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Jüdische Volksstimme · 1920-01-08 · Heft 2 (8.1.1920) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXI (1920)
Issue
Heft 2 (8.1.1920)
Date
1920-01-08
Page
– (sequence 2)
Language
German
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3״»Mf» «•ntfüanM• ו^ו1ויו״י Kr. 2 «re-. i«N1r feiner Reden klingt dieser Wunsch, diese Forde׳ rung. dieser Befehl durch. Wir leiden rwch unter den Schäden des Weltkricges» der in uns allen die moralischen Begriffe total auf den Kopf gestellt hat, so daß heute bereits der Sinn für die Unmoral vieler unserer Handlungen verloren gegangen ist. Nur so läßt sich der Krebsschaden erklären, an den: übrigens alle Staaten leiden. Daher fordert der Ethiker Masaryk: ״Lernet um!" ״Werdet besser!" Nur so kann der Staat gedeihen. Wir hoffen, oder wollen es hoffen! Der Philosoph Masaryk wird vielleicht den alten philosophischen Satz Platos zur Wahrheit machen: datz der Staat der beste seian dessen Spitze ein Philosoph' stünde. Zweierlei Art jüdischer Politik. Mag man über die bisherigen Erfolge nationaljüdischer Politik verschiedener- Meinung sein, so läßt sich eines nicht leugnen: In einer Periode des wachsenden Antisemitismus unter allen Völkerstämmen und Klassen hat das nationaljüdische Programm moralische Erfolge zu verzeichnen. Einen solchen bedeutet die jüngste Rede des Ex- Ministers Prof. Dr. Seipel, eines der Führer der christlichsozialen Partei, - anläßlich eines Vortragsabendes der sozialen Akademie des katholischen Volksbundes. Der Vortragende erörterte das Recht und den Schutz der nationalen Minderheiten sowie speziell auch die Stellung der Juden in Oesterreich. Dr. Seipel,, der zu den führenden Spitzen der christlich-sozialen deutschösterreichischen Intelligenz gehört, bczeichnete die Judenfrage als ein Problem, für das bisher noch keine vollständige Lösung existiert. Die Judenfrage sei dadurch nicht gelöst, daß man die Juden zur Auswanderung zwingen will, aber auch nicht dadurch, daß man sie politisch rechtlos mache. Mag man die Juden als eine religiöse oder als eine nationale Minderheit ausfassen, für beide Fälle müsse man ihnen ein Minderheitsrecht und staatsbürgerlichen Schutz zugestehen. Aeußerst bezeichnend für die verschiedenen Strömungen innerhalb der christlich-sozialen Bewegung ist folgender Ausspruch Dr. Seipels: Ein Antisemitismus, welcher als N as s en a n H f c n!'i־ tismus auf tritt, k an n nach keiner Nichtung hin von uns vertreten und verteidigtwerden. Er kann es nicht vom wissenschaftli- * chen ' Standpunkt, weil der Rassenbegriff Wissenschaftlich nicht klar umschrieben werden kann, und noch viel weniger vom Standpunkt des Staats- und Völkerrechtes" . ..״Selbst, wenn die jüdische Nation als solche anerkannt wird,׳ so mutz der Eintritt in diese doch von einem Bekenntnis abhängig gemacht Werden. Es müßte nachteilige Folgen haben, wenn gesetzlich feftgelegt würde, daß jeder Jude noch immer Nationaljude bleibt, selbst wenn er sich von seinem Glauben lossagt.". ״Wohl aber läßt es sich ' durchführe!,, datz die Juden als Nation anerkannt und Buches, wäre wohl einiges zu bemerken. In dem Verzeichnisse der verschiedenen Golemschöpfungen in alter und neuer Zeit (Seite 124) vermissen wir die Ansü rung der Sage bei R. Elia Wilna (dem Wilnaer Gaon, starb 1797), die sich bei den meisten seiner Biographen findet (1. Alioth Eliahu von Josua Heschel