Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1920)
- Date
- 1920-01-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JIDDISCHE VOLKSSTIMML Be zugspr else: £>■ ) Redaktion u. Administration: Briinn, Krapfeng. 19. ' halbjåhrig. Buchhåndlerische Vertretung: Otto Klemm, Lelpzig. ganzjåhrig.. . ,% 40.- smW - Inserate: der 6-spaltige Zentimeterraum 2 C. K. Deutschdsterreich . . . . Kronen 50.— Unverlangte redaktionelle Beitråge werden nicht Deutschland, ganzjåhrig . . , . Mark 20.— honoriert. Manuskripten ist RUckporto beizufiigen. Jahrgang XXI. Briinn, 22. Jlnner 1920. 2. Schwat 5680 Nummer 4. B r li n il, am 21. Jfinner 1920. In aller Stille haben sich in der letzen Zeit auch in Briinn Vorgånge politischer Nåtur vollzogen, die der breiten Oeffentlichkeit unbekannt geblieben sind. Schon vor den letzten Gemeinderatswahlen haben sich bekanntlich die deutsch-biirgerlichen Parteien in einen antisemitischen und in einen zweiten Block geschieden, dem neben der deutsch-demokratischen Partei und der Fortschrittspartei wohl zwei antisemitische Parteien, die deutsche Volkspartei und die deutschradikale Partei angehorten, die aber aus Opportunitåtsgriinden ihr antisemitisches Programm ofiiziell zuriickzustellen sich bequemten. Die deutschen Juden konnten sich iiber deti notorischen Antisemitismus dieser beiden Partein in der Oeiientlichkeit nicht hinwegsetzen und, da sie etwas auf ihre Reputation halten und vor den Wahlen stets eine groBe Portion Mutes aufbringen, entschlossen sie sich zu der Anfråge an den deutsch-radikalen Luniaczek, wie er sich zu der Judenfrage stelle. Die Antwort des H. Luniaczek auf diese Anfrag| :ist jm, Tagesbote vom 30. Mai t9t9"2u Iesen: „Mit ebenso unverklauselter Klarheit beton te aber andererseits auch der deutsch-radikale . Wahlwerber Sekretår Luniaczek, daB er auf dem Standpunkte stehe, daB auch diejenigen Juden, die sich als deutsch fiihlen und bekennen, als in jeder Hinsicht gleichberechtigte Volksgenossen und Burger betrachtet werden miissen, eine Forderung, fiir die er sich friiher schon mit Rucksicht auf die hier vorliegenden besonderen Notwendigkeiten in nationaler Hinsicht eingesetzt håbe". Luniaczek hatte gesprochen — und die deutschen Juden jubelten dem deutschen Volksgenossen zu. Der jiidische Pfingstsonntagsleitartikler des „Tagesbote" konnte sich vor Begeisterung nicht fassen^ es platzte ihm die Ader und er schrieb: FEUILLETON. Kfinig Wenzel und die luden. Von Dr. Felix Kanter, Zwittau (Måhren). In meiner friiheren Gemeinde.in Bohmen, schon damals — vor melir als 25 Jahren — einer streng dechisch gesinnten Stadt, hatte ich, obwohl der £echischen Sprache nicht måchtig, sehr oft Gelegenheit, mit fuhrenden dechischen Personlichkeiten in Bertihrung zu kommen, u. a. auch mit solehen, von denen heute manche Sitz und Stimme in der Regierung haben. Da die Judenschaft meiner Gemeindc sich grofitenteils der deutschen Sprache bediente, einen Rabbiner anstellte, der fast kein Wort dechisch verstand und uberdies eine jiidische Schule besaB, wurde gegen sie der -Vorwurf erhoben, daB sie mit den Deutschen sympatisieren und den Cechen feindlich gegenUberstehen. Dies gab AnlaB zu mancher Debatte iiber Juden und Deutsche, die, weil nicht offiziell und nur in intimen Kreisen gefiihrt, meist harmloser Natur war. Als aber der Antisemitismus in Wien an Heftigkeit und — Pobelhaftigkeit zunahm, als Lueger zum Biirgermeister