Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 32 (31.10.1919)
- Date
- 1919-10-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jahrg. XX Nummer 32 MM. »«,«,»»retsr: tzalHjLhriß .Kronen 15 50 ganzMrig ..Kronen 30*— Deutschland, ganzjährig ...... Mark 20׳— Rußland, ganzjährig ....... Rubel 12* — Balkan, Frankreich ........ Frank» 24*— Herausgeber: Max Hickl. Redaktion und Administration: Brünn, Adlergasse S Buchhändlerische Vertretung: Ott» Klemm, L'-iyzlß Inserate: der 6-spaltige Zentimotervaum 2 K. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht ^ono. rtert. — Manuskripten ist Rückporta beizufügen. Wien—Brünn. 91. Oktober 1919. 7. Marcheschwan 5680 Prag—Üembetg. | Pros. Dr. Adolf Kurrein. j Wrz vor Redaktionsschluss kommt uns die betrü- Sende Nachricht zu, daß unser langjähriger Freund und Mitarbeiter Rabbiner Prof. Dr. Ad. K u r r e i n in Teplitz im 74. Lebensjahre gestorben ist. Einige Tage vor seinem Tode erhielten wir,Noch die letzte Arbeit unseres hervorragenden Mitarbeiters: ״Die nationale Hütte*. Wir bringen den Artikel nachfolgend zum Abdrucke. Wir behalten uns vor über das Leben, das Wirken und Schaffen dieses ausgezeichneten Menschen und Gelehrten demnächst ausführliche Mitteilungen zu machen und beschränken uns für heute auf folgende kurze Bemerkungen. Prof. Dr. Ad. K u r r e i n, ein gebürtiger Mährer, bekleidete das Amt eines Rabbiners in Bielitz und seit zirka 28 Jahren in Teplitz. Er war ein Volksmann im wahrsten Sinne des Wortes, ein Rabbiner durch und durch. .Im Jahre 1894 gründete Dr. Kurrein die Monatsschritt »Jüdische Chronik", die er 7 Jahre herausgab. Dt^Rürrein war konservativer Gesinnung^ und'chabsi überzeugungstreuer Zionist. Seit dem Jahre 1900 hatten wir die Ehre Dr. Kurrein zu den eifrigsten Mitarbeitern der ״Jüdischen Bolksstimme" und Hickls Jüdischen Bolkskalender zu zählen. Ehrliche lieberzeugung, Unabhängigkeit und Selbstlosigkeit waren die stolzen Atribute seiner publizistischen Wirksamkeit. Zu allen Fragen des.religiösen, nationalen, politischen und jüdisch-sozialen Lebens nahm Dr. Kurrein als offener charakterfester Mann Stellung. Besondere Verdienste hat sich Dr. Kurrein um die zionistische Bewegung in Oesterreich, insbesondere in Böhmen, erworben. Für Feuilleton. Der Rat des Rabbi. Humoristische Erzählung von Babctte Fried, In der kleinen, sehr frommen Gemeinde Groß-M. war alles mit den Vorbereitungen zum nahen Schlußfeste beschäftigt. Der Sivichasthora wurde überall sehr solenn gefeiert, vom Hause des reichen Weinhändlers JosuaSchepkes an bis auf die Hütte, in welcher die Aermsten der Armen Groß-M.'s wohnten. Ueberall wurde gekocht, gebraten und gebacken, wurden kleine Fähnchen verfertigt, welche die Kinder bei dem Umzuge um das Almemer tragen sollten. In der Rabbvnerswohnung jedoch wurden am vierten Tage Chal hamoed noch extra Vorbereitungen getroffen, denn abends׳ sollten sich die Häupter der Gemeinde׳ daselbst versammeln, um die geheiligte Nacht des Hoschana Raba unter Gebet und Studium, sowie lehrreichen Gesprächen zuzubringen. Trotzdem sich der Rabbi auf sein Töchterlein, welches daß Arrangement übernomrnen hatte, vollauf verlassen konnte, kam er selbst, um nachzuschauen, ob alles in Ordnung sei und übersah mit zufriedenem Blicke alle getroffenen Anordnungen, wobei er der Tochter zufrieden zunickte, was in deren Augen die lebhaftesten Beifallsäußerungen