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Jüdische Volksstimme · 1919-12-05 · Heft 36 (5.12.1919) · page 4

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XX (1919)
Issue
Heft 36 (5.12.1919)
Date
1919-12-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Srite 4. vslk-sttmme" Nr. 3a. iliiftdjcAatt Die jüdische Situation in Odessa. Das Londoner jüdische Korrespondenzbüro bericbtet aus Odessa: Nach dem Abzüge der Bolschewik! hat das Leben in Odessa wieder normale Formen anzunehmen begonnen. Man׳ verdient viel, aber das Geld hat seine Kaufkraft eingebnßt. Die größte Sorge bereiten aber die ״schwärzen Hundert", die zu neuer Tätigkeit erwacht sind. Da in der Stadt nur wenige Truppen vorhanden sind, haben die »schwarzen Hundert" freien Spielraum für ihre verbrecherische Tätigkeit, v sind selbst viele Fälle zu verzeichnen, wo Juden am Hellen Tage auf den Straßen erschossen wurden. Banden dringen in jüdische Häuser ein, tvählen sich ihre Opfer und bringen sie auf die Straße, wo sie niedergeschossen werden. Sie haben keine Bestrafung zu furch- , ten, weil das wenige Militär, das sich in Odessa befindet, mit ihnen sympathisiert. Ein jüdisches Komitee, das sich zur Verteidigung der jüdischen Bevölkerung begründet hat, hat ztoar von den Behörden die Zusage ihrer Unterstützung erhalten. Es bleibt aber abzuwarten, ob dieses Versprechen gehalten werden wird. Die Ausschaltung der russischen Jusden aus der Politik. Der bekannte russische Politiker V. Schulginim ״Kijewljanin" schreibt: »Die jüdischen Politiker haben uns Russen weit mehr Unglück gebracht als selbst den Juden, aber es ist klar, daß ihnen ein einziger Weg offen bleibt: Der Weg des vollständigen Verzichtes der Juden auf politische Betätigung in Rußland. Für alles was Juden in Rußland unternommen haben, von Fruhmann bis Äronstein müssen siH alle schämen. WiH müssen nunmehr mit den Juden, abrechnen. Wir legen' den Juden eine Minimalrechnung vor. Wenn die Inden sie nicht honorieren, werden sie später weitmehr zu bezahlen haben." Die jüdische Kommission nach der Ukraine. Im Namen der Jto, die bekanntlich gleichzeitig 1nit anderen jüdischen Organisationen von der ukrainischen Regierung zur Bildung einer Untersuchungskorn׳!:״ . aufgefordert worden war, schreibt Zangwill an die Pariser ukrainische Delegation, daß er durch Krankl)!׳! verhindert sei, sich nach der Ukraine zu begeben. Er schlägt Dr. Jochelmann vor, und erklärt in dem Schreiben, daß er von dem guten Willen der ukrainische! Regierung die Pogrome zu unterdrücken überzeugt sei Die Pogrome würden, wenn fie fortdauern würde den ukrainischen Staat ebenso vernichten wie.ihre schen Opfer. Die englischen Juden und der Krieg. Unter Vorsitz des Abgeordneten Major Lionel d. Rothschild, hat sich ein. Komitee gebildet, in dem alle jüdischen Organisationen Englands vertreten sind an: das den Zweck ha^ ein religiösen Zwecken gewidmetes Institut zur Erinnerung an die jüdischen Opfer des Krieges zu errichten. Von der Million Pfund, deren Sammlung das Komitee beschlossen hat, hat es bereits SO Tausend Pfund (mehr als eine Million Frm1cc> aufgebracht. Die jüdischen Soldaten und der TituSbogen. - Eine merkwürdige Frage, so wird der ״Frankfurter Zeitung" aus Rom berichtet, ist anläßlich der Siegesfeier des italienischen Heeres aufgetaucht und ursprünglich auf den 4. November geplant war, aber dann wegen der Parlamentswahlen vorläufig