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Jüdische Volksstimme · 1919-10-31 · Heft 32 (31.10.1919) · page 4

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XX (1919)
Issue
Heft 32 (31.10.1919)
Date
1919-10-31
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Attische «,tt--t««e- Nf. 32. einerseits von großen Siegen des Zionismus spricht, der schon quasi verwirklicht oder wenigstens der Der« wirklichung sehr nahe steht, so behauptet man anderseitS, daß man die Mafien irregeführt habe, und daß die jetzige zion. Führer a nden Idealen unseres unvergeßlichen Führers Herzl, Verrat geübt haben. Zangwill selbst, der schon feit langem vom Zionismus abgefallen ist, und sogar schon aufgehört hat, Geographie zu studieren, um irgendein Territorium für unser Volk zu finden, hat dies öffentlich erklärt. Weshalb haben sich die zionistischen Führer begnügt mit dem unbestimmten »jüdischen nationalen Heim" und keinen jüdischen Staat gefordert? Darauf könnte man ganz einfach antworten: wer hat denn Zangwill und alle, die mit ihm einverstanden sinh, gestört, als Helden aufzutreten und einen jüdischen Staat zu fordern. Weshalb haben alle unsere großen Politiker, die in allen Ländern zerstreut sind, nicht zu fordern versucht, daß ein Staat international anerkannt werde? Man kann all diese Fragen stellen, aber den Widerspruch werden sie nicht lösen. Ich weiß nicht, WaS unsere unzufriedenen Politiker erreicht hätten, aber eins kann man bestimmt sagen: wenn wir auch die formale Anerkennung unserer weitgehendsten Forderungen erreicht hatten, sagen wir, einen jüd. Staat mit allen formellen Attributen, wäre der Zionismus doch in derselben Situation geblieben wie jetzt. Es hätte sich nichts geändert. DaS jüdische Volk hat in den langen Galuth-Jahreu seine tätige Energie verloren und hat blos die Möglichkeit passiven Widerstandes. Und wenn es auch schon etwas zu schaffen beschlossen hat, so liegt dies auf der Linie des kleinsten Widerstandes. Was ist Zionismus? Ein jüdischer Staat, den man von einer oder vielen Großmächten erhält und Schluß. So denkt die Masse und so denken bedauerlicherwciie alle großen und kleinen ^Träumer aus dem Ghetto". Dies alles ist aber nicht richtig. Wenn man den Zionismus auf den einfachsten Ausdruck bringen will, so ist er zu allererst kein politischer Erfolg, nur eine Aufgabe für eind Organisation für die ökonomischen Kräfte des jüdischen Volkes. Die Verwirklichung des Zionismus hängt nur davon ab, was unser Volk allein mit seinen eigenen Kräften schaffen wird. Je mehr ökonomische Kräfte der Zionismus Haben wird, desto schneller wird er politische Erfolge erzielen kynnen. Der Zionismus ist praktisch zu allererst ein Problem der Maffen-Ansiedlung von Juden in Palästina, ein sehr schweres Problem und ein Unternehmen, zu dem man Hunderte Millionen Pfund Sterling benötigt, überhaupt, wenn man von einer Emigration nicht nach Newyork oder London, in schon fertige ökonomische Zentren spricht, sondern nach Palästina, wo man alles erst von Grund auf schaffen muß. Es handelt sich nicht um eine Jmmigration von städtischen Arbeitern und Kaufleuten, sondern um eine solche, die eine agrikulturelle Bevölkerung schaffen soll. Dies sind alles Fragen nicht einer gelungenen Politik, sondern einer systematischen Organisierung unserer ökonomischen Kräfte. Bestenfalls kann die Politik für uns bloß Bedingungen für die Arbeit schaffen, aber nicht die Tatsachen, die Wirklichkeit. Seien wir offen; in unserer