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Jüdische Volksstimme · 1920-01-22 · Heft 4 (22.1.1920) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXI (1920)
Issue
Heft 4 (22.1.1920)
Date
1920-01-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 4. nehmen, um das jiidische Ansehen meiner Vaterstadt sicherstellen zu konnen. * * * Ich selbst stand damals im fri*hesten JOnglingsalter und trage nocli heute viel von jeneni cellen Feuer der Begeisterung, das in unseren Her zen aufgelodert; zudem sind Jugenderinnerungen stets von undefinierbarem Reiz verklart. VVo sind die anmutigen Gestalten der unzåhligen Volksredner, die misere Stadt aufsuchten und von Almernors, wie auch von Håuserbalkons prophetische Worte. niedergedonnert haben? Sie appellierten an unseren jiidischen Stolz, an die Liebe zur ejtn-bjisroel, u. immer mchr schmiegten wir uns um die Selbsthandlung der jiidischen Volksidee, gleich angstvollen Kindern um eiue zårtliche Mutter. Unter schneeweiflen, hochbetagtcn Augenborten sah ich alte Judenblicke verjiingt aufleucfiten; sogar diese kehrten trotz frommelnder Olåubigkeit zu einem neuen Judenheiligtum zuriick. das lhnen verborgen gewesen. Sie wuflten vielleicht nicht, daB es „national" heiBt. aber sie wuflten es, daB sie ihr Lebtag nie so jiidisch fiihlten. Und aufrichtige Chassidimnaturen, von Selbstkritik-Tugend erfiillt, beganne'n sich innerlich ringend, zu winden.. * * * Ein leuchtender Friihlingstag. — Unser Kandidat wird heute seine grofle Rede halten. Gegen 3 Uhr nachmittags kommt der Zug aus Lemberg. Adolf Stand wird reden! — So gellte es wirr durch die sonnigen StraBen. Es war ein groBes Erlebnis unserer weltverborgenen Kehille. Nicht aus Neugierde drångte sich der lebhafte Menschenstrom zum Bahnhof. wie es oft Gaffende tun. Neinj'sie wollten ihn „mekabel ponim sein“ den „dajtsch wos hot asa jiddisch Harz", diesen Menschen, von dem die unzåhligen Redner auf ihren Tribiinen, wie von einem Heiligen erzåhltcn. Er wollte nicht allein die Interessen unserer Stadt verteidigen, sondern der gesamten galizischen Judenschaft, die immer, teils passiv-unwissend, teils politisch-vergewaltigt, mit assimilatorischen Volksverråtern das Parlament beschickt hat. Jetzt machte man sich daran, den Menschen der auf sich die groBe Judenlast nehmen solite, zu begruBen. * # # 9 Die ungeheuere Volksmenge schrie auf einmal freudig auf und ein tausendstimmiges: „Hoch Stand!" erfullte die Luft. Ich konnte im Geknåuel nur einen Wagen sehen, um den sich Leute begeistert drangten. Mådcheri warfen Blumen iu den Wagen, der sich nur langsam einen Weg vorwårts bahnen konnte. Breischultrige Fleischerleute und bårtige Kleiribiirger wollten die schwitzenden Rosse ausspannen und sich die Ehre antun deri lieben Herrn Kandidaten in die Stadt zu fahren. Ein ruhiger Beobachter rnuBte sich damals sagen: „Wo in aller Welt sei hier ein politischer Gegner zu gewårtigen.wenn sich das Volk, wie ein Mann, seinem Fiihrer stellt? Daran ging eben die alte Monarchie zugrunde. Ein allgemeines Wahlrecht får die Volker und nur die Macht korrumpierter Bezirkshauptleute konnte wåhlen. * * * Abends sprach er. Das von Wåhlern erfullte Gemeindehaus war dicht von Leuten umlagert. Kopf an Kopf stand man an diesem sternenreichen Abend drauBen und horchte aufmerksam, um endlich seine Stimme zu vernehmen. Aus dem hellerleuchteten, weitaufgeprallten Fenstern des Gemeindehauses horte ich diese charakteristische Stimme Adolf StandV Sie war lang, hingezogen, dabei weich und oft stark akzentuiert. Eine Beredsamkeit nur ihm zueigen, iiberzeugend, hie und da aufflammend wie eine glei- Bende Fackel. Sie sprach von den Rechten eines entrechteten Volkes, von unzerstorbarer Stammesliebe, neuer Hoffnung und frischem Selbstvertrauén, das wie ein Phonix aus dunkler Gegenwart aufflattert. Ich empfand es in meiner jugendlichen Schwårtnerei: Hier vollzieht sich ein Wunder.'Das merkwiirdigste Lenzeserwachen einer schlummernden, heiligen Gemeinschaft, die nur nach auBenhin tief gebeugt, in MiBgestalt, einherschritt. In jenen eingeschrumpften Kaftangestalten, die dort vor den Mauern des Gemeindehauses auf die neue jiidische Lehrc horchten, sah ich wie auf einem Vexirbilde die titanenhaften Schatten Simson’s und Bar-Kochba’s sich abheben. Die håBliche Materie zerschmolz als unheimliche Illusion und nur der Geist, jenes ewige uniiherwindliche jiidische Wesen, schwang sich wie einstens zu den hochsten Spharen émpor. * * * So war es mir, als ich ihn einen Tag vor seiner Wahl in den ostorreichischen Reicbsrat horte. So hat es vielleicht eine ganze jiidische Generation, die von Adolf $tand zum Judentum erzogen wurde, in- » „JtlDISCHE VOLKSSTIMME.