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Jüdische Volksstimme · 1920-01-01 · Heft 1 (1.1.1920) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXI (1920)
Issue
Heft 1 (1.1.1920)
Date
1920-01-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Del« 2. ' ,LL»1jche S«lkOsti»«e* Sit. i Oie Menschen, die durch jahrelanges Harren .und Durchhalten ganz zermürbt waren, sehnten Frieden herab auf Erden.. Wir Juden, die unter dem Kriege am meisten zu leiden hatten, atmeten erleichtert auf, denn nun sollte deS Menschenmordens ein Ende sein, nun sollten imt nicht mehr Gefahr laufen, einen Bruder im jenseitigen Lager zu töten. Genug deS Todes, genug des gefloffenen Blutes! Doch es war uns anders beschieden! Noch bevor der Friedenskongreß zusammentrat, brach eine blutgierige Soldateska über unschuldige Juden her, plünderte, raubte, schändete, mprdete. Alles in Anblick der ganzen zivilisierten Welt! Was scherte es die „Judenblätter" wenn irgendwo im Polenlande zu Hunderten Juden gemordet wurden! ES galt doch nur den polnischen Juden!- Bei uns zu Hause war es ja nicht so gefährlich. Und der polnische Jude war ja unseren Israeliten ein Dorn im Auge. Wären Deutsche in Polen massakriert worden, hätten aufgeregte Mordbanden armenische 'Christen insultiert, da hätte cs im gesamten „Blättert Walde" gerauscht, aber so war „über allen Wipfeln .Ruh'". So begann für die Judenheit das Jahr 1919, das nur einen Lichtblick für uns brachte: die Erklärung des obersten Rates vom Februar, Palästina unter jeder Bedingung dem jüdischen Volke zur Besiedlung zu überlassen. Und unter diesem Zeichen stand unser gesamtes jüdischp' / Leben. Aber auch unter der Losung des Selbstbcstimmungsrechtes der Völker. Unter diesem Schlagworte zogen im Jänner die österreichischen Juden in den Wahlkampf für die Nationalversammlung und eroberten für Ing. Robert Stricker in Wien ein Mandat, in Wien, das bis dahin einen jüdischen Mandatar nicht dulden wollte. Unter der Flagge der Anerkennung der jüdischen Nationalität errangen die Wiener Juden ihre eigene Vertretung in der Wiener Gemeinde. Bei uns in der Tschecho-Slowakei lassen die Wahlen in die Nationalversammlung noch heute auf sich warten. Dafür fanden uns die Gemeindewahlen auf dem Platze. Und wir haben politischer Mißgunst, politischer Unreife Terrain abgewonnen. Unsere Volks- und Nationalräte, wenn sie auch keineswegs das Ideal einer jüdischen Vertretung bilden, haben sich doch bewährt, haben in einem schicksalsschweren Augenblicke, wie aus dem Boden gestampft, die Rechte der Juden verteidigt, gefordert und für sie gekämpft. Wenn sie auch nicht mehr getan hätten, als daß sie in dem abgelaufenen Nevolutionsjahre das Ererbte, das Erreichte erhalten hatten, so ist ihnen schon dafür Dank zu sagen. Aber die jüdisch-nationale Idee ist doch in weitere Masse,! getragen worden, neue unzugängliche Gebiete wurden dieser Idee eröffnet und vollends unser jüdisches Neuland, die Slowakei, zum Teil organisiert. verfolgte mit Freude ihre körperliche Bervollkommung und ersehnte den Frcudentag ihrer Hochzeit. Dieser aber ließ sich immer in weiterer Ferne blicken.' Der Ruf von Ester's Schönheit verbreitete sich und lockte Freier von Nah und Fern an. Auch der große Reichtum trug nicht wenig dazu bei. Die Bewerber lagen ihr zu Füßen und baten kniefällig um ihre Hand. Ihre Schönheit betäubte alle. Doch keiner fand Gunst