Epoche von politischer Sentimentalität kann man nicht nach einem jüdischen Staat rufen, wo die Juden vorderhand nur eine Minderheit im Lande bilden. Blos Dichter können die Phrase wiederholen, »gebet ein Land ohne Volk, dem Volk ohne Land". Es ist Wohl wahr, daß die Juden ein Volk ohne Land sind, aber nicht wahr ist es, daß Palästina ein Land ohne Volk ist. In Wirklichkeit ist Palästinä nur ein Land, das bei hoher Kultur weitere vier Millionen Menschen ernähren kann. Darauf stützt sich der Zionismus. Man darf aber nicht vergessen, daß unsere wirkliche Politik erst dann beginnen wird, wenn die Juden die Mehrheit der palästinensischen Bev rung bilden werden. Mit anderen Worten: wir müssen zu allererst' in den nächsten Jahren in Palästina 600.000 Juden ansiedeln. Dies i^t eine riesige ökonomische Aufgabe. Laut Berechnungen der maßgebendsten Fachleute benötigen wir für die nächsten Jahre mindestens 20 Millionen Pfund, um eine planmäßige Im- Migration in Palästina leiten zu׳ können, d. h. um raschestenS eine jüdische Mehrheit in diesem Lande zu schaffen, eine Mehrheit, hie in ihrer ökonomischen und kulturellen Schöpferkraft stark sein soll, stark nicht mit Prätentionen, «sondern mit realer Kraft. Dies ist die nächste Aufgabe des Zionismus, die nicht leicht durchführbar ist. Um diese Frage zu lösen, bedarf es der Anstrengung aller Kräfte unseres Volkes, der mate, riellen und geistigen. Man darf sich nicht mit Politik oder mit fruchtloser Kritik beschäftigen. Man mutz alle Voolkskräfte sammeln und sie planmäßig organisieren. Das Volk muß alle Schwierigkeiten der vor uns stehenden Aufgaben kennen, und muß verstehen, daß von seiner eigenen Energie,. Organisierung und Opferwilligkeit die Erreichung unseres Ideals, d. h. seiner Rettung abhängt. Wir stehen jetzt vor einer ganz un° erwarteten Schwierigkeit. Die ökonomischen Kräfte des ganzen östlichen Judentums, das am meisten am ZionismuS interessiert ist, sind de facto jetzt und noch für mehrere Jahre paralysiert. Zum größten Teil sind die Ostjuden, besonders die Südostrußlands, ausgepljiüdert! und ruiniert und das Judentum des Ostens besitzt jetzt Papiergeld, das auf dem internationalen Markte beinahe gar keinen Wert hat. Außerdem kann es über-' ( Haupt nicht organisiert werden, wegen des vollständigen!Zerfalles von Rußland. Dem westeuropäischen und 1 amerikanischen Judentums obliegt jetzt die Pflicht/ die j leeren Plätze einzunehmen, die durch den Zerfall von Osteuropa geschaffen worden sind, um dem Zionismus; die Mittel zu geben, die zur Organisierung des AnfangS der Massen-Emigration nötig sind. Ich. wiederhole: in der jetzigen Zeit ist der Zionismus keine politische, sondern eine ökonomische Frage." Kunäfeßau. Morgenthal; bei Sokolow. Aus Paris wird gemeldet, daß Morgenthau, als er sich dort auf der Durchreise aufhielt, Nahum Sokolow besuchte und längere Zeit mit ihm über die jüdische Lage in Polen sprach. Morgenthau berichtete dem zionistischen Führer, welch bedeutenden Eindruck er von der zionistischen Arbeit in Polen empfangen habe. Eine allgemeine Hilfskonferenz. »Das Komitee der Jüdischen Delegationen bei der Friedenskonferenz in Paris" richtet an alle Gesellschäften und Komitees, die sich mit der Hilfeleistung für die vom Kriege betroffenen jüdische Bevölkerung beschäftigen, die Aufforderung, zu einer jüdischen Hilfskonferenz zusammenzutreten, die im November oder Dezember dieses Jahres in Paris oder einer anderen europäischen Stadt abgehalten werden