Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1920)
- Date
- 1920-01-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2621806-2622069-2622071--4193-2625465- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 2 ״Jüdische VslksxMWr» Leite 8. gebracht. In der Pension Meyerhof wurde die untere Liegehalle beschädigt, doch sind auch hier kein« scyenlcben zu beklagen. England. Aus London wird der ״I. P. Z." berichtet: Mar N o r d a u hat bereits an der Sitzung des zion. Aktianskomitees bom 16. Dez. teilgcnoinincn. In seiner Begrüßungsansprache forderte Schmarjahu L e w i n Nordau auf, dem Aktionskomitee aktive Hilfe angedcihcn zu lassen. Nordau erklärte alle seine Kräfte in den Dienst des Aktionskomitees stellen zu »vollen. In keiner einzigen Sache wüßte er sich in prinzipieller Gegner schuft zu deck Führern. Es sei Pflicht jedes Einzei! dem Zionismus mit allen Kräften bcizustchen, auch mit Kritik, die nötig ist. Jeder müsse vollen Glauben iri den endlichen Sieg des Zionismus haben und die zion. Führer seien berechtigt,alles was nötig ist, vom jüdischen Volke zu fordern. Lord Rothschild und H e r b e r t -S a m n c I werden als Delegierte der englischen zionistischen Föderation zur zionistischen Jahreskonfercnz nach Basel kommen. Auf der letzten Sitzung des ״Board of Dcputics" lvurde ein Brief ׳des Chiefrabbi, Dr. Hertz, vorgclesen, worin die schrecklichen Leiden und Verfolgungen, die die Juden von Hamadan seitens der persischen Be- Hörden zu erdulden haben, geschildert »verden. Laut der neuen persischen Konstitution verweigern die Perser den Juden die Gleichberechtigung und wollen den Juden bei den' lokalen Tribunalen keine Gerechtigkeit widerfahren - lassen. Das Komitee für Allswärtiges bei dein ״Board of Deputies hat den erwähnten Brief des Chiefrabb׳ dem englischen Ministerium des Aeußcrn übersandt, »vorauf Lord Curzon mitteilte, daß der englische Vertreter in Persien, den telegraphische!» Auftrag erhalten habe, Ungerechtigkeiten gegen die Juden zu verhindern. Frankreich. Dr. P a s m a n i k veröffentlicht .in der ״Eaus׳ Commune", dem offiziellen Organ der Denikinscvei׳ Armeen in Paris einen längeren Artikel, in dein ec dir ständig erneute Beschuldigung »viderlegt, die Juden seien schuld an dein Bolschewismus und an allem Nuglück, das Rußland betroffen hat, und die russischen Intellektuellen auffordert mit allen Kräften gegen den Antisemitismus und die daraus folgenden Pogrome zu kämpfen, da dies nicht nur für die Rettung der Juden, sondern auch für das Ansehen und die Wiedergeburt des neuen ׳Rußland notwendig ist. Sir Stuart Samuel im Komitee der Jüdischen . Delegationen. Z. P. Z. meldet: Am 13. Dezember abends fand eine Vollsitznng der Mitglieder des Komitees der Jüd. Delegationen und einiger anderen jüdischen Persönlichkeiten statt, in der Sir Stuart Samuel über seine Erlebnisse in Poll״ berichtete. Den interessanten Ausführungen vor Sir Stuart Samuel schloß sich ein längerer Anstausch der Meiuungen an, an dem außer dem Vorsitzenden Sokolow und den» Generalsekretär M o tz k i n, Dr. P a s m an i k, Dr. Reich, Dr. Ringel, Dr. D i a m a n i und der chernalige Dumaabgeordnete M. Winawe'r