tn ihren Augen. Verschämt mußte die Jünglingsschar hintereinander abrücken. Ester war wie die Frucht des Tantalos und entzog sich jeder nach ihr ausgestreckten Hand . . . Schönheit und Reichtum sind zum Fluch geworden. Keinen ihr Ebenbürtigen konnte Ester unter der Jugend ihrer Glaubensgenossen ausfindig machen. Selbst die Gescheitesten und Reichsten waren ihr zu gering. Ja, dort im Lager der Nichtkaraiten durften sich wob? passennde Lebensgefährten finden. . . . Groß ist diese fremde Welt und reich an Auswahl.... Doch nicht für sie.Mit bebendem Herzen sah sie ihre Jugend schwinden, nichts aber konnte ihre vorgefaßten Ansprüche ändern. Der Borwurf von Hochmut, ebenso der Hinweis auf die Gefügigkeit der Erzmutter Rebeka, prallten ^an ihr ab. MpaMebeugt ging Esra einher. Wozu all seine Gelehrtheit, Besitz, Wohlstand und Ansehen? Was hat er damit erreicht? Nochmals und abermals erprobte er feine Ueberredungskunst, vergeudete seine logischen, von väterlicher Fürsorge geleiteten Motive. Hart wie Granit blieb Ester, zum Grame deS Vaters, zum Aerger der Freier, zur Scham der karaitischen Gemeinschaft. ' Jahre vergingen. Die Freier hatten sich der nun alternden Jungfrau ganz abgewandt und ihrer verges- Wir haben äüch in unserer Republik mit dem Antisemitismus in jeglicher Art gu^ kämpfen. Wir nah. men und Nehmen den Kampf auf, denn wir werden seiner Herr werden. Im Großen und Ganzen war die politische Konstellation für uns Juden günstig, schon deshalb, weil der Versailler Kongreß bemüht war, unsere Weltpolitik zu fördern. Nur unter dem Gesichtswinkel der Palästinapölitik müssen wir die großen jüdischen Geschehnisse betrachten. Dieser haben wir alle unsere Kräfte im verflossenen Jahre gewidmet. Das neue Jahr 1920 bringt uns den langersehnten kleinen zionistischen Kongreß, der schon deshalb für uns von größter Wichtigkeit fein wird, weil dieser Kongreß die Richtlinien für unsere weitere Politik, für unsere Arbeit geben wird und weil auch die oppositionellen Strömungen in den zionistischen Reihen mit Joseph I. Cowen, Greenberg uüd Max Nordau zu Worte kommen werden. In der Diaspora — namentlich in der Tschecho- Slowakei — stehen wir endlich vor den Neuwahlen zu unserer legalen Nationalversammlung und es wird an uns Juden die Notwendigkeit herantreten, hier mitzusprechen. Auch da wollen und müssen wir geriistet sein. Jahre der Not und des Elends liegen hinter uns.. ein Jahr schwerster Arbeit liegt vor uns. Wir wollen eS an uns hcrantreten lassen. Berliner Brief. i Von Fabius Schach. I In Deutschland, dem Gcburtslande des «wissen-! schaftlichen Antisemitismus", sieht es heute sehr trau-! rig aus. Noch schlimmer als die politische Zerfahrenheit ist das niedrige Niveau, auf dem heute die öffentliche Sittlichkeit steht. Alle Fesseln sind gesprengt, und die niedrigsten Instinkte toben sich schamlos aus. Nirgends wird auch nur der Versuch gemacht, die Häßlichkeiten zu verhüllen, und der krasse Zynismus ist die heutige Lebensphilosophic. An nichts vielleicht kann man dies so leicht studieren, wie an den Ausschreitungen des A n t i s e m it i s m u s. Der Judenhaß war ja immer der beste Gradmesser für die Kultur einer Zeit und eines Volkes. ES i Hirt in Deutschland. niemals an Judenhaß gefehlt und wir waren es gewohnt, daß überall, wo das Deutsche besonders betont wurde, der Antisemitismus in irgend einer Form vorhanden war. Aber