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Jüdische Volksstimme · 1919-12-05 · Heft 36 (5.12.1919) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XX (1919)
Issue
Heft 36 (5.12.1919)
Date
1919-12-05
Page
– (sequence 2)
Language
German
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.2 •ויי*י• ״ISdtschr Bolksstrmme' 36 .•"י find. Läßt man hiedurch die Juden nif»l ihren Geist berkümmern, wenn man ihnen einredet, daß das He- Lräisch-Lernen keine ..Notwendigkeit" ist. daß das Jiddische allein auch genügt? Das Jiddische — die Sprache und Literatur — nt׳ nur ein Teilchen und zwar hauptsächlich ein formeller Teil des Judentums; die Seele des Judentum?, ist ft:־ brätsch. Die Quelle unseres Geistes ist das Hebräische. Die Bibel, diese ewig jungen Bücher der heiligen Sprache, die Bibel, ihre Sprache und unsere Seele, find eine unzertrennbare Einheit. Das ganze jüdische Volk leben ist ein Streben zum Siche mporheben, zur Vervollkommnung, zur Thora. Die Mutter singt ihrem Kinde: Du wirst Thora lernen — dies ist ihr höchster Wunsch. Und dies ist die in'S Blut eingeimpfte Sehnsucht nach unserer großen Kultur. Unser melancholifches Lied im GoluS, unsere religiöse Begeisterung, — unser ganzes jüdisches Innenleben — dreht sich um die Thora, die heilige Sprache und — Erez Israel. , Weil Erez Israel — Zion die Geburts- und Ent- Wicklungsstätte des ju0l,cyen Geistes ist, Zion das Symbol des geistigen Höhepunktes, der jüdischen Freiheit, Zion die erhabene Vergangenheit und Zukunft, die im Golus unbefriedigte jüdische Sehnsucht. Die Liebe zu Zion ist die Liebe zur Freiheit, zur erhabenen Größe. Ohne diese Liebe gibtS keine jüdische Seele, die jüdische Seele verliert ihren wesentlichen Inhalt. 4 # # Ist die zionistische Landesarbeit positiv? Im großcn Maße — nicht. Wir bekämpfen hauptsächli׳- die Afsimilanten. Warum das? Weil unsere Zionisten zumeist mit den Assimilanten, aber nicht mit dem jübischen Volke sprechen können. Lasten wir die anderen Parteien in Ruhe; nicht sie dürfen das Hauptziel unserer Tätigkeit bleiben. Was Not tut, ist eben positive Arbeit. Die Lie«׳>׳ zum Volke, die Annäherung zu ihm mit Sprache und Geist. Fort mit jedem Dogmatismus! Nichts Jüdisch׳ soll uns fremd sein! Ein warmes jüdisches Wort — gesprochen oder geschrieben — in hebräischer oder jiddischer Sprache, erobert für uns die Herzen; schon dieseS allein spornt das angerufene Volk zum täli-mn Zionismus an, denn das Judentum allein ist der Boden, dem der Zionismus entspringt und auf dem die zionistische Tatausreift. Eine große Durchgeistigung tut not, nicht ein Theoretisieren, dies genügt keines« falls. Unsere ganze Tätigkeit, die Agitation muß im Namen des Judentums und nicht des modernen Zionismus geführt werden. Selbstbewußtes Judentum, das allein ist schon Zionismus. Man muß tief in die Maste eindringen, um sie den Höhen des Selbstbewußtseins mit der Kraft ihrer eigenen Herzen zuführen zu " können. Was uns nottut ist einzig und allein das Sichselbstbewußtwerden über die im Volke vorhandenen inneren Werte. Feuer, Geist, Herz — übergroß sind diese Schätze, die in der Seele der jüdischen Voirsmassen verborgen sind. Man muß drinnen im Golus sein, oder notwendigerweise in den Golus eindringen, um erst aus ihn hervorgehend, den Weg zum vollkommenen Judentum siegreich betreten zu können. Man muß unbedingt dürch die Schale, den sögenannten Jargon zum Judentum durchdringen. Dieser geschmähte Jargon, das ״Jiddisch" ist der SAutzwall des Hebräischen, des jüdischen Geistes, der ~ jüdischen Volksmaste. Zur Lage. Bon I. Soker, Jaffa. (Aus ״Hapoel-Hazair", Heft 27.'