sich beteiligten. Aus den Ausführungen von Sir Stuart Samuel ging hervor, welch schweren Kampf daS Judentum Polens noch durchmachen muß, um volle rechtliche Auer kenuuug, sowohl als Bürger als auch als Volkstum zu erlangen. Andererseits war cs aber evident, daß ein erfolgreicher polnischer Staat ohne die Hilfe der Jnd«׳״ gar nicht restauriert werden kann. Die Uebcrzeuguua aber, daß insbcsonders die wirtschaftliche Wicdcranilfbuna Polens nur mit Hilfe der inländischen und ausländischen iüdischen Faktoren zustande kommen kann, muß schließlich trotz aller Konflikte und Reibungen auch die Polen im neuen Staate zur Einsicht .bringen, wie ן drinnend ein gedeihliches Zusammenleben für beide I Völker ist. Mit Gennatuuna benrüßte das Komitee der Dele- Nationen die darauf folgende Erklärung Stuart <?■'- mu-ls, daß der «Board of Devuties". die ietziae Mepräsentanz des enalischen Judentums, dessen Vor- J sitzender Samuel ist. an den künstiaen Arbeiten des Komit״es der Jüd. Delegationen aktiv und direkt teUn׳’r־ . men wolle. In der Diskussion entwickelte Dr. P a s m a n ik ein Programm der nächsten jüdischen Ankaaben st-oN.- Emanzipation der Juden in allen Ländern, R«׳-'׳ struktioü, Kolonisation Palästinas^. Dieses Programm müsse und könne nicht das Programm einer jüd״ Partei oder Gruppe sein, sondern das Programm des gesamten Judentumwerden. * Gerade auallen diesen Gründen erblicke er in den Ausführungen SamuelS eine Manifestation zur Einigung de- Juden tnms. Türket. Am 13. November hielten alle jüd. Gemeinden in der Türkei Trauergottesdienste ab znm Gedenken an die. Pogromopfer in Polen und der Ukraine. In Konstairtinopcl war die Demonstration sehr eindrucksvoll. Alle iüdischen Schulen und Büros waren geschlossen. An den Vorderseiten der Geschäfte »varen schivarzberänderte Karten angebracht, die die Aufschrift in Hebräisch und Französisch trugen ״Jüdische nationale Trauer". Bon Woche zu Woche. Extra hungariam non cst Vita! Jawohl "rstemalll lag solch bitterer Hohn in diesem stolz strotzendem Spruche, wie heute. Früher tanzte Gcntrymann und Gcntrydame bei feurigen Klängen eines noch feurigercn Zigeunerprimas. Der ungarische Jude tat sich besonders viel zugute auf dieses Sprichlvort seines Vaterlandes. Konnte ec denn außerhalb Ungnrirs leben? Wo in! aller Weit gab cs soviel Tokaber? Welche Inden durften noch alljährlich dem Herrscher Martinigänsc bringen? Wo »var denn noch soviel Musik, Tanz, Knltnr? Molnar trotzte dem ״Teufel"! SandorBrody der ״Meister" ergötzte alle jüdischen Mädchen und Frauen durch seine Plaudereien über erotische Prinzessinnen, baten "er angeblich den Hof machen durfte. DaS Herz jedes ״Ungarn" schlug höher, das jeder Ungariu drohte zu stocken, wenn der ״Meister" — der euglisch-gestutztc graue Bart ist schioarz gefärbt — mit ״blitzender!" Augen kokettierte. Sandor Pal durfte sogar dem Vater des Vaterlandes Tisza die Schuhe schnüren und Vaszonh »vird Minister — Herz, was begehrst Di» noch »!!ehr? Jetzt gibt cs Tanz in Hülle und Fülle. Friedrich und Huszar lassen aufspiclen. Bolschewik! und Nicht bolschetviki werden gemordet. Und eine Jagd ans Juden j wird veranstaltet, wie zu Torquemadas