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Jüdische Volksstimme · 1920-01-15 · Heft 3 (15.1.1920) · page 4

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXI (1920)
Issue
Heft 3 (15.1.1920)
Date
1920-01-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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ifijiiipp *Buvpnmr Nr. 3. \ publik bedeutet das Bekenntnis zum Deutschtum wie nitgendwo anderein starkes und opferfreudiges BekenntniS zu einem Volke und zu einer Sprache, zu denen man sich nur mit Bekennermut gesellt. Den deutschen Juden ist dieser Bekennermut, diese Zivilcourage, wie es Bismarck nannte, selbstverständlich, aber wir sehen mit wachsendem Erstaunen, daß diese Selbstverständlichkeit nicht anerkannt wird. Es gibt unter den deutschen Parteien einen deutscharischen Block, welcher die Juden zurückweist. Es gibt in diesem deutscharischen Mock Parteien, welche scheinbar den Antisemit!^- mns ablehnen, indem sie sich auf den Standpunkt des von ihnen geprägten AsemitismuS stellen. Sie sagen: Wir haben nichts gegen die Juden, aber sie sind keine Deutschen, sie sind eben Juden (siehe jüdischnationalc Bewegung) und sie können als solche ganz brave Leute sein, wir wollen sie als Juden gerne anerkennen, wir tuollen ihnen nichts zuleide tun — ״Nieder mit dem Radauantisemitismusl" — aber in unfern Reihen haben sie nichts zu suchen. Und auch jene Parteien und jene Kreise, welche nicht offiziell antisemitisch oder asemitisch sind, lassen sich von den deutschen Juden nicht gerne unter den Linden grüßen, be-. trachten ihre Gesellschaft als kompromittierend und sind nur gnädig, sich mit jüdischen Geldbeträgen abzufinden. Das Vorgehen des'Deutschen SchulvereineS alias Deutschen Kulturbundes steht nicht vereinzelt da. Es ist vielleicht noch um einen Grad unaufrichtiger und übler als die Offenheit jener, welche das Tischtuch zerschneiden. Gerade in diesem Lande aber, in welchem durch Mischehen beispielsweise die Grenzen zwischen Deutschen und Tschechen verwischt sind, in welchem ohne Rücksicht auf Abstimmung der Arier als Deutscher oder Tscheche gilt, je nachdem und zu welchem Volke er sich durch freien Willensakt bekennt, gerade in diesem Lande leisten sich die Deutschen den Luxus, den Nichtarier, der ihnen ohne Anspruch ja ohne Aussicht auf Lohr- Treu bewahren will, zurückzustoßen. Können sich die Deutschen in der Tschechoslovakei diesen Luxus leisten? Sie können cs nicht, aber sie tun es doch. Es ist zwar unpolitisch, aber haben sich die Deutschen je um Real- Politik gekümmert? Im alten > Oesterreich wollten sie mit dem Kopf durch die Wand rennen und sie sind seither scheinbar nicht klüger geworden. Das ist die Kehrseite der rühmlichen deutschen Ideologie. Und die deutschen Juden? Aach die deutschen Juden in der Tschechoslovakei haben ein Vaterland und sie liebLN ihre Sprache und sie lasten sich beides von niemandem rauben. (Trotzdem sie von ihren deutschen Parteifreunden nicht gerne gegrüßt werden, trotzdem man ihre Gesellschaft als kompromittierend empfindet? — diese Liebe und Anhänglichkeit wäre rührend, wenn sie nicht an Zudringlichkeit mahnen würde. Aber das nennt man Charakter. (Anm. der Ned.)j Die Entscheidung^über Ostgalizien und die Juden. »Jüdische Morgenpost", Wien: Der bekannte Beschluß über das Schicksal Ostgaliziens ist in den letzten Tagen auf überraschende Weise zu Gunsten Polens abgeändert worden. Nachdem vor etlichen Wochen Polen über Ostgalizien auf 25 Jahre die provisorische Verwaltung erhalten hat — später sollte eine Volksabstimmung entscheiden — bekommt jetzt nach Pariser Meldungen, die wohl nicht ganz klar sind, Polen Ostgalizien auf unbestimmte Zeit. Ob sich die Entente nur 'von dem Provisorium losgesagt hat, oder ob sie überhaupt den Autonomiestaat Ostgalizien fallen ließ, ist bislang noch nicht bekannt. ' * * » Die Entente hat, wie Clemenceau im französischen Parlamente erklärte, beschlossen, den Krieg gegen Sowjet-Rußland weiter zu führen. Nun ist es der po uischen Armee allein gelungen, den ״roten Truppen" beizukommen. Auf diese polnische Armee rechnet nun