aufwog. Da wurde dem Rabbi gemeldet, daß jemand in. seine« Studierzimmer auf ihn warte, um in einer wichtige« Angelegenheit mit ihm Rücksprache zu nehmen. Gewöhnt, nicht auf sich warten zu lassen, wenn jemand die Interessen seiner Berufskolegen als Obmann des Rabbinerverbandes in Böhmen setzte sich Dr. Kurrein jederzeit wärmstens ein. Ehre seinem Andenken! M. H. Die jüdische Nationalhütte. Von Professor Dr. Adolf Kurrein. Als wir im vorigen Jahre das Laubhüttcnfest feierten, das ausschließlich der Freude mit den Naturgaben gewidmet sein soll, da konnten wir zu dem als Symbol dienenden Feststrauß nur eine alte, vcrtrocknete Eßrogfrucht nehmen, die sonst durch Glanz, Frische und Duft Aug' und Herz erfreute. Es war ein trauriger, herzbeklemmender Anblick, wie er selbst den ältesten Menschen nicht erinnerlich war. Mit wahrhaft dankbarem Gefühle können wir heute einen schwachen Fortschritt verzeichnen und den damals unterdrückten Segcnsspruch' sagen, daß wir endlich eine Acnderung, wenn auch nur eine schwache, vorderhand im beschränkten Maße erlebten und hoffen, daß Gott der Herr in seiner Güte wieder bald seine Gaben in reichlichem Ausmaße uns zuweisen wird. Daran muß uns alle sieben Tage die Festhütte Sukka erinnern.' Sulla heißt nicht allein Hütte, Decke, auch Schutz, denn die erfolgreichste Decke, .die sich über unserem Haupte wölbt, die uns immer und, überall vor Schaden behütet, das .ist nicht die schwache Hütte, die nicht einmal genügenden Schutz vor dem mächtigen Ansturm eines Unwetters bietet, die infolge der durchsichtigen und durchlässigen Decke schon vor dem schwachen Regen daraus uns flüchten läßt, sondern die wahre, wirkliche, allen Bedürfnissen entsprechende Schützhütte ist uns Gott selbst. — Ich schütze Euch, wie es eine Hütte seiner bedurfte, begab sich Rabbi Salomon Leipnik in sein Zimmer.' ״Boruch habo!" begrüßte er seinen Gast, einen noch jungen Mann mit intelligenten Zügen, dem aber des Lebens Sorgen und Mühen bereits tiefe Furchen in die hohe Stirne gegraben. ״Was führt Dich in so spnter Abendstunde hieher, Jakob, wo doch bald alles sich zum Aufsein versammeln soll?" ■'־ ״Ehrwürdiger Herr", erwiderte Jakob Blumbersf zögernd, ״ich, komme, um Ihren Rat zu erbitten. Es ist wohl nicht das Richtige, wenn ein Sohn als Kläger gegen seinen leiblichen Vater auftritt. -Aber außerordentliche Dinge erheischen.auch außerordentliche tel. Was sollen wir mit unserem Vater anfangen?" ״Wie, er fröhnt wieder seiner alten Lewenst!!׳ ״Leider! Ich und mein jüngerer Bruder gaben uns schon der Hoffnung hin, daß die Strafrede, die Sie ih.m jüngst gehalten, auf ihn Eindruck gemacht habe. Ewäre schon die höchste Zeit, daß er sich bessere^ denn unser Geschäft ist im Rückgänge, unser Haus derart überschuldet, däß wir es. kaum erhalten werden, denn wir haben an dem Weingrotzhändler Schepkes einen unerbittlichen Gläubiger. Erst am Abend des verflosstnen Jom Kipur hat uns der Vater unter Eid versprachen, sich niemals mehr zu berauschen. Er hat beim Andenken an seine verstorbenen Eltern und unsere selige Mutter geschworen, seine Leidenschaft zu bezähmen und sich, we ehemals, hem Geschäfte zu widmen. Wir gluabten ihm. Heute abend rief ich den Bruder ins Geschäft, um mich mit dem Vater zum Aufsein vorzubereiten, da fand ich diesen in der Wohnstube völlllig berauscht auf dem Bußboden liegen, ggnz'bewußtlos." tun müßte —, sagt Gott zu Israel.' Das