Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 33 (7.11.1919)
- Date
- 1919-11-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4, -»»- «fc*n. -־ ־■ .יי ^AUMTsHU VNXVpilRw^ Nr. 33. Die Huden schwiegen. Einige seufzten traurig. Nur Michel der Bäder rief bewegt: «Armer Kettele, nicht einmal in jüdischer Erde begraben, nicht einmal zu «Kewcr JiSrocl" gekommen!" SMS nickt zu vergessen, daß die Abonnements unbedingt bis Mitte Novemder bei uus eingelangt sein müssen, sonst sind wir leider gezwungen, die Zu- Stellung unseres Blattes so lange zu unterbrechen, bis sich die Saumigen zur Absendung des fälligen Bezugs- Preises ent- * - schlossen haben. JlumlMiau. Das erste Roschhaschonfest: i» der jüdischen Heilstätte Etania, Davos. Schneestürme, kaltes Wetter, dazu der- Gedanke, die Jomtowtage fern von seinen Angehörigen, krank und in ganz fremder . Umgebung zu verbringen, -trugen noch bei, die trübselige Stimmung der Slichustage zu .erhöhen. In schönster und angenehmster Weise wurde man aber enttäuscht. Die liebe Sonne, die wir hier so nötig haben, meinte es sogar gut mit uns und wir hatten wieder das schönste. Sommerwetter. Geheimnisvolle Abendsitzungen.der letzten Woche ließen vermuten, daß doch etwas Außergewöhnliches in der Etania am י״ט Vorgehen müsse. Die Vorstände der jüdischen Gemeinde Davos und Patienten der Etania gaben sich auch alle erdenkliche Mühe, alles würdig und schön zu gestalten. Kurz vor , gab noch ein edler Stifter wundervolle iveiße Seide für Porauches, das geschäftige Frauenhände noch auf ו״ט vollendeten. Durch Entgegenkommen unseres Direktors wurde der schöne Speisesaal in eine Synagoge umgewandelt, die an beiden Tagen bis auf, den' letzten Platz besetzt war. Mit großer Ergriffenheit wurde das Mariwgebet vorgeohrt ynd nachher vereinigte ein glänzendes -Essen alle Insassen der Etania: ׳ In aller Frühe wurde schon in liebevollster Weise das Schöfar für Diejenigen geblasen, die sonst nüchte׳ geblieben wären. Von 8—-12 Uhr dauerte der wirklich wundervoll gehaltene, ergreifende Gottesdienst, nur durch eine zu Herzen gehende Predigt unterbrochen. Nach dem Minchagebet ging man zum Taschlichmachen, wozu man ganz in der Nähe Gelegenheit hätte-׳ So'verlief der ך״ךי in schönster, würdigster Weise und sei Allen, hie dazu beigetragen haben, herzlichen Dank gesagt. Beim Leinen war leider ein großer Mißstand, indem man durch das. Umrollen der Seferthora aufgehalten wurde. Die Etania besitzt nämlich nur ein Sefer. Vielleicht will jemand die große Mizwo tun und der jüdischen Heilstätte Etania eine Seferthora stiften und sich damit großen Dank erwerben. Dr. Salomon Reumany. Zum .100. Geburtstag des Begründers' der sozialen Medizin und Hygiene. Zu den markantesten Persönlichkeiten des deutschen Judentums des letzten halben Jahrhunderts gehört der bAannte Berliner Arzt, Sozialforscher, Kommunalpolitiker und warmherziger Sohn der jüdischen Gemeinschüft, Dr. Salomon *N e u mann, der am 22. Oktober 1819 zu Pyritz in Pommern geboren wurde. Er empfing seine Universitätsbildung in Berlin und Halle und ließ sich 1845 in Berlin als׳ Arzt nieder. Seine Weigerung, den Amtseid nach der Sitte der damaligen Zeit «More judaieum" zu feisten, häÜe den Erfolg, daß diese Sonderstellung der jüdischen Aerzte im vormärzlichen Preußen endlich beseitigt wurde. Neben seiner ärztlichen Praxis entwickelte der junge Arzt eine eifrige wissenschaftliche Tätigkeit, deren erstes Ergebnis eine 1817 erschienene Arbeit über ״Oeffentlichkeit, Gesundheitspflege und das Eigentum" ist. Diese Schrift darf als erste Anregung zur Schaffung einer sozialen Medizin angesprochen werden: sie brauchte den. jungen Gelehr-׳ ten in Fühlung mit Birch.ow und anderen führenden Medizinern der Zeit. 1859 trat Dr. Neumann in die Berliner Stadtverwaltung ein, der er nahezu, ein halbes Jahrhundert angehörte. Hier wurde, er zum Begründer der Wvhnungsstatistik und erreichte durch die unermüdlichen wiederholten Hinweise auf die engen Zusammenhänge zwischen Wohnung, Beruf und Lebensdauer die Einrichtung eines statistischen Amtes durch die Stadt Berlin. Besonders