Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Wir benützen den Anlaß des Eintrittes der „Jüdische Bolksstimme" in den 21. Jahrgang und des gleichzeitigen Eigentumswechsels, um die Richtung unseres BtatteS/bekannt.zu geben. > "•; , - >MU^WM^HolksstiHM" soll zu allen aktuell«: Fragen. .d-L Mdischeri-. . Sie soll unser Palästinaprogramm, das seit der englischen Deklaration vom 2. November 1017 durch , Balsour und durch die wiederholte Erklärung Eurzons vom 3. November 1019 — Palästina dem jüdischen Volke zur Heimstätte zu geben — aus einer idealen Bewegung reale Grundlagen erhalten hat, verbreiten und vertiefen. Wir sind uns dessen bewußt, daß Palästina nur eilten Teil der Juden aufzunehmen in der Lage sein lvird. Das Schicksal der hier zurückbleibenden Inden wird bei voller Würdigung her fich fortentwickeknden kuttürellen und vielleicht auch wirtschaftlichen Zusamt menhänge mit dem Mutterlände stets mit dem Schicksale jenes Landes, deffen Staatsbürger sie sind, derart verknüpft sein, daß dieses Land immer auf die, .treüe Mitarbeit seiner Juden WM rechnen köüNfE'ES^ werden gerade infolge des wirksamen Bestandes dieser Zusammenhänge für dieses Land Vorigste in kultureller und wirtschaftkichter Hinsicht entstehen, deren Tragweite heute noch Unterschicht wird. In Erkenntnis der Wichtigkeit dieser Wechselwirkungen stehen wir, indem wir für die Juden dieses Staates die Rechte, die nach den Gesetzen den Staatsbürgern zustehen, voll und uneingeschränkt in Anspruch nehmen, auf dem Standpunkte, daß wir hie selbstverständliche Verpflichtung haben, diesem Staate gegenüber alle Pflichten eines Staatsbürgers voll und ganz, ohne jedweden Vorbehalt, loyal zu erfüllen. Wir fordern für uns die Anerkemmngder jüdischen Nationalität. vSBii- Nätion' die freie und unbehinderte Entwicklung, weil wir überzeugt sind, daß nur auf diese Weise die Auswüchse des ^Nationalismus beseitigt und die allgemeine Völkcrversöhnung ein Ideal, das auch wir auflreben, herbeigeführt werden kann. Wir müssen alles vermeiden, was zur Verschärfung der nationalen Gegensätze beitragen könnte und dürfe»!, ohne uns irgendlvic vorzndräugeu, keine Gelegenheit unbenutzt' vorübcrgehcn laffcu, wo es gilt, die einander befehdenden Nationen näher zu bringen. .Wir werden stets für die Erhaltung Ätzw. den Aufbau und Ausbau der kulturellen Institutionen aller Nationen eintretett. Wir werden übüaÜ dort zu treffen fein, wo sich darum handln wird, das wirtschaftliche Niveau 1 aller Armen und Schwachen zu heben, und wir werden bchufs Erreichung dieses Zieles'vor noch fö radikalen . Aenderungen der Wirtschaftsordnung nicht Mrückschrekken, sofern« diesein dir -natürlichen Entwicklung gelegen und Nichtsein Unrecht durch ein anderes Unrecht zu \ ersetzen bestimmt, sind. - Innerhalb des Judentums werden wir alle jüdischen Interessen vertretem, insbesondere der Schaffung und Entwicklung eines, eigenen Schulwerkes das . größte Augenmerk zuwenden, - fatale Fürsorgeaktionen jeder Art unterstützen, der Mherlichen Ertüchtigung, unserer Jugend dienen. Schließlich sei -noM auf unsere : Stellung zu - den politischen StrömungeEim Judentume hingewresen. immer das einigende Moment in den Parteien suchen und hoffentlich auch finden; denn nur auf diese Weise wird es möglich sein, unscr großes Regeneratjonswerk zu vollbringen. Rückblick aus das Jahr 1919. Kanonendonner war verstummt. Endlich schien es, als ob es Friede auf Erden Zuerden wollte. Der von tausenden Schützengräben zerfurchte und aufgeriffene Mntterboden ächzte rwch unter der furchtbaren eisernen Last der Geschütze und Geschosse. Nun hatte er Ruhe. Feuiüeton. Rüben Fahn: Die verzauberte Jungfrau. Eine karaitische Legende.