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Jüdische Volksstimme · 1920-01-22 · Heft 4 (22.1.1920) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXI (1920)
Issue
Heft 4 (22.1.1920)
Date
1920-01-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Stift 2. JtiDfSCHE VOLK9STIMME." Nr. 4 run» der deutsch-arischen Reichspartcien mit dem ( seben? Wo ist die Jiidische Schule als Trftgerin Midi- Geschichte nnd Literatur im Vcrein mit der altø« abgezweigten Flage! der deutsch-dcmokratischcn sclien Volksgeistes? Oder gab es, da es keine jiidinit national iiberliebenden Wertung des Eigennationa* Partei verschuldet? j sche Schule gibt, keineu jiidischen Volksgeist?; len. in diesen Schulen mit der versteckten und offe- Sind wir Jiidisch-Nationalen daran schuld, dail j Durch die Zersplitterung des Volkcs in aller ncn Herabsetzung und Verhohnung jiidischen Weder Kampf gegen diesffben jiidischen Industriellen j Herren Lander um seine Lebenskraft gebracht, ge-’s ns aurch Mitschtiler und nicht selten auch Lehrer? angekUndigt wird, mit deren Qeld das deutsche knebelt durch den schweren wirtschaftlichen Exi- Es iniiBte. iiirwahr, ein Wunder sein, wenn Begriife. Theater und viele andere deutsche Institutionen gestenekampf des jiidischen Volkes, erstarrte sein j die mit noch unbefangenem Verstande aufgenommen rettet und erhalten werden konnten? j Geist (bei uns im Westen) innerhalb der Ghettowerden und durch Gewohnheit Wurzel fassen miis- Sind wir Jiidisch-Nationalen schuld daran, wenn mauern in religiose Formen. Und die Ghettomauern! sen, durchgehends leicht wieder verwischt und die deutsch-demokratische Freiheitspartei wiederum. fielen, das Volk hatte freie Bahn — zur gebiihrenmit dem Makel behaftet Ist, Juden an ihrer Spitze f den Anerkennung seines Volkstums gleich anderem zu haben, die iniolge ihres eigenen Strebertums es Volkstutn, zum gebiihrenden Menschentum? Das ihren arischen Streberkollegen unmoglich machen, Volk hatte freie Bahn zur aufgedrungenen Selbstversich jene Position zu errlngen, die ihnen in anderen Parteien winkt, so dafl in absehbarer Zeit wiederum eine neue Abzweigung von der deutsch-demokratisechen Freiheitspartei eintreten muB und diese Ableugnung bis zur veråchtlichen und verachteten Charakterlosigkeit, freie Bahn zur allein selig machenden Assimilation nicht nur im Sinne des politischen Aufgehens in andere Volker — war doch sein zweigungen sich solange vollzlehen werden, bis in t Volkstum nicht anerkannt — und nicht nur im Sinne der deutsch-demokratischen Freiheitspartei tatsåchlich nur Juden geblieben sein werden! Wfire der politische Blick und Instinkt unserer sonst mit einer starken Intelligenz ausgestatteten Juden nicht getriibt, dann wåre uns um die Entscheidung dieser Juden angesichts dieser Vorgånge der Aufnahme wertvoller fremder Kultur, sondern in treuer Gefolgschaft auch in dem Sinne, selbst endlich zu verachten und zu verunglimpfen. was gut jiidisch war an ihrn! Nun endlich zeigt der Zionismus, der Erretter und Neuerwecker jiidischen VolksbewuBtseins und judischen Oeistes, seine Wirkungskraft nicht bange. Håtten die der deutsch-demokratischen i auch in den breitesten Schichten des Westjuden- Freiheitspartei angehorigen Juden angesichts des tums in immer stårkerem MaBe und hat fast das moralischen FuBtrittes, der ihnen abermals versetzt