Lewin, Wilna 1850 und Jewisch Encyclopedia 0, S. 87), wenngleich diese auch nur eine durch die Namensgleichheit mit Elia von Chelm (um 1500) entstandene Abart von der Sage dieses letzteren zu sein scheint (vgl. mei* nen Aufsatz über diesen in der ״Freien jüdischen Lehrerstimme" Nr. 7—8, S. 85). -- In dem herrlichen Sagenkranz, den der Verfasser um die Gestalt des Rabbi Löw windet, fehlt die Sage, die an sein Wirken in Posen sich knüpft und die uns von seinem Kampfe mit dem Todesengel in der dortigen Synagoge erzählt, dessen Händen er die Liste der von ihm zu Tode geweihten vornehmen und angesehcnen Männern der Posener Gemeinde, darunter er selber sich befand, zu entwinden sich bemühte. Es gelang -ihm dies jedoch nur zum Teile. Denn ein Rest des Verzeichnisses tpar in der Hand des Todesengel zurückgeblieben, auf dem sich offenbar noch ein Name befunden hatte. Es war der Name Rabbi Löw's. Während er so viele Namen den Händen des Todesengels entrissen hatte, mutzte er seinen eigenen Namen zurücklaffen und war außer Stande, sein eigenes Leben zu retten. R. Löw erkrankte gleich darauf und starb in wenigen Tagen (s. PH. Bloch, die Sagen des Posener. Ghetto in de: Zeitschrift der histor. Gesellschaft für die Provinz Posen 6., S, 482). Diese Säge ist schon deshalb bemer- I des nationalen Minderheitsschutzes teilhaftig werden: denn in diesem Falle steht ,zu erwarten, datz ein klares Verhältnis geschaffen wird und sich kein Jude mehr der Z u g e h'ö r i gk e it zu seiner Ration zu schämen braucht. Die anderen Juden aber, welche sich von ihrer Nation ausscheiden, werden nach Sitte und Lebensanschauung vollständig in die übrige Bevölkerung eingeglicdert werden." Dieser Teil der auszugsweise wicdergegebeneu Rede Dr. Seipels kann ohne Widerspruch von den Vertretern der jüdischen Moderne akzeptiert werden, während wir seine Auseinandersetzungen über die jüdische Ethik, die sich ja deckt mit der christlichen Ethik, entschieden ablehnen müssen. Unter allen Umständen verdienen die Ausführungen des Dr. Seipel sowohl mit Rücksicht auf ihren Inhalt wie mit Rücksicht auf seine Stellung innerhalb der christlich-sozialen Partei eine eingehendere Würdigung und sollten daher auch, wie die ״Wiener Morgenzeitung" mit vollem Rechte l׳cmerkt, den Ausgangspunkt einer sachlichen Diskussion in der Judenfrage bilden. Gerade in der Judenfrage wie in den Nationalitätenfragen überhaupt kennken wir ja seit Jahrzehnten bereits daran, daß die Demagogie und die Empfindlichkeit in allen nationalen Lagern jede Aussprache, geschweige denn jede Verstandnisaktion verhindern. Die Gcschüftspolitiker und Chanvinisten in allen Lagern, die berufsmäßigen Nutznießer des Nationalitätenhaders und des Antisemitismus, mögen ja ein Interesse daran besitzen, diese Aussprache zu verhindern. Alle von ihrer manuellen oder geistigen Arbeit lebenden Bewohner des Staates, für die nationale Arbeit identisch ist mit Hebung der Kultur und des Wohlstandes ihres eigenen Volkes, müssen sich darüber klar werden, daß jeder kulturelle und soziale Fortschritt ausgeschlossen ist und ein frommer Wunsch bleibt, solange nicht nationaler Friede an die Stelle des Kampfes der Nationen und Nassen tritt. Dies gilt insbesondere von ׳ unserer tschechoslovakischen Heimat, die von Tschechen, Slowaken, Deutschen, Juden, Polen, Ukrainern und Magyaren bewohnt ist. Als Bürger des tschechoslovakischen Staates erhebe ich nun