Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 31 (24.10.1919)
- Date
- 1919-10-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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*fm נ .St ffavifchen Stammes, der eingekeilt war zwischen Polen Tschechen und Deutsche zugrunde ging, infolge einer . zermürbenden Arbeit, und konnte oder wollte nicht begreifen, daß dieser Zweig dort grünen werde, woher ihm geistige oder auch geistliche Nahrung zukam. Denn das Eine muh man den Polen nachfagen, daß sie im Teschnerifchen Gebiet fürs Poolentum mehr geleistet haben, denn in Galizien, von Ostgalizien nicht zu sprechen, und weil sie sich dort so anstrengten, war jedem Klarsehenden schon damals bewußt, daß es sich hier um die Eroberung fremden Gebietes handelt. Aber daraus resultiert noch lange nicht, daß man, ohne die Bewohner solcher Gebiete zu fragen, ganz einfach über sie verfügt und sie den Polen ausliefert. Handelt es sich um die Kohlen- und Eisenindustriegebiete so haben doch die Polen an ersteren genug und es wäre für Deutschösterreich sicherlich vom größeren Vorteil, wenn das Teschnergebiet tschechisch bliebe, denn nicht so schnell werden die tschechischen Behörden die Durchfuhr polnischer Kohle teschnerischer Provenienz gestatten. Aber da scheinbar die Czartorhekhs, Potockys, Wielopolski, Radziwille mit ihrem weiblichen Anhänge — und die Polinnen erfreuten sich stets der großen Gunst der Pariser — besser die Hintertreppen der Diplomatenpolitik zu erschleichen verstehen, denn die Benesch Kramarz und Genossen, so hat mich das Resultat nicht überrascht. Gegen die Schönheit und die sogenannte »Eleganz" der Polin sind die französischen Politiker und Offiziere schon schwach gewesen noch zu Napol e o n s Zeiten, und man kann scheinbar im republikanischen Frankreich der LeSzczynska und WalewSka nicht vergessen. Wir wissen aus der Geschichte, daß beim Wiener Kongreß drei ungarische Gräfinnen das Herz und den Kopf' des russischen Goffudaren besaßen, einmal werden wir auch die wahren polnischen Unterhändler kennen lernen. ES kommt in der heutigen Zeit auf eine Frivolität mehr oder weniger nicht an und so schlägt man Teschen zu Polen, liefert Tschechen, Deutsche und Juden einem Staate aus, der durch seine bisherige Nationalitäten- Politik nicht den Anspruch auf einen Kultur- oder Rechtsstaat erheben kann. * * * I Den schwierigsten Stand bei der vorzunehmenden Volksabstimmung werden die Juden haben. Denn da der Ausgang her Abstimmung zweifelhaft ist, so kann man den Juhen schwer raten, wie sie zu stimmen hätten. Für Polen haben sie ja keine große Sympathien, aber, so müssen sie sich fragen, wie wird es uns ergehen, wenn das Herzogtum Teschen dennoch polnisch wird. Und stimm ensie für Polen, so ist die Situation die gleiche. Hätte die tschechoslovakische Regierung — oder würde sie es jetzt noch tun — die Juden als Na» tian endlich anerkannt, dann wäre die ganze Angelegenheit viel klarer. Dann wüßten die Teschner Juden, wohin sie zu gehen haben. So aber verfällt unsere Regierung in den altösterreichischen Fehler und ernennt Feindesabwehroffiziere — denn was anderes ist der chischer Jude Dr. Alfred Fuchs, der Propaganda für unsere Republik im Herzogtum Teschen machen soll. Da war wieder einmal unsere Regierung sehr schlecht beraten. Wenn es wahr ist, daß sich in der tsche- Die Anwendung, die wohl nichts an Deutlichkeit zu wünschen ließ, war keine schwierige. Dieser große Talmudgelehrte war aber gleichwohl, wie