Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1920)
- Date
- 1920-01-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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sen mit dem leichtsinsigen Quasi-Freund Heitlingcr. ES bleibt kalt zwischen ihnen, obwohl damals die Koblennot — in Wien vor Ostern 1918! — noch gar nicht so groß war . . . Und deshalb vergißt man mitunter, ob man cs mit einem Dialog oder Monolog zu tun bat, und müßte zuweilen, um es zu erfahren, schön zurückblättern. Deshalb vergißt man aber auch bie und'da, mit wein man cs zu tun hat. Denn ob cs Ferdinand ist oder Tr. Beer, der über und gewöhnlich schon auch gegen das Judentum spricht, der Wärmegrad, vielmehr der Kältegrad zwischen ihnen bleibt stets derselbe. ES hätte meinetwegen die KriLik am Judentum noch hundertmal schärfer ausfallen mögen, — sie würde erträglichcr, ja sogar verständlicher, wenn diese beiden im Grunde grundgütigeu Menschen gemütlich einander n:'iher grückt, sich ein klein wenig lieb gehabt Hütten. VI Ik wie gesagt, davon kann kei'ne Rede sein; darf man auch nach der ganzen Art Hermann Bahr's nicht erwartet haben. Da läge ja die Gefahr nahe ins Pathetische hineinzugeratcn. Und das ist eine alte Angst Bahr's: nur kein Pathos! . Er weiß das Wohl gar micht, daß er sich davor fürchtet, cs ist 'bei ihm' sozusagen künstlerischer Instinkt, dem er ein gut Teil seiner Eigenart verdankt: die Kunst Bahr's wächst aus dieser seiner Scheu vor Pathos und Gradlinigkert. Und sicherlich, es ist viel Kunst darin. Man muß sie^ nur von früher her schon kennen, dann bringt׳ man auch das Interesse mit für jedes neue Bild von ihm. Und jedes weist irgend einen Schnickschnack auf, woran man ihn sogleich erkennt, und irgend einen neuen Zug und Vorzug, um deslvillen man auch alles andere mit in den Kauf nimmt. Denn daß in Hermann Bahr's Brust zwei Seeleit kämpfen, wird nur der läugnen, der ihre Zabl gerade bei ihm um eine fabelhafte Mehrzahl vermehrt haben will. Ich aber begnüge mich von Fall zu Fall mit dem Dual uab meine: bei keinem einzigen unter allen österreichischen, seht dentschösterreichischen Schriftstellern, — selbst Schnitzler nicht ausgenommen — liegt der Künstler mit dem Psychologen so sehr im Kampfe als gerade bei ihm — mit dem einen Zusatz,' daß dies gar kein Kampf inehr ist, eher ein Spiel, allenfalls ein Kampsspiel. Früher einmal, da Hermann Bahr noch jung war, hindcrte einer den anderen, jetzt vertragen sie sich und tragen ihre Sache auch im Ernstfall spielend aus. Auch in der ״Rotte Korah's". Wie leichtsinnig erscheint uns — von der noch anderen Tonwirkung abgesehen — das Aufwerfen der ״Judenfrage" durch den Leichtsinn Heitlinger am Beginn der Erzählung. ,/Wien... wo gibt's denn noch Wien? Da unten?" (nämlich vom Bisambcrg aus gesehen). ״Ich dank schön. Wien? Das? Jerusalem eher. Ein neues Jerusalem!" Und wie sonderbar, wenn gar dann, gleichsam in die Luft gezeichnet/ ein Kolossalnnd Schreckensbild auftaucht: der Jude Jason, -- als eine Picsenkoulissc, eine Profanoglyphe des Judentmus, ein Ungeheuer, holofernisch, faunisch, immer inehr unter- — als übermenschlich, — eine Spottgeburi so maßlos, daß selbst Bahr davor zurückschreckt (hier seine 'umgekehrte Furcht aitcJ) vor dem Teufel als dem Auti-Pathos?), dieses sein eigen Geschöpf auch nur ein einziges Mal lebendig — wirklich dem Leser vorzuführen. Warum eigentlich? Denn das mit der ״Gelben Nachtigall" — eine Anmerkung des Nonianverlegers, aus der wir