Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 35 (21.11.1919)
- Date
- 1919-11-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 85 4&rtk1 3 beitern und Kolonisten doch nicht ans die sozialen Grundlagen in Grez-Jisroel schließen. Beide Teile, die bürgerlichen und die sozialdemokratischen, können Recht behalten; sicher ist nur, daß es bei dieser Arbeit wird keinen Zank geben können, wenn ihr Erfolg deschieden sein soll. Wir haben jetzt iiber 20 Jahre organisiert und cs scheint so, daß wir uns noch lange nicht gefunden haden. Mit Bezug auf Zion gibt es keine Klaffen, da gibt es nur Juden, die Zion schaffen wollen. Wenn ich von Juden und Judentum spreche, so ist der Brennpunkt alles Glückes und Unglückes mit Zion eng verbunden und da denke ich daran, daß alle Parteien doch cigcntlich nur auf dieses Ziel lossteuern sollten und das böse europäische Beispiel, wie.eS nicht zu geschehen habe, einfach abschütteln. In erster Linie müssen wir uns stets sagen, daß wir keine Juden sind, daß wir in der Kultur unserer Wirtsvölker leben, daß wir also auf irgend eine Weise zu unserem Volke zurück müssen. Da befehden sich die besten jüdischen Kräfte und vcrgessen ganz, daß es einer heldenhaften Entsagung braucht, um heilte als erwachsener Mensch nur den Entschluß zu fassen nach Erez-Jisroel zu übersiedcln. Wissen denn alle diese Herren nicht, daß unserer Jugend dort kein Vergnügen, keine Freude im heutigen Sinne winkt, daß dort nur der wird seelisch sichausleben können, der in der schwersten körperlichen Arbeit das Glück seines Lebens wird sehen können? Was streiten sich die Herren herum, wie wir es später machen wollen. Besser wäre alle jüdischen Blätter und Versammlungen durchzöge ein großer Schrei,daß wir nicht länger gewillt sind zu warten. Besser wäre cs, wenn man darüber nachdächte, wiewir all' unseren׳ jungen Leuten den Entschluß nach Palästina zu gehen leichter machten, besser, wenn unsere Heranwachsende Jugend von all dem Blendwerk, das ihr in Europa vorgaukelt aus freien Stücken verzichtet. Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren; wir müssen einmütig und geschlossen vor den Machthabern Europas Palästina sofort fordern, denn sonst werden sie an hjö Notwendigkeit des ilcuen Staatswescns nicht glauben, unsere Feinde würden triumphieren. ׳Wenn ich noch air die Erlernung der hebräischen Sprache denke, so gibt alles frühere und gerade dieser Punkt unseren Parteien und jedem Einzelnen so viel Stoff zum Selbstüberlegen, daß für Parteizwist und Parteizank keine Zeit übrig bleibt. Es scheint^ daß die Reinigung im Judentum noch lange, trotz der Massentaufen, nicht vorüber ist, daß aus dem Streite der Parteien erst ein geeintes Judentum hervorgehen wird, ohne bürgerliche und ohne sozialdemokratische Zionssten. Die Zeit hat mit uns gearbeitet, die Zeit wird mit uns arbeiten, an ihr werden alle papierenen und auf wer weiß was für Parteitagen beschlossenen Paragraphen schmählich zu Grunde gehen. Wer weiß, daß Zion noch das Glück des Volkes ist, der wird den häßlichen Streit in den zionistischen Parteien bedauern, der Streit wird aber spurlos an ihm vorüber gehen. Koste!, im November 1919. N Robert Neu mann. ״Makkabi". Zur Tagung des Kreises Makkabi» der jüdischen Turn- und Sportbewegung in der tschechoslovak. Republik.. (Bon unserem Prager Korrespondenten.) Vom 1. bis 3. November 