alle Jünger des berühmten Mordechai Benet, 1>er profanen Wissenschaft wie Religionsphilosophie, Gramatik und dgl. zumindest nicht abhold. In seinem Haus ging ein Baruch Schönfeld ein und aus, der schon׳ s. z. im Bikkure haittim Rappaports (so unter anderen Jahrgang 1821—1829) und im Kochbe Jizchak Sterns gediegene hebräische Dichtungen lieferte; so wie er ein selten tadelloses Hebräisch in markanten gefalligen Zügen schrieb. Erwähnenswert scheint ferner, daß er als Freund der Jugend die jüdisch-konfessionelle Schule der Gemeinde — eine solche bestand bereits 1780, woselbst der Vater des erwähnten Baruch Schönfeld als Elementarlehrer wirkte (s. Bernhard Mandl: DaS jüdische Schulwesen in Ungarn unter Kaiser Josef 1780—90) — zuweil ««inspiziert und die im Hebraischen Fortschritte bekundenden Schüler mit Süßigkeiten beschenkt haben soll. Ebenso ist seine Leutseligkeit. Menschenliebe und Hilfsbereitschaft gegen Witwen und Waisen, Kranke und Notleidende in seiner Gemeinde noch heute unvergeßlich; eine Verehrung, die auch gewissermaßen bildlichen Ausdruck in dem Sinne hinterlieh!, daß das Bildnis des verehrhten Mannes mit seinen durchgeistigten Zügen von den Wänden der Häuser beleuchtet, die h?ute«noch von dessen segenSreichem Wirken beseelt sind. ״HM chischen Peopatzandakommiffion Dr. Alfred Fuchs befindet, der -ie Juden für den tschechischen Staat gewinnen soll, so wird er dort wenig Glück haben. Ist cS schon kaum glaubhaft, daß wir in unserer Republik altösterreichische Gesetze übernommen haben, so klingt eS besüahe wie eine Ironie, daß die freie tschechoslovaki« fche Republik Institutionen übernimmt, die auf den General Ludendorff zurückgehen wie aus seinen eben erschienenen ״Memoiren" hervorgeht war er der Anreger zu der berüchtigten österreichischen FeindeSabwchr- Propaganda, die nichts anderes war, denn eine GesinnungSschnüffelei. ES möge sich unsere Regierung belehren lassen, daß bewußte jüdische Affimilanten nicht dazu angetan sind, die Herzen der überwiegend nationalen Juden des Teschnergebietes zu gewinnen. Das Herzogtum Teschen wird für Affimilanten nicht zu haben sein, wie auch wir Juden der Tschechoslovakei die Gemeinschaft mit ihnen ablehnen. Wenn 'wir im alten Oesterre׳-" einen erbitterten Kampf gegen die deutsche Assimil״ iion führen mußten und ihm auch Boden abgewannen, so wird es uns auch gegen unsere Volksverräter, die im tschechische Jude Dr. Alfred Fuchs, der Propaganda sehr die Ohren der regierenden Herren besitzen. In einer freien Republik sollte nicht so sehr geachtet werden, wie Aufrichtigkeit, und Ehrlichkeit. Aber zu diesen Eigenschaften wird man die Teschner Juden nicht erziehen, wenn man sie dazu zwingt, daß sic unter dem falschen Bekenntnis zur tschechischen Nationalität für den tschechoftovakischen Staat votieren. Einzig und allein die Anerkennung der jüdischen Nation in unserem Staate kann ein Anziehungspunkt für die Teschner Juden bedeuten, einzig und allein die Anerkennung der jüdischen Nation kann die Anziehungskraft besitzen, die notwendig ist, um ein Volk, oder einen Volksteil gn unser Staatengebilde zu fessein. Wenn unsere Regierung noch zu dieser Ansicht nicht gelangt ist, so müssen die Berater Miller matzgeben-- den Faktoren, diese sehr schlecht informieren. Es wäre zu wünschen, daß ׳die Judenpolitik endlich auf ein neues Geleise gebracht werde, denn die bisherige bewegt sich in zerfahrenen Bahnen Altösterreichs. Wir wollen hoffen, daß dem bald anders werde. —a—- Zur Klärung. Die