vom Kaiser beståtigt wurde und die deutsch-liberale Partei g&nzlich zusammenbrach, empfand der Redakteur des Bechischen Lokalblattes darliber die hOchste Freude und Genugtuung und meinte, die Juden patten kein beweres Log verdient, Eg gei dies der Dank „Wenn der Jude im deutschen Lager ist, ist er ein Glied der Kette des deutschen Fortschrittes. Alle um das freiheitliche Banner vereinigten Parteien haben die Erklårung abgegeberr, daB sie die Juden, die sich zum Deutschtume bekennen, als gleichberechtigte Volksgenossen anerkennen. Wenn einmal eine der Parteien gegen diese Erklårung handeln soilte, was wir fiir ausgeschlossen halten, dann werden die anderen deutschen- Parteien sie an die feierliche Erklårung erinnern und auf den geschlossenen Pakt bestehen miissen. Jeder aus dem deutschfreiheitlichen Lager Gewåhlte iibernimmt die Verpflichtung, die Juden als Deutsche zu beschiitzen und ihre Interessen als die seinen zu vertreten". Als ungefåhr einen Monat vor den Gemeinderatswahlen pldtzlich die deutsch-demokratische Partei auf den Plan trat, wurde in der konstituierenden Versammlung, welche gleichzeitig eine Wahlerversammlung war, gleichsam die Entstehungsgeschichte dieser Partei veroffentlicht und in Gegenwart von der Partei angehorigen Jw*en und^ Jiidinnen mit ei- "ner erstatrftliché'h'-’Uftferfrorenheit" ’einbekannt, daB die Begrunder dieser Partei lange hin und her schwankten, ob sich diese Partei auf ausschliefllich arischer Grundlage zu konstituieren håbe oder nicht. Es wurde schlieBlich angesichts der zahlreich versammelten Juden und Jiidinnen zu deren Freude der BeschluB verkiindet, daB die Konstituiérung auf nicht rein arischer Grundlage zu erfolgen håbe. Seither sind kaum acht Monate verflossen — wie hat sich in dieser Zeit das deutsche Wort, die deutsche Treue bewåhrt! Die Stimme derer um den „Tagesbote" ist verstummt, bauend auf die bewåhrte Taktik, daB den Brunner Juden jede bittere Medizin nur schluckweise verabreicht werden diirfe. Das Briinner „Montagsblatt", jeder Riicksicht den Juden gegeniiber entbunden, scheint aber die Kreise derer um den „Tagesbote" storen zu wollen. der Deutschen fiir die dem Deutschtum geleisteten treuen Dienste seitens der Juden. Die Cechen lungegen, meinte er, wiirden sich anders gegen die Juden benehmen, wenn die Juden mit ihnen gingen, denn die Cechen sind keine Antisemiten una sie werden, wenn sie einmal „ihr Programm" durchsetzen, i h r e r groBen Vergange nh eit treu bleiben. Seit dem 28. Oktober 1918 hatte ich håuiig Gelegenheit iiber den Ausspruch und die Prophezeiung ienes Redakteuers nachzudenken. DaB die Cechen den Antisemitismus, weil germanischen Ursprungs, nicht kennen und ihn verabscheuen, daruber lielle sich noch streiten. Hingegen scheint er beziiglich seiner zweiten Behauptung der groBen Vergangenfieit der Cechischen Nation recht zu haben. Die Fiihrer und Leiter des Cechischen Volkes selbst im finsteren Mittelalter waren zum groBten Teil bemiiht, auch ihren jiidischen Untertanen Gerechtigkeit angedeihen zu lassen, sie gegen Unrecht und Willkiir zu schutzen und zu verteidigen. So bezeichnet der beriihmte dechische Historiker Palacky mit Recht den bohmischen Konig Wenzel „als einen vorziiglichen GSnner der Juden" (Geschichte von Bbhmen III, 1, S. 54), denn dieser Konig scheint den Juden sehr gewogen gewesen zu sein, jedenfalls aufrichtig bemiiht, auch ihnen, „den koniglichen Kammerknechten", wie