Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 33 (7.11.1919)
- Date
- 1919-11-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Zahrg. XX. R«mm« 33 ♦ ♦ «e-«1»prer1e: IdWtifl. g«n-1Shrig .... Sfettiföfaitb, ganzjährig »wk!«md. san-jShrt- . Basan, Krmikreich . . 50׳K«mqn15 . —30 lkronen . —׳20 Mart . —׳12 Rubel . —׳24 «Krank . Herausgeber : Max Hickl. Redaktion und Administration: Brün», SLlergasse - Buchhändlerische Vertretung: Ott, Klemm» LsitzziU Inserate: der 6*spaltige Zentimatevrwlm 2 K. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht yono» riert. — Mänuskrivte» ist Rückporto beizufügen. Wim-Brüx». ÄÄ•::Prag-L-mb-r«. Die Politische Lage und die Juden. Nichts kennzeichnet die allgemeine europäische Sitnation so, wie ddr Umstand, daß nach den neuesten Mitteilungen hervorragender Ententeblätter von einem vollständigen europäischen Frieden -vor März oder April keine Rede sein könne, zumal da die türkische Frage noch vollständig ungelöst ist, ja noch mehr, nicht einmal die Entcntemächte über die Grundlinien ihrer Lösung einig sind. Aber nicht nur die türkische Frage kann noch zu verschiedenen Dissonanzen zwischen den Ententcmächten führen, auch das russische Chaos mit den diversen Möglichkeiten seiner Entwirrung im Z u s a mmenhange mit der polnischen und ukrai- Nischen Frage birgt noch viele Gefahren für den Frieden Europas in sich. Unter diesen ungeklärten Zuständen leiden wohl alle Völker, besonders in Mittel-Osteuropa und ajn Balkan, keines aber so wie das jüdische Volk. Die Neugestaltung in Mittel- und Osteuropa hat dasselbe atomisiert im Gegensätze zur ״Konzen-' tratioß einer' Reihe von anderen Völkern in den sögenannten ״National"-Staaten; sie ha t d i e O st- und Westjuden voneinander getrennt und überdies auch die Ostjuden durch den Zerfall des alten Rußlands in eine Reihe von Klein st aaten von einander gerissen. In welche schauderhafte Situation die Juden dieser Gebiete geraten sind, beweisen die neuesten Meldungen über Judenpogrome in der Ukraine, die beinahe den Judenpogromen in Polen ebenbürtig zur Seite stehen. Trotzdem besteht ein wesentlicher Unterschied: ׳ Während in der Ukraine die Regierungskreise und die Intelligenz energisch gegen die Juden- Pogrome Front machen und aufs schärfste den Antiscmitismus verurteilen, ja sogar, bereit sind, die Juden als gleichberechtigtes Volk und gleichberechtigte Staatsbürger anzusehen und ein Großteil der Ukrainer unter der Voraussetzung, daß die Nationaljuden für eine selbständige, von Rußland getrennte Ukraine eintreten, mit djescn zu einem Bündnisse bereit, wärey, ist nahezu die gesamte polnische P r e s s e s o w i e d a S gesamte polnische Part ei wesen, .mit der einzigen Ausnahme gewisser sozialrevolutionärer Elemente, vom Chauvinismus und Antisenntismus ver- Srftet. ' ° ... '״ Die Polen sollten schon aus reälpolitischen' Gründen mit ihrer chauvinistischen , und antisemitischen ׳Politik brechen, da einerseits die wirtschaftliche Not und in weiterer Konsequenz der Bolschewismus/— wie die ״Narodni Politika" vor kurzem ausführte — in Polen immer mehr und mehr zunimmt Und 'sie alle angrengcnden״ Völker sich zu Feidcn gemacht haben, neue Wege einschlagcn. sicher ist und speziell auch insoferne, oh