soll. Diese Aufforderung ergeht gleichzeitig an die jüdischen Gesellschäften, die sich mit den ökonomischen jüdischen Problemen beschäftigen, sowie an alle jüdischen Zentralorganisationen. Nach 25 Ländern in Europa, Amerika, Asien und Afrika sind Einladungen gesandt worden. Der Zweck der Konferenz soll nicht nur die Zusammenfassung aller Kräfte für den ökonomischen und sozialen Wiederaufbau sein, sondern auch die Ausarbeitung eines Programms dieser Arbeit auf der Basis nationaler Selbsthilfe. Das »Komitee" der Jüdischen Delegationen" hofft, daß nicht nur die europäischen Gesellschaften und Komitees, sondern daß vor allem auch die amerikanischen Hilfsorganisationen an der geplanten Konferenz teilnehmen werden. DaS ״Komitee der Jüdischen Delegationen" ergreift nun die Initiative zur Konferenz/während, wie die Einladung betont, die Arbeit, selbst vollständig der Konferenz überlassen ist. Der König von Rumänien über idie rumänische Juden« frage. Die Bukarester amtliche Agentur ״Dacia" meldet unter dem 18. Oktober: König Ferdinand von Rumänien äußerte sich in einem, einem amerikanischen Journalisten gewährten Interview in folgender Weise über die rumänische Judenfrage: Die jüdische Frage ist in Rumänien bis heute aus wirtschaftlichen Gründen nicht gelöst worden. In Rumänien haben niemals Judenverfolgungen wegen Rassen- oder Religionszugehörigkeit stattgefunden (l). Rumänien kennt keine Pogrome (?!) wie ansere Länder. Jetzt sind die wirtschaftlichen Schwierigkeiten geschwunden und es sind deshalb keinerlei Gründe mehr dafür vorhanden, daß man den Juden Rumäniens die vollständige politische Emanzipation versagen soll. So lautet auch mein Versprechen, das ich während des Krieges dem Jassyer jüdischen Komitee bezüglich der Emanzipation der rumänischen Juden gegeben habe. Dieses Versprechen wurde durch die Dekrete vom September 1918 und Mai 1919 erfüllt. Als das erste Dekret bei seiner Anwendung technische Schwierigkeiten aufkommen ließ, wurde es durch das zweite Dekret ersetzt, demzufolge alle Juden Rumäniens Staatsbürger des Reiches sind. Wenn auch das letztere Dekret ans gewissen Gründen teilweise undurchführbar sein sollte, werden gewiß die notwendigen Modifikationen kommen, denn das Land ist entschlossen, die jüdische Frage für immer zu erledigen. Ich bin den Juden immer wohlwollend gegenüber gestanden und ich hoffe, daß ihre Lage, wenn sie Einmal Bürger geworden sind, nichts zu wünschen übrig lassen wird. Eine Annäherung und ein gutes Einvernehmen zwischen Juden und Rumänen ist notwendig. Ich werde alles, was an mir liegt, tun, um diese Annähernng herbeizuführen. IM neuen Rumänien darf es .tone Judenfrage geben, alle Bürger müssen sich uneingeschränkt der gleichen Rechte im Staate erfreuen. Wir sind mit der Behandlung der Minoritätenfrage tatft die Friedenskonferenz nicht zufrieden. Ich habe dir Ueberzeugung, daß die Juden gute rumänische SMUgec sein werden, zu ihrem eigenen Wohls und zum Wahle des Landes. Aus diesen gewundenen Aeußerungen de die die liberale europäische Oeffentlichkeit beruhigen wollen, dabei aber allerlei versteckte^Vorbehälte aufweisen, gewinnt rqan wieder den Eindruck, daß eS.mit der faktischen, restlosen Gleichberechtigung der rumünischen Juden noch seine guten Wege hat. LebenSmittelpreise in Palästina. Das Kopenhagener Zionistische Büro veröffentlicht folgende Liste der LebenSmittelpreise in Palästina während des Monats Juli dieses Jahres: 1. Lebensmittel: Reis pro Kilogramm Frs. 1.10, Eier (10 Stücks 1.36, Rindfleisch pro Kilogramm 4.16, Käse 4.18, Fische 5.20, Heringe 3.