verschoben worden ist. Den Höhepunkt der Feier soll eine Beranstaltung historisch-römischen Charakters bilden, die Ab- Ordnungen des italienischen Heeres sollen vom KonstantiuSbogen aus am Kolosseum vorbei über die Bia sacra des Forums zum Kapitol ziehen. Schon sieht man einen breiten hölzernen Laufsteg vom Bogen des Septimus Severus nach dem kapitolistischen Hügel errichtet. Der Zug muß, um aufs Forum zu gelangen, in Südosten den Bogen des Titus passieren, der die Eroberung von Jerusalem perherrlicht und auf dem linken inneren Relief den Zug der im Triumphe geführten Juden mit der Beute aus dem Tempel von Jerusalem zeigt, dem siebenarmigen Leuchter, dem Schaubrot-Tische und den Schofar-Posaunen. Nun deröffentlicht das »Giornale d'Jtalia" die Zuschrift eines christlichen Lesers, die Juden hatten geschworen, niemalS durch diesen Bügen, der zur Erinnerung an die Schmach ihres Volkes errichtet wurde, hindurchzugehen, und man könne -och nicht den jüdischen Soldaten, die ihre Pflicht gegenüber ihrem italienischen Vaterland erfüllt haben, so etwas zumuten. Die Sache wird wob? damit enden, daß man den jüdischen Soldaten es anheimstellen wird, ob sie sich an dem Zug beteiligen. Für den in Italien herrschenden Zug der Toleranz, in einer Zeit, wo fast in allen Ländern eine üppige neue Blüte des Antisemitismus zu beklagen ist. bleibt die kleine Zuschrift aber bezeichnend. Bon Rumäniens Jndenpolitik. Wie ernst es der rumänischen Regierung mit der Durchführung der Gleichberechtigung der Juden ist. geht aus einem streng vertraulichen Erlaß hervor, den die Bukarester Zentralregierung an die Regierung in Hermannstadt gerichtet hat und in dem folgendes tmgeordnet wird: Alle Juden, die nach dem Jahre 1900 auf siebe»,- bürgischcs Territorium gekommen sind und dort keinen Grundbesitz haben, sind auszuwcrfen. Diejenigen Juden, welche der im Hinblick auf diese Bestimmung erlassenen zweimaligen Aufforderung zürn Ver lassen des Landes nicht Folge leisten, sind samt ihrer Familie aus dem Lande zu entfernen, ihr Vermögen ist zu konfiszieren. ' Am Schluffe des Erlasses wird bestimmt, daß von den aus den verschiedenen Behörden des ungarischen Staates übernommenen jüdischen Beamten ein Treueid n i ch t zu fordern ist. Sollte ein solcher bereits abgelegt sein, so wird er für ungültig erklärt. Diejenigen jüdischen Beamten, deren Dienstzeit weniger als 1ü Jahre beträgt, sind mit einem dreimonatlichen Gehalt abzufertigen und zu entlassen. Die Tätigkeit der v! bleibenden, jüdischen Beamten ist durch ein ganzes Jahr mit der größten Aufmerksamkeit zu überwachen. Bon der Pestcr Israelitischen Religionsgemeindr. Die 133 Tage währende Sovjetherrschaft hat die Pefter Israelitische Neligionsgemeinde in einer Weise materiell geschädigt, daß es ungeheurer Anspornung bedürfen wird, ihre Finanzen in Ordnung zu bringen. iDe Gemeinde strebt deshalb eine Reorganisierung ihres bisherigen Besteuerungsshstcms an, das sich auch früher schon als unzulässig erwiesen hat; sie will auf das Gebiet der Selbstbemeffung der Steuern übergehen, das heißt, es jedem Mitglieds anheim stellen, im Bewußtsein seiner Pflichten als Jude, selber die Höhe der Beiträge zu bestimmen, die cs für die Gemeinde leisten will. Daneben soll eine Dezentralisierung der Gemeindeagenden durch den, Ausbau des Bezirkssystems die Schaffung von Bezirksausschüssen erfolgen und auch energisch an die Beseitigung des immer