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Jüdische Volksstimme · 1920-01-08 · Heft 2 (8.1.1920) · page 1

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXI (1920)
Issue
Heft 2 (8.1.1920)
Date
1920-01-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Jahrg. XXI Nummer 2 MW sslirsjlimNk. O----- Se-u««pretse: halbjährig ..Kronen 1550־ ganzjährig.Kronen 30*— Deutschland, ganzjährig ...... Mark 20׳— Rußland, ganzjährig ....... Rubel 12* — Balkan, Frankreich.. .; Frank« 24*— וסי .. D נ 1 Redaktion und Administration: Brünn, Adlergafle fi" Buchhändlerische Vertretung: Ott, Klemm,. Lripzie Inserate: dev 6-spalLige Zentimsterrmim 3 K Unverlangte redaktionelle Beitrage werden nicht .,mro. 1 riert. — Manuskripten ist Rückporte »eizufügen. ,, ם ־־ SSIc»—®turnt. . Ptog-Lember,. B r ü n n, im Jänner 1920. Der Jahreswechsel bringt cs'mit sich, das; matzgebende Faktoren des Staates in kurzen, knap!.> Sätzen die Richtlinien für die Politik des neuen Jahrgeben und Wege weisen, auf denen sich die Politik bcwegen soll. Zum Geburtstage der Selbstandigkeitserkläruin unserer Republik hat Präsident Masaryk in einer dem Philosophen und Staatsmanne alle Ehre machenden Enunziation Fehler und Gebrechen unseres Staatskörpers aufgedeckt und für dessen Verbesserung und Gesundung die ethische Bildung der Völker und deren Durchdringung mit moralischen und ethischen Gedanken als Mittel angegeben. Der Ethiker Masaryk hat Oberhand über den Politiker gewonnen. Zum Neujahre entbietet uns allen der Präsident seinen Gruß. Die innere Politik müsse in Einklang gebracht werden mit den auswärtigen Geschehnissen. In der neu zu wählenden Nationalversammlung müssen alle Völker, die das Territorium der Tsechoslovakei bcwohnen, vertreten sein; ein Umstand der uns erwarten läßt, daß Präsident Masaryk als anerkannter Vorkämpfer für Recht und Gerechtigkeit, als alter Fürsprecher für aufrechtes Judentum, auch Juden im Parlamente vertreten wissen will. Wie denn auch nicht! Getreu seiner philosophischen Ueberzcugung, erblickt er im Umdenken und Umlernen das Heil der Bewohner unseres Staates. Ein Umwerten aller unserer bisherigen Vorurteilel Als Anhänger der Evolutionslehre tveiß er, daß nur durch die Entwicklung Fortschritt zu erreichen sei, Der Prager Golem. Von Dr. I. G ü n z i g. Vor mehr als zehn Jahren habe ich mich mit einer Arbeit über das ebenso dunkle wie interessante Problem des Golem beschäftigt. Es sollte eine gründliche Untersuchung über das Wesen des Golem, dieses rätselhaften Scheinmenschen, seine Entstehung und Ent- Wicklung, wie über die an ihn sich knüpfenden Sagen und Legenden im jüdischen Volksmunde werden. Verschiedene Ursachen hahen mich von der Vollendung meiner zu weit angelegten Arbeit abgehalten. Doch habe ich einige Kapitel davon in verschiedenen Zeitschriften veröffentlicht; andere noch unvollendete ruhen in meinem Pulte, darunter das ,.Der hohe Rabbi Löw und sein Golem" überschriebene. Seitdem haben sich mehrere Forscher mit der Frage dieses Problems beschäftigt, aber sie alle haben das Problem nicht gelöst, sondern nur noch mehr verwickelt, da ihnen die meisten Sagen, die sich an die Gestalt des Golem knüpfen, verschlossen geblieben und andere wohlbekannte von ihnen übersehen worden sind. Da ist nun, ganz unerwartet vor Kurzem ein jüdischer Gelehrter, Chaim Bloch, mit einer anderthalbhundert Seiten starken Legendensammlung über den Prager Golem*) hervorgetreten, die uns zum ersten Male *) Der Prager Golem von seiner ..Geburt" bis zu seinem ,.Tode". Nach einer alten Handschrift bearbeitet von Chaim Bloch. Mit einer Einleitung von Hans Ludwig Held. Wien 1919, Verlag Doktor Mochs Wochenschrift. 