Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 33 (7.11.1919)
- Date
- 1919-11-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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e«R a. *ä**ty* tOMtftmmt‘ Randzeichmmgen zum Mafienausttitt. Bon Fanny Cohn-Rehler. Ein bekannter Gelehrter der Neuzeit sagt irgendwo: »Man mutz die Menschen nicht ernst nehmen." Psychose: Massenstreiks. — Massenaustritte aus der religiösen Gemeinschaft. . . »Gemeindeblatt der Jüdischen Gemeinde zu Berlik", Nr. 10, Oktober ISIS: Austritte aus dem Judentum. Namenverzeichnis. Ich zähle: Hundertfünfzig Menschenkinder, welche dem Judentum Valet gesagt haben. Sechs- bis siebenköpfige Familien. Vater, Mutter, Kinder. — Einmal: Bruder, vier Schwestern. Dann wieder: Rufien, Polen, mit entsprechenden echtjüdischen Vor- und Zunamen. Mit entsprechendem Aeußern auch. ' Was treibt die Leute dazu, aus dem Judentum auszuwandern. Wohin gehen sie? Auf die Insel der Seligen? Wo liegt die? Zeit: zeitlos; grenzenlos, unsagbar! — Traurig; lächerlich, dumm! — Einer fährt seine feudalen- Vornamen spazieren; als Appendix ein unverfälscht jüdischer Familienname — groteSkk Kann man den nicht auch abwerfen? Nein. Namensänderungen benötigen der Motivierung. Also eine Tragikomödie! — , Wenn das Judentum bei solchem Manko an Getreuen noch nicht in Gefahr gerät, ist eS unleugbar lebensfähig. Medikament gegen diese Suggestion: Verachtung? Nicht doch. Viel der Ausgetretenen sind doch gescheite Leute, brauchbare Staatsbürger. — Löset mir, Graf Oerindur, dieses Rätsel . . . Patzt das neue Kleid besser zur Figur" als die alte Gewandung? Bewahre! Motive: Eitelkeit, Spekulation, fauler Zauber; ehedem war's Byzantinismus, Jagd nach Würden. Aemtern. Heute ist's: Einfalt, gepaart mit dem Streikbazillü Man kann auch gegen seine Religion streiken. Warum nicht? x Der Prophet Jeremias hat's auch erlebt. Er! der Ewige, der Gott Israels spricht: Warum tu••׳ so großes Unheil euch selbst an, euch zu tilgen, Mann und Weib, Kind und Säugling, aus Judas Mitte, euü keinen Ueberrest übrigzulassen? . (44. K., V. 7.) Warum tun? Eltern seid aufmerksam auf euere Kinder. Gebt ein gutes, nachahmenswertes Beispiel im Hause. Sorgt für Licht, Verständnis und Liebe zur angestammten Religion. Lehret euere Kinder, den Sinn der Gotteslehre zu erfassen. Sie müssen wissen, was sie den Gottesleugnern zu erwidern haben. Sie müssen Beginn und Fortgang der jüdischen Geschichte, ihrer großen Männer, sie müssen die Mission des Judentums erfassen und zu würdigen verstehen. Sie sollen stolz sein auf ihre jüdische Abstammung. Als Auszeichnung, nicht als Bürde, darf die Jugend die jüdische Religion betrachten. Verseht euere Kinder mit dem nötigen Rüstzeug! ״Allg. Ztg. d. Jud." Ein Jahr Jüdischer Rationalrat für die tschechoslowakische Republik. Am 28. Oktober 1918 wurde auf Grund vorausgegangener Verhandlungen über Anregung der kurz vorher stattgefundenen zionistischen Reichskonferenz in Wien, der letzten gemeinsamen Tagung der österreichischen Zionisten, durch die zionistische Organisation Böhmens und die jüdisch-sozialistische Arbeiterpartei ״Poale-Zion" in Böhmen der Jüdische Nationalrat für Len tschechoslovakischen Staat begründet. Das Präsi* dium des Jüdischen Nationalrats, dessen Präsident Dr. Ludwig Singer, Stadtrat in Prag und dessen zweiter Vizepräsident Dr. Max B r o d die tschcchoslovakischen Zionisten und dessen erster Vizepräsident Rudolf K o h n die poalc-zionistische Partei vertritt, wurde am 38. Oktober in den Vormittagsstunden vom damaligen ,»Narodni vybor" empfangen und überreichte ihm ein Memorandum über die Forderungen des jüdischen BolkeS im künftigen Staate. Namens des ״Narodni vybor" begrüßte der damalige Vizepräsident desselben, der heutige Minister des Innern Antonin Svchla, in warmen Worten die nationaljüdischen Bestrebungett und versichert die Abordnung, daß die Behandlung der Juden in dem neuen Staate im Geiste der Gerechtigkeit erfolgen werde. Die Audienz war cbcti beendet, als das gcschäftsführende Mitglied des ״Narodni vybor" Dr. F. S o u k u p die Mitteilung vott der amerikanischen Note durch Andrassy überbrachte, deren Bekanntwerden im Verlaufe des Tages zur Hebernähme der Negicrurrg