« nerlich durchlebt. Er trug eben jenen gottlichen Funken in isch, der den Menschen auserwåhlt macht, ihm die Kraft verleiht das Trefflichste einer Nation zu geben: das Gewissen. — Adolf Stand brachté dem galizischen J uden tunt das långstverschollene nationale Gewissen zuriick. Ich bin stolz darauf, daB meine Vaterstadt einst diesen Gewissensbritigerkandidatcn zu ihrem Vertreter auserkorcn hatte. SPlITTER. CHAlM STRAUCHEN: Unserem Assimilanten sind in der Tat jiidische Kultur und jiidisches Schrifttum fremd, wåhretici er mit fremden Kulturschåtzen gewissermaBen vertraut ist. Dem Assimilanten in Polen beispielsweise hat die polnische Literatur die Seele „polonisiert"; sie lebt in ihm in den polnischen Helden auf polnischem Boden. Das Judentum und seine Seele sind ihm fremd. Die Gedanken, Traume und Bestrebungen seines eigenen, des jiidischen Volkes, sind ihm unbekannt. Der Féhler — die Unkenntnis. Und dennoch! Wie kann der Assimilant, der zu den gewissermaBen bewuBten Menschen angeblich zåhlt, von seinem Volke sich lossagen oder auch nur gleichgiiltig an der Seele seines Volkes voriibergehen, wie mag er sie nicht erkennen, ja, ihre Erkenntnis sogar nicht anstreben? —-Eine Armut des Geistes und des Herzens! * * * Was ist Zionismus? Die Sehnsucht des jiidischen Volkes. Erez-Israel ist das unser Herz und Seele tieferschiitternde, ziindende Wort. — Begreift all das unsere Intelligenz? Nein. Wohl nennt sich die jiidische Intelligenz „national", schaut aber auf die jiidische Volksmasse von oben herab oder steht ihr ganz fern, bewegt sich im Umkreise der Assimilation, dort allein sich heimisch fiihlend. Sie assimiliert sich tatsåchlich die jiidische Jugend — ungeachtet der nationalen Programme — unaufhorlich und im fortschreitenden Mafle, indem sie heranwåchst, ohne wirkliches, jiidisches Leben zu leben, ohne vom jiidischen Wissen durchdrungen zu sein und folglich — ohne wahrhaite Liebfe zum Judentum'.' * * * luuerhalb unserer Gemeinschaft haben Viele den Glauben verlassen ohne einen anderen anzunehmen, Viele dem Volke den Riicken gekehrt, ohne in einem anderen aufzugehen: Zersetzung und Chaos. Es miissen die zerstreuten Glieder unseres Vol- Kes vereinigt werden, um den einheitlichen Organismus zu schaifen, das anziehende Zentrum aufzurichten, welches die Glieder festhålt urid von dem der Abfall nur ausnahmsweise wird erfolgen und gegcbenenfalls ein totaler sein miissen, ein griindiiches Ausscheiden des zersetzenden Elementes. * * * ln den letzten Dézennien entstehen bei uns „na- 'ionale" Programme. Das eine hemmt den Schwung der Seele, dåmpft die Glut des sich sehnenden Herzens, das andere umfaBt die ganze jiidische Seele. — J’idische Autouomie im Golus ohne grundlegende /iouistische Arbeit ist Verwirklichung der Halbheit. Die wahrhaft jiidische Seele, die ganze Seele, hat nur nach dem Ganzen Verlangen, — d a s die Grund- »vahrheit. * * » Der Zionismus ist der jiidische Nationalismus l".r excellence, denn er stiitzt sich auf Erez-Israel, ■ s dnu ‘rhafte Fundament. Der Golus-Nationalismus >: wohl bereit „hierorts" gleichmåBig dem Zionis- ■- mssere nationalen Rechte zu verteidigen, die;t Verhåltnisse der jiidischen Minoritåt jedoch »v:.igen ihn oft den ehernen nationalen Standpunkt m; vprwerfen; — daher seine Biegsamkeit und Nachgiebigkeit. Her Zionismus festigt „hierorts" und richtet i'ot r lidauerhafte, altnérie Heimståtte auf, die ‘ i; 'i: c s i? S t ii t z e fur die Seele des Juden- PRESSESCHAU. Aus „Israelitisches Wochenblatt" Itir die Schweiz: Aufgaben der Juden der neutralen LSnder. Von Fabi u s Schach. Der Krieg hat gewaltige Verschiebungen auch in den jiidischen kulturellen und sittlichen Verhåltnissen des Westens gebracht. Wie die Kriegslånder — Amerika vielleicht ausgenommen — im allgemei- Seftc 3 nen fur kulturelle Zwecke vorlåufig brachgelegt wurden, so auch fOr jiidische Aufgaben, Deutschland hat zwar in den letzten 30 Jahren kein jiidisches Leben mehr gekannt, aber es war