1919 fand in Prag die dritte Tagung des Kreises Makkabi statt. Die Makkabibewegung, welche sich sicherlich gleich hohe Aufgaben zum Ziel ihrer Bestrebungen gesetzt hat, wie die Turn- und Sportorganisationen anderer Völker, befindet sich in den ersten Anfängen ihrer Entwicklung. Aber mit Nachdruck und Energie hat sie ihre Existenzberechtigung bewiesen, die ihr teils direkt, teils indirekt durch Totschweigen abgesprochen wurde. An die Adresse unserer offiziellen und inoffiziellen Judenheit sei dieser Vor- Wurf gerichtet; enem Teil desselben, der sich selbst? wußt nennt, und dem die Früchte dieser wohlorganisier? ten und zielbewußten Makkabi-Arbeit zum Heile gereichen, gelte besonders dieser berechtigte Vorwurf. Trotz aller Mängel und Unzukömmlichkeiten, die aber rein technischer, vorwiegend finanzieller Art sind, mutz man feststellen, daß die Makkabi-Jdee in steter Entwicklung vorwärts schreitet. Ihre Anhänger werden in der ihnen eigenen begeisterten und. selbstlosen Arbeitsfreude, Disziplin und Begeisterung und wir waren Zeugen von Veranstaltungen, welche diese unserer Jugend angeblich sonst abkommenden Eigenschaften, als im höchsten Matze bestehend erwiesen, jene Tätigkeit bewältigen, die zur allgemeinen Verbreitung dieses völkischen Erziehungsgedankens notwendig ist. Und erst dann, vielleicht wird es nicht zu spät sein, bis die Makkabi-Jugcnd von heute dereinst im Leben stehen und für das jüdische Leben und Wesen mitbestimmend sein wird, wird das Judentum seine Fehler von gestern cinsehen. Gleichzeitig mit dem Vorturnkurs für Frauen und Männer, der von 'fachgeschulten Lehrkräften geleitet wurde, fanden die Beratungen der Delegierten statt. Vertreten waren 13 Vereine mit 14 Turnerinnen, 20 Turnern und 18 Delegierten, Zahlen, die uns bei den technischen Schwierigkeiten des Verkehrs und den absolut unzulänglichen Finanzen der Bewegung — fast alle Teilnehmer reisten auf eigene Kosten — mächtig imponieren^ mutzten. Die Beratungen, welche in einer sachlichen und daher zweckentsprechenden Weise geführt wurden, detrafen eine. Fülle von administrativen und organisatorischen Maßnahmen als auch das Erzichungsprogramm des Makkabi. Es muß bedauert werden, daß das Erzichungsreferat mit seinem tiefen und wohldurchdachten Inhalt und der Fülle selbständiger gesunder Gedankcn nicht vor einem breiteren Forum gehalten werden kann. Die darauf folgende Debatte erweckte in mir 'den Eindruck, daß das Referat nicht so wie wir es mehrmäls. erlebten, bloß gesprochen und angehört wurde, sondern, daß auch die ausgesprochenen Gedanken in Tat umgesetzt werden. Von den Beschlüssen sei hier hervorgehoben die Ab- Haltung von regelmäßigen Vorturnkursen des Kreises, der Gaue und der Vereine. die-Einberufung der Kreis- Vollversammlung Schebuoth 1920 und ),last not least" die Abhaltung des ersten Kreis-Turn- und Sportfestes 1921 in Brünn. Das generelle Programm des Kreisfestes 1921 lag vor, es umfaßt turnerische Massenvorführungen der Jugend, Frauen und Männer, turnerische und sportliche Wettkämpfe und sportliche Vorsüb rungen im Großen. Mit den großzügigen Vorarbeiten wird sofort begonnen werden. Das Judentum der Republik wird 1921 in Krünn eine großzügige Demonstration der jüdischen Jugend erleben. Die massenhafte Teilnahme des Publikums, spcziell der Jugend an den äußeren Veranstaltungen der '-Tagung bewies die Sympathien, derer