Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 35 (21.11.1919)
- Date
- 1919-11-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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*am r. v,. 3S Nahrung auf Grund der allzuwenig gewürdigten Theo- . rien des verdienstvollen Popper-LynkeuS. Schließlich wird verlangt, der jüd. Rationalismus möge nicht ideelles Besitztum nur einer Klaffenschattierung werden, wie es bei anderen Nationen der Fall ist, ja sogar bei den Juden des Ostens, wo der Zionismus oft eine,׳ burgeoisen Anstrich hat (jüd. Bürgertum); und dies könne nyr eintreteN, wenn der jüd. Nationalismus seine Entwicklung nur auf Prinzipien eines gesunden jüdischen Volkssozialismus fortsetzen wird. Ob diese Richtung mit dem Programm des Hapoel Hazair irgendwelche BewantniS hat, drückte Brod weniger präzise aus. Nun ist es fraglich, ob Max Brod, der schöngeistige und feindenkende Dichter und der aus Pflichtbewußtsein im politischen Lager stehende Mann, bei diesem Stadium der Neuorientierung halt machen wird. Jedenfalls möge man seinen Wandlungen die Worte Goethes voranfehen: Von der Gewalt, die alle Wesen bindet. Befreit der Mensch sich der sich überwindet. Die Judensrage in der Slovakei. Von S. Bettelhei 111. Das Judentum der Slovakei ist vor einem Kreuz- Wege der Geschichte angelangt. Das Gängelband von Budapest, das gerade in dieser Gegend die Triebkraft .aller politischen Handlungen dargestellt hat, ist 'abgerissen. Die Zeit verlangt gebieterisch ein selbständiges, tatkräftiges Handeln.' Die Kritik des Judentums vcrschärft sich in ihrem Wesen und ihren Formen. Die Führer des Judentumes stehen Verantwortungen gegenüber, die früher, als man sich vom Staate ins Schlepptau nehmen lassen konnte, nicht gekannt worden sind. Die Treibhauswärme des Humanismus, in welcher das weibliche Gemeindejudentum wohlig gedcihen konnte, ist durch das zertrümmerte Glashaus׳ der Monarchie entwichen; ein jüngeres, in freierer Luft erwachsenes Geschlecht heischt stürmisch Selbstbestimmung; die Umlehrung alter wirtschaftlicher Begriffe in der harten Kriegsschule birgt viele Bitternisse für Lie jüdische Masse im Schoße; in allen Kämpfen nationaler und sozialer Artung sieht sich das Judentum auf den Uriasposten gestellt, gleitet zagend durch die Scylla des Kapitalismus und Charybdis des Radikalismus, deren fernste Extreme sich in ihm selbst berühren, und in ihrem katastrophalen Zusammenstöße sein-^Dasein bedrohen. 1 Eine Führerschaft, die bloß auf lokale Gemeinde-.1 agenden eingeschworen ist, eine Masse, zu dem minimalstcn Anspruch der Teilnehmer am öffentlich-jüdischen Leben erzogen, ist die politische Erbschaft vergang'ener Zeiten; was an Organisation vorhanden ist, gilt ausschließlich dem Kultusleben. Das soziale und ökonomische Leben des Judentums entwickelt sich anarchisch, ohne kurssichere Führung oder auch nur ohne Bewußtsein der Pflicht der Planmäßigkeit; und man ahnt nicht, daß man für die daraus entstehenden Mißbildungen verantwortlich gemacht werden dürfe. Es ist das tragische Mißverständnis in der Judenfrage, daß die im ererbten Staatsbewußtsein erzogene Umwelt des Judentums, das unorganische Wesen des jüdischen Lebens nicht begreifend, in der systemlosen Entwick- Hungen" gewöhnen müssen und speziell auch bezüglich des Reifens konnte er gewiffe Umgehungen; beispielsweise, wenn cs mit