Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 32 (31.10.1919)
- Date
- 1919-10-31
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr 12. Gelte 3 sinnfällig vor Augen. Am 29. Oktober (in Brünn doll- -dg sich der formelle Umsturz erst an diesem Tage) sich man bereits Offiziere und Mannschaften mit den bis dahin beim Militär strenge untersagten allslavischen Trikoloren durch die Straßen ziehen, in den Auslagen erblickte man plötzlich die weiß-blau-roten Farben, eS wimmelte überall von Menschen, niemand dachte an die tägliche Beschäftigung. Am folgenden Tage erschien wohl, der Not gehorchend, ein militärischer Befehl, welcher das Tragen bei Nationalfarben ober oder neben der Rosette gestat- . kete, aber es war schon zu, spät, die Nationalfarben wurden wohl getragen, aber die Rosette fehlte bereits. Und während die tschechischen und deutschen Solbaten ihre Kappen mit ihren nationalen Farben schmückten, kam auch das weiß-blaue Band auf den Kappen der Jüdischnationalen zum Vorschein. Es wurden jüdische Soldatenversammlungen abgehalten, welche sehr zahlreich besucht waren, und ein Soldatenrat inS Leben gerufen. Man setzte durch, daß bei der Demobilisierungsaktion eine eigene Unterabteilung für jüdische Soldaten gebildet wurde, und entfaltete eine erfolgreiche Arbeitsvermittlungsaktion für abgerüstete Soldaten, besonders Invalide. Aber auch vom allgemeinen politischen Gesichtspunkte aus wurde die Angelegenheit in die Hand genormnen. Aus Prag, dem neu entstandenen Zentrum des Staates, kam die Nachricht, daß sich dort ein jüdischer Nationalrat mit Dr. Ludwig Singer an der Spitze gebildet hatte, der am Tage des Umsturzes beim ״Narodni vhbor" vorsprach, und demselben eine umfangreiche Denkschrift über die Forderungen des jüdischen Volkes im neuen Staatswesen überreichte: Anerkennung der jüdischen Nationalität und Freiheit des Bekenntnisses , zu derselben, volle staatsbürgerliche Gleichberechtigung auf politischem und wirtschaftlichem Gebiete, kulturelle Autonomie. Dies fand selbstverständlich auch in Brünn seinen Wiederhall. Schon am 30. Oktober hatten sich Vertreter der mährischen Kultusgemeinden in Brünn zusammengefunden, einen Landesverband begründet, und sich hiebei auf jüdisch-nationale Basis gestellt. Am 5. Nodember würde auf einer in der Schwechater Bierhalle abgehaltenen Volksversammlung die Wahl eines jüdischen Volksrates zur Wahrung der jüdischnationalen Interessen beschlossen und zugleich vorgenommen, und am folgenden Tage sprach bereits eine Deputation des Brünner Volksrates zusammen mit Vertretern des Landesverbandes der mährischen Kultusgemeinden beim Brünner ״Narodni vybor" vor. Nach Betonung der Loyalität der Juden dem neuen Staate gegenüber wurden die Wünsche und Forderungen der Judenschaft vorgetragen: Schaffung einer nationalen Heimstätte in Palästina, Gewährung voller politischer und wirtschaftlicher Gleichberechtigung, Anerkennung der Juden als.Nation unter Erteilung nationaler Minderheitsrechte. Die vorgebracbten Forderungen fanden beim Vertreter des ״Narodni vybor", Herrn Dr. Dolansky, volles Verständnis, er sprach seine Sympatren für die Wünsche des nationalen Judentums aus, und sicherte deren Prüfung und. mögliehst wohlwollende Berücksichtigung zu. die -um Gebrauche für die Festtage vorbereitet waren, hatten sie putschen geheißen. Jakob begab sich direkt zu Rabbi. Dieser folgte ihm, trotzdem