Geschichte sollte die Lehrmeisterin der Völker seit!. Daß sie es nicht ist, beweist leider' nicht bloß^ der Weltkrieg, die Friedensverhandlungen und die Friedensverträge, die bisher das Licht der Welt erblickten, sonodern auch die politische Entwicklung innerhalb der einzelnen Staaten sowohl der Sieger wie der Besiegten. Nach den ungeheueren Blutopfern, die am Altäre eines nimmer satten nationalen Chauvinismus von allen Völkern gebracht wurden, nach der Zerstörung der wirtschaftlichen Wohlstände — soweit man überhaupt vor dem Kriege von einem solchen sprechen konnte — und angesichts der Gefahr, daß fast ganz Europa einer wirtschaftlichen Katastrophe entgegengeht, sollte matz glauben, daß nur ein Ruf die ganze Kulturwelt durchbrausen würde: «Abbau des Völkerhasses und Sanierung der wirtschaftlichen Not!" , * Für alle nationalen, religiösen und soziale Parteischattierungen, denen ihr Parteiprogramm Selbstzweck und nicht nur ein demagogisches Mittel ist, kann cs angesichts der heutigen politischen und sozialen Lage der Kulturvölker keine dringendere Psuast geben, als der obigen Devise zu folgen. Was geschieht aber? Im selben Maße, als sich die ganze Verderblichkeit der gegenseitigen nationalen Raffen- und Klaffenverhetzung, der wirtschaftlichen Absperrung der einzelnen Staaten voneinander äußert, die Nottoendigkeit des Näherrückens der Völker, besonders in Mitteleuropa, Osteuropa und am Balkan sich als gebieterische Forderung erweist, wird von den Parteipolitikern der alten Schule bei sämtlichen Nationen dieselbe kulturunmögliche Politik fortgesetzt, die Europa bereits bis zum Abgrund führte. * » ׳ , * Gilt das hier Gesagte für die politische und Wirtschaftliche Lage aller Völker, so gilt es doppelt und dreifach für das geographisch zerspaltete und in unzählige sich stets mehrende Parteiungen zerklüftete jüdische Volk, welches nicht nur für die Taten und Unterlassungssünden seiner wirklichen nationalen Repräsentanten verantwortlich gemacht wird, sondern immer und überall für die Sünden der verschiedensten nationalen und sozialen Parteien, denen einzelne jüdische Affimilanten angehören, büßen soll. In Tschechoslovakien werden genau so wie in Oesterreich und in Ungarn und in Polen die Kämpfe der einzelnen Parteien vielfach auf dem Rücken der Juden, ausgetragen. Man macht das gesamte jüdische Volk, das in seiner Mitte Anhänger der verschiedensten Weltanschauungen sowie der verschiedensten politischen i Jüdischer BoM-lender" sowie sozialen Programme hat, aus deren Litte der bekannte Veteran der Demokratie Dr. Adolf Fischhof hervorgegangen ist, welcher bereits in den Lchziger- Jahren des vorigen Jahrhunderts für das Programm der nationalen Verständigung und der soziale« Gerechtigkeit eintrat, verantwortlich für die Politik einzetner deutfchtümelnder und magyarisch-chauvinistischer Assimilanten und begründet mit der angeblich slaweufeindlichen, bezw. kapitalistischen oder sozialrevoluttonären Wirtschaftspolitik der Juden andererseits de» AntisemitiSmuS. » «Mutatis mutandis" bezeichnet man in Deutschösterreich oder in Polen die Juden wieder als nationale Feindlinge sowie als Verbündete der Tschechen Vegw. der Ukrainer, obwohl alle diese Behauptungen doch nur für einzelne jüdische Individuen, respektive einzelne jüdische Gruppen, keineswegs aber für das jüdische Volk und seine offizielle jüdische DolkSpolitik zutrifft. # * 1. Das jüdische Volk als ein unter allen Völkern zerstreut lebende nationale Minorität