durch den ״Narodni vybor" führte. So ist durch den Empfang des Jüdischen Nationalrates - der 28. Oktober auch für die tschechoslovakischen Juden zu einem historischen Tag geworden. Der ״Narodni vybor" gab über den Einpfang am nächsten Tage ein offizielles Commuriique heraus. Die Bedeutung dieses ersten Schrittes des I. N. R. geht am besten daraus hervor, daß ihn fast sämtliche Juden in den damaligen bangen Tagen wie eine (5rlösung begrüßten. Dem Nationalrat schlossen sich dann in kurzer Zeit die Vertretung der orthodoxen Juden, die im Verein konservativer Inder! ״Sinai" organisiert sind, der Landesverband der tfrael. KMuSgemerndcn -Mährens, der Verband der israel. Kultusgemcindcn Schlesiens, sowie verschiedene andere Kultusgemeinden, Korporakrönen und Einzelvereine an. In der Slovakei wurde später der Bolksverband der Juden sür die Slovakei begründet. Der Schilderung der unübersehbar reichen Tätigkeit des Jüdischen Nationalrates auf politischem, Wirtschaftlrchcm, kulturellem und allen anderen Gebieten des jüdischen Lebens während des nun abgelaufenen Jahres sollen vom I. 'N. R. geplante Publikationen und Veranstaltungen dienen. päische Moral als solche sind, sondern nur gegen die Verlogenheit und Scheinheiligkeit, mit tvelchen sie ihren realen Prinzipen ein ideales Mäntelchen umzuhängen versucht. Sie streiften in Ihren Ausführungen ein wenig die ״jüdische Moral"; auch darin glaube ich Sie zu verstehen. Man wirft der Moral des jüdischen Gesetzes vor, sie wäre veraltert, sie wäre eine Moral altertümlicher Grausamkeit. Die jüdische Moral aber, ist nicht grausamer wie die europäische; sie verficht dieselben realen Prinzips, aber offen und ehrlich,. und nicht hinter dem Deckmantel einer augenverdrehenden Scheinheiligkeit verborgen." Fräulein Trude blickte mich fragend an. Als ich bejahend nickte, führ sie fort: ״Die Unterdrückung der Schwachen durch die Starken ohne Recht und Gerechtigkeit, ist ganz natürlich, und dagegen zu kämpfen ist vergeblich. Man kann gegen einzelne Eigenschaften der menschlichen Nütur kämpfen, aber nicht gegen die Natur selbst. Das Naturgesetz vom Starkenund Schwachen kann man nicht mit der Menschenverbrüderungsutapie der der Freimaurerlogen bekämpfen, die mit ihren Ideen, die die Welt umfassen sollen, nicht viel mehr umfassen, wie die assimilatorischen ״Bnai-Brith-Logerr" der Erde. Die . Herren Menschenverbrüderer gehen von dem Grundgedanken aus, die Menschen von heute wären besser, wie.die des Altertums. Beweis: Abschaffung des SklavenhaltenS, Frohdienstens, grausamen Blutvergietzrns usw. Sie nehmen an, datz der Mensch dex künftigen Jcchrhunderte beffersein werde, wie der heutige, und diesen Prozeß des Besserwerdens suchen sie zu beschleunigen. Und darin liegt der grobe Fehler in den sie verfallen. Der moderrre Mensch von heute, ist nicht besser wie der, der entschwundenen Jahrhunderte. Zwar hält er nicht nicht mehr Sklaven und läßt Bauern nichtmehr Frohndienste leisten, aber nicht aus gutem, edlen Herzen, wie er vorgibt, sondern darum, weil die Schwachen stark genug geworden sind, um ihre schwersten Bürden abzuwerfen. Der kapitalistische Kulturmensch des modernen Europas, läßt ruhig tausende des Proletariates zu Grunde gehen, wenn es sein Wohlbefinden erheischt, obwohl er nicht mehr den Mut eines altertümlichen Neros besitzt, der vor dem Röcheln der Sterbenden und vor dem Blute, in dem er watete, nicht erschrack. Aber der kapitalistische Kulturmensch von heute, ist nicht weniger grausam, wie jener Tyran des Altertums." Fräulein Trude schwieg. Dann sagte ich: .)Sie haben recht. Ich glaube zwar an eine Menschenverbrüderung, aber nicht an eine solche, wie sie den jüdischaffimilawrischen Freimaurerbrüdern vorfchwebt. Diese wollen das christliche ״Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst" perwirklichen. — Verwirklichungsfähig aber ist nur das jüdische ״Liebe Deinen Nächsten". Derselbe Satz, aber der Begriff des ״Nächsten" ist im christlichen und jüdischen Lichte ein anderer. Das, Christentum sieht im Nächsten jedermann: Der Starke soll im Schwachen den Nächsten Lieben, und ihn nicht unterdrücken, ein Ideal, daß kaum einige, wenige Ueber- Menschen zu verwirklichen fähig sind. Aber für den Durchschnitts- und