unseligen Zeiten; man muß der Welt zeigen, »nie christlich Una getvordcn ist. Wie lange noch »vollen »vir Jude»!», Ivill die zivilisierte Welt zuschaucn und dulden, daß ein nathologisch belastetes Individuum seinen sadistisch״׳ Gelüsten fröbncn darf? *• * * N'ach.den! Lande der Betjaren, kommt das der Bosarcn. Du Land der Averesru, Take Jonescu, und Filivescu. Du Land der Carmen Silva und der ,Königin Marie, Du schönes Land der Eicheln und der Schweine, der Hospodaren und Taschendiebe, nie »var ich Dir hold gesinnt. Das Bojarenland von des Berliner Kongresses (1878) Gnaden, setzt schon längere Zeit Rumänien ge-!tannt, mag die Juden nicht. Rumänische Juden Ware״ *um' Großteil nicht Staatsbürger, sie galten als Fremde. Dieses Bojarenlund trotzte den Kongrcßbeschsüisen, trotzte einem Montcfiorc, einem D'Jsraeli. Faun der Trotz dieses Landes nicht gebrochen werden? Wird Rnmänicu auch jetzt seinen Juden die Rechte verweigern? Schon hört man aus Bukarest solche N״ch richt. Doch mögen die rum. Machthaber nicht allzusehr auf die der Entente geleistete Hilfe pochen. Mo״ bat in England und Frankreich nicht solch' schtvach owdächtnis, wie in Bukarest. Man weiß in der aro^״״ West zu ant. durch wellen Unterstützung Rumänien >׳erettet wurde. Und es haben sich schon größere .«״״״ die Hände b erb ran nt, »venu sie mit dem Feuer sviest-״ ¥■ * * ׳'iner der neucrstandenen Staaten führt den ick׳'״!?amen S. H. S. Staat, knrz'benannt, der Dreioben-Staat, und ist in Wabrbeit: Ju׳wsl״n״׳״ en als der Führende der Staaten hat seine Jnd-׳״ a!,t b״handest. Rüder Antisemitismus war dem aven fern, wenn er uns Juden auch nicht liebte (זי׳י Tschodalscha. daß bei Knmanovo, viele J!,b״- >n sinh, das wissen die Serben. Es dürsten die en ein wenia Antisemitismus csts Erbteil Oefte״-- rnitaenontinen haben. Denn es wurde eine nra״e tl Jgbren. ia soaar seit Jabrzeb»-׳ ׳ d-eien» Lande seb--n. ansaelntesen. M"" 1'iVm Slbr^i der s1idisan׳s-b»n Juden n׳׳witE״"׳-r׳'st!g!-׳ aoräU-'t as ״ncb d-nn sa״r>issian na,b d->״ ׳!re׳! der Polen und stsraiaer? Können die La׳״ וזי׳ו?זי)יזךוזר)עי)וו?ו> < No״ nnd gr->- ״ifb» sstisas״« baEen? Es kstnoj nnalaubsich. da»׳ ^anker«׳s Volk wie es die!^״rb-»^, s>״d a״ >isn״a»n 1«״d Psn״dernna״n ib״ l^raäi,-»״ > e^»s»1e Perirrnna der Behörde dnrste basb pa״ ׳disoben Deleaation in Paris verbessert »verden. ES hieße tatsächlich Eulen nach Athen tragen, wollte man behaupten, daß Wien antisemitisch sei, und daß trotz des Elends, daS dort herrscht, gewiffe Kreise noch immer, wie Phäaken leben. Kommt man nach Wien und sieht elegante und fidele Leute, man staunt und freut sich dessen, »veil der Humor und die Kultur in Wien doch nicht aussterben. Neu ist eS aber, daß nun auch L a m m a s ch — klerikal »var er ja Wohl immer — in das Horn der rückständigsten österreichischen Antisemiten zu blasen beginnt. Er benützt einen Artikcl, in dem er das Ausland über die Notlage der Wiener Bevölkerung aufklärt, um die ostjüdischen Flüchtlinge geradezu als den Krebsschaden Wiens zu bezeichneu.' Als ob diese Aermsten der Armen Schuld lvärcn an allein! Dabei vergißt Herr Lammasch ganz, daß Oberösterrcichs und Salzburgs Bauern denn doch