! Im letzten Rundschreiben des Aktionskomitees der zionistischen Organisation an alle zionistischen Föderationen, das wir im vorigen Hefte veröffentlicht hatten, wurde wiederum die Mahnung zur Geduld und zur Beruhigung der Gemüter in der jüdischen Welt erhoben, die von Ungeduld und fiebernder Erwartung erfüllt ist. Der Ton, in dem die Worte gesagt sind, ist sehr eindringlich und ernst, die Beweisgründe äußerst logisch und klar. Liegt aber in diesen Worten ein Trost für die leidenden Masten des jüdischen Volkes, die von der Schwelle des Verderbens ihre Augen zum letzten Rettungsanker erheben — nach Palästina? Können sie und können wir einen Trost finden, wenn dieselbe barmherzige Hand, die einerseits die letzten Qualen des Galuth erleichtern will, auf der anderen Seite mit Strenge vorgcht und uns zu Untätigkeiten, zum Schlietzen der Grenzen, zum Aufhalten der Einwanderung verurteilt? Geduld, Geduld — doch wo ist Geduld? Da wo das Master an die Kehle kommt, ist die Mahnung zur Geduld ein bitterer Hohn, wo alles der Zerrüttung, dem Ruin entgegengeht, ist das Versprechen auf «nahe Erlösung", wo man keinen Anfang, auch keine Spur von einer Tnt merkt, nicht mebr, als ein angchnngteS Glaubensbekenntnis, das doch am Schluste eines jeden Gebetes mechanisch abgelegt wird. Kann man sich denn mit dem alten Liede trösten, das uns schon seit zwei Jahren immer wieder ertönt: ״Verbirg dich noch ein Weilchen, bis der Zorn sich gelegt hat!?" Können wir uns trösten, wo Zions Pfade einsam trauern, wo in Konstantinopel Hunderte von Einwanderern vor Hunger verkommen, ohne daß ihnen die Möglichkeit gegeben ist, ihr Ziel zu erreichen, wo in Holland, Oesterreich, Italien und anderen Ländern Hunderte von jungen Chaluzim ratlos stehen, weil die Tore Palästinas vor ihnen verschlosten sind? Und tvir bier, im Lande, sollten wir uns in der Stickluft, in dem Drucke von innen und außen, in der uns umgcbenden Ocde, bei dem Mangel an Arbeit und Schaffen, wo die kleine Schar der Arbeiter zur Untätigkeit vcrurteilt und den! Hunger ansgeliefcrt ist - sollten tvir uns angesichts dieser Lage trösten? Wir wissen nicht, wer uns das Gebot der Geduld auferlegt, nicht, wer uns bei unserer palästinensischen Arbeit dies Schweigen gebietet, — ob es durch die äußere Lage gegeben ist, die man nicht ändern kann, oder durch ein wohldurchdachtes Arbeitssystem. Für uns ist jedenfalls die ganze Lage durchaus kein bloßer ״Nervenkitzel". Erregung und Ungeduld quellen hier nicht aus einem Drange nach Neuern, nach einer Lofung, ans dem Wunsche, den letzten Akt eines intecessanten Schauspiels kennen zu lerne«. Es handelt sich hier uut rinsere tiefste und brennendste Lebensfrage, die die Kompetenzen einer ״StaatsweiShcit" außerhalb von uns nicht berührt. Die zionistische Organisation, und wir mit ihr, «glauben fest daran, daß die erwartete Zustimmung eintreffcn wird", tvir glauben, daß die Lenker der Weltgeschicke nicht dies grausame Spiel treiben wollen, den heiligsten Gefühlen eines gequälten und unglücklichcn Voolkes zu spotten. Der stärkste Glaube au uns selbst, an unsere Willens- und Tatkraft. Und gerade in dieser kritischen Stunde dürfen wir nicht die Hoffnung des Volkes von einer ausschlaggebenden Lösung abhängig machen, die von irgendwelchen außenstehenden Richtern gegeben wird. Die Entscheidung in allen Punkten muß in unfern Händen liegen, eine. Entscheidüng, die in realer Arbeit ihren Ausdruck findet, in einem Schaffen, das voll und ganz auf unser Zeil gerichtet ist, — und jede Minutedte nutzlos verstreicht, muß uns als