der Eisenbahn nicht ging, benützte man Wagen und Pferde; waren keine Pferde da, ging man zu Fuß — aber wie man ohne Reisepaß eine Reise machen kann, eine solche Möglichkeit vermag sein Ge- Hirn gar nicht zu erfassen. Die Sache erinnert mich einigermaßen an das, was ich in meinen Jünglingsjahreri über die Art der Chassidim gehört habe. Da sagte nämlich ein Chaffid zu dem anderen: Sieh einmal, wie groß und gewaltig die Einrichtungen, die unsere Chachomim getroffen, im Gegensatz zu denjenigen der Weisen anderer Völker sind. Die Weisen anderer Völker haben z. B. die Eisenbahn erfunden, den Te' graphen, das Luftschiff. Kommt aber ein MenscH und durchschneidet den Kupferdraht, oder reißt die Bahnschwellen auf, oder schießt mit dem Gewehr aus das Luftschiff, — sogleich erweist sich die ganze Einrichtuna als hinfällig. Dagegen haben unsere Chachomim das Essen am ״Tischoo be Ab" verhindern wollen: was taten sie? sie verboten einfach das Tefillin anlegen beim Morgengebet, und nun soll einer probieren und essen, ohne Tefillin zu legen! lung des politischen und wirtschaftlichen Lebens das vorbedachte ZLerk einer Leitung erblickt, und es ist ebenso der verhängnisvolle Fehler der älteren Führer deS Judentums, daß sie aus Scheu vor dem Borwurfe des jüdischen Separatismus nebst, über oder unter der Leitung des Kultuslebens nicht auch ein verantwortliches Forum schaffen, welches die Eigenart der Entwicklung des jüdisch-sozialen und jüdisch-wirtschaftlichen Leben bekennend, erfüllt vom Verantwortlichkeitsgefühle für alle Formen des Ausdruckes des jüdischen Wesens auf allen Gebieten des Staatslebens, die Selbständigkeit des öffentlichen, jüdischen Lebens proklamiert Und dasselbe vom einheitlichen Gesichtspunkte zu beeinflußen und lenken bestrebt ist. Das ist jetzt mehr als je ein unerläßliches Erfordernis der Zeit: eine durchaus einheitliche alle sozialen, politischen und wirtschaftliches Fragen dienende Organisation, geleitet von Führern, die fich ihrer Verant- Wörtlichkeit bewußt und gewachsen fühlen. Die Frage, wie sich dieser Verband prononzierem soll, Bolksverband, Nationalverband oder Kulturverband, ist nicht von solchem Belange als seine Einheitlichkeit, zumindest. auf dem Gebiete des politischen,' sozialen und wirtschaftlichen Lebens. Ein solcher Verband hätte natürlich kein herausfordernd partikularistisches Gepräge. Er würde weniger dem Kampfe als dem Ausgleiche dienen. Er stellt verantwortungsvolle Männer, die als ,.clara pacta" der Oeffentlichkeit ein Programm bieten, die Ziele des Judentumes klarlegen, sich über dieselbe mit den Faktoren des Staates einigen und denselben zu deren allseits befriedigende Durchführung in Anspruch nehmen. Der Kritik des Judentums wird dabei — soweit sie .,bona fide" ist — ein Feld der positiven und würdigeren Betätigung gegeben; sie wird sogar gewissermaßen als Mitberaterin fungieren können, während sie bisher ohne ein verantwortliches Forum zu finden, sozusagen blindlings in die Masse schoß. Der Verband wird an der Stelle der demoralisierenden Anarchie im jüdischen politischen Leben den Zustand der kontrollierbaren Zwecksicherheit schaffen können; niemand zum Trotze, und Allen zu Liebe. In seinem Wesen würde dieser Verband national erscheinen, ohne aber eine Prononciation als solcher zu erfordern, da der Begriff deS jüdischen Nationalismus, der ja latent^ auch in der Orthodoxie erhalten ist, seine Eigenart hat und es zu ewigen Mißverständnissen führen würde, wenn aus der Betonung jüdischnationalen Wesens Ableitungen aus anderen nationalen Ansprüchen und fälschliche Anwendung auf die Beurteilung der Ziele des Verbandes gemacht wurden. Zudem würde Wohl die Möglichkeit der Vereinheitlichung des jüdischen Lebens dadurch verringert werden. Daß diese Einheitlichkeit — ohne eine Vereintgung bedeuten zu wollen, — eher zur baldigen Tatsache werde, ist sowohl ein Bedürfnis des Staatslebens, als ganz besonders der Judenheit selbst, die besser früher als später oder gar zu spät zur Einsicht und Erfüllung dieser Notwendigkeit gelangen möge. Verachtet nicht die Arbeit, sie ehrt ihren Meister! Von Paul Goldmann. Als vor fünf Jahren der gewaltige Krieg ausbrach, und dei Flammen der Begeisterung alle mit sich fortrissen, hat wohl niemand an ein solches Ende gedacht. Viele glaubten, ein ungeahnter. Aufschwung würde nach dem Kriege für uns anbrechen und ein jeder werde im ehrlichen Ringen auf dem Felde der Arbeit sein tägliches Brot verdienen. Ein mißliches Geschick hat« es anders gewollt. Voll Sorge blicken wir in die Zukunft, besonders der Handwerker, unter ihnen vor allem der Handwerker jüdischen Glaubens. Nur Zusammenstb'!׳' einheitliche, straffe Organisation, die dem Einzelnen den Rüchen steift, ihn mit berechtigter Zuversicht erfüllt, kann uns helfen. Darum wenden wir uns in ernster Stunde an die jüdischen׳ Kollegen, welche unserem Verbände׳ noch nicht angehören, und fordern sie auf, im eigensten Interesse- und im' Interesse der Ge- .famtheit, sich uns anzuschließen und unsere Ziele und Bestrebungen zw unterstützen. Schweres steht uns bevor und nur durch engsten Zusammenschluß wird es uns möglich sein, den Stürmen, welche uns drohen, die Stirn zu bieten. Darum schließt Euch an, die Ihr bisher abseits gestanden habt. Glaubt nicht, daß cs auf den Einzelnen nicht ankommt, nur im Zusammenschluß aller Kräfte sind die Schwachen stark. Aber auch an die Gesamtheit unserer Glaubensgenossen wenden wir uns mit dem Ersuchen: Unterstützt und fördert den Handwerker jüdischen Glaubens! Wendet ihm Arbeit zu, helft auf dem wichtigen Gebiete der Bexufsumschichtung gedeihliche Arbeit leisten. Hier ist ein Gebiet, das dem jüdischen Zusammengehö« rigkeitsgefühl ein Feld zu dankbarer Bestätigung bictet, hier findet jeder Einzelne unter uns Gelegenheit, praktisch die soziale Frage lösen zu helfen, an Gründüng und Festigung mannigfacher Existenzen fich zu beteiligen. Der Heranwachsenden Jugend können hier neue Berufe erschlossen, unseren Feinden erwünschte Waffen entwunden werden. Oder sollten die Antisemit ten Recht haben, wenn sie von uns sagen, wir hielten uns fern von körperlicher Arbeit? Wir scheuen sie nicht: aber wir müssen auch die Möglichkeit haben sie auSzuüben, unseren Lebensunterhalt in ihr zu finden. In dieser Zeit schmachtvollster Hetze hat der Handwerker jüdischen Glaubens einen besonders schweren Lebenskampf. ,Fördert das Handwerk! Fördert cs auch durch Zuführung Eurer Kinder. -Seht nicht mit Ge ringschähung auf das Handwerk und den Handwerker. Fort mit überlebten Vorurteilen! Wir gehen zu Gründe, wenn wir unsere Kinder weiter wie bisher den akademischen und kaufmännischen Berufen zuführen. Wir müssen zu einer gesunden Berufsverteilung gelangen. Bedenkt, der