Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1920)
- Date
- 1920-01-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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d« Diaspora durch eine kluge Polit« die bereits errungenen Rechts zu erhalten, neue hinzuzuerwerven und die praktischen Konsequenzen daraus zu ziehen! Dazu wäre eine Jugendbewegung in der Judenheit vonnöten, die ideales Streben mit realer Nüchternheit vereinigt, die es versteht, die Gegensätze zwischen den einzelnen Strömungen in der national gesinnten Judenheit zu überbrücken, bezw. auszugleichen und alle Nationaljuden zu werktätiger Arbeit zu vereinen; zu diesem Zwecke müßte sie über alle theoretischen Fragen im klaren sein und einen guten Ueberblick über die ganze Bewegung haben. Wie es nun wirklich in der jüdischen Jugend aussieht, das hat der zweite S t u d e n t e n t a g ebenso wie der erste in Wien deutlich gezeigt: dieselbe Zerfahrenheit, dasselbe Chaos, das seit Kriegsende in allen Parteien und natürlich auch in der jüdisch-nationalen herrscht, besteht in erhöhtem Matze in der zionistischen Jugendbewegung. Es ist dies keine sonderbare Erscheinung, wenn man bedenkt, daß fast alle sozialen Strömungen, die sich unter allen Völkern geltend machen, in der nationalen Judenheit ihren Niederschlag gefunden haben, und daß die Juden in den einzelnen Ländern ihrem Verhältnis zu den anderen Völkern eine vollständig voneinander geschiedene, ja direkt konträr gegenüberstehende Politik betreiben. Auf der einen Seite steht die zionistische Partei, die wohl für alle nationalen Ideale, aber in der Stel. lungnahme zur sozialen Frage die Jugend nicht vollständig, befriedigt, auf der anderen Seite eine nationalmarxistische Partei,^ welche die sozialen Ideale der in- .dividuellen Freiheit negiert, einen Geschichts-MatcrialiSmus predigt und den Klaffenbegriff über die Volksgemeinschaft stellt. Die jüdische Jugend in ihrer Mehrheit kann sich weder für die eine noch für die andere Partei entscheiden, solange sie sich nicht reformiert haben; denn eine national-jüdische Bewegung, die nicht zugleich einen freien Sozialismus auf ihre Fahne schreibt, kann weder die Kolonisation Palästinas durchführen, noch in der Diaspora den arbeitenden Schichten ' ein erträgliches Dasein verschaffen. Aber auch die Heutige poalezionistische Partei befriedigt das nach voller Freiheit lechzende jüdische Proletariat nicht, da sie heute, im Schlepptau des Marxismus, den autoritären Staatskommunismus anstrebt. Zu dieser׳ Unzufriedenheit mit diesen beiden Parteien kommt bei der jüdischen Jugend noch die Zerklüftung in orthodoxe und «religiöse, in politische und unpolitische, in ökonomische Und rein geistige Strömungen, die sie vollkommen verwirren und sie unfähig machen, einen klaren Ueberblick über die heutige Situation zu bekommen. Mit Recht sagt die ״Jüdische Zeitung" in Wien im Leitartikel ״Zum Studententag": ״Die Zerrissenheit, in deren Zeichen die Studentenschaft heute mehr, als je zuvor steht, ist nicht so sehr deren eigene Schuld, als vielmehr Ausdruck jener allgemeinen Atmosphäre der Widersprüche und der Richtungslosigkeit, die unser ganzes jüdisches und öffentliches Leben von heute bildet.Was not tut und was gm fühlbarsten!fehlt, ist nicht so sehr der gute Wille der Studenten, als die Führung." Die einheitliche Führung fehlt. Eine Führung, die nicht durch ihre Vielgestaltigkeit, nicht durch Auf- Häufung von Widersprüchen und