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Jüdische Volksstimme · 1919-10-31 · Heft 32 (31.10.1919) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XX (1919)
Issue
Heft 32 (31.10.1919)
Date
1919-10-31
Page
– (sequence 2)
Language
German
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«•ohuiim* M.S» mit unvergleichlich vollkommenen geist- und herzerhe- -enden Bildern ausgestattete Gotteshütte kann auch die vollständigste Kunstsammlung nicht überbieten. Dieser Gedanke eröffnet uns die ausreichende Erklärung und die hohe Bedeutung des HLttenfesteS. Das Laubhüttenfest war, wie auch das Peßachfest ein rein nationales Fest, ein wirkliches Volksfest. Der Landmann freut sich mit seiner Arbeit, mit seinem Erträgnis des Bodens, mit seinen Erfolgen, mit seinem Reichtum. Der ' der gehäuften Feld- und Baumfrüchte bietet ein Bild und die Kenntnis der Volkswirtschaft und des Rationalreichtums, das Bewußtsein und die Schätzung der VolkSkraft. Das gibt dem Landmann und der ganzen Nation das Selbstbewusstsein. Das bedeuten auch die Nationalfeste, die von jeher alle Menschen und alle Völker der Welt feierten. Sie wurden nach der Eigenart und Persönlichkeit des Volkes gefeiert. Die einen boten die Beweise ihrer Stärke, ihrer körperlichen Kraft, ihrer Leistungen auf kriegerischen Gebiete, andere wieder zeigten ihre Geistestätigkeit, die Wissenfchaft, Dichtung und Kunst. So lesen wir es ja von den Nationalfesten und Nationalspielen der' Griechen, flu mer und auch der Deutschen. ץ Was lesen wir aber, was wissen wir von den Na- ' tionalfesten und den Nationalfeiern Israels? »Das Hüttenfest׳ wird sieben Tage Gott dem Herrn gefeiert." »Ihr sollt eS feiern als ein Fest für,Gott sieben Tage im Jahre." Das Nationalfest Israels wird f ü r G o t t mit Gott sieben Tage im Jahre gefeiert. Der nationale Gedanke ohne Gott ist nicht denkbar. Der jüdische nationale Gedanke hat nur mit dem j ü d i - schon Gott,׳ mit der jüdischen Religion eine Bedeutung ,einen Wert. DaS entspricht auch dem nationalen Gedanken der anderen Nationen. Wollen -alle Nationen durch ihre nationalen Feste ihre Persönlichkeit, ihr Selbstbewusstsein zum Ausdruck bringen, indem sie ihre Leistungen, wodurch sie sich auSzeichnen, einen Wert im Kreise der Völker haben, vorführen, so mutz Israel seinen Gottesgedanken, seine Gottesverehrung der Menschheit vorführen. Darin ruht die Grösse, die Bedeutüng Israels. Unter allen Pölkery der Erde ist es keinem einzigen gelungen, einen so überragenden, alles beherrschenden Einfluss auf den Geist, auf die Bildung, die Moral, die Gotteserkenntnis und Gottesverehrung zu erobern als Israel durch seine Thora, durch seine Propheten, und seine Psalmen, kurzum durch sein Schrifttum, das heutzutage has verbreitetste und gelesenste von allen anderen geworden, ist. Israel ist ein Volk Gottes, ist der Träger' des Gottesgedankens unter den Menschen und Völkern. Nehmet dem Namen, dem Begriff Jude,. seinen Gott, seineReligion, was bleibt von ihm? ,Es verschwindet aus der Geschichte der Völker, ja aus der Bildungsgeschichte der Menschen. Hätte das jüdische Volk in der Kulturgeschichte der Menschen keine andere Leistung aufzuweisen, als den Originalgedanken des Sabbat, den wöchentlichen Ruhetag den Menschen gegeben zu haben, so hätte die Geschichte der Menschenerziehung schon um dieses einzigen, unberechenbarer! Verdienstes willen für die Menschheit Israel fcen1 ersten Platz anweisen müssen. Dieser ureigenste Nationalgedanke Israels wird nicht als eine soziale Erfindung, als eine Arbeitererrungenschaft