die auf eine Vereinigung beider Staaten hingielende Bestrebung reüssieren werden. Jedenfalls werden die Beziehungen von Polen und Ungarn zu einander speziell davon sehr abhängcn, ob Ostgalizien, — wie es bereits sehr unwahrscheinlich geworden ist, — im Verbände des polnischen Staates bleibt oder nicht. Sollte Ostgalizien.mit der Ukraine vereinigt werden, dann wird die polnisch assimilatorische Politik unter den Juhen dort ebenso zusaMmenbrechen wie sie in den von Ungarn an die Tschechoslovakef, Jugoslavien und Numänicn abgetretenen Gebieten zu den traurigsten Konscqnenzen für die Juden dieser Ländteile geführt hat. Aber die Assi m i l ätio ns'politik ist imlm e r und überall gleich unbelehrbar und n n v e, r b e s s c r l i ch, wie die neueste Kundgebung der ״O e st e r r e i ch i s ch e n israelitischen U n i o n" i n W i e n n e u e r l i ch b e w e i st. Seltsamer Weise zieht es die polnische Oligarchie immer und immer zu ihren 'alten Freunden. Unü.fxg-. Oligarchie hinüber, mit der sie gerneinsam verbunden ist durch brutalen Klassenegoismus, n a t i onalen Chauvinismus und Imperialismus un^ in der neuesten Zeit durch a g r e s s i v e n Anti s emitismus — z n m Unterschiede von de.n polnischen und r! n g a r i s ch e n I u d e n, d i e trotz der g e m e i n s a m e n Not sich noch immer befehden und leider nur in ein c m Punkte einig sind — — in der H e eres folge an ein unverbesserliches, verb o h r t c s N s s i in i l a n t e n t u in und der mit ihm verbundenen bankrotten Parteien. Nicht einmal die traurigen Lehren eines fünfjäh-■ rigen Weltkrieges und die darauf folgenden-Ereignisse, häbdn»die.Hsskmilariten der verschiedenen, Schattissrungen darst^x belebst, daß hie von ihnen bihhEpÄfolßte zelhesten, sondAn/ rü den Fundamen t.ä lPri ü-r/ z i p i e n g r u n d f a l sch i st, sic haben noch. 'immer/ nicht eingcsehen und werden es auch in Zukunft nicht einsehen, daß ihre sogenannte Abwehrpolitik des Antisemitismus mit weit mehr Recht, den Namen ״Politik' zur Förderung des Antisemitismus" verdient. Läuter und intensiver als je muß daher durch alle Lande der Donnerruf erdröhnen:' ״Ohne Nebor- Windung der Assimilation gibt cS auch keine Ueberwindinig des Antisemitismus." , ..•r - '־ l Es ist diese Politik um so gefährlicher, als die-Z uk u « f i Polend und Unga rn s noch sehr u n- Feuilleton >sieg.mund Urabin, Gablonz. Europäische, christliche und jüdische Moral. Jm> Ballsaal: «Al5 Adam und Eva von der Frucht der Erkenntnis aßen, erkannten sie den Unterschied zwischen Gut und Böse, und diese Erkenntnis hat sich auf uns alle vererbt." Dies sagte einst eine junge Zionisten mit dein, den Ballgesprächen junger Mädchen eigenen Pathos, zu mir, als wir uns in eine der grünen Nischen ׳ Vestibüls, erhitzt von dem Gewühle des Tanzsaals, zurückgezogen hatten. Ich konnte mich nicht enthalten leise zu lächeln: ״Glauben Sie, Fräulein"» sagte ich, «daß die Grenzen zwischen Gut und Böse so scharf und deutlich gezogen sind, daß man sie so leicht finden kann?! Ich kann Ihre Ansicht nicht teilen: Die meisten Menschen fühlen, diese Schwierigkeit nicht. Sie folgen blind der Strömung׳ der breiten Massen, glauben an die Dogmen, die von einer selbsthersichen Aftergelehrsamkeit