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Jüdische Volksstimme · 1919-11-21 · Heft 35 (21.11.1919) · page 1

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XX (1919)
Issue
Heft 35 (21.11.1919)
Date
1919-11-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Jahr». XX. Mtmmer 35. ve»«s»preise: täOfötff .. . ihnnen 15*50 -M-jShrig.. * Kronen 30— Deutschland, ganzjährig ...... Mart 20׳— Rußland, ganzjährig . . . ... . Rubel 12׳ — Balkan, Frankreich Frank- 24*— Herausgeber: Max Hickl. gz—————_1 . , ■ ן Redaktion und Administration: Brünn» Adlergaffe 8'' Buchhändlerische Vertretung: Ott» Ale«»» Mffp-iß Inserate: dev 6-spaltige Zentimstervaum 2 K Unverlangre redaktionelle Beiträge werden nicht yrno» riert. — Manuskripten ist Rückporto beitzufüge«. v---—-m Sälen—Stümt. 3:17,^1*.« jpt.g-8emto». . . . _ ___ 1_ M. Htckrs Verlag, Brünn, Adlergaffe 9, Wien, 8. Bez., , Lcrchengasse 6 a. ״Hrckls Jüdischer Bolkskalender." Soeben erfch-ienen: Aue dem Inhalte: Preis K Kronen. Beermann, Dr., M.: Für stille Stunden. — Tun kleines philosophisches Märchen für große Kinder. B i a l i k CH. R.: Willst du wissen. Blumenthal Hermann: Unter jüd. Landstreichern. Fahn Rüben: Auf fremder Erde. Frischmann D-: Die kupferne Schlange. Frug S.: Simches toyre. > Gelber, Dr., N. M.: Aus dem inneren Leben der jüd. Gemeinden in Polen um die Wende des 18. Jahrhunderts. Gunzig, D'r., I.: Israel Baal-Schem der Zweite n. Dritte. Höjlich Eugen: Der jüd. Volkssozialismus der Ha» poel Hazair. Jehuda Halevi. Kanter, Dr., F.: Ein Rückblick auf das Jahr 5679. — Eine Unterredung räit Haman. '• König Ed., Geheimrat: Die Patriarchen und die Vielgötterei. , Knrrein, Dr., A., Prof.: Ein siebzehnhundertjähriger vedanktag. ״ Müller, Dr., Ernst: Psalmen. Müller E.: Aus jüdischem Geiste. Nenburger, Dr., Max., Univ.-Prof.: Medizinisches aus den Werken des Flavius Josefus. Reisen A.: In « finsterer Nacht. Sch er lag Lorenz: Der blühende Baum. Tartakower, Dr., CH.: Werden wir Palästina be-- kommen? Wachstein B., Dr.: Ein Regensburger Grabstein in Eferding. Weinbaum D.: Jüdische Landtage. Zloeisti Theodor: Erwachte Lieder. Der Reisepaß. (Aus dem ״Hamizpeh" übertragen von Dr. Max Steif, Raußnitz.) Ich erinnere rpich, daß, als ich als Kind Chumesck zu kernen anfing, mich mein Großvater auf seine Knie hob, und mit seiner Hand meine Wange streichekud mich gefragt, ob der erste Mensch ein Jude oder Christ gewesen. Selbstverständlich wußte ich auf solche Frage keine Antwortaber nun ich Einblick gewann in dg» Leben meines Volkes, gelangte ich zur Ueberzengung, daß der erste Mensch nur ein Jude gewesen sein muß. Zwar 'die Thora klärt uns nicht auf über seine Rationalität, aber seine Schicksale sprechen ganze Bände darüber: Gott hatte ihm. eine Frau zugeführt, hatte ihn ans dem Paradiese vertrieben und ihm den Weg zum Baum des Lebens verlegt, indem er daselbst׳ Cherubin mit flammenden Schwertern postierte. Wen treffen jstlche Dinge? Doch nur einen Juden. Denn Arier pflegen sich doch ihn Frauen selbst zu nehmen und warte» nicht ab, bis andere sie ihnen geben: man vertreillt ße auch von keinem Ort und verlegt ihnen auch Max Brod's neueste Wandlung. Von E. K ö n i g. Er ist, wie ich vermute, nach Dr. Nathan Birn- Haurn der zweite große jüdische Mann der Jdeenmodifikatiorren. Ein Symptom unseres ringenden Geistes der stets nach höheren Daseinsformen strebt und welche