auch etwas für Wien hätten leisten können. Herr Lammasch weiß, daß diese dickschndeligen Bauern ganz einfach erklären: ״Den Juden geb'n »vir nix": und Wien so abtun. Jawohl'Austria crir in orbe ultima! Ganz zu lehtz-bist Du Felix Austria geblieben, seitdem Du nicht mehr heiraten kannst, aber daß Du so rückständig »verden tvirst, daß sogar Lammasche an den Ostjuden ihr Mütchen kühlen, daß hätte — beim Zeus — nicht einmal jener Kaiser Friedrich gedacht, dem der lateinische Spruch nachgcsagt wird. - — t. — Briinner Nachrichten Dr. Theodor Schlesinger. Am Freitag, den 2. d., starb plötzlich Dr. Theodor 2 ch l e s i n g e r im ,52. Lebensjahre. Der Verstorbene, der durch mehr denn 25 Jahre im öfse»!tlichcn Leben auf sozial. Seite stand, erfreute sich bei allen Parteien ob seiner glänzenden Charaktereigenschaften der größten Wertschätzung. Stets im Herzen seinem Judentume treu »var es ihm vergönnt, auch politisch den Weg zum Judentume zu finden und er sah die Lösung der Judensrage in der Verlvirklichung der auch von ihm getragenen Palästinasehnsucht! Ehre seinem Andenken! Zionistischer Bottsverein ״Theodor Herzl". Sonntag, den 11. Jänner, 8 Uhr abends, ״Cafe Margareten- Hof", 1., Stock. Vortrag: Prof. Dr. Lamm. Gaste Herzlichst willkommen. ' Jüdisch - nationale Bertrauensmännertagung in Prag. Wie uns aus Prag telegraphiert »vird, fand dort am 3. und 6. Jänner eine aus allen Teilen der Republik zahlreich besuchte jüd.-nat. Vertraucns»nännertaguirg statt, in welcher die Plattform für ein Zusanuneugehen aller jüdischen Parteien im Wahlkampfe für die Nationalversammlung geschaffen und der Beschlnß gefaßt tvurde unter dem Namen ״vereinigte stidische Parteien" in den Wahlkamps cmzutrcten. Personalnachrichten. Der. Wiener Oberrabbiner, Dr. Chajes, hat eine telegraphische Einladung seitens der Leitung der Zion. Organisation in London erhalten, sich für den 10. Jänner. 1920 zu der in Basel stattfindenden Gelehrtenko - serenz über die Errichtung der Jerusalemer Universi! "׳';!! begeben. Dr. Chajes^ tvelcher das Referat über die ׳üdische Abteilung erstatten soll, hat die Einladung angenommen und »vird nach seiner Rückkehr aus Holland 'ich in die Schweiz begeben. Dr. Bernhard Müuz gestorben. Mittwoch ist der Bibliothekar der Wiener Kultusgemeinde Dr. Bernhard Münz im 04. Lebensjahre gestorben. Ein gebürtiger Leipniker, war. er durch sein tiefes Wissen in der Gelehrtenwelt sehr bekannt und geschätzt. Aus seiner Feder stammt eine ganze Reihe philosophischer Werke, so: ״Die Keime der Erkenntnistheorie in der vorsophistischen Periohe der griechischen Philosophie", ..Die Erkenntnistheorie des Protagoras", ״Lebens- und Weltfragen", ״I. Froschammer, der Philosoph der .Welt-, Phantasie", ״Briefe von und über Froschammer". Außerdem schrieb er über Adolf Pichler, und Moritz Lazarus. Dr. Münz war Mitarbeiter zahlreicher Zeihingen und Zeitschriften. Professor Signr. Freud. Der Präsident der österr. Nationalversammlung hat den weit über die Grenzen Oesterreichs bekannten Forscher Dr. Sigm. Freud zum o. ö. Professor an der Wiener Universität ernannt. Professor Freud, ein Schüler C h a r c o t, ist Schöpfer der ״Psychoanalyse".