Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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«V ' **: «M4 «SUff* ttrtllItimmt” NV. 1* «-»»»»reife I» PalSstia« gefallen. . Wie das Londoner jüdische Korrespondenzbüro aus Jaffa berichtet, find die Bodenpreise in Palästina um etwa 30 Prozent gefallen. Auch die Baumaterialien Weeden billiger. Man hofft auf ein weiteres Sinken der Die britische Militärverwaltung hat der jüdischen Kolonie Givath Saul den Betrag von 1400 Lst. als KriegSbeschädigung ausgezahlt. Der Kampf gegen die Teuerung der Lebensmittel -in Palästina wird letztens von fast allen jüdischen Organisationen energisch geführt. Besonders beschäftigt Ach mit dieser Frage der Waad Hair von Jerusalem. Vertreter des Waad Hair und der Palästina-Kommiffbm sprachen bei dem militärischen Gouverneur vor und stellten das Verlangen, unverzüglich bedeutende 'Quanten von Lebensmitteln aus Aegypten nach Palästina zu bringen. Sie erklärten sich bereit, als erste Anzahlung 8000 ägyptische Pfund zu entrichten. Der Gouverneuer versprach nach kurzer Beratung, diesem Verlangen nachzukommen. Am selben Tage wurde ein höherer Beamter zwecks Ankauf der notwendigen Lebensmittel nach Aegypten beordert. Der Waad Hair hat Maßnahmen ergriffen, daß die eingeführten Lebensmittel nicht den Händlern sondern den Gemeindeverwal-j tungen zum Verkauf überwiesen werden. Man hofft, auf diese Weise erfolgreich gegen die künstlichen Preistreibereien zu kämpfen. Syrien. Die englischen wie auch die französischen Soldaten haben Damaskus verlassen. Es kursieren in der Stadt Gerüchte, daß gegen die Zionisten stark agitiert werde und daß eine schwarze Liste angesehener Zionisten aufgestellt worden sei. Mehrere Lehrer und Kindergärtnerinnen, die dem Waad Hachinuch angehören, haben Damaskus aus Furcht vor Ausschreitungen verlassend Die Position der Alliance ist dadurch verstärkt worden. Die Befürchtungen vor Zionisten-Verfolgungen sind ganz unbegründet, denn, wie verlautet, hat Emir F e y s u l ein Schreiben an die syrischen Führer gerichtet, in dem er sie auffordert, mit den Juden in gutem Einvernehmen zu leben. Jedoch ist die Lage in Damaskus tatsächlich gespannt. Es finden täglich Demonstrationen statt. Um die Ordnung in der Stadt aufrecht zu erhalten, hat sich ein Nationalverband, der aus Muselmanen, Christen und Juden besteht gebildet. Trotzdem haben einige ausländische Familien, jüdische wie auch nichtjüdische, auf Anraten ihrer Konsuln Damaskus verlassen und sich nach Haifa begeben. Herz! in Theatererinnerungen. Von E. König. Erinnerungen scheinen nur Reminiszenzen an das Vergangene zu sein, aber oft sieht man dabei irr der .Gegenwart Längstverschollenes viel klarer als es einstens der Fall war. Die Ursache hievon ist die Abgeklärtheit in der Denkungsweise, die nach Jahren zum vollbewußten Urteilsvermögen ausgereift ist. Große Männer der Vergangenheit, die ihr Zeitalter mit uns späteren Aeonen nicht gemeinsam verlebten, diese Gewaltigen erscheinen uns in einen undurchdringbaron Schleier geheimmisvollster Mystik gehüllt. Uns wird nur ihr geistiger Nachlaß zuteil, ebenso die Ideologie ihres Schaffens oder ihrer Weltanschauung. Jener bekannte Ausspruch, daß große Männer erst nach ihrem Tode vollauf gewürdigt werden, hat etwas Wahrheit an sich. Denken wir nur beispielsweise an die bedeutendsten Religionsstifter der Menschheit oder an die unvergeßlichen Träger der Künste und Wissenschaften, die es in ihrem irdischen Dasein nicht besonders rosig hatten! Aber auch denen, die stets von