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Jüdische Volksstimme · 1919-12-05 · Heft 36 (5.12.1919) · page 6

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XX (1919)
Issue
Heft 36 (5.12.1919)
Date
1919-12-05
Page
– (sequence 6)
Language
German
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reite 6 Nr. 35 Moeecfpondea$a1. Brünn. (Lohnbewegung der Kultusbeamte«.) Unter den jetzigen außerordentlichen Verhältnissen leidet am meisten der Fixbesoldete. Insbesondere trifft dies beim Kiütusangestellten zu, der seit jeher ein Stiefkind des Schicksals und ein Begriff des Elends war, was nicht verwunderlich ist, wenn man bedenkt, daß er nur von der Gnade oder Ungnade einzelner Kultusvorsteher abhängig ist, die weder Herz noch Sinn für das Leid ihrer Angestellten haben. ES gibt wohl Kultusgemeinden, die den jetzigen Verhältnissen Rechnung tragend ihnen eine angemessene Gehaltsregulierung gewährt haben. Doch der Vorstand der Brenner Kultusgemeinde hat dieselbe vor seiner Wahl als eine seiner ersten Aufgaben erklärt, hat sich näch zahllosen Urgenzen endlich dazu entschlossen, den Beamten einen fertigen Entwurf vorzulegen, welcher von denselben abgelehnt wurde, da man sie bei der Ausarbeitung desselben trotz wiederholten Versprechens nicht zu Rate gezogen hat. Andrerseits läßt derselbe jedes Schema und Prinzip, nach dem vorgegangen wurde, vermissen. Er ist nichts anderes als ein willkürliches Aneinanderrcihen von Zahlen und weist sogar zum Teile Rechtsverkürzungen gegen den bisherigen Zustand auf. Wien. Am 16. d. M. fand im türkischen Tempel die Barmizwafeier des Moritz Morgenstern, einzigen Sohnes des OberkantorS Josef Morgenstern, statt. Der Konfirmand hat nicht nur den Abschnitt in der Thora, sondern die ,,Haftora" in alt traditioneller weise glänzend vorgetragen. In der Wohnung des beliebten Oberkantors erschien eine Anzahl Gemeindemitglieder, sowie der Bethausvorstand mit dem Präsidenten Doktor Markus Spitzer, welcher im Namen des Kultus- und Bethausvorstandes den Barmizwa und dessen Eltern in einer herrlichen Ansprache gratulierte. Nachdem der Ehrenpräsident des Kantorenvereines, Oberkantor Bauer,^. das Kiduschgebet rezitierte, hielt der Konfirmand eine erhebende Ansprache, welche allgemeinen Beifall fand. Im Namen des Kantorenvereines gratulierten Präsident Fuchs, Vizepräsident Löwit. Unter den Gästen befand sich Rabb. Dr. Grunwald, Prof. Dr. Kraus, die ׳Sekretäre Dr. Emil Adler, Emil Pngel, Fuchsgelb, Vorsteher Dr. Münz, Erster Kantor Jurberger, Oberkantor Kaufmann, Oberkantor Giblichmann, KantorSiift und viele Andere. Aomorn. Donnerstag, den 20. d. M., fand -hier die feierliche Amtseinführung des neuen Oberrabbincrs unserer orthodoxen Gemeinde, Rabbi Moses Deutsch statt. In der festlich geschmückten' Synagoge richtete Herr Simon Ehrenfeld nampns des Vorstandes und der Gemeinde herzliche Begrüßungsworte an den neuen Rabbiner. Hierauf hielt unser neuer Herr ״Oberrabbiner eine längere, nach Form und Inhalt gleich meisterhafte Antrittspredigt, die auf die versammelte Gemeinde tiefen Eindruck übte. Abends fand ein Festessen statt, das einen überaus stimmungsvollen Verlauf nahm und wobei viele erlesene Thoraworte gesprochen wurden. Am darauffolgenden Sabbath hielt unser Herr Oberrabbiner wieder eine erhebende und zu Herzen dringende Predigt in der Synagoge. Lvrchon. (Eine Organisation des jüdischen Han׳- dels.) Die jüdischen Zeitungen Londons veröffentlichen den Ausruf einer . Anzahl bedeutender jüdischer Handelshäuser zur Begründung einer jüdischen Handelskammer in London. Die Neugründung soll dazu dienen, die jüdischen