Alltagsmenschen ist das Ideal zu hoch, und so bleibt es nur bei ein wenig Trug und Scheinheiligkeit. . m Gestalten und Schatten. Von Maxime Le Mart re. Feitele-Z ad diks Leben und Tod. Rach dem Abendgebet blieben noch die alten Juden in der Synagoge, um gemeinsam Midrasch zu lcrneu. Sie setzten sich an den langen Tisch, der vor dem großen Jiegelofen stand, jeder nahm seine Talgkerze in die Hand, die alten Leute fetzten ihre Brille auf. dieser und jener hüstelte, schob sein Käppi an den Hinterkopf, und nach einigen wertigen Augenblicken satzen alle vor ihren großen Folianten. Allein die müden Juden, die den ganzen Tag auf dem Markte oder im Haufe schwer gearbeitet halten, waren bei der einschläfernden Wärme auf der langen Ofenbank nicht recht zum Lernen aufgelegt. Sie blätterterr etwas trüg ihre Folianten; die Alten/ halb vcr schlafen, schmatzten vor Wohlgefühl und brummten so gleichgültig vor sich hin; andere wieder plauderten mit einander, erzählten sich gegenseitig dieses und jenes vom Hause, von der Gemeinde, vom Markte tu,'׳ von der Synagoge. Die Müden und Schläfrigen wrtrden bald neugierig und lauschten derr Gesprächen und Geschichten ihrer ״Mitlerner". Jeder gab etwas von seinen Erfuhr,rngerr und Erinnerungen zum besten. Jeder erzählte in ernstem Ton, und keiner vergaß, die Moral von der Geschichte, nachdem. er die Geschichte selbst erzählt, zu ziehen. Man sprach viel von Menscherrglück, von Menschenschicksal, von den Verschiedenheilen des Schicksals — man führte Beispiele an, jekcr aus der reichen Schatzkammer seiner Erinnerung und Erfahrungen, aber im ernsten, würdevollen Ton. Da ״ kam auf die Besucher dieser Synagoge die Rede. Die uralte Synagoge hatte natürlich eine wechselvslle Geschichte. Reb Schlome, der bis jetzt ruhig und mit Interesse zug'ehört, begann, sobald man von der Synagoge zu' reden anfing, sich am Gespräche zu beteiligen. Bald nachdem sein Vorredner mit seiner Erzählung zu Ende war, fing er etwas leise und schüchtern an: «Juden, was wißt Ihr, welche Menschen schon ׳u dieser Synagoge gelebt und gebetet und gelernt haben?" t ■ Ein Greis fiel ihm ins Wort und lächelte: «In der Synagoge betet und lernt man, — aber in der Synagoge lebt man nicht." Da antwortete Reb Schlome etwas gereizt: «Doch gewiß lebt man in der Synagoge — gewiß״ gewr^ — laßt mich doch erzählen!" ״״Juden, hat jemand von Euch Feitele Zaddik gekannt?" Alle schwiege»!. Darauf weiter Reb Schlome: ״Feitele Zaddik hat in dieser Synagoge gelebt. — Wißt Ihr nicht, wer Feitele Zaddik war? — Ich.will's Euch erzählen." Reb Schlome griff zu seiner Tabaksdose, schob eine tüchtige Prise in die,Nase, und nachdem er sich so erfrischt hatte, fing er an zu erzählen: ״Feitele Zaddik, ein kleiner, rundlicher Jude und starker Siebziger, war weit und breit als Sonderling bekannt. Cr hafte keine Beschäftigung. Tag und Nacht Sie sagten, Fräulein Trude, datz die Schwachen im Laufe der Weltgeschichte stärker geworden seien, und sich heute, nicht mehr so unterdrücken lassen wie früher. Sie haben recht. So find die Schwachen den Starken näher gekommen.- Und diese Bewegung (sie äußert sich heute in der Demokratisierung und Sozialisierung) wird anhalteu. Es wird eine Zeit kommen, wo die Schwachen stark, so stark wie die Starken geworden sein werden, dann werden. sich die Menschen ganz nahe gekommen sein, werden sich gegenseitig nicht mehr unterdrücken könne״, und werden einsehen, daß sie besser fahren, wenn sie sich gegenseitig fordern. Dann werden die Menschen einander so nahe sein, daß jeder, des andren ״Nächster" sein wird, im Sinne der jüdischen Lehre. Die jüdische Lehre verlangt nichts Uebermenschliches: sie verlangt nur die Liebe zu denen, die.uns wirklich am nächsten stehen. Darum haben Sie recht, wenn Sie sagen, datz die jüdische Moral, auf demselben Boden nüchterner Reqlpolitik steht, wie die europäische nrrr daß die jüdische ehrlicher urrd nicht so scheinheilig ist." Ich schwieg. Wir gingen unter den frostumhauchten Lampen deS Korsos werter. Fräulein Trude hüstelte nur ein wenig, und seufzte mit melancholisch glänzen derr Augen, .ein wenig nachdenklich und elegisch: ״Die Liebe zum Nächsten.. .* , * * * 1׳ ..edssMrdseredenitt" in M. tiickls Verlag Brün«.