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Jüdische Volksstimme · 1919-11-07 · Heft 33 (7.11.1919) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XX (1919)
Issue
Heft 33 (7.11.1919)
Date
1919-11-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr 33. ecltf 3 saß er auf bet langen Ofenbank in diesem Bethause und blätterte stumm einen Midraschfolianten, der vor ihm auf einem wackligen Ständer lag. Niemand kannte ihn. Er hatte kein Heim, kein Haus, keine Familie und keine Verwandten in der Stadt. DArn sah ihn selten auf der Straße, noch seltener hörte man ihn sprechen', höchstens, daß er einmal Abremele Zwiebel, den alten, griesgrämigen Synagogediener, um eine Lalgketze bat. Die alten Juden und die Großmütter sahen in ihm einen Heiligen, einen Zaddik, und bezeugten ihm stumm und still ihre Ehrfurcht. Die jungen Leute meinten, Feitele sei ein überspannter Mensch oder ein Büher, der diel zu bereuen hat, und wollten nicht recht an seine Helligkeit und Makellosigkeit glauben. Indes seine völlige Absonderung von der Welt und dom Leben flößte auch ihnen eine gewisse Achtung vor ihm ein. Die Achtung bestand darin, daß sie ihn nicht bespöttelten und ihn gehen ließen. So konnte Feitele Zaddik Tag und Nacht über seinen Folianten brüten, ungehindert seine langen Gebete verrichten und ungehindert auf der langen Bank am Ofen schla« fen. Kein Mensch sprach mit ihm, er pflegte auch keinen anzusprechen, und eS kam oft vor, daß er Wochen- und monatelang in der Klause blieb, ohne einen Menschen gegrüßt, gesprochen zu haben oder angeredet worden zu sein. Auch die übermütigen Buben, die jeden Freitag in die Klause gekommen waren, um im Auftrag ihrer Väter die Hängeleuchter zu putzen und den Boden zu fegen, in Wirklichkeit aber in der Klause tobten und allerlei Bubenstreiche ausführten — wie zum Beispi-׳! eine Rattenjagd in der Klause veranstalteten, und mit dem Petroleum der Lampen die Mäuse verbrennen oder Talgkerzen aus Abremele Zwiebels Schublad stehlen und sie dann am heißen Ziegelofen schmelzen — auch diese übermütigen Buben vergriffen sich nie an Feitele, sondern wichen ihm immer verschämt aus. Er schrie sie nie an, wenn sie Lärm machten, sondern blieb ruhig und still vor seinem Ständer, als wenn er allein in der Klause wäre. Außer langgezogenen Amenrufen nach jedem Gebet hatte man nie einen Saut von ihm gehört. Bekannt war nur sein Gang vom Ständer am Ofen zum Almemortisch. In der Schublade des Almemortisches fand er Talgkerzen, die er für sein »Abend- Lernen" brauchte. Nur er durfte sich dem Almemortische nähern und Talgkerzen aus der- Schublade holen. Tat es ein Anderer, so mutzte er sich auf eine ziemlich laute Auseinandersetzung mit dem Klausdiener, dem alten Abremele Zwiebel, gefaßt machen. In der Stadt sprach man nur selten von ihm, sei es, weil man seine Herkunft nicht kannte, oder aus irgend einem anderen Grunde. Man hatte vor ihm eine gewiss^Scheu. Wie ernährt sich Feitele, wo ißt er, wie lebt er? Kein Mensch wußte es/ es interessierte auch keinen. . Feitele Zaddik war immer allein, mutterseelen allein — auch wOm viele Menschen in seiner Nähe sich bewegten. So lebke er lange, lange Jahre, jedem ein Rätsel, was keiner lösen wollte. Nun ereignete es sich einmal, daß die Arbeiter in der Borstenfabrik ihre Arbeit verließen und nicht »lehr in die Fabrik gehen