Handelsbeziehungen mit den großen Nationen der ganzen Welt zu fördern und zu entwickeln. Unter den Unterzeichneten des Aufrufes befindet sich eine große Anzahl der bekanntesten kaufmännischen Persönlichkeiten der Londoner Geschäftswelt. Literatur. ״Irischer Religionsunterricht" Reflexionen, von Professor Dr. M. Rosenfeld, R. Löwit, Verlag, Wien und Berlin1S19, Preis K 3. . Eine mit den Wiener Schulyerhältnissen durch praktische Erfahrung besonders vertraute Persönlichkeit bespricht in vorliegender Schrift den gegenwärtigen Stand des Religionsunterrichtes an den Volks- und Bürgerschulen, sowie den höheren Lehranstalten und unterrichtet in höchst instrüktiver Weise über alle jene Fragen, die für den Ausbau und die Reform dieses wichtigen Unterrichtszweiges in Betracht kommen. Nicht nur die Lehrerkreise, sondern auch die Eltern, deren Kinder in den Religionsftunden den Hauptteil ihrer moralischen Erziehung erhalten sollen, werden sich für diese mit großer Sachlichkeit und Ernst verfaßte Schrift zu intereffieren hoben. Probleme Äes Judentums von Rafael Seligmann. R. Löwit, Verlag, Wien und Berlin 1910. Preis gehestet K 16.-־״, gebunden K 20.—. Ein gedawkentiefes Buch,, das nicht an Oberflächlichkeit haftet. soudern mit aller Schärfe des philosophischen- Geistes den Dingen auf den Grund sieht. Der Komplex der aufgerollten Fragen umfaßt keineswegs die Tagesprovleme des Judentums allein, die in aller Mund find. Die Denkgesetze des jüdischen Geistes, die Urkräfte seiner spezifischen Weltanschauung erfahren hier durch einen in allen philosophischen Disziplinen geschulten Denker, der zugleich ein Künstler ist, lichtvolle und formenstarke Würdigung. Christentum und Judentum, Monismus und Monotheismus, die Lehren Spinozas, Schopenhauers, BergasonS, Prophetie- und Meffianismus, dies alles wird in einer Reihe von Einzelbetrachtungen, die in ihrer Gesamtheit ein auf festem Boden gegründetes Gedankengebäude errichten,. zum AuSgangspunkte tiefschürfender Erörterungen gemacht. Es ist ein schönes Buch nicht bloß dem Aeußeren nach, und es wird jedem, der mit Ernst und Verantwortungsgefühl an die Probleme unserer Zeit herantritt, schöne und fruchtbringende Stunden der Lektüre verschaffen. Heinrich Margulies: ״Kritik des Zionismus." 1. Teil: »Volk und Gemeinschaft." R. Löwit, Verlag, Wien und Berlin. Preis geheftet Mark 8.—. Mit diesem Buche wird zum erstenmale der Versuch unternommen, das ganze Gedänkengebäude des Zionismus umfassend darzustellen und gleichzeitig eine Art Geschichtsschreibung der jüdischen Bewegung zu geben. Der vorliegende erste Teil enthält den Aufbau der gedanklichen Grundlagen und eine längst erwünschte Klarstellung strittiger Begriffe. Eingebettet in die Gedankengänge der modernen Philosophie und Soziologie bietet er den Entwurf eines soziologischen und sozialethischen Denksystems, wie es großzügiger- und umfassender kaum vorgestellt werden kann. Wer den Zionismus nicht nur als eine Summe praktischer Bestrebungen kennen lernen will, wer darüber hinaus die geistigen Wurzeln dieser Bewegung erfassen und sich aus ihnen eine harmonische, abgeschlossene Weltanschauung bilden will, wird von diesem Buche ausgehen müssen. Dr. L. Weinberg: ״DaS jüdische Palästina". Die׳ soeben im Verlag ״Jüdische Rundschau" erschie!