Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1920)
- Date
- 1920-01-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2621806-2622069-2622072--4202-2625475- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. S "8י*#*‘taUfKaN* Seite S. Die ostjüdische Aonfereng ist dazu berufen, die Richtlinie für die gesamte ostjüdische Arbeit in Deutsch, land festzu setzen. * * # Der palästinensische Korrespondent der ״Jüdischen Prcßzentrale Zürich" teilt mit: General Watson ist von seinem Posten als Gouverneuer von Palästina zurückgctreten. An seine Stelle ist Sir Henry Bol s, der bisher Generalstabschef Lord Allenbys war, zum Gouverneur ernannt worden. Er ist am 24. November in Jerusalem eingetroffen. Beim Empfang im Hauptbureau der engl. Verwaltung waren im Namen der Jerusalemer jüdischen Gemeinde Rabb. Eliaschar, lin, Mcjuchcs und Dr. Eder und Frau anwesend, im Namen des Waad Hazimir Herr und Frau Siw. — In Palästina sind Vorbereitungen im Gange, eine neue jüd. Legion zu gründen, welche die jüd. Regimentcr ersehen soll, die demobilisiert werden. I a b otinsky und Kapitän Trumpeldoc sind die Leiter dieser Aktion. Eine Arbeiterlegton wird gleichzeitig von den Chalnzim gebildet, die aus Rußland cingewandert sind. — Das jüd. Arbeitsbüro in Jerusalem hat im Monate Cheschwan 190 Arbeitern Arbeitsmöglichkeit verschafft. Das Bureau beschränkt sich nicht nur auf Arbeitsvermittlung, sondern gründet auch Unternchmungen, um sie einzelnen Arbeitsgruppen zu üvergeben. So fanden im Monate Cheschwan 40 jüdisä. Steinmetze in einem Unternehmen dieses Arbeitsbüros Beschäftigung, wo sie pro Tag 30 bis 40 ägyptische Groschen verdienen. — Laut ״Hadaschoth Haaretz" läßt die Regierung jetzt einen neuen Stadtgarten im alten Jerusalem auf dem Berge Zion unweit vom ״Schaar Zion" anlegen. An den Arbeiters der Anlage, die einen Monat in Anspruch nehmen werden, sind unter Aufsicht eines Nichtjnden, 16 jüdische Arbeiter beschäftigt. — In Jerusalem wurde Ende Oktober unter dem Namen ״Zentral-Hote!" ein großes jüdisches Hotel eröffnet. Das neue Hotel gehört zu den größten Gebäuden der Stadt.'Es umfaßt 55 Zimmer, sowie zahlreiche Empangsräume. Man hofft, daß das Hotel imstande sein wird/ etwa 120 Besucher aufzunehmen. — Wie der ״D'oar Hayom" vom 30. November lueldet, ist kürzlich in Palästina der erste Transport Bauholz, der hauptsächlich für Jaffa bestimmt ist, aus der Schweiz eingetroffen. — Arabische Scheichs überbrachten unlängst in! Namen mehrerer arabischer Dörfer Dr. K r i m s k z, Oberarzt der ״Hadassah" Ehrengeschenke mit der Inschrift: ״Heil Dir, der Du Blinde sehend machst." — Die.in Jerusalem erscheinende, den Arabern in Damaskus nahestehende Zeitung ״Suria-el-g'anubia", die von der britischen Militärverwaltung wegen ihres aggressiven Tones wiederholt Verwarnungen erhalten hat, ist vor kurzem von der Regierung verboten worden. Ernstes und Heiteres. Bravo! Dr. Krziwaczek, Sie haben die Jndensrage gelöst! Dank Ihnen, daß es nun den Juden' wieder möglich ist, das Haupt hoch zu tragen. Mannhaft haben Sie auf unser gutes, altes Vorrecht, den Deutschen nachzulaufen, beharrt, nichts von diesen Vorrechten haben Sie aufgegeben, darum auch den Sieg auf allen Linien errungen. Juden Brünns! Ihr könnt wieder ruhig deutsch-demokratisches Stimmvieh abgeben, Herr Serwonsky