die heutigen Formen erinnern beinahe an Rußland, das klassische Land der Pogrome. Man kann heute nicht in die Stadtbahn steigen oder ein Kaffeehaus betreten, ohne daß laut auf Juden geschimpft wird. Und das geschieht in so brutaler und dabei törichter Weise, daß nur die gänzliche politische Unreife eines großen Teiles des Volkes diese Erscheinung begreiflich macht. Noch schlimmer ist die Hetze gegen die Ostj u d c n. Unsere Antisemiten betrachten diese Juden als sen. Des Vaters Herz aber, empfand immer mehr die Härte des Schicksales.Und als der alte Vater den Tod herankommen fühlte und im Angesichte desselben mit seinem Innern Rechenschaft abhielt, resümierte er das Ergebnis seines Lebens. Da wurde seine Liebe zum Kinde in Haß verwandelt. Im Sterben stieß er einen furchtbaren Fluch gegen seine geliebte Tochter aus: Weil Du das Fortleben deines Stammes durch die Frucht deines Leibes vereitelt hast, so bleibe denn ewig verflucht. Du wolltest das Leben nicht, so möge auch der Tod Dich meiden. Weder das Eine noch das Andere werde Dir zuteil. Ein Mittelding zwischen Leben und Tod sollst Du also verbleiben. Die gewaltige Wucht des, von des sterbenden Vaters Mund ausg^rochenen Fluches, machte Himmel und Erde erdröhnemWeit öffnete die Hölle ihre Tore. Böse Dämonen entstiegen den Tiefen, wandelten das Schloß in Ruinen und schmiedeten die widerspenstige Tochter in Ketten. Nun hockt sie seit Jahrhunderten an einen Höhlenfels geschmiedet. Jedes der einst so schönen Haare ist in Skorpionen verwandelt und ein brennendes Gift wühlt in ihrem Herzen. Sie kann nicht leben und auch nicht sterben. Nur zeitweise entringt sich ihrer halbversteinerten Brustbein Seufzer, der, in Gewand eines irrenden Windes, der Höhlenöffnung entfährt. Wirrer saust er zur karaitischen Siedlungsstätte nach Troki hin. Trostlos macht der Wind kehrt, um am Dominikanerkastell vorbei mit einem jämmerlichen Klageton »in die Höhle zu münden. Das Kettenrasseln der verfluchten Jungfrau dröhnt ihm entgegen. gänzlich »ogelfrei und sie brauchen f«h hier gar keinen Zwang Mferlegen, denn niemand protestiert dagegen, wenn sie die Ostjuden als den Ausbund aller verbrechen Larstellen. Unsere Liberalen schweigen dazu. Dn lieber Gott, sie haben genug schon darunter zu leiden, daß sie von den Alldeutschen als PhilofeMiten — und dabei ganz unschuldig — verdächtigt werden. Und nun sollen sie gar für die Ostjuden eintretcn! UebermevschlicheS darf man von niemand verlangen. Das könnte man als tragikomische Erscheinung ruhig gelten lassen. Wir wissen ja, was der Liberalismus vieler Liberalen wert ist. Schlimmer aber ist es, daß häufig die deutschen Juden selber nichts dazu tun, um gegen dieses gefahrdrohende Gebaren aufzutreten. Sie sind töricht genug, in diesen Ostjuden die einzige Ursache des öffentlichen Judenhasses zu erblicken und viele wünschen im innersten ihres Herzens, daß diese Elemente möglichst bald aus ihrer Nähe verschwinden mögen. Dabei ist das Ganze nur ein kluger Trik der alldeutschen Hetzer. Sie wissen ganz gut, daß die Volksleidenschaft, wenn sic einmal entfesselt ist, vor dem inländischen Juden nicht Halt machen wird. Sie erreichen so ihr Ziel am besten. Auch das könnte man mit ein wenig Philosophie geduldig hinnehmen. Wir wissen ja aus der Geschichte, daß in Zeiten der Not immer eine Zerfahrenheit und Zerklüftung als Begleiterscheinung sich zeigte. Traurig