Erscheinung man im Politischen mit dem jüdischgetünchten Schlagwörtchen ״Neuorientierung" zu bezeichnen liebt. Ich hörte ihn oft an die Jugend Worte richten und es ist ja wünschenswert, wenn man sich dies allc merkt. Im März vergangenen Jahres definierte der Dichter im Saale der Prager Chewra-Kadischa den jüdischen Nationalismus in recht zusagender Weise. Danach sei unser Nationalismus keine chinesische Mauer des Hasses und der Vorurteile, nur der Ausdruck intellektucller Kulturwerte. Die Produktivität des Geistes einer bestimmten Gemeinschaft, dies sei ihr nationales Merkmal. Bevor wir uns aber für die Internationale entscheiden, müssen wir uns zuerst im obgenannten Sinne als Nation Geltung verschaffen, widrigenfalls wir ״international" zu bleiben verurteilt würden. Einige Wochen hierauf ließ der Dichter aberrnals seine Stimme vernehmen. Aus dem verwirrenden Chaos unserer Parteiideologien will Brod der Jugend ein Wegweiser sein. Im jüdischen Wissen, in Bibel und Talmud, in der Ueberlieferung und in den höchstvollendeten sozialen Gesetzen Mosis, in den Sprüchen der Väter, in der Mischna und Gemara mit ihrem Reichtum an Lehren für das Verhältnis der Menschen untereinander und das Verhältnis des Menschen zu Problemen der . Arwichtigkeit, zu Gott; in dieser: seiner Besitztümer ist das jüdische Volk berufen, die Grundlagen seiner Handlungen zu finden. Für alle unsere Parteien, für Zionister^ Orthodoxe und jüdische Sozialisten syll der Ausfluß jüdischer Lehre der richtigste Maßstab sein, da doch das Judentum trotz seiner Partcienzerklüftung eine innerliche Einheit ausmacht. Und abermals hatte ich Gelegenheit (vor ungefähr nicht den Weg zum Baum des Lebens. — Auch das, was unsere Weisen erzählen, nach wie unsäglichen Mühen es erst Adam gelungen, sein Brot zu essen,/ ist gleichfalls ein, klarer Beweis für deffen jüd. Natio? lität. — Und doch war der erste Mensch glücklicher und beneidenswerter deren, als wir. Vor allem weil er sich keinen Reisepaß zu beschaffen genötigt war, und bei seiner Vertreibung aus dem Garten die ganze Welt offen vor ihm lag. Wenigstens findet sich im ganzen ersten Buche keinerlei Andeutung darüber, daß cne? sich in Reih und Glied mit anderen anstellen gernußt, um abzuwarten, bis es einem,Beamten beliebte, seinen Namen aufzurufen und ihm zu eröffnen, daß sein Ansuchen um einen Reisepaß abgewiesen wurde. Der Reisepaß ist'eben nur eine Erfindung dieser unserer neuen Zeit. Er zählt zu jenen Regierungs- Maßnahmen, ohne die heutzutage eine Regierung ihr Aüslangen nicht finden kann. Ich bin deffen ganz gewiß, daß wenn diese Einrichtung in der Zeit Pharaos schon bekannt gewesen wäre, es einen Moses und Ahron niemals gelungen wäre, die Israeliten aus Aegypten herauszuführen, selbst nicht mit Unterstützung der 380 Plagen. Denn, nehmen wir an, Pharao hätte den Befehl erlaffen, daß jeder das Land verlaffende Jude, einen Reisepaß nötig habe, dann hätte nicht bloß das Geschlecht der Wüste, sondern nicht einmal das zehnte Geschlecht nach diesem wegziehen können. Man bedenke nur: die Ausfertigung von 600.000 Reisepässen 14 Tagen) anläßlich deS MakkabikreiStages in Prag, einer Rede Max Brod's im jüdischen Rathaussaale beizuwohnen. Eine neue Wandlung, ein neuer politischer Hauch. In den einleitenden Worten seiner Ansprache ersucht er die Anwesenden sich mit seinen Ueberzeugungen, die er keinem aufzwingen will, innerlich