erstrebt Wer« all seine eigene nationale, konfessionelle und soziale Gleichberechtigung, es will ein gleichberechtigtes Volk unter gleichberechtigten Völkern fein. 2. Das jüdische Volk bekennt sich, unabhängig von seinem Streben nach einem palästinensischen Gmigrations« und Kulturzentrum in Tschechoslovakien zur Staatsidee genau wie in allen anderen Staaten; auf Grund seines demokratischen Programmes fordert eS aber den Ausbau des Staates als Rechts-, Kultur» und Wirtschaftsstaat im Interesse aller seiner Bewohner ohne Unterschied auf Sprache, Glaubensbekenntnis und Besitz. ' 3. Als Ausweg aus' den derzeitigen, :rostlosen wirtschaftlichen Zuständen, unter welchen die jüdischproduzierenden Volksschichten empfindlich leiden und für welche sie von den Antisemiten noch überdies verantwortlich gemacht werden, erblicken wir eine gwßzügige wirtschaftliche Organisation aller physisch und geistig Arbeitenden zum Zwecke einer genoffenschastlichen Sozialreform. Nur auf dieser Grundlage ist eine Einigungder Juden untereinander^ und mit den Modernen aller übrigen Völker möglich. Ä— Nationaljuden und Zionisten. Oesters taucht in den Kreisen der national empfindenden Juden die Frage auf, ob ein Nationaljude auch Zionist und umgekehrt, ob ein Zionist auch »ationaljude sein soll. Eine weitere Folge dieses bei vielen Juden noch nicht genügend geklärten Problems ist die Frage, ob ein Zionist auch Diaspocapolitik betreiben und andererseits ein Jüdischnationaler sich auch mit Palästinaarbeit befassen soll. . ' In einer verhältnismäßig kurzen Zeit seit dem Erwachen des nationalen Gedankens unter uns Juden, daß wir ein Volk und nicht nur eine Religionsgemeinschaft sind, hat unsere Bewegung an Ausdehnung zugenommen und jetzt können wir schon feststellen, daß fast alle Forderungen der Nationaljuden durch den Friedensvertrag erfüllt werden. Eine rechtlich gesicherte Heimstätte in Palästina als Kultur und Emigrationszentrum ist uns so gut wie zugesichert und bald werden aus allen Gegenden, besonders aus den Ostländern tausende und abertausende von Juden nach dem Lande ihrer Sehnsucht, nach Zion ziehen, um dort endlich Ruhe zu finden vor dey Jahr- Hunderte, Jahrtausende währenden Verfolgungen. Um endlich, als Majorität in der Urheimat lebend, wahre Freiheit zu sinder;. So wird dieser Gedanke der Erlösung, der JRiu!- kehr in die Heimat erfüllt werden, der in fast jedem unserer Gebete beredt zum Ausdruck kommt; daher ist jeder wahrhaft fromme Jude Zionist und muß eS sein, er ist auch jüdischnational, da schon in der Bibel überall vpn einem Volke Israel gesprochen wird und nicht von einer israelitischen Religionsgenossenschaft, nicht von Menschen mosaischer Konfession. Daß wir ein Volk und nicht nur eine Konfession sind, ist doch feststehend; denn nur die Blutsverwandschaft bildet ein ®oll als eine erweiterte und vergrößerte Familie. Daß wir nur eine Konfession sein sollen, ist die Behauptung der Assimilanten, die glauben, daß, wenn sie sich einem fremden Volke aufdrängen, den Antisemitismus äbschwächen oder gar aus der Welt schaffen können. Doch ein Volk, das noch lebensfähig ist, und das sind wir Ju» den, läßt sich nicht assimilieren und wir werden nicht untergehen, da wir uns schon so viele Jahrhunderte trotz furchtbarer Verfolgungen erhalten haben, Ketzerall bis jetzt als Minorität lebend haben wir׳ine furcht-, baren Qualen eines heimatlosen Volkes, erdulden «üssen und nun sollen wir endlich eine Ruhestätte ttß unserem Stammlande finden.