderne KUnstler nicht mit dem Augc, sondern mit der Seele sieht (was aber der modemen psychologischen Auffassung namentlich A. Stohr widersprechen wiirde), so <^itt fiir ihn das sensorischc in den Hintergrund. Die Bibel, die der Ansicht vieler Juden nach, antiquiert sei, hat moderne expressionistische Dich* tungen. In erster Linie „das hohe Lied". „Schir-iiaschirim". Es wird am besten verstanden, wenn wir es expressionistisch erklåren. Das hohe Lied, die Perle der biblischcn Dichtung, das kostbårste Gut. (Jas die Menschheit Uberhaupt besitzt; es ist Urqucll alier Poesie, aller Religiositåt. Das hohe Lied sei keine AHegorie auf das Verhåltnis Gott zu Israel, sondern ein Liebeslied katexochen, das Dr. Brod in wahrhaft genialer AVeise rekonstruierte, ohne dem Ganzen Gewalt angetan zu haben. Fiir die Vorlesung, dieser seiner Rekonstruktion sei ihm hochstes Lob gezollt, s^wie sein ganzer Vortrag tiefes Erfassen biblischer Schonheit und eine groBe Kenntnis jiidischer Wissenscliaft beweisen. Wir wollen nur hoffen, daB Brod, durch die wahre Verehrung, die er genieBt, und durch die Hochachtung, die er auch auBerhalb des Judentums besitzt — die Verleihung des Fontanepreises ist Beweis dafiir — angefeuert'wird, uns netiere Beweise seiner Schaffenskunst gibt. Dr. K o h n. Ein Kulturbild aller ersten Ranges, nennt Prof. Gajdeczka Arnold Zweigs „Sendung Semeiils". Mit tiefem Verståndnis las Prof. Gajdeczka das Zweigsche Drama, uachdem er in einer Art Exposition die. Fabel dieser Tragodie vorgetragen hatte. Diese ist Ja bekannt; denn der T i s za-E s z 1 a e r RitualmordprozeB hatte groBes Aufsehen erregt. Prof. Gajdeczka zeigte sich als ein Meister des Vortrages, denn es ist nicht feicht, dieses Drama, das von jiidischer Mystik umhaucht ist, dem Publikum als Leser plastisch vor Augen zu bringen. Wir sind dem Vortragenden ilankbar, daB er die weite Oeffentlichkeit mit einer iiidischen Dichtung bekannt gemachtr deren Auffiihrung ihn noch vorenthalten ist. Jiidisch-nationale Vereinigung. Samstag, den 31. d. M., um halb 6 Uhr abeuds, AusschuBsitzung im Lokale des Jiid. Volksrates, KoliSté 57. Zionistiscber Verein „Theodor Herzl". Sonntag, den 1. Februar, Café Margaretenhof, I. Stock, 8 Uhr abends, Zusammenkunft. Aktion Wiener Kinder nach Måhren. Anmeldungen von Gemeinden mit Anzahl der Kinder, die aufgenominen werden sollen, nimmt entgegen: Jiidische Frauenorganisation Brtinn, KoliSté 57 und die Redaktion unseres Blattes. KORRESPONDENZEN. Provisorlsches Zentralwahlkomttee der „Verelnlgteu Jiidlschen Parteten" fiir die Slovakei. Das provisorische Zentralwahlkomitee der „Vereinigten Jiidischen Parteien" fur die Slovakei beruft får den 1. und 2. Februar dieses Jahres eine aligerneine Tagung der Judenheit in der Slovakei nach

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