Aufstellung von extremen Forderungen die Jugend noch mehr verwirrt, ist dringend vonnöten, eine Jugenderziehung, welche theoretische Widersprüche klärt, die Extreme abschleift, das Gute und Richtige aus allen Parteien auswählt, Mn den Antithesen zur Synthese führt. Das ist ja das Eigentliche jeder Jugendbewegung, daß die Jugend noch vorurteilsfrei ist, noch nicht eingeschworen auf irgendein Extrem, datz sie in ihrem idealen Streben das Gute und Gerechte noch sieht und auslesen kann, aus dem allgemeinen Chaos. Und so soll sie auch in den Hauptproblemen der Judenfrage, im Verhältnis zu den anderen Völkern, in der Vereinigung von Nationalismus und Sozialismus, in der Stellungnahme zum Sozialismus in jeder Hinsicht vorurteilslos-gerecht bleiben. Sie soll sich bemühen, sowshl in der Diaspora mit den dort lebenden Völkern als auch in Palästina mit den Arabern in ein freundschaftliches Verhältnis zu treten, durch Ausgleichung der Gegensätze der einzelnen Nationen, besonders in Mitteleuropa und Osteuropa eine Föderation freier Völker anzustreben, um geeinigt in ihr als ebenbürtige Nation ausgenommen zu werden. Eine jüdische Jugendbewegung, bie7 sowohl nationale Freiheit als auch wirtschaftliche Freiheit und Gleichheit erstrebt, mutz versuchen, einen geläuterten Nationalismus mit einem freien Sozialismus zu vereinen. * 9int jüdische Jugendbewegung kann vedes im Sinne deS Marxismus den allmächtigen Staat noch die Auflösung jeder staatlichen Gemeinschaft im anarchistifchen Sinne anstreben. Auch da ist eine Synthese notwendig, welche individuelle Freiheit mit genoffenschaftlicher Organisation auf Basis einer freien und gleichen Konkurrenz vereint: es ist der von unseren Gesinnungsgenoffen Dr. Franz Oppenheimer und Theodor Herhka angestrebte GenoffenschaftSsozialismuS. Das ganze jüdische Parteiwesen und mit ihm die Jugend befindet sich gegenwärtig in einem GärungS- Prozeß; ein Beweis dafür ist unter andern die Bildung der ״Hapoel Hazair", die den Versucheiner natwnalsozialen Bewegung bildet. Sie könnte zu einer wahren Volksbewegung werden, wenn sie drei Voraussetzungen erfüllte: Sie müßte sich erstens freimachen von jedwedem marxistischen und bourgoisen Einfluß, sie müßte zweitens als ihr soziales Programm den Genoffenschaftssozialismus anerkennen und drittens ihre Tätigkeit nicht nur über Palästina, sondern über die ganze Diaspora erstrecken. Eine jüdische Jugendbewegung, die die Völkerverständigung und einen Nationalsozialismus auf freiheitlicher Grundlage auf ihre Fahne geschrieben hat, kann zur Erkämpfung der politischen und ökonomischen Freiheit der gesamten Judenheit beitragen, wenn es ihr Hauptprinzip ist, die Nation über alles zu stellen und ihr alle Opfer zu bringen. Nation a l j ü d i s ch muß sie sein, doch nicht im chauvinistischen Sinne vieler Radikalnationalen, die ihr nationales Ideal auf Kosten anderer Völker durchsetzen wollen, sondern als ׳einigendes Band im Sinne jüdischer Ethik muß eine jüdische Jugendbewegung versuchen, alle hadernden Raffen, Nationen und Klassen zu versöhnen, um die Menschheit durch Kulturnationalis- >m u s zum wahren Internationalismus, durch Kultursozialismus zu einer gerechten, freien Wirtschaftsform zu führen. Fr. Sch . . . z. Adolf Stand. Schlag auf Schlag, Hieb auf Hieb hämmert auf das von Kämpfen und Erschütterungen zerbeulte Haupt des galizischen Judentums hernieder. Kaum hat eine Wunde ihren Schmerz ausgetobt,6׳ohrt schon die andere ihre grimmigen