dein goldigsten Schicksal verhätschelt wurden, wie es Goethe war, ist mari liach ihrem Ableben mit viel größerem Verständnis, Interesse und Würdigung ihrer Bedeutung entgegengekommen, wie sie es ebenso zu Lebenszeiten verdient hätten. Wie ist nun diese späte Einheimsung des Erfolges zu erklären? Einzig und allein, weil wir uns diese Geister nur als solche und kaum als Wesen mit menschlichen Bedürfnissen und Schwächen, wie wir es alle sind, vorstellen können. Sie sind für uns auf Erden wandernde Cherubim, bei denen wir so etwas wie Eifersucht, Versuchung, Ehrgeiz, Kleinmut u. a. ähnliche irdische Schattenseiten weniger. voraussetzen können. Wenn uns auch heute von Spinoza's oder Schiller's Daseinsmiseren nichts fremd ist, stehen wir doch immer, vorerst im Banne ihrer geistigen Produktivität, die uns j von der Verfassung ihrer Materie suggestiv ablenkt. — Selten werden güte Biographien geschrieben und noch l seltener trachten die Konsumenten der Kunst und Wissenschaft Zusammenhänge zwischen Leben und Schaffen der Großen aufzusuchen. Um wie viel könnte man da richtiger empfinden und beurteilen! Stehen denn nicht Dichter, Maker, Musiker und Philosoph tonangebend hinter ihren Motiven und Gebilden? Sie haben eigenen Stil, eigenes, Kolorit, eigene Denkungsart, die doch sicherlich trotz aller Veranlagung der Genialität von den Verhältnissen der Umgebung, in denen der Gestalter lebt- oder gelebt, entweder günstig oder hemmend beeinflußt wurden. Erinnerungen oder Biographien bringen uns oft überraschenden Aufschluß über so manches Ungeklärte aus dem Bereiche der Meisterkräfte. Sie find gleichsam ein Schlüssel, der eine verborgene Halle eröffnet. Beim Scharfblick und der richtigen Auffassung des Lesers, find sie oft der trefflichste Kommentar. * » * Es ist bereits ein Jünglingsalter verstrichen, seitdem unser großer Führer Herzl> aus dem Leben ging. Auch er erlebte nach seinem Tode die richtige Ehrung seiner Persönlichkeit, auch über ihn wurde viel geschrieben und unzählige Episoden aus seinem Privatleben nacherzählt, denen sich gewiß in späteren Jahren Legenden anreihen werden. Die einen schildern ihn als eng-verschlossenen Charakter, immer ernst, ein Wesen prophetischen Schlages; die Andern als temperamentvoll, wuchtig, wie er eben auf seinen ersten Kongressen litt Basel zu bewundern war. Und doch bleibt uns oft feine Rückkehr zum Judentum und die eigene Auffassung seiner ungeheueren Auflebungsmission ein buchstäblich verschleiertes Bildnis. Und Herzl's Seelenkampf vor dem heiligsten Entschluß, der später eine neue Aera in der Geschichte des jüdischen Volkes cröffnete, diesen innerlich aufschäumenden Vulkan seines neuen Glaubens kann man nur dann ermessen, *wenn man die, Lebensgeschichte dieses Mannes brs in die Details erforscht. Das öffentliche Wirken Herzl's drehte sich bis zur aktiven Judenpolitik um die Schriftstellerei. Ein feinfühlende« Feuillettonist, Korrespondent, Feuillcttonredakteur der «N. Fr. Presse" und auch Dramendichter. Letztere Dichtungsart war auch mitbestimmend für seinen Weg, den er zum Judentum gefunden. Der Assimilant Heinrich Teweles, Dramaturg und gewesener Direkwr der deutschen Theater in Prag, veröffentlichte in den letzter; Monaten im „Prager Tagblatt" eine Reihe von Theatererinnerungen, unter denen auch einige von Theodor Herzl aus Paris (1896) erhaltene Briefe zu lesen sind. Im ersten Schreiben handelt es sich um ein, neues Stück Herzl's, das er anonym äüfführen lassen will. «Keine sterbliche Seele, aber selbst keine unsterbliche darf