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Jüdische Volksstimme · 1920-01-29 · Heft 5 (29.1.1920) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXI (1920)
Issue
Heft 5 (29.1.1920)
Date
1920-01-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 5. diert. Diese „Btirgerlichen" sollen nåmlich ihren Zionismus ,bei den Prager Wahlen durch das sogenannte „bewuBte Judentum" verwåssert haben etc. — Hier ist es an der Zeit, endlich eine Unterstellung aufzudecken. Die Situation war gerade die umgckehrte: Nach dem UmsturZ des Jahres 1918 wuchsen nåmlich sowohl den Zionisten wie den Poalezionistcn zahlreiche neue Anhånger zu. Wåhrend aber die Zionisten ångstlich die Reinheit ihrer Organisation wahrten und die neuen Massen abgesondert von ihr als „Jiidischnationale" oder „BewuBte Juden" zu organisieren unternahmen, mit denen sie wohl gelegentlich (wie in Prag), Wahlbilndnisse schlossen, die sie aber aui die innere zionistische Arbeit keinerlei EinfluB gewinnen liefien, — hat Poale-Zion dje neuen Elemente kritiklos aufgenommen, ohne zu untersuchne, ob sie auch wirklich jiidisch und zionistisch fiihlten. Das nicht sich jetzt. Die neue Poale- Zion, die nichts von der ruhmreichen Geschichte ihrer Partei in Palåstina (vgl. das Jiskor-Buch) und innerhalb der zionistischen Gesamtorganisation wissen, treiben sozialistische Schablonenpolitik und scheinen mit ihren unjiidischen Trennungsbestrebungen die Oberhand zu gewinnen. Eine Trennung soilte wohl eintreten, aber die Linie miiBte innerhalb der Poale-Zion verlaufeii! Die alten Kåmpfer und die wahrhaft Jiidischen unter den jungen Poale-Zion muflten Protest erheben gegen die Neophyten vom 28. Oktober, die nichts anderes sind als blau-weifl angestrichene Sozialisten und deren Lack, wie der besprochene Leitartikel zeigt, auch schon bedenklich abbrockelt. — Nicht die g^nze poalezionistische Partei ist antinational und unjiidisch geworden! Ich wiirde meinen vielen poalezionistischen Freunden bitteres Unrecht tun, wenn ich dies behauptete! Ich håbe ihr tiefes jildisches Gefiihl, ihren heroischeu Willen fur die Reftaissance unseres ungliicklichen Volkes kennen und schåtzen gelernt! Aber warum schweigen diese Månner jetzt, warum lassen sie es zu, daB der rote Assimilantismus in ihren Reihen, die Ftihrung iibernimmt! — Wie weit die roten Assimilanten im poalezionistischen Kleid heute schon gehen, zeigt der Essai von Dr. Schiitz. Deshalb ist dieser Artikel ein Mahnruf, ein Warnungsruf an jene Poale-Zionisten, die der jiidischen und zionist. Idee noch treu geblieben sind. M6gen sie bald einen scharfen Strich ziehen zwischen sich und den scheinzionistischen Neullngen und Schreiern ihrer Partei. Max Nordau als Gast der eng). Føderation. Das „Jiid. PreBbiiro London** meldet: Sonntag, den 11. d., wurde in London zu Ehren Dr. Max Nordau ein Festabend veranstaltet. Ein zahlreiches Publikum erfiillte die Såle des Prinzess-Restaurant. Prof. Weizmann als Vorsitzender der Festvereammlung eroffnete mit einer groBen BegrtiBungsrede den Abend. Die Personlichkeit des Gastes, sein Weltruhm, seine literarische und wissenschaftliche Tåtigkelt eriibrigen es, Max Nordau vorzustellen, um so mehr als sein Name ftir Juden, fur Zionisten ein Symbol, eine Fahne bedeutet. Sein Name ist