er an der morgigen Predigt noch arbeitete, zum Friedhofe. Der alte Trunkenbold lag, noch immer vom Rausche umfangen, im tiefen Schlafe. Um ihn herum lagen die geleerten und meist zerbrochenen Weinflaschen, die beiden die Umgebung äbsuchten, fanden sie in einem Winkel des Totenhauses einen gefüllten Sack mit einem gar sonderbaren Inhalte. Es war de ganze Beute, welche die Diebe in Schepkes Haus machten. Aufklärung hierüber konnte nur allein Blumberg geben. Den vereinten Bemühungen des Rabbi und Jakobs gelang es, den Schläfer wachzurtztteln, doch erst nach einer längeren Weile konnte er seine Erinnerungen und Gedanken so weit sammeln, um den Sachverhalt zu erzählen. Ein einem Zanke ähnliches Geräusch hatte ihn aus seinem Schlafe gedeckt. Gr glaubte sich im ל gewande in seinem Bette zu befinden. Da er durstig war, stand er auf, um bei dem Scheine eines brennenden Lichtes sich Wasser (?) zu suchen, da hörte er laute Schreckensrufe und scch etliche Männer fortstürzen. Er fand einige Flaschen, brach einer von ihnen den Hals ab und da er in denselben guten Wein fand, trank er so lange, bis alle leer waren. Weiter wisse er nichts. Der Scharfsinn' des Rabbi fand sich alsbald zurecht. Die Diebe hatten die Abwesenheit des Hausb׳ benützt, in seine Wohnung einzudringen und hatten den jüdischen Friedhof dazu auSersehen, um dort entweder ihre« Raub zu verbergen, oder daselbst die Teilung Für den jüdischen VolkSrat in Brünn, mit Dr. Sonnenfeld an der Spitze, begann bald ein sehr intensiveS Betätigungsfeld Aus der Slovakei kamen Schreckensnachrichten über Plünderungen und Bertreibungen der Juden, welche vielfach nach den benachbarten mährischen Gebieten geflüchtet waren, ja die Exzesse griffen ׳sogar auf das angrenzende mahrhische Territorium über. Der VolkSrat mußte wiederholt bei den kompetenten Behörden intervenieren, und schleunigsten Schutz und Sicherheit für die bedrohten Juden fordern, wobei gleichzeitig auf dem vergiftenden Einfluß der antisemitischen Hetzpresse hingewiesen wurde. Die Behörden, insbesondere der Leiter der Statt- Halterei, zeigten fich sehr entgegenkommend, und bemühten fich, Ruhe und Ordnung aufrecht zu erhalten, und den gewaltsamen Ausbrüchen des Judenhasses entgegsnzuarbeiten. ES erschien infolgedessen auch eine persönliche Fühlungnahme mit den Vertretern der übrigen mährischen Judenschaft notwendig, und am 20. November traten Delegierte von 30 mährischen Gemeinden, meist junge Leute, welche eben ihre KriegSdienstleistung beendet und zum Schutze ihrer heimischen Volksgenossen sich organisiert hatten, in Brünn zusammen, um mit Rücksicht auf die Ereignisse der letzten Zeit über die politische und wirtschaftliche Lage der mährischen Judenschaft zu beraten. Bei dieser Gelegenheit erfolgte auch die erste offizielle Fühlungnahme der mährischen nationalen Judenschaft mit dem Prager Nationalrat, denn zur Versammlung hatten,sich auch die Herren Dr. Ludwig Singer und Dr. Angelo Goldstein eingefunden, erteilten die gewünschten Aufklärungen, und legten das Tätigkeitsprogramm des Nationalrates dar. Bereits damals wurde sein Zusammenwirken mit den mährischen Organisationen, in der Regel im Wege des Brünner Volksrates, festgelegt, und auf diese Weise der Errichtung des am Nationalkongreffe der mährischen Judenschaft -am 22. und 23. März 1919 ins Leben getretenen mährischen Landesvolksrates vorgearbeitet. Ein Jahr ist