wollten. Auf dem Markte und in der Synagoge erzählten die Juden, vor einigen Tagen seien zwei junge Menschen, die nur russisch sprechen.! in die Stadt gekommen. Mit der Ankunft dieser zwei russisch sprechenden Menschen, die so jüdisch aussahen, mutzte es ein Bewenden haben, denn gleich dqrauf kam eine Unruhe in die Reihen der Arbeiter. Mehr wußte man nicht. Die Fabrikherren waren über ihre Arbeiter, — sonst ehrliche Juden — ganz verwundert und wußten gar nicht, was sie tun sollten. An einem Morgen kamen die Arbeiter in die Bethäuser, störten drn Gottesdienst und schrieen: »Wir wollen nicht mehr für 2 Rubel die Woche 18 Stunden im Tag arbeiten! Wir wollen nicht mehr — wir wollen nicht mehr! Entweder wir bekommen 3 Rubel dse!Poche und arbeiten nur 16 Stunden im Tag, oder wir teilen.mit dem Geld! Ein Beutel, ein Beutel! . . . Und wollt Ihr auch mit dem Gelde nicht teilen, dann arbeiten wir überhaupt nicht!" So schrieen und lärmten sie: »Entweder 3 Rubel die Woche und nur 16 Stunden Arbeit oder mit dem Gelde teilen oder wir arbeiten überhaupt nicht!" Während die Arbeiter so schrieen, und lärmten, drang — man weiß nicht wie — Polizei in die Bethäuser ein. Auch in die Schneiderklause, wo die Arbeiter ebenfalls tobten, kam Polizei. Die Juden und die Weiber erschracken und liefen die Fenster hinaus. Die Arbeiter flüchteten ebenfalls. Bald war die ganze Klause menschenleer. Drin blieb nur Feitele Zaddik — den der ganze Lärm nicht km geringsten kümmerte — und zwei Polizisten. . ״ '!*M Die Polizisten, erbost und zornig ob der Flucht v Arbeiter und aller Juden, erblickten Feitele Zaddik am Ofen, der, als Wäre nichts geschehen, über seinen Folianten brütete, und warfen sich zorncutflammt mit geballten Fäusten auf ihn: »AH,>Du Hund, Du Mörder, Du Sozialist. Du Anarchist! — —" schrieen sie ihn an und schlugen ihn mit ihren Fäusten, was sie konnten. Der langhaarige Polizist versetzte ihm mit feinem schweren Schaftstiefel Stöße in den Unterleibs zerrte ihn auf 'Sen Boden und rief wutentbrannt: »Du Anarchist, Du Mörder — Du!— Du — —! Nur 16 Stunden arbeiten und noch 3 Rubel dazu — ah Du Mörder, Du Anarchist, Du Sozialist. . . Warte nur! . . ." Beide Polizisten schlugen Feitele Zaddik mit ihren Fäusten, mit den Füßen, spuckten ihm ins Gesicht, beschimpften ihn, nanntenihn Mörder, und als sie nicht mehr konnten, zerrten sie ihn aus der Klause und schleppten ihn fort. Feitele Zaddik hatte dies aber hingenommen, ohni einen Laut von sich zu lassen. Keine Trane kam ihm in die Augen, kein» Schrei entfuhr feinem Munde. Er ließ sich mörderisch mißhandeln, prügeln, beschimpfen, ins Geficht spucken, auf den Boden zerren, zur Wache'schleppen und sagte kein Wort, er protestierte nicht, er wehrte sich nicht einmal. Als die Schläge ihm gar weh taten, seufzte er dumpf und blieb wieder stumm. Als die Leute zum Abendgebet in die Klause kamen, waren sie ganz erstaunt, Feitele Zaddik nicht anzutreffen. Sie näherten sich dem Stander, vor dem Feitele saß, ünd fanden noch auf ihm einen weit geöffneten Midrafchfolianten, der ganz verkehrt lag, sodaß man sich an die andere Seite des Ständers hätte stellen müssen, wenn man aus ihm lesen wollte. Die Leute beachteten dies kaum und frugen nur vcrwun» dort, wo wohl Feitele Zaddik geblieben sein mochte. Aber noch während des Abendgebetes wurde es ruchbar, daß die Polizisten Feitele auf die Polizei geschleppt. ~ Als man sich dieser Tatsache vergewissert hatte, entstand eine Unruhe in der Klause. Jeder fühlte sich ergriffen, man empfand eine Art Reue, Gewissen?