unverzeihliche Sünde angcrcchnet tverden. In demselben Rundschreiben gibt die zionistische Organisation auch einen Programmentwurf der nachsten Einwanderung nach Palästina und der Arbeit im Lande. In der ersten Zeit, bis das Land für die Ein- Wanderung freigegeben wird, steht Palästina nur sur Personen des hier aufgezählten Kategorien offen: 1. Solche, die schoy im Lande waren, und jetzt zurückkehren, oder die in Palästina Familie und Besitz haben; 2. Vertreter von Gesellschaften und Vereinigung, die zum Aufbau des Landes gegründet sind; 3. Sachverständige auf verschiedenen Gebieten oder, Besitzer großer Vermögen, die sich sofort im Lande einrichten können." Diese «erste Zeit" wird sich noch wer weiß wie lange hinzieheu. Wenn wir auch hinsichtlich der allge» meinen Lage, nicht genau wissen, wem die Schuld beizumessen ist, so ist diese Klassifizierung der ersten Ein. Wanderung ohne Zweifel das Resultat einer bestimmten Neberlegung, die nur denen die Grenzer! öffnet, die dem Gemeinwesen nicht etwa zur Last fallen. Von. allen ״Fachleuten", die da erwähnt sind, ist nur eine Art näher bezeichnet: ״Besitzer großer Vermögen, die sich sofort im Lande einrichten können." Von diesen scheint die zionistische Organisation nicht anzunehinen, daß sie dem Lande zur Last fallen. Sie hat wergessen, oder übersieht absichtlich, öatz mit so einem Kapitalisten noch kein nationales Kapital ins Land kommt. Weit eher bringt er Spekulation und Ausbeutung mit sich, diese Spekulation, die dem Gemeinwesen nicht nur zur Last fällt, sondern darauf drückt, wie ein Riesenberg, der alles in sich verschlingt. Und diese Spekulation macht sich schon im Lande bemerkbar, wo noch nicht ganze drei Kapitalisten eingewandert sind. Für uns sind Leute mit großem Vermögen nur Mehrer der nationalen Sorgen. Für uns ist die Frage der Einwanderung in das Land nicht verbunden mit der Frage, wer sich dort sofort .,einrichten" kann oder nicht. Zwar mutz die Einwanderung in Palästina geordnet und organifiert vor sich gehen, — aber hier handelt es sich in erster Reihe, vor jedem großen oder kleinen Kapitalisten, um das Heranziehen von Arbeitskräften in das Land, die Einwanderung der Chaluzim, wobei es von vornherein unsere unumgängliche Pflicht ist, ihnen Arbeit-möglichkeiten zu schaffen. Arbeit ist das sicherste Kapital bei allen Völkern und erst recht bei uns. Ohne Arbeiter und ohne Arbeit ohne neue Ansiedlnugspunkte und ökonomische Betriebe wird im Lande nichts erstehen. Durch die ״Hotels״ Ler Kapitalisten und durch Böden- und Hanserspekulati m wird Palästina nicht erbaut und erlöst werden. Daher rührt auch die weitgehende Agitation für! ie ״Achnsoth", die in diesem Rundschreiben hervortritt. Die ״Achusa" ist jetzt das populärste Schlagwort im Zionismus qcworden. Die Führer def Zionismus sehen in ihr die Synthese zwischen einer nicht zu kapitalistischon und nicht zu proletarischen Ansiedlung, einer balebatischen Kolonisation, die Gott und den Menschen wohlgefälliq ist. In Wahrheit ist das nur eine Fortsetzung der Kolonisation in der gegenwärtigen Form, die wir von vornherein ablehnen und wir verwahren uns entschieden dageqen.sie als System in der zionistischeu Arbeit festzusetzen. Nur eine positive Seite muß man hier hervvrheben:' «Unerläßliche Bedingung ist. daß alle Arbeit in diesen ״Achnsoth" nur von Juden geleistet wird." Aber auch hier, bei diesem Sieg des Prinzips der jüdischen Arbeit in der zionistischen Organisation, ist uns nur eine moralische Befriedigung gcgeben. Denn all das siebt ja nur auf dem Papier, dock! in der Präxis ist uns keine Bürgschaft