wissen, daß . das Stück von mir ist, bis ich selbst das Geheimnis lüfte." Jedenfalls tiefstes Schweigen über die Identität des Autors! Sollte dieser Wunsch Herzl's berücksichtigt werden, dann wird er ein Theaterstück zugehen lassen, das in der Tiefe der Eingeweide packen wird. „ES wird Ihnen von Jemandem geschickt werden, der selbst nicht weiß, daß es von mir ist. Was ich mit dem Stück weiter vorhabe, sage ich Ihnen später. Es soll in Prag zuerst aufgeführt werden. . Ich grüße Sie herzlich Ihr gealterter Herzl (Theodor)." Wäre nür dieser einzige Brief des großen Meisters erhalten geblieben, man müßte da viel, bes. vom jüd.- nationalen Gesichtspunkte aus, an diesen merkwürdig kurzen Sätzen herumnörgeln. Ein Werk, das in der Tiefe der Eingeweide packen soll? War es nicht vielleicht die Wiederspiegelung eines Weltjudendränras, jenes problematischen Knotens, der eirrer mühsamen Lösung harrt? Und dann im herzlichen Gruß der «gealterte Herzl". Groß muß die Sorge, impulsiv die Wandlung sein, wenn sie den im mittleren, beinahe jungen Mannesalter Stehenden so rasch altern machen. Direktor Teweles antwortete umgeherrd und erhielt einen zweiten, aber viel längeren Brief. Herzl teilt nun mit, er weile in Paris bereits vier Jahre, die wie ein Traum vergingen. Aus dem Spiegel sehe ihm ein älteres Gesicht entgegen. Und Spiegel seien auch seine Werke. Er glaube, er sei hier in der Kunst gereift, in Manchem sei ihm der Kopf aufgegangen. Ferner erwähnt Herzl von verschiedenen harten Krisen, die er als Journalist in sich durchmachen mußte. Eine dieser Krisen war die dramatische Schriftstellers. Die Theater wollten nach seinen Berliner Durchfällen nichts mehr von ihm wissen. Er nahm Zeitungsarbeit an und glaubte nie mehr fürs Theater schreiben zu können. Erst die Pariser Erlebnisse mit ihren heftigen Anregungen ergriffen ihn, rüttelten durch und durch, wobei man ein anderer Mensch und Künstler wurde. Als trübe Störung fällt dayn die Malaria, die er sich bei den Russenfesten in Toulon zugezogen. Monate lang krank; dabei diese schlechte Behandlung der Aerzte, die jeinen Abszeß am Schenkel zur Folge hatte, so daß Herzl mehrmals operiert werden mußte. Damals überflog ihn wieder die Dichtung und er schrieb in acht Tagen' ein Lustspiel in Versen „die Glosse" (Einakter), dirs ebenfalls nicht von Erfolg gekrönt wurde. In Herzl arbeitete aber das Unbewußte weiter. Schon in Spanien reifte der-Plan eines Judenromans, der Roman eines modernen Juden. Die Pariser Korrespondenz unterbrach die Arbeit, er geriet in die Politik und gewann ein freieres und höheres Verhältnis zum Antisemitismus seiner Heimat. „Und ich war einmal beim Bild Hauer Beer, der meine Büste machte", heißt es wieder in diesem zweiten Brief an Teweles. „Während einer Sitzung schilderte ich ihm den modernen Juden und seine Bedingungen. Und ich geriet dabei in die Glut der großen Eruptionen. Als ich wegging, schoß in mir wie ein Basaltblock das ganze Stück herauf. -aS ich nm nächsten Tag anfing und in nicht ganz 9 Wochen in unbeschreiblicher Aufregung fertig machte. Dieses Stück heißt „Das Ghetto", und um dieses Stück handelt es sich heute. Ich will Ihnen vom Inhalt weiter nichts sagen. Lassen Sie es aus sich wirken. Sie betrachten mick ja incht als einenBankerottirer. Ich glaube nicht zu prahlen, w.enn ich sage, daß an diesem Stück etwas ist." — Der Verfasser soll heißen Albert Schnäbel (nicht Th. Herzl), unter diesem Inkognito geht das Stück von Wien an die Direktion des Landestheaters in Prag ab. Herzl skizziert dann