Fratzen ins zerstampfte Hirn. Adolf Stand ist nicht mehr. Der letzte Lebensodem ist ihm enthaucht. Ein Sprudel, der verwesende, tote Seelen der Starre entriß und mit Lebenssäften erquickte und verjungte, quillt nicht mehr. Ein Herz, das die Qual und das Wehe seiner Brüder in sich anhäufte, Härte auf zu leben. Die Stimme, di^ gleich einem Donner die Luft durchschnitt. Tote erweckend und Frevler zerschmetternd, verstummte für immer. Der Mann, der im engen, erstickenden Ghettogemäuer lange noch vor Herzl von einem jüdischen Zukunftswesen träumte, verschrieb sich mit Haut und Haar dem Wiener Feuilletonisten, als er usurpawrisch die Führerschaft des jüdischen Volkes an sich geriffen hat. Er ward im Osten zum Vollstrecker des Willens des großen Meisters im Westen. Er stampfte aus dem kleinen Häuflein, dessen mächtige Tete er bildete, mit einer Zauberkraft ganze Armeen hervor, die ihn im Jahre 1907 als ihren Repräsentanten ins österreichische Parlament entsendet haben. Und dort bezog dieser Volkstribun seinen Wachposten, schützend mit seiner mächtigen Nedewaffe nicht nur seine Wähler, sondern auch das ganze jüdische Volk. Er schleuderte den Vertretern der österreichischen Völker den Schmerzensschrei von sechzig Generationen öffentlich ins schamlose Antlitz. Sein fulminantes J'accuse, das er gegen alle Völker führte, die sich gleich Aasgeiern im jüdischen Blut weiden, verhallte zwar im Hause des orgiastischen Pfeifens und Streitens, aber es war Balsam auf die blutenden Wunden in der jüdischen Gaffe. Treu seinem Volke und der jüdischen Idee stand er immer auf seinem Posten, kämpfend und stürmend, schützend und wachend. Er kannte keinen Alltag und keine Lebensfreude. Der Brennpunkt seines Denkens und seiner Lebensziele war nur sein Volk. Ein Lehrer und ein Kämpfer, ein Fechter und ein Führer wurde in diesen Tagen ins kühle, nasse Grab gebettet. Knapp vor den Pforten des Landes, wo die Sonne die Erde küßt, wurde er vom Tode greulich niedcrgemäht. Noch keinem jüdischen Führer war ein Triumph bei Lebzeiten zuteil. Stürmisch und tragisch ist das Leben des jüdischen Führers. Kopf ünd Herz, Kraft und Leben opfert er seinem Volke. Unermüdliche Anstrengungen verzehren ihm die Muskeln und. saugen ihm dqs Mark aus dem Hirn. Und wenn schon ein Licht am weiten Horizont zu dämmern be- Erfüllung rück«, rafft ihn daS unerbittliche Schicksal von der mit Schweiß und Mut kaum erklommenen Bergeshöhe in den abgrundtiefen Schlund de» Lohes jählings hinunter. Einem solchen Schicksal erlagen die bedeutendsten jüdischen Führer: MofeS, Herzl, Wolfsohn und Tschlenow. Und auch vor diesem Manne, dessen Tod wir heute betrauern, machte dieses Schicksal keinen Halt. Das gelobte Land in einer Blüte, wie sich nur kühne Gedankenritter in bewußten, energischen, prophetischen Führerseelen vorstellen können, ist den jüdischen Führern nicht vergönnt zu erblicken. Nur ihre vermodcrten Gebeine sollen, — dank der Pietät des Volkes, — in der mit Makkabäerblut gedüngten heiligen Erde liegen, das Säuseln göttlicher Zephhrlüfte und das Raschein der silberweißen Wellen des Jordans vernehmen. Adolf Stand war auch Schriftsteller und Redner. Hätte er in seinem Leben nicht als Führer gewirkt, hätte er sich schon seinen Ruhm als Schriftsteller und Redner gesichert. Wehe dem Manne, der zu feinem Ambotz ward. Denn seine Worte donnerten wie Keulenschläge, sie betäubten und zerbrachen, sie zerzausten und zermalmten. 