hingestellt, sondern als eirr Gedanke, der aus dem GotteSgedanken hervorging, der mit dem Gottesgedanken unzertrennlich ist und derbunden bleibt, selbst wenn die Ruhenden dabei nicht daran denken. Ein. aller Prediger spricht diesen Gedanken aus: »Bevor Israel die Gottesoffenbarung in Empfang nahm, sich zur Beobachtung derselben verpflichtete, war eS kein Volk, hatte keine Geschichte, war namenlos und bedeutungslos, wie hundert andere kleine Völkchen, die kaum genannt, schon vergessen 'find. Kaum aber gab Israel am Berge Sinai die Erklärung: »alles, was Gott gesprochen, werden wir tun", da nennt sie Gott, die Welt, die Geschichte und jedes Volk: Israel, das Volk Gottes. Streicht man von Israel die letzte Silbe El Gott, was. bleibt von Israel übrig? Ist eS dann noch immer Israel? Ist für das jüdische Volk, für die jüdische Nation Gott nur Nebensache, ist Gott nicht dem Volke Israel sein Geist, seine Seele, sein Leben, dann ist das jüdische Volk ein Körperohne Geist, ohne Seele, ohne Leben, wie so viele namenlose Völkchen, die verschwinden, ohne׳ dass man von ihrem Dasein etwas wusste. Nach zahlreichen Aussprüchen Gottes in der Thora und in den Propheten, kann es ein jüdisches Volk, eine jüdische Nation ohne Gott, ohne Gottesverehrung, ohne Rel i g i o n nicht geben. Selbst der heilige Boden duldet kein Volk ohne Gott und Religion. Israel wird an mehreren Stellen eindringlich gemahnt, die Gebote Gottes sorgfältig zu beachten, zu üben, damit das Land, der Boden selbst ein gottloses jüdisches Volk nicht ausstoße, wie er jedes Volk vorher ausgeswtzen hat. Das heilige jüdische Land duldet kein jüdisches Volk ohne Judentum, ohne jüdische Religion. Wenn alle Völker der Erde mit allen Kriegswaffen der Welt ein jüdisches Volk im jüdischen Land ohne Gott und Religion schützen und erhalten wollten, das Land, der heilige Boden wird sie hinausdrängen, wird sie nicht dulden. DaS jüdische Volk braucht keinen Völkerschutz, keinen Völkerbund, um das heilige Land zu besitzen, wenn die Succa, die Gotteshütte, der Gottesschutz es drin erhält, und es nützt kein Menschenschuh, wenn Gott es nicht schützen will. ' Die Decke in der Laubhütte darf nicht so dicht gedeckt sein, dass sie den Ausblick auf den Himmel verschließt, man mutz die glänzenden Himmelssterne durchschimmern sehen. Israel muss in allen Lagen des Lebens und wie wandelbar, wechselnd und veränderlich waren in den Jahrhunderten Israels Schicksale! Emuß immer und überall-den Ausblick auf den Himmel behalten, vertrauensvoll den Blick nach oben wenden, das ist, das bedeutet, seine Sukka, sein Hüttenfest mit dem Losungswort: «Hoffe auf Gott!" Am sieb - Tag, Hoschano rabbo genannt freuen wir uns ganz besonders mit dem Weidensträutzchen, dem Bild der Fruchtbarkeit, des Reichtums, des Segens und der Glückcsfülle, die ohne grosse Anstrengung leicht durch die Wirkung von Sonne und Regen gewonnen wird. Die Freude dauert nicht allzulange, denn nach den 7 feierliches Umzügen, bei denen wir Gott um den Segen auf Feld und Flur angerufen, schlagen wir die Blätter ab und kahl und leer bleiben die einzelnen Zweigchen zurück. DaS sagt uns eindringlich: Hat -er Reicht»« die Fülle, Glück und Segen, Freude und Frohst»» einen Wert, eine Dauer? Sind sie etwas BleibeudeS. Zuverlässiges, auf das man bauen kann? Wie armselig ist das Menschenleben, wie arm, schal und leer stutz alle Freuden, aller Reichtum, alles Glück, wenn es nur auk des Menschen Kraft, auf Zufall und des Geschickes Wechsel aufgebaut ist und nicht jn Gott die festeste Stütze hat. Bon dem Freudenfeste, das -er