auseinandersetzen zu wollen. Ich dachte dabei an den sanften Kepler der in Brod's ״Tycho Brahe's Weg zu Gott" äußert: «Es kann ja niemals darauf ankommen, welcher äußeren Kritik unsere Schöpfungen begegnen, wenn wir nur innerlich an sie glauben." — Und Brod beleuchtet die Stellung unseres Nationalismus zur sozialistischen Weltanschauung, oder vielmehr das Verhältnis des Judentums zur sozialen Frage. Er erinnert an Hugo Bergmanns ״höheren, Nationalismus" (Jawne und Jerusalem), den wir endlich erheischen, d. i. ein Nationalismus auf rein sozialistjschcr Basis, Brod betont vor allem das raffenmäßige jüdische Rechtsempfinden, das uns ״a priori" dex sozialistischen Auffaffung näher bringt. Dabei fällt zuerst das Problem der Ausbeutungen die Wagschale. Das was man in der bürgerlichen^Tagespreffe immer ״Unlust zur Arbeit" nennt, habe eine tiefere Ursache, die in krankhasten. Systemen der Arbeitsunternehmungen zu sinden ist. ״Man hat keine richtige Freude mehr an der Arbeit",, meintBrod, .״weil man-ebsnalS individueller Arbeiter durch die monotonen Detailarbeiten (nur gewisse Handgriffe)!in den Fabriken nie imstande ist ein ^ganzes Arbeitswerk zu vollenden und sich nur als maschinelles Obekt hergeben mutz die — marxistisch benannten — Mehrwerte der Unternehmer, resp. Kapitalisten endlos zu vergrößern. Dies sei die anfallendste Krankheitserscheinung unserer Gesellschaft, die im Sozialismus ihre Beseitigung, auf die wir ebenso rechtliebend dringen, finden soll. Als zweite brennende Frage des Sozialismus, erachtet Brod die Form der sozialistischen Politik, wobei er der Frage ob Parlamentarismus oder Diktatur des Proletariates behutsam ausweicht. Die Hauptaufgäbe sei darauf gezielt, das Verhältnis des Menschen zu seiner Arbeit zu veredeln. Das Hauptmoment der Verwirklichung des sozialistischen Gedankens (der rn׳! am nächsten liegt) ruhe in dtzr Sozialisierung der Erbloß für Männer, — Frauen und Kinder nicht inbegriffen! Herr der Welt! Wann wären die Beamten mit solch' einer Arbeit fertig geworden! Das HHtte sich gewiß so ungefähr bis zur Ankunft des Mdffras hingezogen. Demgegenüber verfährt man heutzutage bezüglich dieser׳ Einrichtung doch ein wenig liberaler. Einem befferen Menschen, der eine Reise machen muß. um die Seinigen erhalten zu können, sagt man: Dazu ist ein Reisepaß notwendig. Und wenn er zum Amte geht und einen solchen verlangt, da sagt man ihm wieder: Bleiben Sie doch ehrsamst zu Hause! — Und die Lebenserhaltung? — Aber, wo steht denn etwas von erner Lebenserhaltung in den Gesetzen verlautbart? Einem solchen rechtschaffenen und anständigen Menschen bleibt eben keine andere Wahl übrig, 0!׳ zu Hause zu bleiben. Ja, würde er es über sich gewinnen, sich Diebsgefellen oder anderem, lichtscheuen Gesindel anzufchlietzen, dann könnte er in Gemeinschaft mit ihnen sein Ziel Erreichen ohne irgend welchen Reisepaß. Denn bekanntlsch bedienen sich letztere nicht erst solch umständlicher Mittel zu ihren Reisen. Sie wissen, daß ein blauer Lappen dem betreffenden Aufsichtsorgäne immerhin willkommener ist, als hundert Reisepässe. Indessen, da einer, ein rechtschaffener, ehrbarer Mensch ist, widerstrebt es ihm, solch krumme Wege zu gehen, die׳ er, seit er lebt, nie gutheißen konnte. Nun hatte er zwar in den Kriegszeiten sich an mancherlei ״Urnge- ״Hickl's Jüdischer B-lkskalender".

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