meine Stimme für den Völkeransgleich im allgemeinen und. die Verständigung der Juden mit den Tschechoslowaken wie mit den übrigen National!täten im gleichen Matze, als ich als vereinzelter jüdischer und österreichischer Schriftsteller durch fast drei Jahrzehnte sowohl für den deutsch-tschechischen Ausgleich als auch für die nationale und soziale Gleichberechtigung aller unterdrückten Völker und Klaffen cintrat. Bereits im Jahre 1913 befürwortete ich unter diesem Gesichtspunkte in der Prager tschechischen ״Union" die Vereinigung der Slowaken mit den Tschcchen und forderte unter dem Gesichtspunkte der nationalen Autonomie ebenso die Angliederung Deutsch- Westungarns an Oesterreich und kämpfte aus dieser Plattform für den deutsch-tschechischen Ausgleich. Die politische- Entwicklung hat diese meine Forderungen gerechtfertigt, Forderungen, die sich aus ienem logisch durchdachten nation al-j ü di schen Programme von s elbst ergeben. kenswert, weil diese den Rabbi Lötv im Jahre 1597 in Posen sterben läßt, während er unseres Wissens in Posen nur kurze Zeit gewirkt hat und tatsächlich erst viele Jahre später im Jahre 1009 (am 18. Elul) und zwar in Prag aus dem Leben geschieden ist. Seine Frau Perl ist einige Monate nach ihm (nicht vor ihm, wir Bloch anführt) am 12. Jjar 1010 gestorben, (s. Hagoren Bd. 2, S. 10 und Eisenstadt, Daath Kedauschim 78). Außer unserem Rabbi Löw gab es noch einen Rabbi Lötv, von dem, wie es scheint, der Verfasser überhaupt keine Kenntnis hatte. Dieser war der Landesrubbiner von Krakau R. Arje Loeb, der Vater des unter dem Namen Secharja der Prophet bekannten Gelehrten N. Sccharja Klausner, der wegen seines hohen Wuchses allgemein der hohe Rabbi Lötv genannt wurde (s. Walden Schem, ha Gedaulim 1 und Buber Ansche Scheu! S. 192). Dieser ist auch sehr oft mit unseren! Liwa b. Bezalel verwechselt worden. — Man mutz sagen, datz der Verfasser trotz geringfügiger Mängel seine Aufgabe, die er sich in der vorliegenden Arbeit gestellt, vortrefflich gelöst hat. Er hat das ganze vorhandene Material zusammengestellt, das kaum noch eine nennenswerte Vermehrung zuzulassen scheint. Die populäre Anlage des Buches, seine zweckentsprechende Anordnung und seine hübsche Ausstattung erhöhen dessen Wert und lassen es als eine höchst willkommene Gabe erscheinen, die jedem jüdischen Leser dringend empfohlen werden kann. Wir wünschen dem Buche die weiteste Verbreitung.- Hier tritt der Unterschied zwischen der assmnlnw risch-jüdischen, und national.jüdischen Politik klar ,;!! -Tnfic. Während die erstere allezeit ibr eigenes Volks׳ tun! verleugnet, dabei den jeweilig national-bcrrschcn den Gruppen blindlings Heeressolge, ihnen in der Ui! terdrückung anderer Volksstämme Sukkurs leistet und auf diese Weise den Nationalitätenstreit und mit ihm den Antisemitismus vergrößert, müssen die Nationaljuden einen entgegensetzten Kurs verfolgen. Das gleiche Recht für sich wie für alle anderen Nationalitäten. Konfessionen und Klassen aus dem Boden eines modernen Kulturnationalismus, einer echten Demokratie und eines wahren Kultursozialismus! , D r. ©ermann Kadi s ch. Wiener Brief. Dezember 1919. •?ermann Bahr und feilte ,.Rotte Koraschs". Rettet Wien! Einen scheinbar ungünstigeren Stofs hätte ich für einen ersten Brief gar nicht wählen können. Und es ist auch nur mein Versprechen von früher her daran schuld, daß ich mich dem nun nicht entziehen mag. Ich hatte zu