verbunden mit den stolzesten, groBten und traurigsten Tagen unserer Geschichte. Er 'ist Mitschopfer des Baseler Programmes, ist ewig verbunden mit unserer Bewegung. Mit prophetischem Blicke hat er die Lage der Judenheit charakterisiert. Nach 5jåhrigem unfreiwilligem Exil kehrt Nordau zu uns zuriick. Wir haben ihn wieder unter uns, es tut mir leid, sagen zu mtissen — etwas gealtert, etwas miide, und wir hoffen, daB er durch diesen Festabend, durch das Weilen in unserer Mitte entschådigt wird fiir alles, was er im Exile erdulden muBte. Wir wollen uns bemiihen, ihn zu belohnen. Die zionistische Bewegung steht jetzt auf der Schwelle von groBen Geschebftissen. Nordaus Intellekt bcschåftigt sich mit den Problemen, wenn wir auch nicht immer ubereinstimmen, so denke ich, daB wir den Weg finden werden zur vollståndi- * e n und harmonischen Zusammenarbeit. Ich bin sicher, daB die fiidische Helmstfitte verwirklicht wird und ich wiil mit dem Wunsche enden, es m6ge unserem Gaste beschieden sein, in Palåstina den Anfang unserer nationalen Heimståtte zu sehen. Dort, so hoffe ich, wird er seirte wah'rhafte Belohnung, sein wahres Geschenk finden. Erez-Israel ist bereit, N o r d a u aufzunehnien, und ich denke, daB Nordau zur Reise gerUstet ist. Mr. H o r o w i t % verlaB in hebråischcr, dann »jtmmcHE volkmtimme/' ——lim ni ri Scfte 3 in englischer Sprache eine Adresse, mit welcjter alle zionistischen Vorsteher Englands den Altmeister beehrten. Nachdem noch die Herren Joseph I. Cown, S c h e i c r und G o l d b 1 u m gesprochen haben, ergriff Nordau das Wort zur Antwort. Er dankt fur die vieten Ehrungen und Begrti- Bungen, die verkorpert sind in dem schonep Dokument, das er erhalten und sci tiefgertjhrt, ,,Ich bin nicht so eingebildet**, fåhrt er fort, „um all die Lobpreisungen zu akzeptieren, ich will ,nur versjchern, als Mann von Stolz, Eigenwiirde und Ehre, in der Zukunft das Lob zu verdienen, das ich in der Vergangenheit nicht verdient håbe. Das jiidische V o 1 k durchlebt die groBten Tage seiner 3000jåhrigen Geschichte, es steht auf der Schwelle einer neuen Evolution, die es zur herri i chsten Zukunft oder zum-- groBten Ungliick fiihren kann. Der Weltkrieg war ein Krieg des jiidischen Volkes. Das klingt Paradox, ist aber absolute Wahrheit. 13 Millionen Juden haben 900.000 Soldaten gcstellt, das heiBt 7 Prozent von der jiidischen Volkszahl. Wir haben an 80.000 Gefallenen und den Wunden Érr legenen und 200.000 Opfer. Die anderen Volker kampf ten begeistert fiir ihr Vatcrland, riskierten ihr Leben fiir konkrete Interessen, fiir einen sei es verbrecherischen Egoismus, fiir die Lust zum Herrschen und Bestegen, ftir Handel und Profite. Kåmpften zur Verteidigung ihrcc Vaterlånder, då sie lieber ihr Leben opferten, statt eiuem unbarmherzigen Hasse anheimzufallen. Wofttr ha ben wir Juden gekåmpft? Ftir unse/e verschiedenen. Geburtslånder aus Pfiicht und Loyalitåt. Haben unserp, heldenhaften Soldaten die Anerkénnung gefunden, die sie verdienten? Se 1 bst in den h o ch k u 1tivi,ertesten und S or tgesch ri ttensten Weststaate.n bemerken wir eine H o c hflut des Antisemit ismus, die anwåchst und die Atmosphåre verpestet. Von den Ostlåndern ganz zu schweigen, in denen Brufalitåt, Barbarei und alter Art Verbrechen herrschen.'Einen