erfahren, daß der ״Jason" in der so benannten Komödie schon ausgetreten wäre, — ah, diese Ausrede, lieber Bahr, lassen wir nicht gelten. Hie Nhodus, hic salta! — In die ״Rotte Korah's" mit ihm! Hieher gehört er. Wer.denn, wenn nicht er? Doch nicht di?r Dr. Beer?! Na, alsdann. Der ist ja ausgenommen. Und der Notar Naibl, doch auch nicht inehr. — dem mäu's kaum noch austeht, daß er von Juden abstammt. Na, und damit ist Schluß. Tenn die zwei, die noch übrig bleiben, das ist. der katholische Ferdinand, zwar der natürliche Sohn und Millioneuerbe Jasons, und der so wunderschöne, aber taubstumme russische Indcnknabe, die gehören doch auch schon in eine andere Kategorie als in die «Rotte Korah's". Da Hilst also nichts, keine ״Gelbe Nachtigall" und keine Ausrede, daß er da schon als — Komödiant ausgetreten, — er, der Jason, muß als der einzige legitime Vertreter, der ״Rotte Korah's" hinein, in dieses Wiener Leben! Und da er, d. h. sein Schöpfer oder Magier nicht die Kourage dazu hat, so ist und bleibt dies der zweite unverbesserliche Fehler des Romans: wir bekommen da eine ungeheuerliche Fratze eines Juden zu sehen, — und eigentlich bekommt man auch die nicht zu sehen, — und die soll uns das Judentum , und was es heute ist, repräsentieren: im Grunde aber ein Phantom, das nicht einmal für ein .Kino zu gebrauchen ist, und das sowohl bei christlichem wie bei jüdischem Anruf, er mutz nur gehörig kräftig sein, — in Luft zerrinnt. Nun aber rasch zum Schluß. Sieht man nämlich von biefeu zwei argen Mängeln der «Rotte Korah's" ab im Original, welches sie uns überliefert, sieht, man ebenfalls von der ״Rotte" zu wensig, aber dafür sieht man den einen, den ganzen REenmann Korah leibhastig vor sich — davon also abgesehen, geht es in allem, was dann kommt und nachkommt, besser, immer bester. Wenn das Schreckgespenst Jason — immer hinter den Kulissen — abgeschoben, und der erzgrobe, biede re Generalstabsarzt Scharizer sein ״Futsch!" verkündet, das wir nur auch gleich auf den Tod in effigie beziehen können, — dann geht cs im Roman natürlicher nnd menschlicher zu. Ich habe überhaupt ernstlich Bahr in Verdacht gehabt, ob c׳r nicht dem P. T. Publiko, jüdisch, christlich, einerlei, eine« Bären aufbinden wollen mit dem Jason — als dem Herrn Kannetverstau a la Hebel in Amsterdam. Man erinnert sich an die prächtige Selbsttäuschung. Da fragt ein schlichter Wandersmann, der schlecht hol-- ländisch versteht, nach dem und jenem. Und bekommt immer wieder die Antwort darauf: Kannetverstam Den hält er nun für den Herrn dieses Namens. Ihm gehe rcn alle Häuser, Gärten, Straßen Amsterdams mit samt allem, was drauf und dran und. drin ist, nur daß gerade auch ein Leichenzug vorbeikommt, wie es auch diesmal ists,. — der Herr Kannetverstau, der da Legraben wird . . . Ein wenig in Verdacht habe ich aber Hermann Bahr auch jetzt noch, daß er da ein bischen ibsenisieren will, namentlich bringt mich darauf die schon erwähnte Figur des auffallend schönen, zarten Judenknabcn, der taubstumm durch die Erzählung geht, und der Paula, die der Ferdinand unglücklich gemacht hat, bei der ReickiSbrückc das Leben rettet, — die denn auch dann Braut und Gattin wird des Ferdinand. Aber auf Shmbolismus laß ich mich schon gar nicht ein. Genug an dem, es geht immer bester, wärmer, menschlicher zu. Und am besten ist cs, wenn wir alle diese Figuren Bahr's auf dem Grunde der Wienerstadt uns anschc'n, recht eigentlich in sie hineingezeichnct. Dann aber bleiben sip nicht am