seither ins Land gegangen, die hochgespannten Erwartungen, welche allseits auf den Frieden gestellt worden waren, sind wohl nicht in Erfüllung gegangen, nicht nur bei uns Juden, für^ welche sowohl die Realisierung des Palästinaprogramms, als auch die Anerkennung als Nation noch nicht so nahe gerückt erscheinen, als wir es gewünscht hatten. Keinesfalls soll uns dies von der Verfolgung unserer Ziele abhalten, wir können doch mit einer gewissen Befriedigung auf die Fortschritte unserer nationalen Entwicklung im abgelaufenen Jahre zurückblicken, und werden hiedurch einen neuen Ansporn finden zu weiterer, hoffentlich recht erfolgreicher Betätigung in der Zukunft. Ein Dokument über die Lage der Juden in Bulgarien. Bulgarien hat der Friedenskonferenz eine Note überreicht, in der es gegen die Minoritätsklausel protestiert. Um die besondere' Freundlichkeit der bulgarischen Regierung den Juden gegenüber zu beweisen. desselben vorzunehmen. Dabei mochten sie in Streit geraten sein, dessen Lärm den Schlafenden weckte, i sich dieser erhob, angetan in weißen, Sterbekleidern, glaubten die Schurken nichts anderes, als daß ein Leichnam aufgestanden sei, und nahmen schr. Reißaus, alles im Stiche lassend. Sofort machte man die polizeiliche Anzeige. Da die Diebe nicht nur ihren Raub, sondern auch ihre Kopfbedeckung zurückgelassen hatten, so wurden sie bald ausfindig gemacht, und in ihnen sehr gefährliche Jndividuen erkannt, welche schon viele Umgebung^ begangen hatten. Als Schepkes erfahren hatte, wem er die Rückerstattüng seines Eigentums verdankte, hatte seine Dankbarkeit keine Grenzen. Nicht nur, daß er den BlunibergS die laufenden Wechsel prolongierte, er war auch der» jungen strebsamen Kaufleuten behilflich, ihr G schüft zu vergrößern und auf solider Basis weiter zu führen. Der alte Blumberg hatte sich am Haschaana raba gm guten Ort neuerdings den Schwur geleistet, fich nicht mehr zu berauschen, den er dieses Mal hielt. Denn er brauchte sich 'nur an die Schreckensnacht am Fried Hofe zu erinnern, um jeder Versuchung würdig begegnen zu können. Die Gegend von Grotz-M. blieb aber jetzt von den gefährlichen Einbrechern, befreit, nachdem diese auf Jahre hinaus dingfest gemacht wurden. Sie waren fest dabei geblieben, daß sie ein Gespenst gesehen haben. überreichte die bulgarische Delegation der Friedenskonferenz eine von der jüd. Gemeinde verfaßte Denkschrift, der wir u. a. folendeS entnehmen: Bei seiner Gründung zählte Bulgarien, Südbulgarieninbegriffen, nur 18.000 Juden. Heute find eS 60.000. Diese Tatsache an fich ist schon sehr beredt, besonders wenn man bedenkt, daß in der gleichen Zeit Serbien und Griechenland keinen Zuwachs ihrer jüd. Minoritätä zu verzeichnen hatten und Rumänien fast 100.000 jüdische Personen verlor. Die nach Bulgarien eingewanderten, Juden sind fast aus allen Ländern Osteuropas gekommen, besonders aus Rußland, Rumänien und Pdlen, den Ländern der Pogrome. Heber Rustschuk, Varna und Saloniki sind jährlich Taufende auf.der Flucht vor dem russischen und rumänischen Judenhaß nach dem toleranten Bulgarien gekommen. Als 1895 in Rußland Judenverfolgungen ausbrachen, hat Bulgarien allein unter allen Ländern Europas den jüd. Flüchtlingen seine Tore weit geöffnet. Die meisten dieser Flüchtlinge sind bulgarische Bürger geworden und genießen alle politischen und bürgerlichen Rechte. Während des rumänischen Bauernaufstandes 