Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1920)
- Date
- 1920-01-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Nr 3 sangen und vom neuen Mühen; die heimgekehrl wieder Wundersames fanden an der alten Stätte. Ihr lieberfroher Mund ist fest verschlossen. Haben sie — reif geworden — ihre Ohnmacht erkannt? Hat die- Qual dcS Tages sie müde gemacht?? Oder resignierten sie als Tatmenschen oder kultivierte Genießer, in Verse zu ketten die gewaltige Neuwende, die sich mit ihnen und vor ihnen am Volke vollzog, den Stimmungszaubcr aus tiefsten Erkenntnissen, die mystische Schönheit noch des trivialsten Alltags? .... Scherlag ist nicht mut>c geworden, der alten Zionsharfe Weisen zu entlocken. Die Morte haben wohl in den zwanzig Jahren gcwechseit. Die Weise ist geblieben. Judenleid, das sich über die Freuden wie ein schwerer Schleier breitet; Angst, die noch aus umsonnten Hecken spricht; Hcimkehrschnsucht und Heimweglust. Die Feste des Vaterhauses; die Gestalten von einst, die wie gigantische Schatten aus dem Zwergtum der Enge steigen. Wir folgen dem Dichter in das Gelände seiner Seele durch ein freundliches Portal. Unwegsames Dickicht und schroffer Fels spcrren nicht, wie vor dem Werk titanischer Künstler, die also ihren geheimsten Bezirk schützen und nur dem entschlossenen Bahner des Weges Eingang und Weihe am Altäre zugleich gewähren. Ein freundliches Portal führt in einen freundlichen Garten, wo eine milde Trauer und eine gepflegte Melancholie wohnen. Wir treten gern ein! — froh genug, daß Scherlag cS den Jüngsten nickt nachtut, vor einem kaum noch disteltragenden Fleckchen Wüste Felsen aus Pappe und Dickicht aus dem Ncquisi'tenfunduS einer Schmiere zu lagern. — Es »st eine stille und ehrliche Kunstübung, an der Scherlag unS tcilnehm'en läßt. Und dafür dürfen wir ihm dankbar sein. ״Jüd. vmndsch." Volkswirtschaftliches. Hemmungen. Jeder, der im Wirtschaftsleben steht, ist sich beffc-• bewußt, daß der hier vorherschende Zustand unhalt l׳ar ist, daß irgend etwas geschehen müsse, um über das kritische Stadium in dem Verhältnisse der an dem Wirtschaftsleben Interessierten zueinander hinwegzukommen, jeder weiß, daß irgend etwas hier faul ist und doch wartet jeder mit verschränkten Armen, in gewoll ter oder ungewollter Trägheit im Denken, ohne jed ivede Energie zum Handeln auf das blaue Wunde, das diesen Zustand beheben soll. . Hier die ununterbrochenen Lohnkämpfe zwischen dem Unternehmer und dessen Arbeitern, dort die lieber!׳.׳älzung jeder dem Unternehmer aufgenötigten Sohnerhöhung auf den Konsum, die auf diese Weise mit zwingender Notwendigkeit eintretende Preissteigerun;׳- aller Bedarfsartikel und die hiedurch wiederum verurfachte Wirkungslosigkeit der unmittelbar vorher erkämpften Lohnerhöhung, sodaß der Loynkampf zwischen dem Unternehmer und dessen Arbeitern von vorne beginnen muß, eine Entwicklung, die sich in diesem Krei-!e ununterbrochen wiederholt und sowohl auf Seite der .Unternehmer als auf auf Seite der Arbeiter Verdrossenheit und Arbeitsunlust hervorruft. Dieselbe Entwicklung, nur mit einigen im Wesen der Verschiedenheit der ׳gegenseitigen Beziehungen lieaendcn Abänderungen, nehmen wir in dem Verhält׳ ׳lisse einerseits der öffentlichen und privaten Beamten;u bereit Dienstgebern, andererseits der Dienstgcb-.r >'.ur breiten Oeffentlichkeit wahr: Dieselben Erscheinungen, dieselben Wirkungen, dieselbe Unzufriedenheit, derselbe Arbeitsunwille! Befindet sich der Kaufmannsstand in einer so be- ׳eidenswerten Lage, daß er an der Erhaltung des geeuwärtigen chaotischen Zustandes irgend ein Interesse haben könnte? Der anständige Kaufmann gewiß nicht! Nus der einen Seite die Warennot, auf der andeen Seite die Unmöglichkeit, ohne Gefahr für seine -ersönliche Ehre und Freiheit den Bedarf auf normale Weise decken zu können, hier das ruhige Gewährenlassen unbefugter und unlauterer Elemente, dort die >׳H1nals unbegreifliche bürokratische Erschwernis und Interdrückuug jeder gesunden Initiative; hiezu schließ- ׳ch eine die Rechtssicherheit nicht gerade fördernde Ge- '?tzgebung und der Druck einer alles nach einer gleich- -nätzigen Schablone nivellierenden