Gebot der Laubhütte begründet auch die Schrift mit einem geschichtlichen Vorgang der Wüstenwanderung Israels. Diesen Gedanken führen wir weiter aus. Unser großer, tausendjähriger Gang durch die Geschichte bis zum' heutigen Tag ist nur denkbar, daß wir unter Gottes Schutz und Obhut wanderten. Wie trotz aller Arbeit, allem Fleiß und aller Umsicht der reiche Ertrag des Bodens nur pom Schuhe Gottes äbhängt; wie Feld, Garten,' Baum und Strauch und Boden nur unter der Hütte, unter der Decke, dem Schutze Gottes zum voollen Gedeihen gelangen, so ist das ganze Menschenleben gedeckt, gesichert und geschützt und vor den unzähligen Schäden und Schädigern auf Erden behütet, wenn Gott seine Schutzdecke über uns hält und ausbreitet. Wir müssen das vollkommene, unerschütterliche Gottvertrauen haben. Gott der Herr ist und bleibt unser Schützer vor allen möglichen Ereignissen, die uns zum Schaden gereichen können, ob es nun- Schäden geistiger, leiblicher oder moralischer Natur sein können. Flüchten wir in Gottes Hütte, in Gottes Schuh, dann sind wir sicher geborgen. Gar sinnig spricht das ein Erklärer der Schrift aus: Es heißt: Das Fest der Hütte sollst Du Dir macheu, — und wieder heißt es — Gott, Deinem- Herrn' sollst Du es machen. Das will uns lehren: Errichten wir eine Laubhütte, so dient,sie nicht allein menschlichen Zwecken, der Freude und dem Vergnügen, sondern, jedesmal, so oft wir die Hütte bauen, einrichten, ausschmücken, dann errichten wir damit die Hütte Gottes; dann führen wr uns geistig den Prachtbau der Gotteshütte^ des göttlichen Schutzes auf, dayn schmückt unsere Phantasie diese Gotteshütte mit den erhabenen Bildern, die uns Gottes Schutz in unserem Volksleben und in dem besonderen Leben jeder Gemcinde, jeder Familie und jedes einzelnen zeigt. Diese Der Rabbi strich gewohnheitsmäßig mit der Hand über seinen langen, grauen Vollbart, dann sprach er nach kurzem Bedenken. ״Bei den Seelen seiner verstorbenen Teueren bat er Euch Besserung gelobt?" ״So ist es, Rabbi!" ״Jakob", sagte dieser, ״ich habe mit Deinem Vater alle möglichen Versuche gemacht, unk ihn von seinem Lebenswandel abzubringen, habe ihn an seine kaufmännische Ehre, die er dadurch gefährdet/erinnert, ihm seine Pflichten gegen seine Söhne zu Gemüte geführt, ihn mit allen möglichen und unmöglichen Dingen bedroht. Er blieb fast stumpf bei allem. Zu verderblich hat der Alkohol bereits auf sein Geistesleben gewirkt. Aber als ich ihm auch vorhielt, daß er das Andenken seiner im Grabe ruhenden Eltern durch seine Aufführung schändet, was stch einmal schwer an ihm rächen würde, da schien er gerührt zu sein und stammelte eine Ausrede, Saß der Weinhandel, den er führt, ihm gar zu viel Gelegenheit zum Sündigen darbiete. Augenscheinlich ist die Pietät für die Toten die einzige Stelle in seinem Herzen, die eines Eindrucks fähig ist. Das soll uns die Handhabe zu einem sehr gewagten Versuch bieten. Hast Du Mut, Jakob?" ״Wenn es gilt, den Vater zu retten, und unsere gefährdete Existenz vor dem Zusanimenbruch zu schützen, wage ich gern mein Leben." ״Das wird von Dir nicht verlangt. Es gilt bloß eine abergläubische Angst abzuschütteln." ״Bitte, Ehrwürdiger ׳ Herr, sprechen Sie, ich will alles tun, was in meiner Macht steht." ..Gut! Du sagst. Dein Väter wäre sinnlos betrunken. Wie lange pflegt sich ein solcher Zustand bei ihm anzuhalten?" Verbreitet die ״Jüdische Uolksstimme". , ' \