1904, wrrrden alle bulgarischen Häfen von jüd. Flüchtlingen überschwemmt. Anstatt ihnen den Eintritt zu verwehrrn, wie dies durch andere Länder geschah, hat die Regierung von Sofia an die Präfekten der Donaustädte ein Zirkulartelegramm erlassen, in welchem vorgeschrieben wurde, mit Hilfe der jüdischen Lokalgemeinden alle Maßregeln zu treffen, damit für die ersten Bedürfniffe der Flüchtlinge gesorgt sei und sie in das Innere des Landes zu leiten. Keiner von ihnen hat seitdem das Land wieder verlassen. Der Zutritt zu den öffentlichen- Aemtern ist allen Staatsangehörigen ohne Unterschied der Religion geöffnet. Das jüdische Element ist in einigen Ministerien und im Profefforat würdig vertreten. Die freien Berufe stehen ebenfalls den jüd. Akademikern offen. Es gibt in Bulgarien angesehene jüdische Aerzte, Architekten, Ingenieure usw. Viele Banken und Jnduftrieunternehmungen sind in jüd. Händen. Prozesse zwischen Juden und Bulgaren sind äußerst selten. Die Juden nehmen in hohem Maße am politischen Leben des Landes teil. Bei den letzten Abgeordnetenwahlen befanden sich Juden auf allen Kandidaten-Listen. In den Direktionskomitees vieler Parteien fitzen Juden und ihre Stickme ist auch schon in der Kammer erklungen, wo sie bald vertraut sein wird. Niemals hat Bulgarien versucht die Juden zur Assimilation zu veranlassen. Der Bulgare denkt garz richtig, daß ein Jude, der seine Nationalität verleugnet, auch kein guter Bulgare sein wird. Die Entwicklung des jüdischen Nationalgefühls unterliegt nicht nur keinerlei Einschränkung, vielmehr hat erst kürzlich ein Kabinettsmitglied vorgeschlagen, alle jüdischen Schulen auf Staatskosten zu unterhalten. In Sofia unterhält die jüdische Gemeinde 3 Schulen mit etwa 2000 Schülern und einem Jähresbudget von 230.000 Frs. Diese Schulen sind wahre Stätten der nationalen jüdischen Kultur. Interessant ist zu konstatieren, daß Herzl in Bulgarsen seine ersten Anhänger fand. Die bulgarischen. Zionisten gründeten dieersten zionistischen Zeitungen und von Bulgarien aus gingen die ersten Apostel freier Verheißung nach Konstantinopel, Saloniki, Athen, Sarajewoo, Belgrad und Kairo. Da Bulgarien selbst die nationale Freiheit schätzt, hat es den Zionismus begriffen und ihn erblühen lassen. Mehrere Male haben die politischen Führer Bulgariens sich offen für die Bildüng eines jüdischen Staates in Palästina ausgesprochen. Endlich war die bulgarische Regierung eine der ersten, die die zion. Organisation offiziell anerkannt hat. Wo bleibt dis tschechoslowakische Regierung? (Anfrage des Setzerlehrlings.) Die Wahrheit über den Zionismus. Dr. D. Pasmanik,*) früher Privatdozent in Genf, in letzter Zeit Mitglied der Krimer Regierung, der jetzt an deri Arbeiten des Komitees der Jüdischen Delegationen in Paris regen Anteil nimmt, veröffentlicht unter obigem Titel einen Artikel in der Londoner ״Jewish Times", dep» weitere Artikel unter der allge« meinen Ueberschrift ״Zionistische Probleme" folgen sollen. In diesem ersten Artikel heißt es: ״Wenn man Dr. Daniel Pasmanik bekannt durch seinen KamHf gegen Charterpolitik und für praktische Arbeit in Palastina, ist auch Verfasser ׳der jiddisch geschriebenen Broschüre: ״Zur Theorie und Praxis des Poale-ZioniSmus." ES freut uns, daß Daniel Pasmanik nach zirka fünfjährigem Stillschweigen wieder aktiv tätig ist. (Anm, der Redakt.) ..ebaiiiiltlt-d-erebeuite״ i« M ffickl* Verlag Brünn.