wird, die innere Stårke, mit ihrer Vergangenheit zu ganze jiidische Volk zu einheitlicher Volkstat begeistert. Damit ist auch der jiidische Volksgeist von brechen und sich nicht an Ideale zu klammern, die ncuem erwacht und verlangt mit logi sche r, ge einmal ihre Berechtigung hatjen, die ihnen alle Ehrc machen, an denen aber heute festzuhalten die personliche und politische Ehre verbietet, dann konnten schichtlicher Notwendigkeit seine Rechtc, auch seine, die jiidische Schule. Darum sehen wir auch allenthalben bei uns das wir hoffen, daB sie sich durch diesen energischen Streben, sich intensiv mit jiidischer Geschichte. jiicli- Schritt wiederum jene Achtung gewinnen kdnnten, welche das Interesse des Judentums gebieterisch erfordert. Es ist zu befiirchten, daB diese Juden sich leider wiederum mit ihrem Schicksal in der neuen Partei abfinden werden, soferne man ihnen nur gestattet, sich deutsch nénnen, in der deutschen Lesehalle die Tarockpartie absolvieren und mit ihrem Gelde zur Forderung der Interessen dg£ deutsch-arischen Reichspartein beitragen zu diirfen. Uns ist es lieb, wenn es uns gelingt, mit unseren Worten das Gewissen auch nur eines dieser Herren aufzuriitteln, wir werden uns aber nicht krånken, wenn infolge dieses Artikels das uns bekannte Register von Schmåhungen sich iiber uns wiederum ergieflen wird. Wir konnen nur eines tun: Wir miissen jedenfalls dafiir Sorge tragen, daB iiberall zwischen uns und den anderen Juden in politischer Hinsicht eine peinlich reinliche Scheidung vollzogen werde, damit wir nicht Siinden Anderer biiBen. Die Notwendigkeit JOd. Schulen. Es ist "nicht Zufall, daB der ccchoslovakische Staat jetzt, wie Zeitungsberichte besagen, daran geht, eine Reform seiner Schulen durchzufiihren. Denn die jeweilige Schule ist das Kind des jeweiligen Geistes der Zeit, wie sie auch Trågerin ist des Geistes desjenigen Volkes, dessen Schule sie ist, des Cechischen Volkes, des deutschen und —. des jiidi- Pfingsten anzuheben (angefangen) und dornach fiinf ganze Jar nach einander zu czelen, von aller . . . . frey lediclichen vnd lotze sein vnd sitzen sulln“. In einer Urkunde vom 17. lånner 1392 verbietet Konig Wenzel, die Juden irgendwie zu bedriicken oder zu beleidigen. Dieses Verbot ist nach Prof. Simon auf einen Streit zuruckzufiihren, den die Juden zu Eger mit dem Burggrafen von Wunsiedl, Friedrich zu Niirnberg, hatten und der genau ein Ja’nr vorher (am 19. Jånner 1390) beigelegt wurrie. Der Jude Feinl (Feiwel?) von WeiBenburg und seine „Gesellschaft“ (= andere Juden) hatten den Burgern Wunsiedls vor mehreren Jahren aui zwei Schuldbriefe 1600 Pfd. Heller geliehen. Infolge eines Streites wegen der Zinsen lieB der Richter von Eger im Bezirke Wunsiedl den Burger Dobreiner pfånden und ihm die Håbe wegnehmen. Auf Klagen dieses Burgers schritt der Burggraf Friedrich ein und wandte sich an Hinzik von der Duba, den obersten Schenken Bohmens, und Bofivoj von Svinaf, kgl. Pfleger von Bayern. Diese urteilten als Schiedsrichter: Burggraf Friedrich håbe zu Pfingsten den genannten Egerer Juden an Kapital und Zinsen 2610 Pfd. ,Heller zu zahlen, hingegen entfallen die vom Egerer Richter fiir die Juden vorgenommene Pfåndung der Håbe Doberiners. Dieses Urteil zu Gunsten der Juden schien unter der christlichen Bevolkerung bfises Blut gemacht zu haben und die Juden hatten