lichten Fleck bemerken wir in dem finsteren Bild unserer Geschichte — die englische Deklaration. . Die nationale Heimståtte wird das sein, was wir aus ihr machen wollen. Zum Gliick haben wir zwei Månner auf dem Platze gefunden: Prof. Weizmann und N. STbkolow. Wir wollen aus Palåstina eine kleine, aber starke Republik macheti, einen Staat, der ein Element des Fortschrittes und der Zivilisation in der Welt sein soli. Wenn wir uns kleinlich und schwachmtitig zeigen, dann wird unser nationales Heim bloB das Heim ftir eine kleine Zahl Kolonisten werden. Zu einer Zeit, in welcher Millionen unserer unglticklichen Brtider um Hilfe rufen, offnet ihnen England die Tur ihres Landes. All diese Millionen haben nur den einen Gedanken, moglichst schnell hintiber zu wandern. Massenemigration ist eine Geldfrage und unsere Brtider in Østeuropa sind vbllig ruiniert! Wenn die gesunde Hålfte des Judentums die schwachen Teile schfltzen wird, wird das jetzige Geschlecht die Renaissance des jtidischen Volkes und die Verwirklichung unseres alten Traumes seljen. vorgekommen sind, Utber 40,000 Ermordete, doppelt soviel Ausgeraubte. LetJU.adt desspn Regierung eine demokrati* sche war und ist, hat zu Beginn alle jiidischen Rechte. anerkannt, aber vor kurzem hat der lettische Nationalrat einstimmi« (mit EinschluB der Sozialisten) ein Gesetz angenotnmen, wonach alle Juden, die nicht in Lettland geboren sind, obwo)il sie dort seit 20—30 Jahren wohnen, als Auslånder erklårt werdefL Dabei n^uB erinnert werden, daB Lettland zur Zarenzeit nicht zum erlaubten Ansiedlungsrayon gehårte und die Juden dorthin nur auf besondere Bewilligtmg eipwandern durften. Trotzdem existierte in Riga eine der bltihendsten Judengemeinden, die sehr viet zar dkonomischen Entwicklung Lettlands beigetragen hat. Diese Juden werden nun als Auslånder erklårt. Und zwar geschicht es auf Veranlassting einer sogenannten demokratischen Regierung. Litauen hat uns mit einer spezieilen Deklaration beztiglich der jtid.-national-politischen Rechte erfreut, die vor kurzem in der ganzen jtid. Presse veroffentlicht war. Auch in Litauen gibt es einen jtid. Minister ftir jtid. Angelegenheiten. Aber alle diese Deklarationen waren nur ftir die AuBenwelt bestimmt. Die, jetzt erhaltenep Nachrichten geben ein ganz anderes Bild: Die Deklaration tiber die Judenrechte bleibt nur auf dem Papier. In Wirklidhkeit findet eine starke Judenhetze statt, Die jiidischen Beamten werden ihrer Posten enthpben und neue werden nicht zugelassen, Unter dem Druck der konservativ-katholischen Taryba (Parlament) wird tatsåchlich ein starker dkonomischer Kampf gegen die litauischen Juden geftihrt. Die antisemitische Hetze bltiht liberal!. Hie und da, z. B. in Ponjewiesch, fanden kleine Pqgrome statt. Die jiidischen Gemeinden und Scbulen, werden vom Stggte nipht untersttitzt. Pie all?emeine wirtschaftliche Lage der Iitauischy^ Juden ist eine schrec,kliche. Es erschallt von dort der Ruf nach Hilfe. Die Regierung ist' voilståndig inaktiv, soweit es sich um die Verbesserung der jiid. Lage handelt. Uebcr die Lage der Juden in Ppien branchen •vyir kein W<?rt zu verlieren. Sie ist schreckiich — rechtiich und wirtschaftlich. Soweit die kininen Staate.n, die sich im gewesenen RuBIand bildeten. Ds.s erklårt