*') »Lcn irrender Wind durchzuckt die Gegend. — Aus der benachbarten Hohle hervorvrechend, zieht er in behendem Zug über Troki hin. In unregelmäßigem Wirbel kreist er über die Stätte der karaitischen Siedlung des Ortes hin und nimmt dann aus den» Weichbilde der Stadt reißaus. Hier prallt er am Dominikanerkastell ab und macht in runder Kurve eine Wendung zur ruinenhaften Höhle. Mit dem Ausskotze eines stöhnenden Jammers löst er sich da auf und verschwindet durch den Schlund des Gemäuers in, den düsterunbekannien Ort seines Ausganges. *) Die Sekte der Karaiten entstand urn die Mitte des 8. Jahrhunderts. Ihr Gründer A n a n b e n D aw i d predigte die Adle ung der Tradition (Talmud). Eine ähnliche Spaltung'entstand unter den Mohammedanern Sunniten und Schiiten. —. In den neunziger Jahren gab es in Rußland einige Tausend Karäer. In Galizien ließen sie sich vor zirka 600 Jahren nieder, namentlich im Städtchen H a l i c z und widmeten sich dem Ackerbau. Sehr schön behandelte EliseOrzeszk o w a im „Meier Ezofowicz" das Leben der galizischen Karaer, von denen heute nur mehr 50 Familien in Hakicz leben. (Anmerk, der Redakt.) Nicht willig macht der Willd diesen wilden Tanz durch. Spuckende Geister peitschen ihn aus uud iasieu ihn zur ersehnten Ruhe nicht kornrueii. Wohl verstehen sie sein Aechzen und Stöhnen und kennen das Leid des zu Wind, vermöge eines alten Fluches, gelvordeuen Erdenkindes. Doch gilt es eben den Bann zu erhalten u. die einmal verhängte Strafe regelmäßig zu vollstrekken. Ein Mittelding zwischen Tod und Leben sollte sie verbleibe»:, die in dieser Höhle verbannte, den: Diesseits entzogene und dem Jenseits voreuthaltene taraitische Jungfrau und nieinals zur Ruhe gelangen . . . Ihr nach Tod oder Leben lechzender Odem verdichtet sich zum srürinischcn Wind, der sich i»n Zauberrreis Lrampfhaft windet. Ein sich seit Jahrhunderten wiederholendes Marterspiel. * * #■ Aus dem Platze, »vo sich jetzt Dominikanerkaftell und Ruinen nachbarlich gesellen, erhob sich vor Zeiten ein prachtvoller Palast. Von der eitlen Seite an d»:s nahe angrer:zende Troki aulehnend, von der anderen Seite nach den grünbesorstetei» Bergen und üppigbeivachsenen Fluren von Warniki und Baxnichieli hinübergravitierend, ragte das Schloß ernpor. Wohlriechende Obstgärten, majestätische Flora, weite und breite Gefilde, von schattigen Wäldern besäumt, urnrahmten dasselbe. All diese Pracht schenkte eines Tages die Hand des Polenkonigs Kasimir, dem Karaiten E s r a. In Dank und Anerkennung für erfolgreichen ärztlichen Beistand. Denn die Heilkunst war dessen Handwerk. Der Segen Jsak's ruhte nunZiber Flur und Stall. Gottes Odem kreiste über das Schloß. Der Acker bestellt, der Obstgarten gepflegt, das Vieh gefüttert. — Knechte und Mägde wetteiferten in: Ausführcn der Befehle des nenen Schtoßherrn, deffen eigene Hand tüchtig mittat. Doch ohne Stolz und Ueberhebnng lebte Esra. Fromn: schickte er Frühmorgens gegen Himmel seine, der Reinheit der ih»: umgebenden Natur ähnelnden, reinen Gebete. Und ebenso bescheiden und weihevoll betvegten sich die Lippen des Abends, in: Dank zu Gott nach vollbrachter Tagesarbeit. Die heiligen Worte verscheuchten alle bösen Machtgeister, aus daß Ruhe und Frieden herrschen in den Besitzgrenzen des Karaiten. Wenn die Arbeit an Sabbaten und Feiertagen richte, zog sich Esra, die Muffezeit benützend, zu seinen Büchern zurück. Die meisten davon tvaren abschriftliche Kopien karaitischer Religionswerke, die in Dru»k nicht zu haben waren. Sicher und getva»:dt, flog darüber das geübte Äug und das Herz hielt wacker mit, den Sinn nachfühlend. Galt es ja die Lehre der Bibel nach Auslegung karaitischer Interpreten zu erfassen, um sie so zur Lebensregel zu erheben. Bon allen Gütern, mit denen Esra gesegnet war, ist ihm seipe Tochter das Kostbarste gewesen. Seine Frau schenkte ihm keine Sohne und gottergeben fand esich damit ab. Denn reichen Ersatz bot ihn: diese und „besser denn zehn Söhne war sie ihm". Ester hieß sie und, lvie ihre Namensahnin, mit allen Reizen^weiblicher Grazie ausgestattet. Auch eine reichliche Vernunft ward ihr zu Teil. Wie de: im Hohenliede gepriesene Rose von Saron, entfaltete sich Ester. Der Vater Leset und verbreitet die „Jüdische Volksstimme".