beschäftigte sich Dr. Neumann mit der Verwertung der Ergebnisse der Volkszählung für die Kommunen. Das Resultat seiner Arbeiten verdichtete sich zu dem noch beute gültigen System des Volkszählungswesens, das ganz auf Neumanns Vorarbeiten beruht. Neben, oder vielleicht׳ vor seinem Wirken für die Allgemeinheit ׳stand Salomon Neumann die Pflicht gegen die jüdische Gemeinschaft, an der er mit unverbrüchlicher Treue hing. Auf politischem Gebiete trat er als erster Heinrich von T r e i tsch k e-mit einer Schrift ,.Die Fabel-von der jüdischen Mafseneinwanderuüg" entgegen; ar! allen innerjüdischon Aufgaben nahm er den eifrigsten Anteil. Neumann gehörte zu den Begründern der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums, deren Kuratorium er drei Jahrzehnte leitete, ein Menschenalter'lang war er Vorsitzender des «Deutschen Komitees der Alliance Jsraelite Universelle" und Begründer und Leiter der ״Zunz-Stiftung", welche der Wissenschaft des Judentmns gewidmet ist. — Ein reiches von Arbeit lind Erfolgen erfülltes Leben hat am 20'. September 1908 seiuen Abschluß gefunden. -Neumanns Tod riß eine Lücke in die Reihen der Vorkämpfer des deutschen Judentu ms, die sich noch heute nicht wieder geschlossen hat. Grotzrabbiner Josef Engel aus Krakau ist im Alter von 61 Jahren, rzach kurzem Leiden verschieden. Mit ihm verliert die jüdische Gclchrtenwelt einen ihrer bcdeutendstcn Vertreter. Hebräische Stenographie.״ Lehrhcr Thomas hat ein Stenographiesystem der hebräischen Sprache ausgear- Beitet und soeben fertiggestellt. Er beginnt nunmehr mit der Verbreitung desselben und der Aufnahme von Schülerri. ״Nur Christen dürfen Gesuche einreichen." Herr Rabbiller Jsak L e m b c r g e r in Roz u 6v a (Nozsnyo) schreibt dem Volksverbaud der Juden für die Slovakei am 24. Oktober d. I.: , »Gestern und heute wurde hier auf den Straßen durch Tronnuelschlag, wie üblich, bckanntgegebcn, daß' die Gesuche um Erneuerung der Trafikrechte und Ausschanklizcllzen bis zum 1. November d. I. einzureichen seren. Hinzugefügt wurde, daß nur Christen Gesuche einreichen dürfen!! Sie könuen sich denken, welche Bestürzung diese amtliche Bekanntmachnng nicht nur /unter den Trafikanten und Wirtshausbesitzern,'sondbrn. unter der gesamte,, י!!"1ן: scheu Bevölkerung, hervorgerufen hat, die sich damit von maßgebender amtlicher Seite als Bürger zweiter Klasse hingestellt sah. Ich suchte den Bürgermeister auf, der mir auch sein Befremden über die. Angelegenheit zum Ausdruck brachte. Er versicherte mir/ daß ihn selbst kein Verschulden an dem Vorfall treffe und zeigte mir die zur öffentlichen Bekanntmachung bestimmte Origi - nalverordnung des Zupanats in Rimovska S o b q t«, die er Wort für Wort hatte austrommeln kaffen. Die Verordnung trägt die Zahl 1523/1616, ist. vom 17. Oktober datiert und von Hanes, zup. radca gezeichnet." Der ״Numerus clausus" an -er Budapester Universität. Der Dekan der juristischen Fakultät an der Budapester Universität äußerte sich einem Mitarbeiter des ״Virradat" gegenüber über die Frage der Einführung des «uumerus clausus" dahin, daß -diese Angelegenheit im Laufe der kommenden Woche vor das Plenum der Nniversitätsprofefforen gelangen werde. Wie die Entscheidung ausfallen werde, könne man heute noch nicht sagen. Der «uumerus clausus" richte sich gegen niemanden (!). Natürlich sollen aber diejenigen, die unter der Proletarierdiktatur eine Rolle gespielt haben, nicht zugelaffen werden. Eine Million für einen orthodoxen Verlag. Im Handelsregister des Warschauer Kreisgerichts ist eine Kommanditgesellschaft mit einem Kapital von einer Million Mark unter dem Namen .,Israel" eingetragen worden. Das Kaiptal ist bestimmt, eine Zeitung «Der Jud" und andere herauszugeben. Die Orgauisation dieser Kommanditgesellschaft wird von der ״Agudas Haorthodoxim" betrieben. Auf dem Totenbette, getauft. In Krakau starb dieser Tage der bekanrlte Literaturkritiker und Publizist Wilhelm F e l d m a n n. Wie die.polnischen Blätter berichten, erhielt er einen Tag vor seinem Tode die Taufe. Feldmann, in der Jugelld ein Klaushachur in Buczacz, eigiiete sich