uns dip Stimmung <Jcr russisch-itidi?c)ipn gassen, derpn SympaOiien e’inem dcmoHratjisc^ø gppitligten Rvj|Bl|nd énigégengehen, wplches die Sell?styerwa||nngsrpchte aUpr Provinzpn anprkpnnen wi|rde, Je^enfa|Is hat die jtfc!. Masse jetzt kein Vprlrauen wéder zu den fjtolschewiki, noch zu Depikip. Dié ersten ruinieren die Juden wirt&cliaftHch, der Ie,t?tere jiat furchtbare Pogrome nicht vprhii^dCrn jkdnnCd* Interview des „IsraeUtlscbes Wockfnblatt fiir die Sgjwelz". Herr Reichsratsabgeordneter H. Farbstein aus- Warschau weilté diésér Tage in Zurich auf seiner Reise zur Misrachi-Weltkonferenz in Amsterdam. Herr Farbstein hatte die Freundlichkeit, unseren Mitarbeiter zu empfangen und ihm tiber die momentane Lage der Juden in Polen, Auskunft zu erteilen. tinser Mitarbeiter stepte Hfirrn ’Ffirbstein folgende Fragen: Die polltlscise LåE* der JudCd ib dpn nfuen R^nd- Dr. D. Pasmanik*) sendet der „Jiidischen. PreBzentrale Zurich** folgenden polltischen Ueherblick: Vor den Juden des geweseoen russisghen Rejches steht seit einiger Zeit eine brennende Frage; ftir oder gegen die neu entsteheuden kleinen Staaten, fiir oder gegen die Einheit Ruslands. Im allgemeinen bewahrten die Juden die Neutralitåt, aber im GroBen und Oanzen waren die meisten Sympathien der jtid. Bourgeoisie und der breiten Masse fiir die Einheit RuBlands, denn man hegte MiBtrauen gegen die kleinen Staaten. Die Wirklichkeit ist aber schrecklicher als man sich jemals vorgesiellt hat. Die Ukraine hat z u e r s t die natipnaLpolitische Autonomie der Juden anerkannt und an der ukrainischen Regierung nahm sogar ein jfidischer Minister teil (speziell ftir Itid. Angelegenheiteu). Das alles war auf dem Papier. Und in Wirklichkeit gab, es massenhafte Judenpogrome, wie sie noch niemals *) Dr. Daniel Pasmanik" war Mitgtied der Regie rung der Krjrø, d»r Red.) 1. Haben sich die pplitijsciien Verh^Jtnisse in Bezug auf die Juden in Polen irgendwie geåndert und erwarten Sie vop dem neupn potøischen Ministerium eine Aendcrung? „Es hat sich absolut gar nichts geåndert. 'Die Lage blieb, wie sie war. Es ist auch nicht zu verwundern, weil die ganze polnische Pplitjk von den NatipnalfDemokraten geftihrt wird, welche einzig und allen yon dem getø.ssigen judenfeidlichen Programjm beseeit sifld. Lejder haben die Fiihrer der heutigen paJnischen Politik gar manches vergessen und gar nichts gelernt. Sie glauben wenigstens, daB die Anwendung einer eytremen Pplitjk den Juden gegeniiber sie zu dem ge$t$JUeh Zieie ftihrwi wird, der Entiudung der Sted te und der Nationalister ung des Handels. Nattirlicji ist ein solphes Programm ohne lede reale Grundlage in die Luft geba.ut, beruht vor allem aber auf der Unkeuptfiis, der jiidischen Psycholpgie und der Jtidisphen AdPassungskraft sogar an die schwersten Zust^nde. Per Jude mit seinem brejteren Hprtøont und mit seiner grqBeren Ausdehnungskraft zieht in die gr.pfteren Zentren, »n denen er seine Fåhigtøiten m«br ejijwickeln kann. Drum, als die Posener Juden die Provinz verlieBen, zogen sie nach Berlin und in die underen grflBeren deutschgn aber Pputschland verlieBen sie nicht. Da^elhe sehen wir in Polen, daB der Jude auf einer røUføeo Stufe der IntelUgenz uud des Verjnbgqns,

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