hat es Euch ja gesagt, daß er nichts dagegen habe, wenn Ihr Euch nichtdatz deutsche Herz herausreißen lassen wollet und Euch deutsch-demokratisch nennt. — Was, Ihr wollt nicht? Ihr wollt Euere bisherigen Führer im Stiche lassen, Ihr saget Euch von der jüd. Solidarität mit Ihnen los! Ihr wollt am Ende wirkliche Demokraten sein, selbständig denken; — und nicht mehr den Führern von Gottes und Geldsack Gnaden parieren? — Was, wir seien Verräter am Judentume? Wir treiben eigenmächtige, persönliche Politik ohne Rücksicht auf jüdische Gemeininteressen! — Ja glaubt Ihr denn wirklich, daß uns je das Judentum mehr als ein Weg in den Tempel am Jomkippur, das Deutschtum, mit Deutschem Haus und Lesehalle nicht alles war, daß wir unser Verhältnis zum Judentum über den Kadisch noch aufrechterhielten und nicht die ״Wacht am Rhein" höher stellten als alle Zionslieder, die ^>och nur idealistisches, unpraktisches Bekenntnis und so gar keine materialistische, verdienende Tendenz haben. Sii'd wir also Verräter? Wir haben doch nichts zu verraten! Geht uns der Jude in dem kleinen mährnHen Neste, der wegen unseres Deutschtums von den Tschechen leidet, etwas an, was geht uns der Jude, der da und dort leidet, überhaupt an, wir sind immer Deutsche gewesen, wir kennen nur eine Not, das ist die unseres allgcliebtcn Deutschlands und unserer deutschen Volksgenossen und die verlassen wir nie und nimmer. Sie müssen mit unserer Weisheit, unseren Führcrtalenten gesegnet bleiben, sonst könnte es am Ende wahr werden, was uns unsere Volksgenossen, die Deutschen, ohnedies schon sagen, daß wir Juden bleiben, ob wir wollen oder nicht. Ihr!vollt auch das Selbstbestiminnngsrecht für das jüdische Volk? — Was soll das heißen? — Haben Euere Großen und Schweren nicht schon lange selbst bc stimmt, daß das jüdische Volk aufgehört hat, zu existieren und daß nur das konfessionelle Band — reine Pa- Pierware, darum billig und für jedermann erreichbar — uns Israeliten noch einen Schein von Zusammen- Hang gibt! — Sollen wir Euch am Ende durch ein wenig Wasser beweisen. Fordert uns dazu nicht heraus! Ohnedies drückt uns die Kultussteuer und der nächste Quotient kann der Funke in das Pulverfaß sein! Wollt ihr also, daß wir uns noch weiterhin auch Jnden nennen, dann seid still, füget Euch und folget uns! Und die dummen Juden gingen hin und fügten sich seufzend unter das alte Joch. — Die Deutschen aber lachten über der Juden Dummheit, verachteten sie weitcr, wenn keine Wahlen waren und duldeten, daß die Großen und Kleinen Israels weiter dchmütig goldenen Tribut für diese Verachtung zollten. — Die Tschechen lachten aber auch, sie konnten mit Grund weiter auf die armen Juden losschlagcn, sie waren ja natioilale Gegner lind büßten darum mit gerechterweise. Die nationalen Juden aber glaubten an sich und ihr Volkes Zukunft, machten einen Strich zloischen sich und die Dr. Krziwaczek und Consorten, gingen an die Arbeit llnd schufen ein starkes, geachtetes jüdisches Volk. — d. — Ooeresponllenzen. Austerlitz. Dienstag, den 13. Jänner verstarb hier Herr Josef St rach, der über 25 Jahre Vorsteher unserer Kultusgemeinde war, im 70. Lebensjahre. Mit ihm verliert unsere Gemeinde einen treuen und aufopferungsvollen Vorsteher. Zwittau. Das heurige Ehanukkahfest wurde im Gegensatz zu den Gepflogenheiten früherer