1VS Veiten. daß aber die Entwicklung nur erlangt wird durch 1111־ .msgesetztes Bilden der Einzclmcnschen, durch Bertiesen wahrer kulturellen Forderungen. So hat auch der Präsident der Nationalversammlung T o m a s ch e k in seiner Neujahrsansprache an das Oberhaupt der Republik erklärt: ״Nach der glücklichen Vollendung der Revolution, wo wir einen selbstständigen Staat erlangt haben, lvird es sich zeigen müssen, ob wir unserer geschichtliche n ist u ן gäbe im Wege dar Evolution gewachsen sind, wo es sich um den inneren Ausbau der Republik und ihre Sicherheit handelt," . Dieser geschichtlichen Aufgabe werden wir gewachsen sein, wenn wir an Stelle des nationalen EhauviniSmus Gerechtigkeit, wahre Liebe zun! Volke und seiner Kultur treten lassen, wenn sich alle Völker des Staates bemühen werden, etwas mehr ׳ Moral und Ethik in ihre Politik zu mengen. Wenn zu dem demokratischen Oel, mit dem alle unsere politischen Parteien gesalbt sind, auch etwas mehr Menschlichkeit Hinzugefügt wird. Wenn sich alle Parteien bestreben werden, eine gemeinsame Plattform zü finden, auf der es jedem Staatsbürger möglich wird, 4m dem Ausbaue der Republik' mrizüärbeiteni ״ " ־v ''י״ י . Bei diesem Ausbäue können die Juden nicht über gangen werden. Sie werden sich nicht übergehen lassen, vielmehr alle ihre Kräfte anspannen, um Alles zu erreichen, was sie wünschen und >vas ihnen gebührt. Das scheint auch der Minister für die Slovake Dc. Schrobar endlich einzusehen, dessen Lütststcn der Slovakei namentlich den Juden gegenüber wir auf Aufschluß über viele diesbezügliche Fragen gibt und die uns zu einer tieferen Erschließung dieses rätselhaften Problems mehr als alle die bisherigen Versuche zu führen imstande ist. Wohl ist die Frage nach dem Wesen dieser Wuudergestalt, tpie nach dem allgemeineu M oliv dieser Schöpfung und die sich an sie knüpfenden Sagen bedauerlicherweise noch immer nicht beantwortet — es lvar dies auch nicht die Aufgabe des Verfassers und der Zweck seiner Untersuchung — aber durch die zahlreichen von ihm gesammelten und übersichtlich geordneten und dargestellteu Golemsageu gibt er uns zahlreiche Anhaltspunkte an die Hand. durch die wir unsere Untersuchungen auf diesem Gebiete beweiskräftig zu gestalten und auf denen wir unsere Schlüsse zur Lösung dieser bedeutungsvollen Frage viel leichter als es bisher der Fall war aufzustellen vermögen. Chaim Bloch, der sich bereits durch Veröffentlichung seiner chassidischen Geschichten in die jüdische Literatur bestens eingefügt hat, hat uns hier in 27 Erzählungen, die er aus einem alten hebräischen Werke, in dem sie so lange unnütz geschlummert, aus Tageslicht gezogen, ein treffliches und vollendetes Bild des sagenumwobenen hohen Rabbi Löw und des von ihm geschaffenen Golem entworfen und uns zugleich den tieferen Sinn der Sagen erschlossen, die sich an diese Scheingestalt knüpfen, so wie der vielen Wundertaten, die der hohe Rabbi Löw mit dieser vollbrachte. Mit besonderer Anmut und vielem Liebreiz schildern sie die Geburt Rabbi Löw's (in der ersten Sedernacht des Jahres 1613) und dessen Jugendjahre, seine Verlobung mit der Tochter des frommen und reichen Primas R. Samuel Schmelke Reich in Worms, sein Wirken und Schaffen, berichten sie. von seinen Disputen mit der Prager Geistlichkeit (unter Kardinal Johann Sylvester) zur Abwehr verschiedener Angriffe, sowie von seinen sonstigen Leistungen und wunderbaren