fühlbareren Mangels an Tempeln geschritten werden. So sollen.schon in kürzester Zeit in drei Bezirken neue Gotteshäuser erbaut werden. , Verlegung her zionistischen Verwaltungsorgane nach Jerusalem. ' Die jetzt in Palästina weilenden zionistischen Führer, Weizmann und Ussischkin, sind bestrebt, die bisher in Jaffa sich befindlichen zionistischen Verwaltungsbehörden, wie z. B. den «Waad Hazirim" und den «Waad Hazmani" nach Jerusalem zu verlegen. Sie wollen auf diese Weise Jerusalem sowohl zum geistigen als auch politischen Zentrum des jüdischen Palästina machen. Der «Hapoel Hazair" tritt gegen diese Bestrebungen der zionistischen Führer aufs schärfste auf und drückt die Befürchtung aus. daß die Zionisten die Jerusalemer nicht beeinflußen würden, folgern im Gegenteil unter deren Einfluß geraten dürften. Organisation heS jüdischen Proletariats in Frankreich. Wie die ״Humanite" meldet, ist auf Anregung ei- Niger jüdischer Intellektuellen in Paris eine Organisation des jüdischen Proletariats Frankreichs yegründet worden. Sie bekennt sich zu den Grundsätzen des internationalen Sozialismus radikaler Richtung und bezweckt die Sammlung und Aüfmunterung der jüdischen Arbeiterschaft zum Kampf für die ׳ vollkommene, soziale Befreiung der jüdischen Arbeiterklasse im Nahmen des internationalen Proletariats. Die Verabschiedung von jüdischen Offizieren in Rußland. Der in Rußland erscheinenden Zeitung «Die letzten Nachrichten" entnimmt die ״Jstvestija" (Zentralorgan der russischen kommunistischen Partei) die durchaus nicht unwahrscheinliche Meldung, daß der Generalstab der freiwilligen russischen Armee den Befehl gab. alle jüdischen Offiziere zu verabschieden. Betreffs der jüdischen Soldaten ist ein besonderer Erlaß zu erwarten. - Orthodoxe Tageszeitung in Warschau. Im Handelsregister deS Warschauer Kreisgerichtes wurde eine Kommanditgesellschaft mit einem Kapital von einer Million Mark unter dem Namen «Jisroel" registriert, deren Kapital -ur Herausgabe einer TageSzeitung bestimmt ist. Diese Kommanditgesellschaft wurde von der «AgudaS Haorthodoxim" gegründet. Drr Bannsprach gegen die Lebensmittelhändler in Wien. In Wien wird zurzeit das Eintreffen einer neuen Sendung von Lebensmitteln a»s Amerika erwartet. Das veranlaßt die österreichischen Rabbiner zu einer feierlichen Maßnahme, die sonst nur in den großen Momenten der jüdischen Geschichte getroffen wurde, die aber hier mit Rücksicht auf die antisemitischen Gtimmungen und die Hungersnot in Wien Wohl angebracht erscheint. Der Bannspruch lautet: »Im Sinne unserer Brüder, der mitleidigen Volksgenossen aus-Amerika, welche sich unserer armen europäischen Brüder annehmen und uns Lebensmittel geschickt haben, finden wir uns verpflichtet, ein Ver.׳ ׳ und ein vollständiges Anathema (״Cherem") gegen die Lebensmittelcmpfänger auszufprechen, welche sich nuterstehen sollten, diese Lebensmittel, sei es teilweise, sei es im ganzen zu verkaufen. Sie dürfen fie nur für sicli und ihre Hausgenossen verwenden. Alle dieses Verbot Uebertretenden werden unweigerlich unserem Bann untcrfallen." Wer ist der Ritualmordprofeffor Tscherbak? In Polen machen jetzt die Vorlesungen dse «Professors" Tscherbak über den Ritualmord viel böses Blut, die er in Warschau gehalten hat, und in denen ec vor einem großen Publikum, zum Teil mit bildlich - Darstellungen ״bewies", daß zwar nicht alle Juden, wohl aber ein Teil, eine Sekte, des