Jah-> in unserer Gemeinde nicht gefeiert. Nicht einmal zu der vom Herrn Rabbiner Dr. Kanter angekündigten Prcdigt erschien die genügende Anzahl Zuhörer, vor denen er hätte predigen können; und dabei haben tvir eigentlieh drei Vereine, die auf streng jüdisch-nationaler Grundlage stehen. Freilich sind diese Vereine noch zu jungen Datums und, wie es den Anschein hat, vermögen sie nicht, das Leben unserer Gemeinde zu behcrrscheu. Der relativ älteste Verein ist die ״Achduth", der von Mittelschülern der hiesigen Realschule ins Lebe! gerufen wurde und der den Zweck hat, die Kenntnis der hebräischen Sprache, der jüdischen Geschichte und der Palästinographie zu verbreiten, wozu allwöchentlich vom Obmann zwei Zusammenkünfte einbernfen werden. Die Mittelschüler sind inzwischen Hochschüler geworden unö, da unser Ehanukkahfest leider nicht in die Ferienzeit fiel,׳ verlief das obligate Makkabäerfest bei uns sang- und klanglos. Anfangs des vergangenen Sommers wurden bei uns ein jüdischer Volksrat und eine jüdische Frauenorganisation ins Leben gerufen. Diese nahmen anfangs einen großen Anlauf, um das ganze Gemeindeleben in nationalem Sinne zu beeinflußen. Sie beteiligten sich auch lebhaft an den Juni stattgefundenen Gemeindewahlen und stellten sogar eineu eigenen jüdischen Kandidaten auf, der von vorn-- herein mehr den Charakter eines Zählkandidaten trug. Auch an den im Juli stattgehabten Kultusgemeinde- Wahlen nahmen alle diese Organisationen und Vereine lebhaften Anteil. Es kam zu einer Art Kompromiß zwischen den bisherigen Leitern der Kultusgemeinde und den Nationalen, die im Kultusvorstande jetzt durch zwei Stimmen vertreten sind. Es verdient in diesem Zusammenhang rühmend hervorgehoben zu werden, daß die früher erwähnten zionistischen Organisationen im Laufe des Sommers einige gemütliche Abende veranstalteten undsich auch an der Palästinaivoche lebhaf beteiligten. Mit der Veranstaltung einer Simchasthora- Unterhaltung, die allerdings einige Zeit nach dem Laubhüttenfeste stattfand, faüden diese einen würdigen Abschluß. Ein Verdienst unserer hiesigen Zionisten ist cs auch. daß. unserer hiesigen Gemeinde Gelegenheit ׳ geboten würde, berühmte Zionistenführer zu hören, allen voran Professor Engel. Jetzt herrscht auf allen Gipfeln Ruh', unser Gemeindeleben bewegt sich in dem ausgetretenen Rahmen und alles geht seinen alten, gewohnten Schritt. G. Eibenschitz. Am Sonntag, den 21. Dezember v. I., veränstaltete der jüdische Volksrat in, Eibenschitz in den Räumen des Kultusgemeindehauses eine Makkabäerfeier. Mit eindrucksvollen Worten würdigte Gg. Herr Hugo S ch a l l i n g e r die Bedeutung dieses natümalen Festes, verglich die damalige Lage unseres Volles mit der heutigen und schloß unter begeistertem Beifalle mit der Aufforderung, treu zu unserem Volke zu sl.׳- ben uni> für seine Rechte zu kämpfen. Nach Jntoni׳׳- rung der ״Hatikwah" und dem Lichteranzünden durch Herrn Oberkantor Wilhelm Löwensohn, brachte ein Männerchor' unter Leitung des Herrn Kantor Adolf Weißgall das .Moaus zur" zum Vortrage. Die folgenden gesanglichen Darbietungen ernsten und heiteren Inhaltes, vorgetragen von Herrn Max Neubmir, Herrn,Adolf Weißgall, Frl. Irene Stern und Herrn Ernst Sinaiberger, desgloichcn ein Klavier- und Vislinvortrag des Frl. Olga und Herrn Otto Sinaiberge׳ fanden den