tüchtige Handwerker muß heute ein Künstler in seinem Fache sein. In der Kaufmannschaft sind die Aussichten trübe, die Möglichkeit, sich ohne erhebliche Kapitalien selbständig zu machen, werden immer geringer. Noch trauriger sind die Aussichten in den akademischen Berufen. Von allen Seiten wird die dringende Mahnung erhoben, den Zustrom einzudämmen. Man darf ohne Ilebertreibung heute schon von einem ״akademischen Proletariat" sprechen. Tausende von Aerßten und Rechtsanwälten leiden buchstäblich Hunger und Not; die anderen Berufe bleiben auch unter der neuen Negierung nach wie vor derschlossen. Das Handwerk hat aber auch heute noch ״goldenen Boden". Allerdings nur für den, der es gründlich dersteht und es mit Gewissenhaftigkeit ausübt. Für Pfuscher und Nichtstuer, die glagben, bequeme Schätze sammeln zu können, ist in unseren Reihen kein Play. Sie sind auch nicht der Zufluchtsort für Existenzen, die sonst Zusammenbruch litten, oder für jünge Menschen nach dem Muster: ״Laß den Jungen Handwerker werden, M anderen Berufen taugt er nichts"! Das Handwerk verlangt klaren Kopf, ernsten Willen und fleißige Hände, dann aber nährt es auch seinen Meister. Darum Ihr alle! Handwerker und Nichthandwerker, helft uns, Ihr helft Euch selbst. Zank ohne Ende -- In der letzten Zeit ist zwischen den sogenannten bürgerlichen und poale-zionistischen Kreisen ' soviel Zank und Streit ausgebrochen, daß ich mich nur fortwährend frage, woher dieser Ton, woher und warum diese Uneinigkeit. War doch unser Volk uneins durchs soviele Jahre und jetzt, da uns Gelegenheit geboten wird ein einig Volk von Brüdern zu sein, jetzt hadern wir und arbeiten nebeneinander hin.- Wohin soll das führen; wenn unser A. C. nicht mehr unsere oberste Behörde sein soll, wenn nicht alle Arbeit dort zusammenlänft. Wenn jetzt von den sogenannten bürgerlichen Zionisten sich, Gott behüte, eine Gruppe loslöst, von der Poale-Zion der linkeste Flügel auch und alle Gruppen werden selbständig gehen und sich gegenseitig befehden und entgegenarbeiten, dann׳ sind tvir dort angelangt, wo es ein neues Erez-Jisro e I nicht mehr gibt. Es geht nicht an alle Zionisten nach sozialdemokratischen oder bürgerlichen Muster zu organisieren. Der Zionismus wird nicht nur den Proletariern, sondern allen Juden Erlösung aus der Goluth bringen. Wir sind eben keine Partei, der Zion i s mus ist eine Bewe-gung, eine Bewegung, deren Ziel klar vorgezeichnet ist. Nun ist die große Frage nach dem Wie!? Ich bin der Ansicht, daß sich das weder in der Schwechater Bierhalle fest und sicher bestimmen läßt. Was wir heute darüber beschließen ist Hypothese.*Nicht Diplomaten, nicht Propheten, aber auch nicht philosophische oder sozialistische Systeme werden Zion aufbauen, sondern einzig und allein Arbeit, schwere,׳ heilige Arbeit. Die, die sie leisten werden, werden sich ihre Führer aus ihrer Mitte wählen, werden auch ihr politisches Verhältnis zur Obrigkeit in und außerhalb Palästinas nach ihrem Gutdünken regeln, das Land wird Daseinsformen schaffen, wie sie heute nicht zu ahnen sind. Wie der politische Aufbau vor sich gehen wird, weiß niemand vorauszusagen, ja es lassen sich heute kaum Richtlinien aufstellen, weil' das Land sie bei starker einsetzender Besiedlung einfach NMwerfen kann. Es läßt sich aus einem Häufchen von 10.000 Ar- ״edan«MsdgercdMe״ in M. tilckl* Ueriag Brünn.