sich Makkabi erfreut. Im Rahmen eines Festabends sprach Max B r 6 b im überfüllten Saal des jüd. Rathauses eindringlich und klar über die Stellungnahme der jüdischen Jugend zum sozial. Problem der Jetztzeit. Er steht in der Stellungnahme der Jugend zur Menschheit' ihr Verhältnis zum Sozialismus. Er fordert von ihr gründliches Studium dieses Problemes, warnte vor den großen Schlagworten der Jetztzeit und selbständige unbeirrte Stellungnahme und Kritik der Parteiströmungen, als Eigenschaft, die den Juden eigen ist. Der zweite Teil des Abends umfaßte ein musikalisches Prograünn. Unter Führung Dr. Liebend besuchten, die ortsfremden Teilnehmer den alten Friedhof und die Altneusynagoge. Den Höhepunkt der Veranstaltungen bot das Schauturnen der Musterriegen. Abgesehen von den schier unüberwindlichen Schwierigkeiten der Saalbeschaffung, die israelitische Kultusgemeinde hatte den früher zugesagten Saal des Rathauses 4 Tage vor dem Schauturnen den Veranstaltern entzogen, die Musik konnte in dem absolut unzugänglichen Raum des soz.- dem. Volkshauses nicht untergebracht werden und verschiedene andere Schwierigkeiten, bewies das Schauturnen die eiserne Disziplin der Makkabim und das felsenfeste Vertrauen derselben in das Gelingen ihres Werkes. Jeder Schritt, jxde Bewegung, jeder Griff und jeder Schwung bewies Sicherheit und Gewandtheit. Trotz aller räumlicher Beschränktheit Ruhe, Ordnung und Würde. Im Publikum, das den Saal bis in den letzten Winkel und bis zur Decke füllte und die Turnenden räumlich einzuschränken drohte, sah man Vertreter des Vorstandes der Sokolgemeinde, der tschechoflov. Apbeiter-Turnerschaft, der deutschen Turnerschaft. Geturnt wurde räumlicher Rücksichten wegen bloß 'in Musterrjegen. Die schwedischen Freiübungen, -er Knotenreigen der Frauen wurden äußerst, graziös und turnerisch zugleich vorgeführt. Die äußerst schwierigen Antretungen der Männer ließen nichts zu wünschen übrig, insbesondere der äußerst stramme und präzise Aufmarsch derselben. Die Damenriege am Barren, die Männerriege am Reck zeigte sehr gute Mittelstufe. Die rythmischen Tänze waren eine vollkommene Abwechslung. Beifallsstürme entfellelten die Kreismeisterriegen am Hochbarren und Hochreck, die Hebungen waren durchwegs hohe Oberstufe, und lassen, was Schwierigkeiten anlangt, keine Steigerung mehr zu. Nicht endenwollender Beifall dankte den Veranstaltern und Turnenden, welche trotz zweitägiger schonungsloser Arbeit im Borturnknrs ihr Bestes zum Gelingen des Schauturnen hergaben. Es war ein voller, ein vollkommener Erfolg. Nicht vergessen möchte ich noch des gemütlichen Abends, die die Prager ihren Gästen veranstalteten und der wirklich gemütlich und fröhlich, trotz Alkoholabwesenheit teils bei lustigen Darbietungen der Pragcr, teils beim Tanz die Makkabim bis spät in die Nacht in verdienter Lustigkeit vereinte. P. Generalversammlung der Adas JiSroel. Am v. November b. I. fand die Generalversammlung der Adas Jisroel statt. Die Versammlung wurde von dem greisen Obmann, Herrn Philipp Back eröffnet. Mit herzlichen Worten begrüßte er die Versammlung. Sodann übernahm der Obmannstellvertreter, Herr Dr. Reiniger die Leitung der Verhandlung. Er widmete den im letzten Jahre verstorbenen Mitgliedern des Vereines und den Opfern der Pogrome einen tiefempfundenen Nachruf und führte sodann aus, daß der vorliegende