eingeheimpen Menge gilt, wird gesagt: Du sollst nur frohlch sein. Da bemerkte ein Schrifterklärer dazu: Denkt Euch aur alles, was den Menschen im Leben freut und beglückt, sind das nicht vorübergehende, unsichere Freude«, die .unniemals Gewissheit des Besitzes geben und wobei wir nur an das Ach-Weh zu denken haben, wenu der Verlust sich einstellt und wir nicht den Gedanke» an Gott, das Vertrauen auf Gott im Herzen habe», das uns die einzige Stütze und Festigkeit im Lebe« . gewährt. Sind die 7 Tage des Festes vorüber, dann wird noch ein achter als Schlußfest hinzugegeben. WaS bedeutet diese Ergänzung? Ein Weiser gibt die Erklärung hiefür: Sieben Tage habt' Ihr Euch mit so vielerlei Freuden ergötzt, so wünsche ich zum Abschluss einen Lag, an dem wir uns mit einander freuen, Gott mit Israel, Israel mit seinem Gott. DaS׳ soll auch »«sec Schluhfest sein, das muss der Zusammenschluß unserer Freuden, unserer Feste und unseres Glückes sein; das soll das Schlußfest unseres Lebens sein. ״Freude mit Gott", und. zwar mutz die Freude solcher Art sein, dass sich auch Gott mit uns freuen kann. Haben wir bei unserem Tun und Lassen, bei unserem Wirken und Schaffen, bei unserem Leben im Hause, bei unserem Verkehr mit den Menschen Gott im Auge, fühlen wir uns überall in seiner Weltensukst^ in seinem^ Schutz, dann sind wir geborgen in seinem Schuhe, beglückt durch seinen Segen, sind die ganze Festwoche deL Lebens gesegnet. Das soll unser Seyen auf heiligem Boden sein, das die Einrichtung untzwer Nationalsukka und nationalen Lebens sein! Bor einem Jahre — Erinnerungen zum 29. Oktober. — Bon Dr. TheodorHaas. Ein Jahr ist dahingefloffen, seit auf den Lrstmrnern der durch den mutwillig heraufbeschworoien Weltkrieg zusammengebrochenen österreichisch-untzarischeu Monarchie neue Nationalstaaten entstände« sinh. Mit Jubel und Farbenpracht wurde im Gebiete unserer tschechoslovakischen Republik die׳ Wiederkehr des 28. Oktober gefeiert, an welchem Tage vor Jahresfrist in Prag die nach vier Jahrhunderten wieder erlangte Unabhängigkeit von Oesterreich und den Habsburger» proklamiert wurde. Auch uns Juden hat der Umsturz vor neue Aufgaben gestellt, und wir gedenken der ersten, anfangs schüchternen Versuche eines Häufleins Brünner Jüdischnationaler, den geänderten Verhältnissen von »nserem Standpunkte aus Rechnung zu tragen. Der Umsturz trat besonders auf militärischer Seite ״Dies hängt von Umständen ab. Einige Stunden zum mindesten." ״Das genügt. Jetzt gehe nach Hause und kleide mit Hilfe Deines Bruders den Vater in seine Sterbegewänder — ihr dürftet sie nach dem VersöhnungStagr noch zur Hand haben — und legt ihn hinaus auf den guten Ort. Dort macht ihm ein Lager zurecht und lasst ihn seinen Rausch ausschlafen. Wenn er erwacht und sich an diesem Orte und in diesem Anzuge erblickt, wird er in sich gehen und Busse tun." »Mein Gott, wenn ihm aber dort. etwas zustötze vor Schrecken; wenn ihn der Schlag trifft?" »Ich bezweifle, dass dies geschieht. Beim Erwachen wird er sich nicht klar bewusst sein, ob das, was er sieht, Wirklichheit ist oder nur eine Nachwirkung des RauscheS, und wenn er dann nüchtern wird, so sieht er seine Lage als Strafe für sein gebrochenes, den Toten gegebenes Versprechen an. Wenn dieses Mittel nicht wirkt, dann aber ist der unglückliche Mann verloren und Du und Dein Bruder mit ihm." Ein tiefer, schmerzlicher Seufzer war Jakob Blumbergs Antwort. »UebrigenS sagtest Du vorhin selbst, dass ausserordentliche Dinge ausserordentliche Mittel erheischen. Dieses ist ein solches." "־י Abends versammelte sich bei