- Visse, und irgend ein unruhiges, quälendes 'Gefühl stellte sich bei edem ein. Das öffenjtliche Gewissen w, erwacht. In der Stadt verbreitete sich rasch die Kunde von Feiteles Verhaftung. Noch am selben Abend traten die Gemeinde-Aeltesten aller Bethäufer zu einer Beratung zusammen, und man beschloß.— da es schon an diesem Abend zu spät war —, morgen in aller Frühe eine dreigliedrige Deputation an den Polizeivorsteher zu schicken, um Feiteles Befreiung durchzusetzen. Am Morgen begaben sich drei der angesehensten Gemeindeparneffim zum Polizei-Vorsteher. Er hieß sie sofort eintreten. Sie trafen ihn in seiner Kanzlei. Bor ihm faß Feitele Zaddik, mit bluttriefenden Wunden auf der Stirn und auf den Wangen? Er war gerade einem strengen Verhör unterzogen worden. Zu feinen beiden Seiten standen zwei Polizisten, die Wache hielten und Zeugnis ablegten. Der Polizei-Vorsteher, ein ergrauter Beamter mit ihres Kommens, empfing sie freundlich, drückte ihnen die Hand, in der nach jedem Drucke etwas zurückblieb, wies ihnen Stühle an, und hieß sie in seiner und. Feiteles Nähe fitzen. ך Der Polizei-Vorsteher wollte ihnen offenbar demonstrativ zeigen,, welchen Schurken sie vor sich haben, und begann daher von neuem mit dem Vdrhör, damit sie sich überzeugten. Der Polizei-Vorstheer, ein ergrauter Beamter mit einer roten Nase und heiserer Stimme, beginnt mit den Fragen: > »Woher bist Du?" Feitele antwortete in einem reinen Russisch und mit großrussischen Akzent: »Ich weiß nicht, Hochu׳!.^ geboren." ״Wie alt bist Ml?" »Ich weiß nicht, Hochwohlgeboren." ,.Wie lange bist Du hier?" »Ich weiß nicht, Hochwohlgeboren. Ich zähle nicht die Jahre. Es ist schon aber recht lauge." ״Was treibst Du Hier?" Feitele errötet, -senkt den Blick zum Boden und antwortet endlich halb unsicher: »Gar nichts — das heißt — ich »lerne", Hochtoohlgeboren." Der Polizei-Borsteher schmunzelte gütig und wendet sich zu der Deputation: »Na, so ein geriebener Gauner — aber er soll nur sehen, daß man uns nicht betrügen kann." Die. drei Juden waren ganz erstaunt, als sie den frommen Feitele so ein reines Russisch sprechen hörten. Sie wußten gar nicht, was sie von Feitele halten sollten. ״ Feitele schämte sich, denn er schaute immer auf die Erde und wagte es nicht, den Anwesenden ins Geficht zu sehen. Der Polizei-Vorsteher fuhr km Siegestone fort: »Wo warst Du, bevor Du hierher kamst?" Feitele ward feuerrot, unruhig und begann am ganzen Körper zu zittern. Der Polizei-Vorsteher wiederholte die Frage in strengerem Tone und fuchtelte, um Feitele zu zeigen, was ihm bevorsteht, mit einer Nagaiki vor sich hin. Feitele zitterte, ward immer mehr schamrot und verlegen. Endlich rückte er stotternd mit der Sprache heraus: »Ich war 25 Jahre' im Militär, Hochwoylgebaren." Der Polizei-Borsteher, die Polizisten und die drei Juden sprangen fast entsetzt auf, — die Juden, zuckten zusammen und einer von ihnen rief instinktiv Mitleidsvoll auS: »A. So i?" Der Polizei-Vorsteher erholte sich aber bald von feinem ersten schreckenden Staunen, schaute mit erzwungenem Argwohn Feitele an und fuhr mit dem Verhör fort: »Hast Du Papiere?" »Ja, Hochwohlgeboren." Ueber