—, Oliven 1.16, Milch pro Liter 1.18, Butter (jüdische) pro Kilogramm 13.06, Butter <arpbische) 4.26, Buttermilch pro Liter 0.60, Tomaten pro Kilogramm 0.10, Kartoffel 0.85, Zwiebel 0.40, Salz 0.46, Zucker 2.60, Linsen 1.06, Mehl 0.80 bis 1.10, Oltvenöl 3.76, Sesauiöl 4.60, Tee 7.—, Trauben O.SO. — 2. Bedarfsartikel: Streichhölzer pro Schachtel 0.06, Nähgarn (200 Uard) 0.60, Petroleum pro Kilogramm 0.60, Spiritus 11.60, Kerzen 2:—, Toilettenseife 3.76, Holz 0.17, Kohle 0.37. Am Grabe Ferdinand Lassalles. »In einem der östlichen Stadtviertel Breslaus, da, wo die Gemarkung der Felder beginnt, liegt der jüdische Friedhof." Mit diesen Worten leitet F. v. Humbracht einen stimmungsvollen Artikel im ״Vorwärts" ein, der Zeugnis ablegt von der Wertschätzung des sozialistischen Klassikers. ״Die die Stätte des Todes umgebenden Straßen werden zumeist von der arbeitenden Bevölkerung bewohnt. Grau und einförmig sind die Häuser — schablonenmäßige vierstöckige Mietskasernen, dazwischen der rote, massive Bau einer Volksschule und nicht weit davon eines der städtischen Krankenhäuser. Fast jedes dritte Haus beherbergt eine Vorkosthandlung, fast jedes vierte eine Gastwirtschaft. Barhäuptige Frauen mit Körben am Arm und kleinen Kindern am Schürzenzipfel machen ihre Einkäufe für des Lebens tägliche Notdürft, bleiben wohl auch ein Weilchen zum Plausch mit der Nachbarin stehen. Männer kommen schweren Schrittes von der Arbeit; Kinder hocken vor den Türen, an den Rändern der Gaffe, toben im wilden Spiele über Bürgersteig und Fahrdamm, balgen sich, kreischen und Weichen erst im letzten Augenblick, den schweren LastautoS und Fuhrwerken aus, die mit schütterndem Getöse über das Pflaster raffeln. Aus dem Lärm der Straße führt eine Kastanienallee nach dem Orte des Friedens. Kein Laut der Außenwelt dringt an diese Stätte, wo die Majestät d-׳ Todes herrscht. An der Mauer sind die Erbbegräbnisse. Hebräische Grabschriften, seltsam zusammengefügte Hänpe.auf uralten Granitplatten, die wild der Efeu umwuchert; zum Teil unlesbar die Namen derjenigen, die hier seit Jahrhunderten im Ewigkeitsschlaf ruhen: daneben Säulenhallen, kostbar aus schwarzem oder weißem Marmor errichtet, Pyramiden aus Porphyr, bunte Bauwerke abendländischer- Struktur. Schon von weitem sieht man es flammend rot auf einem Grabe leuchten: Es sind die Schleifen der Kränze, die am 81. August am Grabe Laffalles niedergelegt wurden. Drei Gräber birgt die׳ Lassallesche Familiengruft; da liegt ^Heymann Laffal, der Vater, daneben die Mutter Rosalie, geb. Heitzfeld, und zuletzt Ferdinand, der große Sohn. Auf weißem Marmorsockel erhebt sich eine schlichte Tafel mit der Goldinschrift: »Hier ruht, waS sterblich war von Ferdinand Laffalle, dem Denker und Kämpfer, geb. den 11. April 1825 in Breslau, gest. am 31. August 1864 in Genf." Hier ruht, WaS sterblich war... Die blauen flammenden Augen haben sich längst zu ewigem Schlummer geschloffen, für immer schweigt der einst so beredte Mund, der mit der Liebe und der fanatischen Begeisterung eines Meffias den Unterdrückten seine Heilsbotschaft kündete. Was sterblich ist an Ferdinand Laffalle, ruht seit mehr als einem Halben Jahrhundert in diesem schmalen Grabe, auf dem einsam ein Lärchenbaum trauert. Nicht gestorben ave, ist sein Geist; sein Unsterbliches, seine Feverseele lebt heute mitten unter unS!*

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