als Autodiktat (in solch immenses historisches und literarisches Wissen Ml, daß je* der hervorragendste polnische Literaturkritiker war. Er wurde Vielfach der polnische Brandes genannt. Er war aber auch als Romanschriftsteller, Dramatiker und Publizist tätig. Während deS Krieges war er. für die polrrische Sache publizistisch tätig und-sollte nunmehr bei einer polnischen Gesandtschaft. Berwcndüng fiüdeu. Was zu seiner Taufe auf dem Totenbett geführt hat, ist »Acht bekannt. Vielleicht geschah es ohne sein Missen ... Holländisches Koschcr-Fleisch. Ans, Berlin wird gemeldet: In der Montag beginnenden Woche gelangen zum ersten Male je 200 Gramm der von der ״Kriegskommiffion für rituelle Lebensmittel, G. m. b. H., Berlin" eingeführten he dischen Wurst- und Fleischwaren an die rituell lebenden Gemeindemitglieder in Groß-Berlin zur' Verteilung. Die Abgabe erfolgt als Ersatz für 200 Gramm Speck. *Der Pfllndpreis beträgt für Dauerwurst 11 Mk., für Fleischkouserven 7 Mk. (Urtd in Brünn?) Kriegsmemorion eines jüdischen Generals. Sir John Monash hat dem Londoner jüdischen Korrespöpdenzbüro zufolge ein Buch veröffentlicht, in tvclchem er die Operationen des von ihm geleiteten australischen Armeekorps schildert. Das Buch, dHS mannigfache strategische und taktische Fragen behandelt, wird von vielen englischen Blättern als eine bedcutmche Bereicherung der englischen Fachliteratur bezeichnet. PVtljnra schlägt jüdische Selbstwehr-Bataillone vor. / Der juristische Berater der diplomatischen ukrainischeu Mission in London Maliuowski schlägt die Gründüng von jüdischen Bataillonen, deren Zweck der Schutz der Juden vor Pogromen ist, vor. PctljuraS Regierung tvill gern diese Initiative materiell und technisch-unterstützen. Juden und Bolschewiki. Die ״Voffische Zeitung" veröffentlicht eine Statistik, die der von der Petersburger Parteiorganisation der Bolschewiki veranstalteten Enquete entuommen ist. Diese Zahlen beweisen schlagend, daß die Juden vielleicht einen verhältnismäßig großen Prozentsatz zu den Führern des Kommunismus stellen, daß -aber unter der eigentlichen Anhängerschaft des Bolschewismus derschwindend wenig Juden sind. Von den 124.071bolschewistisch organisierten Arbeitern sind der NatioNaliiät nach: * Russen 74,2 Prozent, Letten 10,5 Prozent, Polen 6,3 Prozent, ' Esten 3,7 Prozent, ' Litauer 2,6 Prozent. ׳ - Juden 2,6 Prozent. Ein neues Presseorgan der Assimilanten in Lemberg. In nächster Zeit wird in Lemberg'ein neues großes polnisches Tageblatt unter dem Nanwn ״Dzjcn" erscheinen. Die neue Zeitung wird von den Lembergern Assimilanten Dr. Schleicher, Dr. Tobias Aschkcuase, Dr. Ruf, Herrn ChajeS und Dr. Wasser herausgegeben. Im Garten. Junge Juden graben im Garten. Marcheschwan im Galuth. Natur nimmt ihren Farbenkasten und pinselt Din- "ge in verwischte trübliche Kleckse: gelb, dunkelbraun, ׳rostfarben. Tiefdunkle Tinten zerrinnen über Erde und spärlichen Wuchs. Sonntrunkene Tage verdunstet Zerfetztes, zerknittertes Lqub liebkost den Boden. Wind tanzt durch kahle Aeste und spielt -seine Akkorde über aufgebrochenes Land, Gras rollt seinen Festteppich zusammen und kriecht in Erde zurück. Ein übermünger Sonnenstrahl, der verfolgenden, schiefergrauen Wolke entflohen, er springt über Hagebuttensträucher, küßt erregt -״bleiche Tomaten und taucht unterm Gestriu״ behaglich träumenden Kürbis in spärliches Glimmern. Aus umbrochener Erde steigt ein flirrendes Klingen, das Welle auf Welle, wie Geigenton auf Geigenton, mählhich tönend verfliegt. Tausend müde, sterbende Wllnder ringsum. Junge Juden graben im Garten. Scholle kollert zu Scholle. Schwatzen einander zu. und zerstäuben in die Luft, was geheimnisvoll sie hüteten, und sie fiedeln dies Lied: Menschen kehren zurück, durch Jahrtausende fremd, kehren zurück, zu uns, - zur Mutter, zur Erde, zur Kraft. Singen: jeder Spatenstich . . . eine Sehnsucht; jeder Spatenstich... werdende Erfüllung. Singen: jede Sehnsucht... Werkheiligkeit und Freude; jede zeugende Erfüllung . . . . ein stammelndes, wortloses, endloses Beten. ..ebssMadgerckMe״ ik M. tiicltlt Uerlag Brütm. : ׳ ־ ■ *