natflrlich darunter zu leiden. Konig Wenzel nahm siett der Juden an und erlieB ein Verbot, sie anzuscher Literatur, hebråischer Sprache zu beschaitigen, um geistiges Volkstum zu gewinnen oder zu vertiefen. Ueberall werden Kurse eingerichtet fiir hebråische Sprache, jiidische Geschichte und Literatur fiir Erwachsene und insbesonders fiir die Jugend, den Erben und kiinftigen Tråger jiidischen Geistes. Aber es liegt naturgemåB in den Verhåltnissen, wie hoch auch die Einrichtung soleher Kurse zu werten ist, daB sie nur ein Ersatz sein konnen fiir eine moderne jiidische Schule. Abgesehen davon, daB diese Kurse zum Teile als Ersatz gedacht sind fiir den heute aus den Schulen zum groBen Teile verdrångtén Religionsunterricht, — daB dieser selbst zur Zeit seiner Erteilung im bisherigen vollen AusmaBe bei der iiberreichlichen Håufung des Stoffes in den xVfenig'en Wochenstunden sein Ziel nicht erreicht hat, liegt auBer Zweifel — konnen sie bei ‘der ohnedies bestehenden Ueberbtirdung der Schiiler mit dem Lernstoffe der Schulen, die sie Jetzt besuchen, nur Stlickwerk und Ersatzwert leisten und ob sie auch das erforderliche Gegetigewicht gegen die stiindlich in andersnationalen Schulen aufgenommene Denkungsart bilden konnen, wird nur allzusehr von noch anderen besonders gunstigen Moménten abhången, die nur bei einzelnen wirksam sind. Denn welch andere Denkungsart, welch anderen Geist fiihlt das jiidische Kind in den Schulen, die es besucht, wirkend als den fremdnatlonalen, in diesen Schulen mit dem christlichen, fremdnationalen Lesestoffe, der breiten Auswirkung fremdnationaler ms Gcgenteil gekehrt werden konnten, \v!e dies gar oft notwendig wåre. So ist der Typus jiidischer Seefenzerrissenheit entstanden, der Typus des moralisch geknickten Juden. Die jiidische Schule ist demnach auch eine Notwendigkeit fiir die moralise h e Bild ung, basiert diese ja doch auf der Denkungsart des Menschen. Dagegen die jiidische Schule I Im allgemein modern-kulturellen Geiste gleich den ånderen Schulen gefiihrt, wird sie durch entsprechendes Hervortreten (ler jiidischen Geschichte und Literatur, durch den lehrplanmåBigen Unterricht im Hebråischen, infolge der Durchwirkung der anderen Unterrichtsfacher mit jiidischem Geiste den n a t i o n a 1 k u 11 u r e Ilen Forderungen gerecht, abgesehen da von, daB nur sie allein hustande ist, einen in sich gefestigten, aufrechten, unbeugsamen Juden zu schaffen. Und hat der Geist des jiidischen Volkes dem allgemeinen Kulturgeiste der Menschheit wahrlich nicht wenig gegeben, so erfordert es das Interesse der Menschheit, daB auch dieser Bnustein im tranzen Gefiige der Kultur nicht fehle. Wir konnen es claher unserer Delegation in Paris nicht genug danken, daB sie es errnoglicht hat, •uif Grund des Minoritåtsgesetzes unsere Forderungen nach eigener Schule zu verwirklichen. Unser Kandidat. (Dem Andenken Adolf Stand’s gewidmet.) Von E. K 6 n i g. Da er nicht mehr unter urts Lebenden weilt, werden Erinnerungen wach, Traume vergangener Jahre, die im modernen Chaos jiidischer Welterlebnisse in jåhe Vergessenhcit geraten miiBten. In der Geschichte meiner Vaterstadt Brody, einer der vielen galizischen Mårtyrerortschaften des Weltkriegsschauplatzes, werden jene Tage der Wiedergeburt jiidischen VolksbewuBtseins immer leben. Anno 1907. Allgemeines Wahlrecht in Oesterreich. Neue