Feitele kam dann eine merkwürdige Ruhe» als hätte er sich selbst überwunden. Er griff mit großer Sicherheit in feine Busentasche und holte ein ganzes Bündel zerfetzter Papiere heraus, die er rasch auf den Kanzleitisch legte. Der Polizeivorsteher griff mit sichtbarer Neu» gierde zu hem Papierbündel, nahm ein sorgsam zu» sammengelegtes Papier aus der Mitte hervor, schlug es aus und laS — zum Entsetzen der Anwesenden unwillkürlich laut feinen Inhalt vor. Darin hieß es: Regiment Nr. Kommando Nr. Im Namen des Kaisers aller Russen. Wir, Vorsteher der Regimentskanzlei des Regiments Nr. bescheinigen hiermit, daß Iwan Muska Abramilow, ,geboren? aus? ruffisch-orthodoxer Konfession, 25 Jahre in Treue und. Hingabe als Gemeiner und später als Unteroffizier seinem Kaiser gedient, daß er sich während seiner 26jährigen Dienstzeit kein einziges Mal etwas hat zu schulden kommen lassen, was ihm hiermit urkundlich bescheinigt wird. Der Oberst des Regiments... u Für das Bezirkskommando . . . ״Nun versteht sich", fuhr Reb Schlome erregt fort, »Feitele war ein Nikolaus-Soldat, wie andere auch. In seiner Jugend haben ihn die Agenten gefangen — er war Waise —, und nachdem sie ihn getauft hatten, steckten sie ihn unter die Soldaten — weit, weit in Sibirien oder in Astrachan. Aber Feitele war ein Zaddik, ein wirklicher Zabdik. Die ganzen 25 Jahre belebte ihn nur eine Hoff» nung, — zum Glauben seiner Väter zurückzukehren zu können. Diese Hoffnung gab ihm Kraft und Mut, zu leiden, so.viel zu leiden. Als sie ihn zwölfjährig ge» taust hatten, wußte er noch nicht viel — er war ein Kind. Undals jüdisches Kind unter Christen gekommen, tief in Rußland, wo man keinen Juden sieht, hatte er Sehnsucht nach Juden, und er hoffte immer... Ja, er war ein Zaddik, ein wirklicher Zaddik. Aber ich will Euch von feinem unglücklichen Ende erzählen. ... * Der Polizei-Vorsteher fand sich bald wieder in seiner Thrannen-Rolle i^nd rief, als wäre nichts gescbchen: »Du Schurke, Du Hund, Du Verräter — warte nur. Du bist als Mitglied der ruffisch-orthodoxen Kirche zu den Juden gegangen — Du Verräter, Du Judas. Ml Elender. — Warte nur, würte-" Und zu den Juden sich wendend, sagte er auf-eregt: »Er gehört uns, er ist unser,.hier habt Ihr nichts zu suchen — er ist kein Jude — Ihr könnt gehen." Die Juden mußten natürlich fortgehen. Feitele war nun einmal ihnen. — Sie konnten ihm nicht helfen. -- ׳ Feitele Zaddik ist in Untersuchungshaft genommen worden, da — wie Ihr wißt — der Austritt aus der ruffisch-orthodoxen Kirche mit schwerem Kerker bestraft wird. Jetzt hatte er gar keinen, der sich seiner annehmen konnte. Er war »Christ" und der Polizei ans Tod und Leben ausgeliefert. Feitele sah nicht mehr die Freiheit. Alt und ge» brochen und körperlich geschwächt, erlebte er nicht mehr seine Verurteilung; Er hielt es im.feuchten Kerker bei Kost aus Wasser und Brot nicht lange aus. An einem kalten, regnerischen Oktobermorgen sah man einen kleinen, ärmlichen Leichenwagen mit einem aus halb verfaulten Brettern gezimmerten Sarg Lurch die Stadt zum christlichen, Friedhofe'fahren, von einem abgerissenen Polizisten und einem großen Hund begleitet. »Feitele Zaddik" hat so auf dem christlichen Fried- Hof in dem Berbrecherwinkel seine letzte Ruhestätte gefunden. ״Hiikl's Jüdischer BoMÄmdrr".

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