Jahresbericht nicht imstande sei, ein erschöpfendes Bild der gesamten Vereinstätigkeit zu geben; er berührte nur obenhin die einzelnen Zweige derselben. Denn die Adas Jisroel habe längst den Nahmen eines Bethausvereines gesprengt und führe die Arbeiten der jüdischen Gemeinschaft. Das ״Beth Hamidrasch", die ״Jesod Hathorah", ״Tomech Ewjonim", ״Tiferes Bachurim", ״Agudas Bachurim" und die verschiedenen Arbeiten auf dem Gebiete der sozialen Fürsorge werden von den Schultern der AdaS Jisroel׳ getragen und es wäre Zeit, alles das einheitlich zusammen zu fassen, um uns selbst klar zu machen, was wir leisten, damit die Adas Jisroel zur wahren Geltung komme. Sodann erstattete Herr Wolf Pappenheim den Bericht. Er verwies auf ungeheures Anwachsen des Ver- ' einshaushaltes, der ein Kaffenrevirement von 461.000 Kronen hat, welcher Betrag , sich noch um 66.000 K als Auslage für das Beth Hamidrasch, K 30.000 für die Jesod Hathoxa und das Budget vieler anderer kleinerer Vereine, wesentlich steigert. Redner bespricht hierauf die Tätigkeit des Vereines auf dem Gebiete der Thorafürsorge, er erwähnt die Tätigkeit zur Versorgung -er Palästinaflüchtlinge und zu deren Heimbeförderung. Ferner bespricht er die sonstige Teilnahme an den Arbeiten für die soziale Fürsorge, Kinderfürsorge, Kinderausspeisung, Teeküchen usw. ,Die Sammlung für die Pogromopfer ergab erhebliche Summen. Die Versorgung mit koscheren Lebensmitteln war selbstverständlich völlig unzureichend, trotz der großen Arbeit und Mühe die sie verursachten. Nach Vielmonat- > lichen Plagen und Mühen gelang es uns, Pessachmehl im beschränkten Maaße für die gesamte Wiener Juden-, schaft zu beschaffen. Daß dies gelang, verdanken wir der Liebenswürdigkeit und Opferwilligkeit unserer -־׳ Freunde in der Schweiz, der Herren Julius Leitner und Oskar Gruen, denen wir nicht warm genug danken können. Die Haurooh ist stets im Wachsen. Die stets an Umfang zunehmenden Agenden des Vereines veranlassen den Vorstand zur Bestellung eines sachkundigen und arbeitsfreudigen Sekretärs in der Person des Herrn Dr. I. Pollak. Schließlich erwähnt der Berichterstatter der Erwerbung des Hauses Große Schiffgaffe Nr. 10, wodurch der Platz für die Erbauung eines, der - Wiener orthodoxen Judenschaft würdigen Gotteshauses geschaffen wird. v ' Den Kassabericht erstattet Herr Jakob Stern. Derselbe zeigt das namhafte Anwachsen aller Einnahme- und Ausgabeposten, den sachgemäßen Vergleich mit dem Bericht des Vorjahres. Das Kaffenrevirement ׳ im Jahre 1918 ist Jt 461.000 gegen K 26.000 im Jahre 1917. > Herr Siegmund Figdor berichtet namens der Nevisoren, daß dieselben eine sorgfältige Prüfung der gesamten Geschäftsführung vorgenommen, und alles in vollkommener Ordnung gefunden hätten. Er beantragt, den Bericht zu genehmigen, was ohne Debatte geschieht. Bei der vorgenommenen Wahl der Revisoren, werden, die Herren Siegmund Figdor, Bernhard Höfbauer und Arthur Sputz gewählt. Zum Punkte ,.Allfällige Anfragen und Anträge" sprechen die Herren Lederer, Ardel, Lemberger, Michael Figdor, S. Kohn und Kronfeld. Herr Lederer bespricht hie Uebelstände bei der Mikwah und verlangt, de.r Vorstand möge die Verwaltung derselben übernehmen. Herr Pappenheim beantwortet dies, daß der Vorstand'nicht allein entscheiden könne, wenn auch die Schiffschul allein seit 16 Mo- ״Menoras" im M. Hickls Verlag, Brünn, Ädlergaffe 9.