Steuerschraube. Kein Wunder, wenn diese allgemeine Unzufriedenheit Die nicht proletarischen Kreise sind nicht von jeder Schuld an diesen Zuständen freizusprechen! Sie lassen, irregeleitet durch eine voreingenommene Presse, die Ereignisse ruhig und widerstandslos an sich herantreten, sie rühren nicht den Finger, um in richtiger Er kenntnrS und rechtzeitigem Erfassen der wirtschaftlichen Zusammenhänge etwa vorzubeugen und auf diese Weise,zur Milderung der wirtschaftlichen Gegensätze bcizutragen. Bei dem Chaos, das in unserem Wirtschaftsleben besteht, läßt sich gewiß nicht durch bloßes Zugreifen irgend ein Allheilmittel heranziehen, durch das mjt Einemal eine Besserung herbeigeführt werden könnte. Jeder Ansatz hiezu wird aber von gewissenloser Seite im Keinie erstickt. Die Politik der Schlagworte war am deutlichsten in der Stellungnahme der Tagespreffe — welcher Nichtuug immer — zu den beiden in Form von Jnitiatipanträgen im März und im Oktober v. I. eingebrachien Gesetzesvorlagen, betreffend die Gewinnbeteiligung der in fest begrenzten Betrieben Beschäftigten, bezw. die Beteiligung der Angestellten an der Verwaltung, und dem Reingewinne der Unternehmungen zu erkennen. Keine einzige Zeitung hat an diesen GesetzeSvorlagen sachliche Kritik geübt. Parteitaktik hat sowohl' der bürgerlichen als auch der sozialdemokratischen Presse den Mubd verschlossen, wiewohl es sich von beiden Standpunkten aus betrachtet um eine einschneidende Aendcrvng im Wirtschaftsleben gehandelt hat. Es ist ja richtig, datz die volkswirtschaftliche Bedeutung des Gewinnbeteiligungs-Systems keine überschwängliche ist, daß das System der Gewinnbeteiligung nur in vereinzelten Fällen irgend welche praktischen Wirkungen und in diesen auch nur vorübergehend aus lösen kann., Der materielle Effekt wird für den Arbeiter in! Durchschnitte nur ein geringfügiger sein, umso größer hingegen der ideelle: der Arbeiter wird auf diese Weise genauen Einblick in die Einzelheiten des Unternehmens gewinnen, er wird unmittelbar zu der Erkenntnis der Erfüllbarkeit oder Unerfüllbarkeit seiner Forderungen gelangen, es wird hiemit zumindest der erste Schritt zur Anbahnung eines gesunden, auf Vertrauen beru hendon Verhältnisses zwischen Arbeitsgeber und Arbeitsnehmer geschaffen sein, es wird eine gewisse Stetigkeit in den gegenseitigen Beziehungen eintreten, es wird auf beiden Seiten die Arbeitsfreudigkeit wiederum erwachen, es wird sich eine Gemeinschaftlichkeit der Ziele für die Gesamtwirtschaft ergeben und vielleicht gerade auf diese Weise eine Atmosphäre geschaffen werden, in der im Falle des Fehlschlagens des einen Versuches die Möglichkeit gegeben sein wird, vielleicht in gemeinschaftlicher Arbeit das fortzuentwickeln, was zu einer Milderung der wirtschaftlichen Gegensätze führen könnte. Jedenfalls wäre auf diese Weise die Voraussetzung für eine ruhige Entwicklung im Wirtschaftsleben geschaffen und der Boden allen nicht auf dem Wege der Evolution versuchten Methoden entzogon. Es wäre mindestens ein Beispiel musterhafter Fortentwicklung des Verhältnisses zwischen Unternehmer und Arbeitsgebec gegeben. Das, was mithin allen nottut, ist die Wiedercrlangung der Aktivität, die Ucberwindung aller'Hemmungen, die Freiwilligkeit der Entschließung und Betäti gung im Geiste sozialer Gerechtigkeit! Hiezu sei noch bemerkt, datz sich Herr Dr. M. Brod wahrscheinlich für die ihm zum Ausdruck gebrachte BedauernSerklärung bedanken wird. Ich glaube aber, datz wenn die Brunner ״Poale Zion" durchan-7jemanden bedauern will, so wird sie in den Kreisen ihrer Jdeenvertreter genug Bedauernswerte finden. E. W. Brünner Nachrichten. ״Jüdischnationale Vereinigung": Montag, den 19. d., veranstaltet die ״Jüdischnationale Bereinigung" im großen Saale der Schwechater Bier- Halle eine Wähler Versammlung. Referenten Dr. Max Brod, Dr. Angela Goldstein (Prag). Beginn präzise 8 Uhr abends. Näheres Plakate. Jüdisch-nationale Bereinigung. ES ist Pflicht, jedeS nationalfühlenden Juden der ״Jüdisch-nationalen Vereinigung" beizutreten. Anmeldungen nimmt entgegen Dr. Gustav Kohn, Glacis 87, und Herr Sig. H i ck l, Krona 24. Jüsa.