Papier, nicht an der Leinwand haften. Es ist die intimere Kunst Bahr's, daß seine Menscheu schon gleich als Wiener Kinder kenntlch sind, und daß wo immer sie sich zeigen, da schon auch ein Stück Wieperstadt sichtbar wird, und nicht etwa als Staffage, als Wiener ״Bildl", nein, als lebendiger Grund und Vordergrund, bewegt und bewegend. Dies ist das Beste, was auch von der ״Rotte Korah's" gesagt werden darf: es ist ein Stück Wien durch ׳ein Temperament gesehen. Wie wenn an einem nebligen Morgen die Sonne Wiens ihr Spiel beginnt; im Nebel Schatten fremd und übergroß sich zeichnen, dann aber, wenn es immer Heller, goldiger durch die Räume strahlt, uns alles nun zwar kleiner, aber-näher, trauter, heimlicher wird, und nun einer jener gelbgoldenen Sonnentage anhebt und im bekannten Wiener Tempo vorbeizieht... Hier aber bricht der Satz ab und die bange Frage kommt uns an: wann werden uns endlich wieder Wiener Sonnentage kommen? Denn so viel Stoff di>׳ Wienerstadt noch Kunst und Künstlern Bieten mag, Wien als Stoff der Wirklichkeit ist unS zum furchtbaren Fragezeichen g e w o rden. . Wie ist Wien zu retten? Das ist die bange Frage, das die größte Sorge unser Aller, und müßte, so meineu wir, die Kultursorge Aller sein, die von der Millioncnstadt nichts als ihren Namen kennen. Wien — sagt cs denn der Name nicht? Es gibt heute ein dreifaches Wien: ein Wien der Vergangenheit, das trotz seiner Wirklichkeit, die wir in ihm gelebt haben, uns ungreifbar geworden ist wie ein Traum, den wir nur eben ausgeträumt. Nnd es gibt ein Wien der Zukunft. Daran wird jetzt schon gebaut. Wenn man nach den Plänen urteilen darf und nach dem Bauzeug, das allseits geliefert wird, nach den Plänen der Zukunftsstaatler politischer und künstlerisch kurios schwärmender Richtung, so wird das einmal ein herrliches Wien werden. Das wird sich sehen lassen können. In Gesichten sehen wir es schon jetzt. Und dann gibt es das dritte Wien. Das Wien der Gegenwart. Von diesem zum herrlichen Wien der Zukunft braucht es ja nur eines Ueberganges, braucht es Brücken, und somit Brückenbauer, über die Gegensätze und Klüfte hinweg, die Volk und Menschen spalten und scheiden und trennen. Friedensbrücken, Friedenbrückenbauer, das ist was uns in allen Fragen und Lebensfragen so not tut: damit wir heil hinüber kommen in das Land der Zukunft. Eine Kindersage, die wir uns in unseren Chederschulen immer gerne zu erzählen pflegten, weiß auch davon zu reden. Am Ende der Zeiten, so wird verkünbet, wenn der Messias kommen wird, da werden zwei Brücken< in das Land der Verheißung führen. Die eine von Eisen, mit baumstarken Pfeilern in die Tiefen gerammt, und mit kühnen Schwibbogen hoch in die Lüfte ragend. Äber die andere Brücke, die wird die stärkere sein. Denn die Spinnen werden diese Brücke bauen, / , \ mit ihren seidenfeinen, zarten, fast unsichtbaren Fäden werden sie die Drücke bauen. Und nun wird die Wanderschaft angehen in das Land der Verheißung. Und alle Völker der Erde werden antreten. Aber die Feinde werden über die Brücke von Eisen gehen, und wir und unsere Freunde über die Spinnenwebenbrücke. Und siehe, die Brücke von Eisen wir bersten, und die Feinde werden, wie das schon immer zu geschehen pflegt, in die Tiefen stürzen. Die aber auf der Brücke von Spinnenweben wandeln, werden sicheren Fußes das Land der Verheißung betreten. Einverstanden, bis auf eine Frage, die dann eine kleine Korrektur bedingt. Wenn es die Spinnen sind, die die Brücke ins Land der