die Entente in erster Linie bei ihrer großen Offensive gegen die Bolschewiken, und Ostgalizien ist die Belob nung. Ob es sich nun auszahlt, daß Polen, welches heute nach einem fünfjährigen Kriege total erschöpft ist und fast vor eine^ finanziellen Katastrophe steht, einen blutigen ZhAeg für die Provinz Ostgalizien zu führen, das wird die Zukunft lehren.' In Ostgalizien hat jn den ersten Monaten des Jahres 1919 ein gewaltiges Morden geherrscht und fortwährend schrie die ukrainische Soldateska: «Schlaget die Juden!" Pogromstimmung lag in der Luft. Viele Hunderte von Juden wurden in Tarnopol, Zloczolv und anderen Städten geplündert. Und man, kann ruhig sagen, daß durch die Okkupation der polnisch-- Armee dem Lande das Schicksal der ukrainischen Juden erspart wurde. Wohl hat die polnische Armee auch Taten voll bracht, die ihr keineswegs zur Ehre gereichen. Aber Tatsache ist nur, daß die Polen jederzeit damit rechneten, was die Welt dazu sagen würde. ES ist in Wahrheit tragisch, daß man bei uns schon von Glück sprechen muß, wenn wir von einem großen Unglück verschont werden. Von diesem Standpunkte aus, ist für die Juden die polnische Okkupation OstgalizienS ein Glück. Rundschau. Schuldirektor Emanuel Bondi, zu seinem 100. Geburtstage. Wenn man einmal die Geschichte der böhmisch- ׳nührischen jüdischen Schulen schreiben wird, wird der Name Emanuel Bondi, der ein halbes Jahrhundert, zuletzt 36 Jahre in Pohrlitz als Oberlehrer und 1872 zum Direktor von der Schulbehörde ernannt wurde, segensreich wirkte und eine große Anzahl von Schülern, die Männern von Namen und Bedeutung wurden heranbildete, mit besonderen Ehren genannt werden. Die stattliche Pohrlitzer jüdische Gemeinde ernannte ihn auch zum Ehrenbürger der Stadt. Geboren den 12. Jänner 1820 zu Morau, einem kleinen Orte nahe der Moldau, in Böhmen erlangte Bondi 1841 in Prag nach eingehenden Studien das Lehrbefähigungszeugnis. Sein Lehrbuch der hebräischen Sprache, das in mehreren Auflagen erschien, seine isr. Religionsbücher, wie auch die anderen deutschen Schul- und Sprach» bücher fanden große Verbreitung und wurden an den zahlreichen jüdischen Schulen, deren es damals in Oesterreich viele gab, mit bestem Erfolge benützt. Jn Wien, das eine besonders große Zahl seiner gewescnen Schüler mit klangvollen Namen aufweist, in Pohrlitz und in pädagogischen Kreisen wird bei seinem Zentenarium seiner in Ehren gedacht werden. Direktor Bondi, der in G ö d i n g am 7. August 1908 im Hause seiner Tochter sanft verschieden ist, fand in Pohrlitz seine letzte Ruhestätte. Ehre und Segen dem von seinen liebevollen,, treuen Kindern und dankbaren Schülern hochverehrten Vater und Menschenfreunde. M. A. Nationaljiisdischer Delegiertentütz in Prag-. Am 6. und. 6. JKtlner fand in Prag im Jüdischen Rathaus ein vom Jüdischen. Nationalrat für die tschechoslovakische Republik eiuberufener Delegiertentag statt, an dem die bei den letzten Gemeindcwahlen ge--- wählten jüdischen Stadtverordneten, Delegierte der Jüdischen Volksräte Und Delegierte der nationaljüdischen Korporationen teilnahmen. Es waren insgesamt ungefähr 160 Delegierte anwesend. Ins Präsidium wurden die Herren Stadtrat Ernst Bechert (Teplitz), Doktor Leopold Goldschmied (Pcotznitz) und Siadtrat Ernst P o l l a k (Kgl. Weinberge) berufen. Am Eröffnungsabend berichtete zunächst der Präsident des Jüdischen Natioualrates Stadtrat Dr. Ludwig Singer über die vom I. N. R. eingeleiteten Verhandlungen zur Anerkennung der Rechte der Juden, welche bereits seit vielen Monaten geführt wurden und, soweit dies nach dem heutigen Stande der Augelegenheit gesagt werden kann, zu einem durchaus erfolgreichen Resultate führten. Dr. Singer gab über diese Verhandlungen, die früher in Paris und dann später in Prag geführt wurden, einen detaillierten Bericht. Ferner sprach Dr. Max Brod über die Tätigkeit des I. N. N. und seine politische Haltung, die er gegenüber gewissen Opponenten minimaliftischer und maximalistischer Richtung verteidigte. Jn der darauffolgenden Debatte gab Herr Friedrich Mautner dem Gefühle der Dankbarkeit und Anerkennung für die hervorragenden Leistungen des I. N. R. Ausdruck. Dr. Felix Winter st ein (Mähr.