lebhaftesten Beifall des Publikums, das diesmal in besonders großer Zahl erschienen war. Bis in die späte Nacht huldigte die Jugend den! Tanze. Dank der Opferwilligkcit der jüdischen Frau׳-» und Mädchen war das Buffet mjt Spenden reichlich bcschickt, so daß die Feier, die in jeder Hinsicht vortrefflich gelungen war und einen namhaften Reinertrag brachte. Wien. Auf Grund des Statutes der isr. Kultusgeineinde Wien hat in der Plenarsitzung vom >'׳. Jäunec 1920 die Wahl der Vizepräsidenten und Vertreter stattgefunden. Das Vertreter-Kollegium besteht nunmehr aus uachbenanntcn Herren: 1. Vizepräsidcut: Hofrat Dr. Benjamin Rappaport, 2. Vizepräsident: Kommerz.-Rat Leopold Simon: Vertreter: Dr. Josef Breuer, Dr. Jakob Engel, Hofrat Siegfried Gerstmann, Ernst Hirsch, Sicgmund Kauders, Baurat Wilhelm Kemplcr, Tr. Isidor Samuely, Dr. Markus Spitzer, sämtliche gewählt füc^einc einjährige Funktionsdaucr. Die Wahl des Präsidenten tvurde auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Frankfurt a. M. Die jüdische Gemeinde in Frankfurt a. M. wird demnächst ein durchaus demokrali Wahlrecht erhalten. Die Gemeindevertreter — auf je 500 Wähler einer — werden von allen männlichen und weiblichen, mindestens. 20 Jahre alten Gemeinden, il gliedern nach dein Proportionalsystem unabhängig von jeder Steuerleistung gewählt. Es ist zu begrüßen, daß gerade eine so angesehene und so jüdische Gemeinde ein allen demokratischen Forderungen gerecht werdendes Wahlrecht schafft. Literatur. Buchbesprechungen. Philosophische Erzählungen von Theodor Herzl. B. Harz Verlag. Berlin—Wien 1919, (5. 265. — Theodor Herzls Erzählungskunst war dem weite,! Publikum aus seinen Heuilletons, die in der ״N. Fr. Pr." erschienen sind längst bekannt. Das gleiche kann man von den Perlen seiner Dichtung, den philosophischeu Erzählungen nicht behaupten; vollends sein ״Palais Bourbon" harrt einer Neuauflage, um deren Herausgäbe sich der Harz-Verlag große Verdienste erwerben würde. Wir sind dem Verlage dankbar, daß er es uns ermöglichte, in einer schönen Ausgabe die «Philosoph. Erzählungen" zu lesen, von denen ״Solcm in Lydien" und der ״Unternehmer Buonaparte" feine Psycholog!- sche Erfassung des,Menschen verraten. Doch sollte Herzl jeder Jude lesen und kennen, daher sei von aussührlicher Besprechung abgesehen. — 3 — Martin Buber: Daniel: Gespräche von der Verwirklichnng. Leipzig im Insel-Verlag 1919. Zweite Auflage. Geh. Mk. 4.—, Ppld. Mk. 7.—, Hldr. Mk. 9.-. 152 Seiten. — Um Buber ist nun wieder Streit ausgebrochen; die Vcrgöttercc und Verehrer erheben sich gegen Verneiner und Vernichter. Nicht doch! Wir haben in Buber einen genialen Dichter, der die Aufgabe übernommen hat, das Judentuin zu erheben; die jüdisch Jugend zu lehren, frei zü werden von allen Schlacken der Alltäglichkeit, in der Ethik das höchste Gut der Menschheit zu suchen. Auch im Daniel wi derum der Ruf nach Höherentwicklung des Individuums! Umso dankbarer sind wir Jungjuden dem Dichter und Denker Buber, weil er bei der Verflachung unserer z׳onistischen Idee, die durch ihre Verbreitung eingetreten ist, nur ein Ziel hat: Vertiefung, Verinnerlichung ■׳— a — Vjarek Scherlag: ״In der Fremde", Judenlieder. 2. Ausl. Axel Junker-Verlag, Berlin. Die andern sind wohl stille geworden, die in Frühzeit der jung-jüdischen Bewegung vom Judeu^H