Gemeinde beim Rabbi. Gegen Mitternacht wurden Erfrischungen herumgereicht, wobei die jüngeren Männer die älteren bedienten. Als Jakob Blümberg dem Weingrosshandler Schep-, keS eine Schale mit Obst reichte, wandte sich dieser mit der Frage an den jungen Mann: »Warum ist Ihr Vater nicht da, Blumberg?" ״HM' Dem Gefragten widerstrebte es, eine offenbare Lüge zu sagen, doch wollte er senem Gläubiger, dessen Kredit er nicht gut entbehren konnte, nicht den wahren Sachverhalt erzählen, darum sagte er ausweichend: ״Er ist nicht zu Hause." Darin hatte er ja Recht. Denn sein Vater befand sich tatsächlich nicht in seinem Hause, sondern sag draußen in der Leichenhalle am Friedhof, wohin ihn bei Anbruch der Dunkelheit seine Söhne mit Hilfe eines treuen Geschäftsdieners getragen hatten. «Oder ist er wieder schikur?" lachte Schepkes. Jakob stellte sich, als hätte er' diese Frage nicht gehört und reichte die Obstschüssel weiter. Jakob, verbrachte eine furchtbare Nacht. Gleich in der Früh ging erohne den Schluss des Morgengottes, idenstes abzuwarten, der am Hoschaanu rabu 'doch ziemlich lange währte, zum guten Ort, um nach seinem Vater zu sehen. Klopfenden Herzens begab er sich zur Stelle, woselbst er abends den Vater niedergelegt hatte, doch siehe, der Platz war leer. Offenbar war der Vater während der Nacht nüchtern geworden und aufgestanden. Als er sich nach ihm umblickte, fand er ihn an einer anderen Stelle bewusstlos liegen. «Schma Jisroel! Meine Ahnung",, schrie Jak׳ verzweifelnd auf, »der Vater ist tot." Jndetz, die . tiefen, festen Atemzüge des Daliegenden zeugten vom Gegenteil. Und als Jakob in der Nähe des Schlafenden eine Anzahl geleerter Weinflaschen fand, wusste er, dass sein Vater sich wieder im Zustande des Rausches befand. Wie aber war dieser Wein auf den Friedhof gekommen? DaS war ein Rätsel, dessen Lösung dem armen Jakob viel Kopfzerbrechen machte. S Jüdischer Bolkskalen-er" Denn das Sprichwort: Gott bescheert dem Trinker den Wein schien denn doch nicht die richtige Erklärung für diesen mysteriösen Vorfall zu sein. Mit dem total Betrunkenen ließ sich vor der Hand nichts anfangen, und so ging Jakob in^die Kille zurück, um dem Rabbiner Bericht zu erstatten. Als er in die Judengaffe kam, bemerkte er darin eine ungewöhnliche Erregung. Gruppen Neugieriger standen aller Orten, und selbst Frauen, die an diesem Tage in ihrer Küche vollauf Beschäftigung gefunden hätten, ließen alles im Stiche, u« an der allgemeinen Erregung teilzunehmen, und Ausrufe des Entsetzens und Mitgefühls wurden überall laut. Als diese Ausrufe an Jakobs Ohren kamen, da wurde er kreidebleich und seine Kniee wankten. ״Nichts anders", so dachte er, ״die Kunde von meiner unkindlichen Handlungsweise hatte siöh unter den Leuten verbreitet, und diese Zusammenrottung gilt mir. Ich habe mich lächerlich gemacht auf ewig." And mit bitterem Spotte sagte er sich weiter: »Diejenigen, die sonst höhnend und schimpfend hinter meinem alten Vater einherliefen, wenn er berauscht durch die Gasse taumelte, heute nehmen sie für ihn Partei." Aber, so klug Jakob auch war, er hatte sich doch getäuscht. An ihn und seinen Vater dachte man heut? nicht. Die allgemeine Erregung hatte einen andere« Grund. In der Judengasse, war in der Nacht ein verwegener Einbruch verübt worden. Während der Wein- Händler Schepkes dem GotteSdenste beim Rabbi bei- ׳ wohnte, waren Diebe in sein Haus gedrungen. Hatte« seine Kasse gesprengt und viele Tausende an Geld und Geldeswert mitgenommen. Auch einige Flaschen Wein,

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