-Ostrau) verlangte in Angelegenheit des tschechoslovakischen Staatsbürgerrechtes die Intervention des Nationalrates/ Die Tagung erhob eine Resolution, die sich gegen die Pogrome in Ungarn richtete, zum Beschluß. Der folgende Verhandlungstag war der Stellungnahme zu den kommenden Parlamentswahlen gewidmet und wurde durch ein Referat des S^retärS de» I. N. R. Dr. Angelo Goldstein eingeleitet. An dieses und an in Verhin׳ derung des Referenten von Dr. Ka z ne lson gcmachte kurze Vorschläge zur Ausarbeitung eines Wirtschaftlichen Programmes schloß sich eine eingehende Diskussion, an der teilnahmen Dr. Winterstein (Mähr.- Ostrau), Prof. Wertheimer (Kameuic), Dr. Felix Seidemann (Teplih-Schönau), Rudolf Kohn, Dr. Emil Margulies (Leitmeritz), Dr. Josef Steiner (Marienbad), Emil Waldstein, Dr. Ludwig Singer, Markus Ungar, Dr. Goldstein. Es wurde schließlich eine Kommission zur Ausarbeitung eines Wahlprogrammes gewählt, für die nachmittags Dr. Max Brod berichtete. Es wurde die aktive Teilnahme an den Wahlen beschlossen und mit der Leitung der Arbeiten und Vertretung nach außen eine Reichsexekutive betraut, in die die verschiedenen Parteien, welche gemeinsam in die Wahlen eintreten, Vertreter entsenden. Uebcr das Programm, die Konstituierung der Wahlleitung usw. wird demnächst ein ausführlicher Bericht veröffentlicht werden. Nach einer kurzen Debatte, an der sich die Herren Ernst Bechert- Dr. Karl SonneNfeld (Brünn)> Dr. Kaznelson, Dr. Emil Seligmann (Komotau), Dr.. Seidcmann und Dr. Goldstein beteiligten, wurden die Anträge Dr. Brods und Anträge Dr. Goldsteins über die Beschickung der gemeinsamen Reichsexekutive angenommen. Den Beratungen wohnte als Gast auch׳ ein Delegierter d-.s Volksverbandes der Juden für die Slovakei bei. Die ostjüdische Konferenz. Die bereits angekündigte ostjüdische Konferenz fin־־ det am Sonntag und Montag den 1. und 2. Februar 1920 (12. und 13. Schebat 6680) im Plenarsitzungssaal der jüdischen Gemeinde zu Berlin, Nosenstr. 2—4, statt. Tagesordnung: 1. Sitzung Sonntag, vormittags 10 Uhr: 1. Eröffnung der Konferenz durch Herrn M. L e w i ü 2. Begrüßungen Und Wahl des Präsidiums. 3. Tätigkeitsbericht des Zentralvorstandes, erstattet durch Herrn Josef Lin. 4. Unsere politischen Aufgaben. Referent: Herr Jakob Reich. 2. Sitzung Sönntüg, nachmittags 4 Uhr: ~ i. Die Stellung der Ostjuden in den jüdischen Ge- Meinden und anderen Organisationen. Referent: Herr Dr. Alfred Klee. 2. Die rechtliche Lage der Ostjuden in Deutschland. Referent: Herr Rechtsanwalt K e b l ü w i c z. 3. Debatten. 3. Sitzung Sonntag, abends halb 9 Uhr: 1. Fortsetzung der Debatten. 2. Berichte über die Lage der Ostjuden im Reich. 4. Sitzung Montag, vormittags 10 Uhr: 1׳. Erziehung unserer Jugend. Referent Herr Schuldirektor Dr. Wilhelm L e v y. 2. Unsere.kulturellen Aufgaben. Referenten: Die Herren M. Ganzer, A. Kraus und Dr. I. Laubes. 3. Debatten über die Kulturarbeit. 5. Sitzung Montag, nachmittags 4 Uhr: 1. Die Organisation der Ostjuden. Referent: Herr Josef Lin. 2. Debatten und Anträge. 3. Resolutionen und Wahlen. An den Verhandlungen und Entschließungen der ostjüdischen Konferenz können nur Delegierte von nnserem Verband angeschlossenen oder sich noch anschließcndcn ostjüdischen Vereine in Deutschland teilnehmen. Als Gäste können auch Nichtdelegierte den Verhandlungen beiwohnen. Es ist Aufgabe aller Zweigvereine unserer Organisation, die Borbereitungsarbciten für die Beschickung der ostjüdischen Konferenz und die Delegiertenwahlen durchzuführen. An diejenigen ostjüdischen Gruppen und Verein!- gungen, die sich bisher unserem Verband noch nicht angeschlossen haben, richten wir den Appell, diesen Anschluß baldigst zu vollziehen, und sodann Delegierte zur Konferenz zu entsenden. ״Bohemla“ i Filiale Aktienbank In Pra In BrQnn, vis-a-vis Bahnhof 18 Zahlungen Ins Ausland Flnanslerungen und Kredite Bönen-Trans• aktlonen Zwelganstalten: Ney• York« Paris« Bratislava, Qablonx « Haid».

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