gegeben, daß diese Bedingung erfüllt wird. Denn der ganze ökonomische Bau dieses Systems, das darauf gerichtet ist, dem Kaufmann, der in Amerika oder wer weiß sonst wo sitzt, seinen ..Weinstock" und ״Feigenbaum" in Palästina zu erhalten, ist, a priori, ein Attentat aus den Gedanken der jüdischen Arbeit. Hier hilft keine Kontrolle. Auch das kleinste Vermögen duldet > keine Aufsicht, es findet seinen Weg durch die Drahtverhaue der strengsten Staatsgesetze. Immer werden sich okonomische Bedingungen finden, aus denen sich eine Ungültigkeit dieser Bestimmungen, die die meisten Bauern nicht einhaltcu wollen, ergibt. Jede Kolonisations- Methode aber, bei der die ökonomische Aenderung nur eine äußerliche und keine innere und grundlegende ist, jede Methode, die nur das Manufakturgeschäft im Auslande durch ein Mandelnünd Rosinengeschäft ln Palästina ersetzt, kann unserer Meinung nach, in einer zionistischen Agitation nicht als Ideal biugestcllb werden. Zur Laqe der Juden in Süd-Rußland. Dr. Mores Duchan, der zu den politisch und geistig führenden Mitgliedern der jüdischen Gesellschaft von Petersburg gebürte, ist vor kurzem in Paris eingetroffen, um an den Arbeiten der jüdischen Delegation teilzunehmcn. Er war seinerzeit der Führer der zionistischeu Fraktion in dem jüdischen Gemeindevorftand von Petersburg und ist Vorstandsrnitglied der Zeire-Zion- Organisation in Petrograd. Er hat ein Jahr bolschewistisches Regime in Petersburg mitgemacht, hat selbst das Ogranisationsstatut geschaffen, auf Grund dessen der Kongreß der jüdischen Gemeinden im Juli 1918 in Moskau den Zentral Waad (Zcwaad) geschaffen, flüchtete dann mit seiner Familie nach Südrußland und hat dort so ziemlich alle Evolutionen des Bürgerkrieges mitgemacht. Mehr als ein halbes Jahr weilte er als Professor an der Volksuniversität in Jekaterinoslatv. auch unter den Bolschewiken, die seine Lehrtätigkeit nicht inhibierten. Zuletzt leitete er das zionistische Büro in Nowh-Rassisk. Ich ersuchte ihn, mir ein zusamrnenhängendeS Bild über die Schicksale der Juden in Südwestrußluud zu geben, da die spärlichen und ungenauen Nachrichten, die wir im letzten Jahre von dort erhalten, sich zu einem Ensemble nicht verbinden lassen. ״Die Bauern Südwestrüßlands lebterr mit den Juden seit jeher in bestem Einvernehmen, wenn auck eine gewisse pogromistische Stimmung — vom zaristischon Regime gepflegt — in ihr schlummerte. Ein aktives judenfeindliches Handeln hätte sich aus ihrem Kreise heraus nie entwickelt. Demoralisiert und derroht durch den jahrelangen Krieg vermochten die interessierten Kreise sie jetzt zu Pogrotnen zu haranguieren. Während die christliche, städtische Intelligenz sich passiv verhielt, begannen die reaktionären Elemente, Klein bürger, entlassene Beamte des alten Regimes, ländliche Großgrundbesitzer schon unter Kerenski, besonders energisch - aber seit der bolschewistischen Revolution, die Bauern für ihr politisches Interesse zu gewinnen. Das alte Rezept wurde wieder angewendet: gegen die Inden und für die Reaktion. Das ist aber nur ein Mdment. Die Selbständigkeitsbewegung unter Skuropadski und Petljura stachelten den nationalen Chauvinismus auf. Beide strebten eine Wirtschaftspolitik an, die die Juden aus dem Wirtschaftsleben ausschaltet. Als Petl« jura gegen die Bolschewik! kämpfen mutzte, begannen seine Agitatoren die am Privateigentum interessierten Großbauern gegen die Juden als Kommunisten zu Hetzen. Sie säten auf bereits durchackerten Boden. .»Ldannitlrrdgercdenile״ in M. Mclrlr verlas vriinn.

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