Verheißung bauen werden — woher sollen uns da noch Feinde kommen? Deshalb sorget nicht für die eisernen Brücken, sondern dafür, daß beim Antritt über die Regenbogcnbrücke, von der sich die Spinnen das Farbenmuster nehmen sollen, keiner zu der Zeit fehle. — Beruh ard Tag. Prefseschau. Der Tob des Maximilian Spaeth. ״Das Jüdische Echo", München, schreibt: Ein Münchener Kulturbild von 1919. Eine Schar junger Leute — deutsch, würdig und zeitgemäß nennen sie sich: »Frohe Garde" — vergnügt sich abends am Spiel, Musik und Tanz. Zwischen Konzert und heiteren Vorträgen lösen sie die Judenfrage — alleweil froh und fidel. Es wird abgcstimmt über die Ausschließung der jüdischen Mitglieder. Die Abstimmenden sprechen sich mit Mehrheit dafür aus. Max Spaeth, ein jüdisches Mitglied, nicht irgend einer von den Frohgardisten, sondern Gründern, lange Zeit Ausschußmitglied, schließlich vermöge seiner Verdienste um den Verein Ehrenmitglied, erbittet das Wort, um seinen Standpunkt darzulegen. Aber die ״Frohe Garde" will keine politischen Debatten, man gibt der Kapelle das Zeichen; Musik erstickt sein Wort, er stürzt hinaus" und erschießt sich.Max Spaeth, KriegSsreiwrlligec, Inhaber von Kriegsauszeichnungen, die er sich als Gemeiner an der Front erkämpft hatte, tapferer Offizier eines Freikorps, einer der Ersten, der am 1. Mai. unter Lebensgefahr in das von den Notgärdisten besetzte München eingedrungcn war, mit allen Fafern seines Lebens sich mit dem Deutschtum verwachsen fühlend, erlebt mit innerster Erschütterung, wie er und so viele seiner Glaubensgenoffen von der deutschen Gesellschaft, ihren Kriegskameraden, von den besten Freunden als Fremde, von Offizieren und Studenten als ehrlos zurückgestoßen werden; selbst das Recht, seine Ehre mit der Waffe zu verteidigen, wird ihm versagt. Er kämpft gegen all dies, doch heillos ist die Verbleudüng und er zerbricht . . Er hinterläßt ein Testament an das deutsche Volk, in dem. er mit erschütternden Worten diese seine Erfahrungen schildert; er selbst verzweifelt, jemals noch eine Besserung dieses trostlosen Zustandes zu erleben und beschließt zu sterben; aber er spricht die Hoffnung aus, seine Worte würden wie Fanfarentöne in die Ohren des Volkes klingen, die Schlafenden erwecken. Bolschewismus und Judllismus. Von Dr. Max Nordau. ״Israelitisches Familienblatt Hamburg" schreibt: Die ethische Formel des Antisemitismus wurde durch den alten Lafontaine, diesen schlauen "lächelnden Philosophen, in die klassische Fabel von dem Wolf und dem Lamm gepreßt. Man erinnere sich dieser reizenden kleinen Dichtung. Das blutdürstige Tier.durchstreifte die Felder und erschaut ein armes Lämmchen, das seinen Durst in einem Bach stillt. Es fällt über das unschuldige Geschöpf her und heult: «Du watest in dem Bach und trübst mein Trinkwasser." ./Aber ich bin im unteren Bereiche des Flusses und Wasser fließt nicht aufwärts." «Du hast mich überdies im letzten Frühling beleidigt." «Wie konnte ich? Ich war ja damals noch gar nicht auf der Welt." «Wenn Du cs nicht warst, war es irgend ein anderer aus Deiner Familie" und ohne ein Wort mehr zu verlieren, tötete der Unhold das Lamm und verschlang sein Opfer. Und wir gelangen zu der jüngsten Erfindung antisemitischer Gemeinheit. Wir stehen gerade heute dem verruchtesten Feinde gegenüber. Der Antisemitismus hält mit der Zeit Schritt; er paßt sich immer der Herrschenden Mode an. Er hat die Anflage des -Gottesmordes, -es Blutmärchens, -re Denunziation der Brunnen-