-akab. Lese- und Redehalle, Brünn. Dienstag, den 20. Jänner 1920 Vortrag des Herrn Dr. Max Brod (Prag) über: Expressionismus in der Bibel. (Das hohe Lied.) KünstlerhauS, 8 Uhr abends. Regiebcitrag 2 K. Hermann SchoSzberger, der 50 Jahre in Brünn als jüdischer Lehrer, wovon über 20 Jahre als Lehrer der israel. Kultusgemeindetätig war, wurde Dienstag, den 6. d. M., zu Grabe getragen. Die zahlreichen, ehemaligen Schüler haben nur durch Zufall er« fahren, datz er gestorben und beerdigt wurde und können es nicht begreifen, datz die jüdische Kultusgemeindc durch gar keine Nachricht oder Zeitungsnotiz die Ocjfentlichkeit von dem Hinscheiden SchoszbergerS verständigt hätte. Soviel Pietät darf man schon von einer jüdischen Gemeinde verlangen, datz sie ihrem alten Lehrer diese Ehre erweist. Zionistischer Volksverein ״Theodor Herzl": Sonntag,.den 18. d. M. Zusammenkunft des Vereines im Cafe Margaretenhof, 1. Stock. Beginn präzise acht Uhr abends. Unser Gg. Herr Posträt Dr. Max Hrdlitschka wurde zum'Oberpostrat ernannt. Wir gratulieren. Erika Morini veranstaltete am 9. d. M. im großen' Festsaale des ״Deutschen Hauses" ein Konzert. Die überaus begabte Violin-Künstlerin, eine Nichte unseres bekannten Wiener Gg. N. Rappaport, erntete für Ihre Darbietungen tosenden Beifall. Am Donnerstag, den 22. d. M, 8 Uhr abends, liest der Brünner Kunstreferent Prof. Josef Gajdeczka als Gast der »Sozialwiffenschaftlichen Vereinigungjüdischer Akademiker und Studenten" im großen Saale der Schwechater Bierhalle ״Arnold Zweigs" Kulturbild ersten Ranges ״Die Sendung des Semael" (Ritualmord in Ungarn). Karten zu 0, 6,' 4 und 2 K in der jüdischen Volksbücherei, Kirchengasse 2 und an der Abendkassa. Eingesendet. In Nr. 0 des «Jüdischen Sozialisten" findet mau eine kurze Notiz über den ״Hapoel Hazair" in Brünn. Es ist das gute Recht einer Partei gewisse Ereignisse und Erscheinungen des' öffentlichen Lebens, die ihre Anschauungen tangieren und an dem Dasein der Partei rüttoln, zu unterdrücken oder zu kritisieren. Tut sie es aber nicht, sondern geht mit einigen nichtssagenden, manchmal stark ironischen Bemerkungen über die Dinge hintoeg, so kann es Zweifaches bedeuten: Entweder ist das Thema unwesentlich (von ihrem Standpunkte) unrichtig oder.. .ist es aus taktischen Gründen erwünscht, bei der Oeffentlichkeit das Denken und Nachdenken über dieses Thema nicht anzuregen. In diesem Falle kann nur das zweite gelten. Denn und!daß die ״Poale Zion" an der Entwicklung der zionisti- 'erdrossenheit den fruchtbaren Boden für vom Wege schen volkssozialistischen Partei ״Hapoel Hazair" ungeer Evolution ablenkende Methoden abgibt, wenn die > mein stark interessiert ist, beweist die Behandlung die- Herrschaft der Schlagworte extremer, von Verantwort-ses Themas in ihrem Rahmen lange noch vor der ichkeitsgefühl freier Elemente die Oberhand gewinnt: Gründung des ״Hapoel Hazair" in Brünn und ihre nd an Stelle der Vernunft Leidenschaft, Haß und! zahlreiche Vertretung bei dem Bortrage des Herrn Dr. :ampf tritt! ״ i M. Brod und die rege Beteiligung an der Debatte. Samstag, den 17. d. M., um 6 Uhr abends, im Volksrate (KoliM 57) außerordentliche VereinsauSschüßsitzung des ״Makkabi". Bei der am 7. Dezember stattgefundenen General- Versammlung des angeblich 1800 Mitglieder zählenden Vereines für Förderung deutscher Theater- und Kunstpflege in Brünn waren, sage und, schreibe, 29 Mitglieder anwesend, von welchen ״sich" 12 in den Ausschuß wählten. (Wahrheit 18. Dez.) Sport. ״Makkabi", Verein für Turnen und Sport, Brünn. Turnsektion: Die Vorarbeiten für das diesjährige Schauturnen sind bereits im Gange. Sämtliche zeitweise ferngebliebenen Turner und Turnerinnen werden aufgefordert die Turnstunden von nun an regelmäßig zu besuchen. Schwimmsektion: Der monatl. Mitgliedsbeitrag wurde mit 4 K festgesetzt Für jede Badestunde ist der Betrag von 1 K gegen Borweis der Schwimmlegitimation bei der Kassa des Charlottenbades zu erlegen. Schwimmstunden für Männer: Freitag von halb 6 Uhr bis halb 7 Uhr abends; für. Frauen: Dienstag von halb 6 Uhr bis halb - 7 Uhr qbends. Ausbildung in sämtlichen Zweigen des Sportschwimmens. Anmeldun- ״HÜLS Jüdischer BolkSkalender".