der Zeit freilich ״Die Rotte Korah'S" noch gar nicht gelesen. Nur ein kleiner Ansschnitt davon war mir ans ,dem .,Donauland" bekannt geworden, einer jungen Wiener Zeitschrift, die den Roman in Fortsetzungen brachte. Diese paar Seiten hatten mir irgendwie Eindruck gemacht. Dann kam mir eine Besprechung in einein jüdischen^Blatt in die Hand, und der überaus gereizte, abfällige Ton, in dem hier über Hermann Bahr geurteilt, vielmehr abgeurteilt wurde, bestimmte mich, erst recht seinen Roman gründlich zu lesen.- Es ist in der Tat schtver die rechte Einstellung zu ihm zu finden, tvenn man sie nicht schon zu Bahr selbst gesunden hat. Schließlich sind wir alle ans Kredit angewiesen, der Schreibermann genau so tvie der^Kaufmann, ja der erstere noch bei weitem mehr; denn ihm soll man ja buchstäblich ״auf sein Wort" glauben.... Und diesen Kredit verwirkt sich Bahr, scheint eS, bei Manchem, durch die Art, in welcher er die paar jüdischen Figuren/ und ihnen noch voran das jüdische Problem in seinein Roman einführt. Wenn es nämlich feststehcn darf, daß Hermann Bahr ״Die Rotte Korah's" nicht zulieb den Juden geschrieben hat — und dieser Vorwurf wird ihm von keiner Seite gemacht werden, — so möchte es .leicht scheinen, als wollte er damit auf die Juden aufreizend wirken; auf die Inden, sag' ich. Das ist nun freilich keine künstlerische Absicht, vielleicht aber eine psychologische. Man wird Bahr nicht für so töricht halten, daß es ihm lediglich um die Verscherzung seiner Sympathien in jüdischen Kreisen zu tun sei. So weit gehen seine Aspirationen nicht. Schon deshalb muß man ihn ernst nehmen, auch in der Judensräge, wie sie ihm erscheint. Dieses zugegeben, mag man ihn! so viel Schönheiten sagen als man will, wenn inan nur uns das Motiv selbst reagiert. Und diese Absicht erreicht er. Er zwingt zum Nachdenken, zum immer wieder Nachdenken über das jüdische Problem, trotz allem Aerger, den man über die Art seiner Be- Handlung empfinden!nag. Man ist ja heute so empfindlich. Und der jüdische Leser hat hier wahrlich Grund dazu: national, nichtnational, einerlei; der Jude und das Judentum, sie kommen beide gar schlecht weg. Ter Dr. Beer, der zionistische Knochen, den uns Hermann Bahr mit dieser Figur gönnt — nicht gerade bloß für christlichen Geschmack und Magen unverdaulich kann uns schwer schadlos halten für die harte, schonungslose Kritik, die in der Seele und au! Leib des Judentums geübt wird. Und wie viel Nichtiges!!! ihr sich auch dergen sollte, sie erscheint!!!!gerecht, weil das Judentum hier abstrakt ist, schematisch, leblos.Es bleibt ein uuverbesserlicher Fehler des Romans und seines Autors, das; dieser einen fruchtbarsten Augenblick in ihn! verpaßt hat: ihm war die Möglichkeit gegeben, eine tveniger karikaturenhnfte, eine schlichtere, zartere, darum nicht weniger konkrete Beziehung zu knüpfen zwischen Ferdinand, dem natürlichen Judenkind und katholisch erzogeuen Christenkind, und dem Juden und Nur-Juden, Dr. Beer. Dieser Möglichkeit ist Hermann Bahr, um einen Robert Müller'schen Ausdruck ad hoc zu gcbrauchen ״schlecht genialisch" ausgewichen. .Es fehlt den Figuren des Romans im Anfang die menschliche Brutwärme. Nicht als ob sie unglaubhaft wären; jeder Einzelne für sich lebt, aber er lebt eben nur für sich. Es scheint ganz zwecklos sie zusammenzubringen: den Dr. Beer mit dem Ferdinand, oder die-!

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