aufgestellt, und von einer von Eigendünkel strotzenden Schule verbreitet werden. Sie glauben mit stolzem Selbstbewußtsein an die Moral ihrer europäischen Kultur, ohnje den faulen Ker in ihr zu spüren. — Sie schütteln, Fräulein, ein wenig den Kopf, und scheinen mir nicht recht zu glauben. Ich sehe wohl, ich mutz Ihnen Beweise bringen: Schon die Kinder in der Schule lernen die Tiere der Erde in zwei große Teile teilen: in solche die Schaden bringen, und in solche die nützlich sind. Die ersteren sind mit allen Mitteln, und seien sie noch so grausanr und herzlos, zu vernichten; die Vernichtung dieser Tiere bleibt eine gute Tat. Lebewesen haben ihr Leden verwirkt, bloß deshalb, weil ihr Leben dem Menschen ein wenig schadet! Ein krasses Beispiel europäischer Moral: Entgegnen Sie mir nicht, Fräulein Trude, daß diese Tiere vernichtungswürdig seien, weil sie selber Leben vernichten. Die enropäische Moral kann sich damit nicht rechtfertigen, denn wenn sie konsequent sein wollte, danngäbe es keine bessere Tat, als die' Crmordüng von Menschen, denn kein Lebewesen vernichtet so viel Leben wie der Mensch. — Die jüdische Moral ist ehrlicher, wie jene Moral die ich als die europäische bezeichne; denn sie verbietet in ihren Satzungen das Töten jedes Tieres, ohne Rücksicht auf seipe sogenannte Schädlichkeit oder Nützlichkeit, Ein anderes Beispiel: Moderne Europäer sind stolz darauf, wenn sie ihr ganzes Leben lang ehrlich geblieben sind. Sie verdammen Raub und Diebstahl, Und lächeln über die Beduinenmoral des fernen Ostens, über die Moral der Araber und Kirgisen, die den Pferderaub als edle Tat deklarieren. Aber sie-bedenken nicht, daß. die Diebstähle europäischer Staatenpolitik der Mord der europäischen Kriege, die ihre Moral nicht nur rechtfertigen, sondern auch lobt^ nichts anderes find, als die Ausflüsse derselben, nur extremeren Beduinenmoral. Die jüdische Moral des Christentums, die mißbilligend ihre Stimme erhebt, wird, mit scheinheiligen Augenaufschlagen abgetan, und von der europäischen Moral verdrängt. Mein Fräulein Trude! Ich könnte Ihnen /noch viele Beispiele dieser Art aüfzählen, hie׳ die Verlogenheit de« europäischen Moral beweisen. Ich glaube aber, daß sie bereits eingesehen haben, daß die Moral derer, die sich vor den Dogmen der staatlich anerkannten Weisheit und der Schule beugen, nicht so leicht zwischen Gut und Böse unterscheidet, daß die Moral der europäischen Kultur nichts anderes ist, als ein Schutz- oder Kampfmittel, einer Klasse von Individuen, gegen eine andere. als eine Moral der Scheinheiligkeit und des Egoismusses." Im Tanzsaal setzte die Musik wieder mit der Melodie eines bekannten Walzers ein. So erhoben wir uns denn und schritten zum Tanz in den Saal. Am Korso: . Es war ein rauer, frostiger Winterabend, um dis Straßenlampen schwebte ein Hauch eisigen Dunstes. Ich ging, die Hände in den Manteltaschen, neben mirHräulein Trude, das Gesicht bis zur Nase in den breiten Pelzkragen gedrückt, über den Korso. Plötzlich kam sie auf unsere Unterhaltung vom letzten Balle zü sprechen. »Ich habe", sagte sie, «über das, was Se europäische Moral genannt haben/nachgedacht, und' glaube Sie zu verstehen. Ich glaube nicht, daß Sie gegen die euroverbreit« sie «Mrcbe ch 44