Errettungen der Prager Judenheit aus vielfachen Nöten und . das׳ schärfste mißbilligen. Doch auch er muß zugestehen, daß Juden ein wichtiger Faktor im Staatslcben sind. In seiner Neujahrsrede muß er erklären: — — — «Dieses magyarische Regime zeichnet sich noch durch ein besonders aus: durch das Bestreben, die magyar i s ch p n Juden a u s z u r o t t e n. Es ist ein unerhörter Undank des magyarischen Volkes gegen seine Juden, welche das magyarische Kapital auf schwindelnde Höhe gebracht, welche dem magyarischen Volke eine unermeßliche Zahl von Dich-!t e r ri, K ü n st l e r n und wissenschaftlichen Größen gegeben, welche die magyarische Presse auf eine vollendete Stufe gebracht upd welche durch ihren Fleiß, ihre Regsamkeit und ihre Begabung auf allen Gebieten des staatlichen Lebens die faule Gentry und Aristokratie ersetzt haben, daß gerade die Magyaren diese ihre f l e i h i g ft e n Arbeiter mit der größten Brutalität malträtieren."-- — Was für die magyarischen Juden recht, ist) müßte doch für die slovakischen billig sein, und hoffentlich wird sich Dr. Schrobar endlich seine Worte zur Richtschnur für seine Jüdenpolitik in - e^AchsEchx.׳.alS-^:PMii^ dent Masaryk ein freundschaftliches Zusammenarbeiten aller Völker der Republik wünscht, umsomehr als gerade der Präsident Chauvinismus und Korruption bekämpft. So hat Prof. Th. G. Masaryk schon im Sommer in seinem Handschreiben an die Minister bei Bildüng des Ministeriums T u s a r gefordert, daß endlick auch mit der Korruption gebrochen werden müsse. In Gefahren, denen sie infolge von Anschuldigungen von Zeit zu Zeit ausgesetzt war und die für das ganze jüdische Volk verhängnisvolle Folgen hätten zeitigen können. Letzteres war auch der Zweck der Golemerschnffung seitens Rabbi Löw's, im Gegensätze zu den chcistlichen Meistern der mittelalterlichen Mystik, die sich ihrer Zaubergeschöpfe, der von ihnen künstlich erzeugten Scheinloesen nur zu selbstsüchtigen Zwecken, zur Erlangung und Errichtung persönlicher Vorteile zu bedienen gedachten. Immer, in allen Sagen, wird hier der Golenr zum Schutz verfolgter Juden benutzt, in solchen Fällen, da rein menschliche Kraft und menschlicke Weisheit allein nichts mehr auszurichten vermag. Erst das Symbol der Hilfe Gottes, die immer rechtzeitig kommt, wenn auch oft im letzten verzweifelten Augenblicke.- Die Erzählungen und Legenden des Bloch'sck> ״ Buches sink» schon an sich von großem Interesse. Es herrscht in diesen Schöpfungen ein so eigener, lieblicher Reiz, eine so kindlich-naive und doch so mächtig anziehende Gläubigkeit, daß sie, so verwerflich sie auch der Vernunft in logischer und religiöser Rücksicht erscheinen, dennoch tvegen ihres ethischen und aesthetischen Wertes das Vergnügen der Gebildeten aller fslgenden Geschlechter bleiben werden. Aber sie tverden auch den Fachgelehrten eine gewichtige Quelle für ihre kultur- ׳istorischen und religionsgeschichtlichen Forschungen bilden und die Literatur zur Lösung des Golemproblems wird durch sie eine wesentliche und unschätzbare Bereicherung gewonnen haben. Als wertvolle Ergänzung zu seinem Buche gibt Bloch in einem Wissenschaftlichen .Vor- und Nachwort einen Ueberblick über die Golemlegende in all ihren alten und neuen, manchmal sich auch widersprechenden Fassungen, bis auf Gustav Mehrirck und seinen herrlichen Roman «Der Golem", der freilich den Ursprung dieser Sage und ihre tiefere Bedeutung selber nicht anzugeben weiß. Zu den Nachbemerkungen, dem zweiten Teile des

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