׳ ne Schrift gibt, von der englischen Deklaration vom 2. November 1917 ausgehend, ein Bild von den politischen Zielen des Zionismus, wie sie durch die umwälzenden Ereignisse dieser Zeit Gestalt gewonnen haben und durch die Arbeit für den Aufbau des jüdischen Palästina in die Wirklichkeit sich umzusetzen beginnen. Die Bedeutung dre jüdischen Arbeit der letzten 30 Jahre iw Palästina wrtd in das rechte ׳Licht gerückt und die Entwicklung der Palästinensischen Verhältnisse in der Kriegsperiode, besonders nach der englischen Besetzung, zum Ausgangspunkt genommen für eine Darlegung der großen Möglichkeiten und der daraus sich ergebenden Aufgaben in wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Beziehung, die in absehbarer Zeit zu einem starken jüdischen Volkszentrum führen müssen. Die Schrift orientiert über die großen Probleme, die durch den bevorstehenden Aufbau des Landes aktuell geworden sind, Probleme, die das Land stellt und die durch die Besonderheit des künftigen Menschenmaterials aufgeworfen werden und weist auf die besonderen Lösungen, die aus der Zusammenstimmung von Volk und Land sich erge ben, hin. Hervorgehoben seien in dieser Hinsicht die Abschnitte über die palästinensische Landwirtschaft und über die Rolle, die voraussichtlich die intensive Garten Wirtschaft in' der Entwicklung des jüdischen. Palästina spielen wird, wobei die besondere Bedeutung berührt wird, die dem Gartenbau für die Schaffung einer ge sunden Verbindung städtischen Lebens mit ländlicher Betätigung zukommt. In dem Abschnitt über den kulturellen Aufbau wird die Tätigkeit des neuen nationalen Unterrichtsausschuffes (Waad hachinuch) als eines Wahrzeichens für die kommende Entwicklung herausgehobep und auf die Vorarbeiten aufmerksam gemacht, die der Schaffung der jüdischen Universität in Jerusalem gewidmet sind. Abraham Map«. (Schluß.) Alles ist geschäftig, fleißig. Alles jubelt» Kinder schütten den Inhalt der Körbe in den Krützen und Lastträger führen es in die Keller. Da sprechen zwei Kelterer zu einander: Schau den rötlichen perlenden Wein! Der Zweite: Ein göttlicher Trank, fürs GotteS- Haus bestimmt. Ach wie süß er ist! Die Kelterer, darauf: Hedad! Hedad! Belebender Wein der aufs Altar kommt, von welchem Greise trinken, um sich zu ver- *jünger». Liebende um sich dadurch zu erheitern. Mittag. Alle sind müde und zerstreuen sich hie und da, um sich in anständiger Weis? zu unterhalten- Da steigt eiü Jüngling den Baum hinan, stürzt hinunter und es wird gelacht. Dort verfolgt ein Mädel einen Jüngling, der sie zu derb angesprochen. Mit einen Weinstock erhascht und züchtigt sie ihn, indem sie den Weinstock an seinen Wangen zerdrückt und sein Gesicht »avon ganz rot wird. Darüber lachen wieder öfc Hir״ ttn. So ging cs bis zum Mittagmahl lustig zu. (Kap. 6.) Wie naturgetreu dies ist! Obgleich er nie ein solches Bild zu sehen bekam, ist die Schilderung so leb- Haft und naturgetreu, daß es uns bedünken will, ein zeitgenössischer Schriftsteller schildert uns die altjüdische Weinernte ohne irgend ein Detail auszuläffen. Wie und präzis ist Lokal und Zeitfarbe gehalten. Es wimmelt nicht von Naturschilderungen in den No-- manen Mapus, allein alle sind durchaus reizvoll und romantisch.-׳ Ät!o un Jahre 1852erst hat Mapu sein Manuskript nach Wilna geschickt. Ungeduldig erwartete et das Erscheinen. Tatsächlich bedeutete es auch ein Ereignis so- Wohl für ihn als für die hebräische Literatur, welches durch diese romantische Schrift eine Bereicherung erfuhr. Es begann auch damit eine neue Epoche in dein belletristisch hebräischen Schrifttum. Gewisse Literaturkritiker wollen sogar darin einen Faktor hinsichtlich der Förderung und Einführung weltlicher Kultur unter den Juden Rußlands sehen, indem es sie mit einem Schlage aus der Didaktik und den Pilpül heraus in eine andere Welt brachte. Es erwachte auch von nun an eine neue Liebe, zum Naturleben und Ackerbau unter der dortigen Judenschaft, eine Begeisterung