die Juden so schBn bezeichnet wyrden, Gerechtigkeit angedeihen zu lassen. Es tøt das Verdienst des bekannten Brunner SchuUnanne« und Schnlrates, des Prof. J. Simon, Es verråt nåmlich in seiner Nummer vom 12. Jånner 1920 folgendes: „Die Reichenberger Tagung der deutsch-arischen Reichsparteien und die Beschlusse, die dort zur Schaffung der groBen deutschen Nationalpartei fiihrten, iibten auch auf die Briinner Parteiverhåltnisse einen EinfluB aus. Die Einigkeit ist jetzt end- Iich erzielt, wir haben auch in Briinn eine geschlossene deutsche Nationalpartei.die deutschradikale Partei, die deutsche Volkspartei, die deutsche Arbeiterpartei, die alldeutsche Partei und der abgezweigte Iinke FlUgel der deutsch-demokratischen Partei haben sich innerhalb des geschaffenen Blocks géeinigt, die nåchsten Wahlen gemeinsam mit uns Mittelståndlern durchzufuhren und im neuen Gemeindeausschusse werden die gewåhlten Vertreter einen gemeinsamen Klub bilden." Wir erfahren auf diese Worte: Hier die deutscharischen Reichsparteien, dort die deutsch-demokratische Freiheitspartei! Wfr erfahren aber gleichzeitig, claB die junge deutsch-demokratische Partei, welche sich erst fm Mai 1919 gebildet hat, schon eine „Abzweigung" erfahren hat, eine Abzweigung in der Richtung, daB’der linke Fliigel dieser jungen Partei sich sehr rasch politisch gehåutet hat und aus Grunden, die hier unerortert bleiben sollen, es flir vorteilhafter hielt, sich dem deutsch-arischen 'Blocke auzuschlieBen. Wir erfahren aber gleichzeitig aus dem Leitartikel betiteit: „Einigkeit macht stark", daB im Zeichen dieses Gedankens alles, was sich zum Widerstande gegen das ausbeutende GroBkapital vereinigen muBte, die groBe Mehrheit der Deutschen GroB- Briinns zur Urne gehen wird. Steigt dem uns bekannten Pfingstsonntagsleitartikler angesichts der geschilderten Vorgånge nicht die Schamrote ins Gesicht? Haben die Jiidisch-Nationalen, Herr Dr. Krfwaczek und Konsorten, diesmal wiederum die Raliieeinige Urkunden aus dem Egerer Archiv veroffentlicht zu haben, die iiber das Verhalten des bohmischen Konigs Wenzel seinen iiidischen Untertanen gegeniiber ein klares Licht verbreiten. So beklagten sich die Egerer Juden unter Konig Wenzel, dafl sie vor auswårtige Gerichte geladen und mancherlei Bedriickungen ausgesetzt wiirden. Konig Wenzel verordnete daher, daB sie als „konigliche Kammerknechte" fortan nur von den koniglichen Richter der Stadt Eger geladen werden — eine Verordnung, die allen Amtleuten zu Eger genau eingesehårft wurde. Damals waltete der Landgraf Johann von Leuchtenherg als „Hauptmanh im Egerlande". Diese Verordnung .ist datiert vom 25. lånner 1379. (Der geben1 zu Nurenberg nach Cristsgeburde dreytzehnundir Jare dor nach in dem Newn und Sibnczigsten Jaren an Sand Pauls tage . . . vnserer Reiche des Behemischen in dem Sechczehenden und dem Romischen in dem drytten Jaren.) Die vom Prof. Simon veroffentlichte' Originalurkunde trågt die Ueberschrift: „Kunig Wentzlab das man die Juden auf kein anderes Gericht laden soli". In einer zweiten Urkunde (d. d. 5. Mai 1381) spricht Wenzel alle Bewohner von Eger, auch die Juden, von allen Abgaben und Steuern auf fiinf Jahre frei. Die betreffende Stelle lautet: „Wir haben unsern Burgern Insassen Innwonnern vnd ouch den Juden vaser Stat vnd Landes zu'Eger ... die Qnade getan und tun in die in Kraft ditz Brives, Uas sie vnd alle die. die. mit g« (fiesin m Wtok v«