doch filr jiidisches Wissen vom Bedeutung. Wir diirfen nicht vergéssen, daB hier die Wiege von Zunz, Geiger und Grat* stand. Und auch spåter fehlte zwar die Grdfle der Einheit, die Universalitåt der Auffassung, die einzig und allein aus dem Nationaljudentum ilieBen kann, aber selir gute Einzelforscher erstanden uns da immer, die wertvolle B&usteine fur das Gebåude der Zukunft brachten. Noch wichtiger vielleicht ist es, wenn auch nicht in wissenschaftlicher, so doch in kultureller Beziehung, daB Deutschland die Briicke bildete zwischen Ost und West, — nicht immer eine schone, breite Briicke, aber doch eine Briicke. Hier wurden die Werke des Ostens ins Deutsche iibertragen und dadurch ganz Westeuropa direkt oder indirekt zugånglich gemacht. Hier stellten die jiidischen Auswanderer des Ostens den ersten Schritt in die westeuropåische Kultur, und manche vdn ihnen, die es verstanden, ihre gltihende jiidisdhe Seele zu behalten und sich von westeuropåischer Bildung durchtrånken zu lassen, sind spåter vorziigliche Tråger der jiidischen Kultur geworden. Deutschland und Oesterreich sind bettelarm geworden. Noch bewegt sich alles åuBerlich lustig und man dreht sich im schwindelnden Tanzé, — aber wenn das Provisorium sich in ein definitives Elend verwandeln wird, wird man erst merken, wie tot diese Lander sind. Und die Juden dieser Lånder sind natiirlich am schlimmsten daran, denn sie tragen zu den ailgemeinen Leiden noch die schweren jiidischen Sorgen. Die deutschen Juden werden in den nåchsten Dezennien kamn in der Lage sein, ihren Pflichten gegen die jiidischen Fliichtlinge aus der Prbvinz Posen gerecht zu werden. Von den traurigen Verhåltnissen in Oesterreich ist ganz zu schweigen. Dort nagen Juden und Christen am gleichen Hungertuche, und dennoch ist der JudenhaB nicht verstummt. Wer weiB, ob der Fonds an jijdischer Kraft da noch so stark ist, um diese Periode des Leidens iiberwinden zu konnen. Die Aufgabe der Vereinigung des Ostens mit dem Westen muB aber erfiillt werden, weil sie uns den Weg zu einer Zukunft bahnt. Der Westen braucht die jiidische Wårme und der Osten kann die iudische Kultur nur bereichern durch eine innige Beriihrung — nicht Assimilierung — mit der Westkultur. Wir miissen also Umschau halten, wo sich die neue Ståtte fiir diese Aufgabe finden konnte. DaB Frankreich und England diese Aufgabe nicht iibernehmen konnen, ist klar. Dort fehlen die Lehrer und Meister, der Wille und die Kraft. Dazu kommt der durch den Krieg gesteigerte Chauvinismus, der leider auch in den jiidischen ' Reihen dort sehr stark ist. Diese Aufgaben konnen aber nur auf fester und groflziigiger jiidisch-nationaler Basis gelost werden, d. h. frei von allen politischen Konsequenzen, von dem pedanken geleitet, daB die Juden aller Lånder eine geschichtliche und geistig-religiose Einheit bilden. Da scheint mir die Schweiz noch das geeignetste Land dafiir zu sein, diese Aufgabe aufzuriehmen und wenigstens in der Uebergangszeit, bis gesunde Verhåltnisse in Europa eintreten, die Vermittlerrolle zu iibernehmen und das jiidisch-geistige Leben zu vortiefen. Die Schweiz, dip Herberge aller Freiheit, soli auch die Herberge jiidischen Wesens werden. Die Schweiz hat in den letzten Jahren starke jiidische Kråfte erhalten und ihre jiidischen Gemeinden, die aus Ost- und Westelementen bestehen und deutsch und jiidisch verstehen, diirften befåhigt sein, diese Rolle zu iibernehmen. * * # Zu dem bekannten Zirkulår der „Union" schreibt die „Jiidische Zeitung Wien": Das. Rundschrelben des jtidischen Nattonalrats. Die „Oesterreichische israelitische Union" hat an die Kultusvorstånde in Deutschosterreich ein Zirkular gerichtet, in welchem zu elnem Protest gegen die Anerkennung der jiidischen Nationalitåt aufgefordert wird. Wenn wir uns mit diesem Schriftstiick besehåitigen, so geschieht es nicht, weil wir dem genannten Verein, welcher in den letzten fiir uns Juden so schweren uhd veraiitworfungsvollen Zeiten nicht das geringste Zeichen seiner Existenz gegeben und nicht das Geringste fiir die.Judenheit geleistet hat, irgend eine politische Bedeutung beimessen,' sondern weil wir diesen, wie ieden AnlaB gern benfitzen, um uns klar und unzweideutig fiber unsere Forderungen und Ziele auseinanderzusetzeo und falsche Vorstellungen #

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