für Zion und der jüdischen Glanzzeit, die schon ganz verblaßt gewcsen war. Wie es in Fanatikerkreisen ausgenommen wurde ist leicht begreiflich. Es wurde ganz einfach verbannt. Allein welchen Enthusiasmus hatte es unter den Aufgeklärten Scharen ausgelöst? Ein Mapurazenzent beschreibt uns die Wirkung ungefähr folgendermaßen: Das Leben der Umgebung, das Leben des Alltags war düster und finster, der Gesichtskreis der Ghettokindcr äußerst beschränkt. Was alles beherrschte, war die allmächtige hirnverbrannte Pilpülistik, oder höchstens ein Minimum praktischen Wissens, welches auf den Lcbensmarkt irgend einen praktischen Wert repräsentiert. Kurz entartetes und mumienhaftes jüdisches Leben, und nun zeigte Mapu ganz andere Bilder, Bilder einer lebensfrohen Vergangenheit, natürliches menschliches Leben ,er zeigte. wieder Liebe, Eifer und sonstige menschliche Leidenschaften und. Gedankentrieüel — Also Leben ohne Pilpul und Schulchan-Bruch" . . . Wollen wir gegenwärtig den ״Ah Wat Zion" kritisch und efthetisch beurteilen, so müssen wir wohl feststellen, daß wir es hier nicht um einen erstklassig artistischen Roman zu tun haben. Berücksichtigen wir aber die gezeitigten Wirkungen: Ein Erwachen der Liebe , zur modernen Kultur (eine Sache, welche uns damals so sehr fehlte), zur hebräischen Sprache und unserem Heimatslande, so muß die Veröffentlichung dieses Bu. - ches als erstklassiges Ereignis erachtet werden. Es ist gewiß von Interesse zu wissen, vorn wen: eigentlich Mapu beeinflußt wurde. Auf Grund der uns vorliegenden Informationen muß festgestellt werden, daß es die damaligen Meister des französischen Nomans und zwar: Viktor Hugo, Eugesi Sue und Dumas . waren, welche ihm nach dieser Richtung hin als Vorbilder dienten. Es wäre aber verfehlt, wenn man cmnehmen wollte, daß diese Behauptung auch außer Form und Aufbau auf das innere Wesen des Buches Bezug und Geltung hat, denn der behandelnde Stofs ist durch- Wegs jüdisch und eigenartig mapuanisch. Und doch, wie loar die Aufnahme des Buches bei den »modernen Zeitgenossen und sogenannten Fachgenossen?" Wie bedauerlich es sein mag, so mutz doch festgestellt werben, daß keiner der Zeitgenossen es verstand das Buch seinem inneren Werte nach zu würdigen. Pie Geheimnisse von Paris des Sue, eine Lieblingslektüre der entarteten ״Halbwelt" in-der hebräischen Uebersetzung Schulmanns hat einem Großteil der damaligen hebräischen Literaturfreunde. besser gemundet! Und so hätte das Bucv vielleicht nicht jenes Ansehen gefunden, welches es un- * bedingt verdient, stünde nicht ein Mann wie Percz Smolenski auf der es erst nach Gebühr ja (in feiner Verzückung viel darüber) ausgezeichnet hatte. In seinem monumentalen Roman ״Hatoeh Bedcncker Ha- Chaim" läßt er sich darüber folgendermaßen aus: Weißt du -davon, daß uns den größten Gebus eine wissensreiche Schrift bereitet? Ja, daß wir erst menschliches Sinnen undStreben, zu begreifen vermögen? Le se den Ahawat Zion und Du wirst das Menschen-. Treiben erst recht begreifen lernen. Freilich nicht jedermann versteht die Dinge gründlich, und war so froh gestimmt, indem er die einstigen Propheten reden hörte. Neber die Predigten Jeseias werden sich die Biederen gefreut haben, wie wieder die Gottlosen darüber "nur empört werden mußten. Auch bei Mapu verhält eß sich . nicht anders. Wer reinen Herzens ist, und vo» Diner Sünde zu Boden gedrückt wird, wird von Mapu ist die Höhe geschwungen, dagegen die Sünder, welche nicht zu fliegen vermögen, am Boden kleben bleiben,. und ihn mit Staub bestreuen, der ihn aber nichts anhaben

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