aber ist es, daß es m i t d e m j ü d i s ch e n Leben in Deutschland überhaupt sehr schlecht bestellt ist. Schon in Friedenszeiten floß der Quell der jüdischen Wärme nur schwach und mit einigen Unterbrechungen. Heute scheint diese Quelle beinahe ggnzlick versiegt zu sein. Was den deutschen Juden am meisten fehlt, das ist ein jüdisches Milieu. Schon vor 20 Jahren erkannte ich, daß die jiidische Frage in Deutschland eigentlich eineMilieu frage ist. Das Unglück der Juden Westeuropas ist, daß hier eine Stätte fehlt, wo sich das. jüdische Seelenleben frei entfalten könnte. Durch die ewige Angst vor dem Antisemitismus gelangen sie allmählich dazu, alle jüdischen Probleme mit der antisemitischen Brille anzusehen. Die Rücksicht auf das, was die Antisemiten dazu sagen könnten, läßt keine gesunde Entwicklung aufkommen, und es entsteht ein unseliger Dualismus, der mehr oder weniger bei allen Unternehmungen sichtbar ist. Wie soll da das jüdische Leben gesunde Früchte bringen können! Es gab eine Zeit, wo ich hoffte, daß das j üdische Vereinsleben einen Ersatz für Las fehlende Milieu bilden könnte. Ich versprach mir von dem Aufblühen der Literaturvereine und der jüdisch-nationalen Richtungen sehr viel. Die Erfahrung aber hat mich sehr pessimistisch gestimmt. Leider ist das Vereinöleben häufig zu einer Parade geworden. Man arbeitet nicht für das Sein, sondern für den Schein. Die äußere Schablone der politischen Parteien hat sich bei uns Juden eingebürgert. Man hält große Versammlungen ab mit glänzenden Rednern und pikanten Diskussionen. Man schlachtet in jeder Versammlung einen Gegner ab und die Hände bewegen sich und klatschen Bravo, — und für das Judentum kommt dabei garnichts raus. Kleine Versammlungen, wo die Leute mit. ernsten Wollen einander belehren .und anregen, namentlich eigene jüdische Heime, in denen der junge Jude frei und offen leben, sprechen und handeln könnte, würden vielmehr für Gegenwart und Zukunft bedeuten. Noch mehr spielt die Parade bei den großen Körperschaften, namentlich bei den Gemeindewahl e n eine Rolle. Fast überall wird bei solcher Gelegenheit zum Fenster hinausgesprochen und man ist bestrebt zu imponieren, ohne sich zu fragen, ob man damit irgendwelchen dauernden Nutzen schafft. Besonders in der Neichshauptstadt, wo alles auf Glanz und Vornehmheit eingestellt ist, ist Schlichtheit bei den Gemeinde- Wahlen eine fremde Pflanze geworden. Wir haben nächstens die erste jüdische Gemeindewahl in Berlin in der Epoche der Republik und der Freiheit. Die Wahl lollte eigentlich schon vor Monaten stattfinden, sie ist aber hinausgeschoben lvorden, weil inzwischen ein neuer Wahlmodus vom Ministerium angeordnet worden ist. Die Zwischenzeit wurde, benutzt, um der freiheitlichen Mode einige Konzessionen zu machen, die nicht ganz wertlos sind, aber doch nur etwas Halbes und nichts Ganzes bedeuten. Bei der nächsten Wahl muß es sich zeigen, ob das jüdische Leben noch stark genug ist, um sich mit den neuen Formen zu vereinigen, ohne den alten Geist zu verleugnen. Die merkwürdigste Erscheinung ist, daß jetzt zum ersten Male bekannte Politiker sozialdemokratischer und radikaler Gesinnung für die Gemeindewahl kandidieren werden. Wir wollen hoffen, daß sie auch durchkommen. Es wäre eine Wohltat, wenn der Sozialismus in die Gemeindestube' einziehen und dort mit allem

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