kurz die Abenteuer dieses MannskriptS. Unter dem Autornamen Albert Schckäbel ging das „Ghetto" an Brahm nach Berlin, nach vier Wochen ans Leffingtheater (Blumenthal). Im Letzteren ist der Bedarf an Stücken gedeckt-; das Manuskript wandert nun an das Wiener Raimundtheater. Von dort kam der Bescheid, daß Müller Guttenbrunn aus Opportunitätsgründen das Stück nicht geben könne. Er (Guttenbrunn) hatte es, um seine Meinung überprüfen zu lassen, einem Juden und einem Christen zu lesen gegeben. Der Jude sagte: Das ist eine Beschimpfung des Judentums. Der Christ sagte: DaS ist eine Dynamitbombe. — Teweles möge nun daS Stück auf die Bühne bringen und jeden Widerstand besieg««. Es verletzte keinesfalls das Judentum. „DaS ist eine Bergpredigt, kein Rabbiner spricht anders. Aber diese Predigt wird nicht in der Synagoge gehalten, sondern in der Freiheit des Theaters und ed muß eine erlösende Wirkung davon ausgehen. Ja, es ist ein Stück Juden - Politik — und wofür ich Ihren Beistand aufrufe, daS ist nicht das Stück, sondern die Judenpolitik. Seit einiger Zeit glaube ich nämlich, daß es für mein Leben keinen höheren Zweck gibt, als mich der Judenfrage anzunehmen, aber anders als man cs bisher getan, freier, höher und eigentümlich. Mit Alphonse Daudet sprach ich jüngst über diese meine Absicht. Er ist Antisemit und war doch von meinen Worten ganz erschüttert und begeistert. Und als mir diesek Mensch sagte: „C'est beau, c'est beau!" da war ich gewiß, daß ich auf dem richtigen Weg bin." Herzl schließt dann diesen interessanten Brief mit dem Bemerken, er suche keine Befriedigung der Eitelkeit mit diesem Stück, das nach der Bühne schreit. Und gerade in Prag, der deutschen Judenstadt, soll öS gelingen. Jedenfalls sei der Ton damit angeschlagen, der notwendig, um die Judenfrage zu lösen und die Juden hinauszuführen aus dem Ghetto. Direktor Teweles erhielt hierauf das Manuskript Herzl's und legte es dem Intendanten Dr. Ludwig Schlesinger vor, der von seiner Auffassung aus, dagegen gar keine Bedenken hatte, vielmehr sollte es nur darauf ankommen, wie. sich die Juden, die einen beträchtlichen Teil des Theaterpublikums ausmachen, verhalten würden. Seiner Bewilligung setzte Dr. Schlesinger nur die Zustimmung des Dr. Rosenbacher (damals Präsident der Prager Kultusgemeinde) als Vorbedingung voran. .Dr. Rosenbacher erklärte als Jüde das Stück für unmöglich und sogar herausfordernd. Enttäuscht teilte Teweles dem Verfasser die Niederlage mit, und Herzl antwortete aus Wien, 0. November 1886: »Mein guter Teweles! Dank für Ihren lieben Brief. Also die Kehille ist dagegen?" Und Herzl erklärt sich bereit im Stück etwas zu andern, besonders bei den Frauen. Ob diese Aenderung dem Dr. Rosenbacher dann zusagen werde? Uebrigens kann er ja wksson, wer der Verfasser sei; der Hang zum Pseudonym war nur Folge einer Nervosität nach der Produktion. „Sicher möchte ich nicht die Juden verletzen. Ich bin ja selbst ein Bolljude und will den Juden helfen. Sie werden bald in dieser Hinsicht von mir hören^ Etwas sehr Großes! Sprechen Sie also mit Rosenbacher und geben Sie mir Ihren Rat. Das Manuftript bitte icü mir gleich nach Empfang dieser Zeilen zurückznschickcn. Ich bin jetzt Feuilletonredakteur der „N. Fr. Pr." Vorige Woche wurde mir die Chefredaktion eines neuen großen Blattes angetragen (Sie sehen, ich habe als Journalist schon meinen Weg gemacht), habe den Antrag aber abgelehnt, weil ich mich jetzt ganz der Judensache ividmen will. Und in der Juden sache gehe ich nächste Woche nach Paris und London." /