1 Seiner Beradsamkeit Vater war der grimmige Groll gegen die Bedrücker seines Volkes, der glühende Zorn gegen die wurmstichige, zerfreffene, feige Assimilation. Er grollte mit der Geißel eines Jesaias, er toste mit der Vehemenz eines wütenden Orkans und schäumte mit dem Sturm des brandenden Meeresgischtes, als er dieser duckmäuserischen, im Staube ihrer Bedrücker sich windenden, knechtseligen Mimikryseelen gedachte. Ein bejahrter Affimilant, über den ,er einst mit einem glühenden Feuerregen einer würzi« gen Redeflut herunterregnete, rief ihm bedrückt von der Wucht der stachligen Keile, in Erbitterung zu: er möge im Greisenalter, — das er nicht erreichen sollte, — im Alter, in welchem der Radikalismus der Mäßigung weicht, auch einen Stand'schen Redner als Gegner häben. Eine Stand'sche Rede wurde sprichwörtlich. Und nun liegt der Mann, der berufen sein solltein den Zagen und Verzweifelten den Lebensfunken zu wecken, die im Joche rasender Peiniger keuchenden Brüder aufzurichten und die Galuthfeffeln zu sprengen — kalt und erstarrt, den Würmern zum Fratz überlaffen. Aber die Lippen der Großen — sagt einer, unserer Tanaiten — bewegen sich auch im Grabe. Der Geist, der den Glauben an die Zukunft und an die Freiheit des jüdischen Volkes in Tausenden von Herzen verpflanzt hat, lebt' und schlägt im Wirken und im Angedenken, im Mund und in den Taten seiner Jünger. Nur daS Sterbliche unseres Großen ist in die Grube gesenkt worden, aber die Idee, die er mit den Aesten seines Wesens umschlungen hat, lebt in uns und er in ihr. Bernhard Ewinger. Presseschau. Der Jubenpunkt. (Von einem deutschen Juden.) Das ״Präget Tagblatt" schreibt: Es ist ein Punkt, über den man noch immer in guter Gesellschaft nicht gern spricht. Aber diese Scheu muß überwunden werden. Ev ist zu wichtig, als daß man stillschweigend um ihn herumkäme, er ist zu wichtig, als daß man durch halbe Lösungen und Kompromisse mit ihm fertig werden könnte. Man muß der Sache ins Auge schauen. Nicht nur in Ungarn haben die Hinterlandserscheinungen des Krieges und der Nachkriegszeit der Abneigung gegen die Juden starke Nahrung zugeführt. Nicht als ob nur Juden es verstanden hätten, sich weit hinter der Front herumzudrücken, nicht als ob nur Juden ihre Handelsbegabung in Kriegsgewinnen ausgenützt, nicht als ob nur Juden ihr Kontigent zu den Schiebern gestellt, nur sie andererseits das bolschewistische Blutregiment verschuldet hätten — aber sie standen und stehen, zum Teil mit, zum Teil ohne eigenes Zutun, an sichtbarer Stelle. In einer besonderen, ganz eigentümlichen Lage befinden sich die Juden der tschechoslovakischen Republik. Die jüdischnationale Bewegung in ihren Schattierungen vom Palästinazionismus bis zum »bewußten Judentum" hat diejenigen Juden gesammelt, welche sich weder als Deutsche, noch als Tschechen fühlten^ und bietet auch jenen Juden ein Asyl, die unter dem^gwang einer oft begreiflichen Furcht oder von den anderen abgewiesen, dort Anschlutz suchen, wo sie der Qual einer Wahl enthoben sind, wo man sie mit offenen Armen aufnimmt. Bon den tschechischen Jüden zu sprachen ist nicht unsere Sache. Umsomehr Grund besteht, sich einmal das Schicksal jener zahlreichen Ju-en anzusehen, welche sich — trotz alledem und alledem — als Deut- Man wird zugeben müffen, datz der sche bekennen. _ . _ . _ Jude, welcher sich hier als Deutscher bekennt, nicht aus ginnt, seine Träume und Gedanken in den Bereich der Opportunismus handelt. In der tschechoflovatrschen Re-