Worte irn damaligen politischen Lexikon. Daran schloB sich ein Parteivokabular, das bei uns in Brody Bezeichnungen wie: Zionistische Landespolitik, Wahlkomitee, Regierungskandidat, Agitator und dgl. beinhaltet hat. Und die Stadt, mit drei winzigen, weltverlorenen Gorelik’schen Nestern als Beigabe, verfiel, im BewuBtsein ein politischer Wahlkreis zu sein, in fieberhafteste Stimmung. Ich weiB nicht, wie es heute ist, aber damals erging es unseren Juden wie ei-nem verhungerten Wesen, dem man endlich Nahrung bietet und nun stiirzt es sich darauf los. Erreicht der Jude ein wenig Recht, sich an offentlichen Staatsagenden zu beteiligen, dann kommt die langentrechtete Energie hemmungslos zum Vorgreifen, zu beleidigen und ihnen an ihrem Gute zu sc*ie‘n unc* es w*r(^ emsig gearbeitet. So arbeitet schadeti. Diese Urkunde lautet u. A.: Wir Wentzlaw von Gotes gnaden Romischer Kunig . . . vnd Kunig zu Beheim .... verbieten allen Fursten Geistlichen und Rittern und Knechten . . . der Stette Merkten und Dorffern .... mitdiesem briuve das sie die egenannten burger und Juden zu Eger an iren leiben und gutern nicht hindern angreifien noch leidigeu ingeinerweis, als sie vnser swere ungnaden wollen vermeiden. vnd gebieten ouch allen andern vnsern getrewen vnd vntertanen . . . mit diesen briue das sie die egenannten Burger vnd Juden handhaben schutzen vnd schirrnen von unsern wegen. vnd Jnouch vmb ir Geltschult .... beholfen sein“ usw. Diese Urkunde tragt die Ueberschrift: daz man den Juden irr schult helffe. Diese Urkunden sprechen Bånde. Sie sprechen aber auch zu der Cechischen Nation, die nie aufgehort hat, in Konig Wenzel ihren groBen Konig zu verehren, seinem Beispiele zu folgen und in seinem Sinne zu handeln — auch den Juden gegeniiber. Das Cechische Volk hat nicht nur eine grofie Zukunft, sondern auch eine groBe Vergangenheit. Moge es seiner groBen Vergangenheit eingedenk und ihr treu bleiben. — 1907 die Brodyer Wåhlerschaft, von der man dasselbe sagen konnte, was auch von den anderen galizischen Juden damals zu behaupten war: die eifrigsten Wåhler Oesterreichs. « * * Brody nennt man auch Klein-Jerusalem, weil es eben die jiidischeste Stadt Galiziens ist; vor dem Kriege waren sogar die Strafienpolizisten dort Juden. Auch eine „ejm bjisroel“ wird diese meine Heimatståtte geheiBen, weil hier der Schwerpunkt einer beriihmten judischen Vergangenheit ruht. Hier bliihte einst das Jeschiwah-Wesen mit den Chachmejklaus, hier holte sich der hellige Baalschem seine Lebensgefåhrtin. Dann das Zeitalter der Maskilim mit dem Schriftsteller Dr. Izchak Erter an der Spitze, schlieBlich glånzende Namen des Kommentators Krochmal, des tiefsehiirfenden Philosophen Schorr, ebengo des dort einst wirkenden jiddisch-hebråischen Dichters Wolf Ehrenkranz (Welwel Zbaraschower genannt). Auch der Brodyer Maggid reichte beinahe an die Ruhmeshohe eines Wilnoer Gaon. Solche ehrwiirdige Gemeinde konnte nur ein guter Jude vertreteu. Das national-jiidische Wahlkomitee war sich seiner Aufgabe vollauf bewuBt und propagierte die Kandidatur des AUerbesten: Adolf Stand aus Lemberg. Es galt daher den schårfsten Kampf gegen den sogenannten polnlsch-jiidia:hen ,,Regierungskandidaten“ (eine Bezeichnimg, gewhafifen von assimilatorischen Wahlterreristen) aufzu- 8oH«(alen6er".

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