christlichen Bluts zu religiösen Zwecken bedarf. Wer ist ..Professor" Tscherbak? Wir erfahren darüber aus dem ״Czenswchauer Tageblatt" folgende charakteristische Einzelhciten: Vor ungefähr zwei Jahren kam nach Czenstochau ein Herr, der sich den Namen Professor Tscherbak beilegte. Sein Profeffordiplom hat zwar niemand gesehen, aber er hat sich jedenfalls so titulieren lassen. Dieser Titel ermöglichte ihm auch einen Verkehr mit den hiesigen polnischen Kreisen. Zuerst befaßte sich Tscherbak niit öffentlichen Angelegenheiten, hatte, aber keinen Erfolg. Dann ließ er in Zeitungen annoncieren, daß er eine Tanzschule eröffnet hat, in der er rhythmische, plastische und allerlei andere Tänze lehrt; außerdem unterrichte er auch in Gesang. Auch Stimmbildung. Klavierspiel, Gymnastik, Deutsch, Spiritisrnus, kurz, alles was man wollte, konnte man bei Tscherbak lerneu. Alle diese Gegenstände haben ihm jedoch zu wenig eingshracht und er trat als Lehrer der Gymnastik ins jüdische Gymnasium ein. Er führte hier die gymnastischen Uebungen, für die er siH die Kommandoformeln in hebräischer Sprache einpaukte, außerdem studierte er mit' den Kindern die ״Hathikwah" ein, ja, er kündigte schon seine baldige Ueberfiedlung nach Palästina an. Infolge dieser Tätigkeit in den polnischen Kreisen der Provinz ״kompromittiert", übertrug er sein ״Arbeitsfeld" nach der Hauptstadt Polens — nach Varschau — und hält jetzt Vorlesungen über Ritualmord bei den Juden. — Das ist einer, der in Polen Karriere macht. Palästina als Rohstoffgebiet. Die Handelsbeilage der ״Times" besprach kürzlich die wirtschaftlichen Aussichten Palästinas. Rach eingehender Behandlung der noch vorhandenen landtzjrtschaftlichen Möglichkeiten wird auf die im Land befindlichen organischen und mineralistischen Rohstoffe hingewiesen. Das Land erzeugt bedeutende Mengen feinsten Olivenöls, das außer zu Speisezwecken auch für den Export und zur Fabrikation vorzüglicher Waschseifen Verwendung findet. Der berühmte australische Eukalyptus gedeiht in Palästina vorzüglich. Der Maulbeer- ׳ bäum ist dort ebenso wie in Syrien heimisch und ermöglicht eine ausgedehnte Seidenkultur. Zuckerrohr und Baumwolle können in den subtropischen Jordan- Niederungen stark vermehrt werden, wennn auch die große Nähe Aegptens mit seinen ausgedehnten Baumwoll- und Zuckerrohrplantagen eine solche Kultur in Palästina benachteiligen müßte. Alle diese Reichtümer sind noch starker Vermehrung und Verfeinerung fähig und bieten für die Gründung entsprechender Jndustrieen aussichtsreiche Möglichkeiten. Was den Mineralreichtum Palästinas anbetrifft, so ist die geologische und namentlich mineralogische Struktur des Heiligen Landes noch eine ziemliche «terra incognita". Immerhin soll daran erinnert werden, daß Palästina einst eine stark ausgebaute eigene Metallindustrie besaß und daß auch heute dem Touristen fast überall Schwefel-, Gips- und Quarzlager begegnen, auch Alabaster ist nicht sel- . ten. Ausgedehnte Schichten von Pottasche, verschiedene Brom- und Jodzusatnmensetzungen sind neben Petroleumquellen an den Abhängen des Toten Meeres vor- Händen. Die Asphaltmaffen im Judäischen Gebirge und am Toten Meere ermöglichen in der Zukunft eine ein- . trägliche Industrie. Auch PhooSphatadenr und Basaltsteine kommen in bedeutenden Mengen vor. Der Ba- ״CbMvkkibdtttNftitr ü m. Bicklr verlas Brink.

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